Danke Jim!

„Wenn wir es zulassen oder gutheißen, dass Menschen mit Gewalt aus dem Diskurs entfernt werden, und möge ich ihre Aussagen noch so sehr verabscheuen, glaub‘ mir Gerd, dann sind wir Juden die Nächsten.“

Das sind die Worte meines Gastvaters Jim Davidson. Ich habe ihm einiges zu verdanken. Die Gespräche mit ihm haben mich geprägt. Er ist erfolgreicher Jurist in den Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Warnung hat sich in mein Hirn eingebrannt.

Bei einer geplanten Veranstaltung der AfD an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg kam es am 12. Januar 2017 zu Tumulten. Laut MDR kam sogar zu einer tätlichen Auseinandersetzung und ein kleiner Feuerwerkskörper wurde geworfen, der neben einem Vortragenden explodierte. Die Veranstalter mussten daraufhin in einen kleinen Raum hinter dem Podium fliehen. Sie verließen die Universität später unter Polizeischutz.

Mit Gewalt wurde somit an einer deutschen Universität ein Diskurs verhindert. Ich finde das schockierend und beängstigend. Die AfD ist nicht verboten! Es ist daher schlimm, dass ausgerechnet an einer Universität, also an einem Ort, wo der freie Diskurs gelebt werden sollte wie sonst nirgendwo, wo die Elite der Bildung lebt, die in der Lage sein sollte, die Freiheit der Gedanken zu leben, wo kluge Geister streiten, forschen und um Erkenntnis ringen, wo Akademiker und Akademikerinnen begabt genug sein sollten, das Falsche analytisch zu erkennen, so dass es keinen Grund gibt, dort Gedanken zu verbannen, weil dort aufgeklärte Menschen den Mut besitzen, sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen, dass ausgerechnet an einer Hochschule die Menschen nicht in der Lage sind, sich mit der AfD und ihrer Gedankenwelt auseinanderzusetzen. Wo, wenn nicht dort?

Sollen jetzt etwa auch die Schriften von Martin Luther und der Koran verbannt werden? Was dort steht, ist deutlich schlimmer als alles, was bei der AfD zu finden ist.

Ich habe an der Universität zu Köln Gender Studies studiert, bin in der LGBT Community aktiv und mache gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen feministisches Kabarett. Wenn es jemanden gibt, der einiges an dem Vortrag der AfD an der Universität Magdeburg zum Thema „Geschechterforschung“ auszusetzen hat, dann ich. Das rechtfertigt aber keine Gewalt!

Woher weiß ich denn, dass jene Menschen, die jetzt der AfD das Recht nehmen, sich am Diskurs zu beteiligen, nicht auch irgendwann mich aus dem Diskurs entfernen, weil sie glauben, ich sei eine Gefahr? Ich weiß es nicht! Ich weiß aber, dass mein Gastvater Recht hat. Juden sind immer die Nächsten, wenn nicht sogar die Ersten. Am 27. Oktober 2016 wurden Juden aus einer Londoner Universität entfernt, da die Polizei nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren konnte. Als die Polizei den Tatort des Judenhasses erreichte, zeigte sich ihnen eine schreckliche Szene:

Die rund 25 Studentinnen und Studenten des angegriffenen Vortrags hatten sich gemeinsam mit ihrem Dozenten Hen Mazzig in einem kleinen Raum eingeschlossen, während sich draußen der gewalttätige Mob formierte. Eine Studentin beschreibt die Situation wie folgt:

„Es gab viel Geschrei und viele schlugen gegen die Türen. Wir alle hatten Angst, aber wir versuchten uns, auf den Vortrag zu konzentrieren. Es war wahnsinnig. Trotz der Schläge von draußen sprach Hen weiter von Frieden. Das war wirklich sehr schön, denn wir waren vereint und sangen das Lied der Hoffnung trotz des Lärms von draußen.“

Der Dozent Hen Mazzig, der als Beauftragter für humanitäre Angelegenheiten eingeladen war, erklärte später: „Ich bin überrascht, dass sie ausgerechnet meine Botschaft des Friedens und der Koexistenz anvisiert haben. Es war wirklich schwer, über den ganzen Lärm zu sprechen.“

Als es einigen Menschen im Mob gelang, ein Fenster gewaltsam zu öffnen, war der Polizei klar, dass die Gewalt explodierte. Da jedoch nur rund 20 Polizeibeamte anwesend waren und der judenhassende Mob zu groß war, konnte nicht gegen den Mob vorgegangen werden. Stattdessen wurden die Angegriffenen aus der Universität entfernt. Als Hen Mazzig mit den Studierenden die Universität verlassen musste, waren sie gezwungen durch eine lange Gasse von hasserfüllten Menschen zu gehen, die auf sie einbrüllten: „Schämt Euch!“

Ich kann mir gut vorstellen, warum ausgerechnet Hen Mazzig anvisiert wurde. Er ist Jude, Israeli und schwul. Das sind drei Eigenschaften, die sowohl von der Hamas als auch der Fatah verfolgt werden! Die Verantwortlichen der palästinensischen Bewegung machen keinen Hehl daraus, dass „Free, Free Palestine“ nichts anderes bedeutet als: Tötet die Juden, vernichtet Israel und richtet die Homosexuellen hin. Immer wieder bricht sich dieser Hass Bahn. Vor ein paar Jahren wurden Musiker in der Royal Albert Hall in London niedergebrüllt, weil sie Israelis waren:

Israelis werden aus Hörsälen vertrieben und niedergebrüllt:

Konzerte werden gestört, weil die Musiker Israelis sind:

Unter „Allahu Akbar“-Rufen werden Künstler wie Lars Vilks in Hörsälen attackiert:

Für Juden und Israelis sind Universitäten, Konzertsäle und Vortragsräume in Europa und Amerika mittlerweile zu Kriegszonen geworden. Sie werden sogar von der Polizei entfernt, weil die Sicherheitsorgane nicht mehr ihre Sicherheit garantieren können.

Ich kenne die Motivation der Störenfriede. Ich war selbst mal ein Student, der bei der Störung einer Vorlesung dabei war, weil ich glaubte, der Philosoph, der Thema des Proseminars war, sein Name ist Peter Singer, sei ein Faschist, dem man kein Podium bieten solle. Heute schäme ich mich dafür. Damals waren es Menschen wie meine Frau, Daniel Raboldt und Alice Schwarzer, die mich zur Seite nahmen und mit ihrer Kritik an meinem Verhalten dafür sorgten, dass mir die Worte meines Gastvaters wieder einfielen. Vielen Dank auch Euch.

Es waren Hochmut und Überheblichkeit, die mich dazu trieben, anderen vorzuschreiben, was sie hören dürfen. „Wehret den Anfängen“ brüllte ich damals. Heute weiß ich, die Anfänge, die ich meinte, waren nichts anderes als die Anfänge einer Zukunft, die ich konstruierte. Ich nahm andere Menschen als Geisel meiner Vermutung aus Angst. Genau dies ist jedoch die Wurzeln totalitären Denkens, die Gewalt über Gedanken ermöglicht.

All das macht mir deutlich mehr Angst als ein Seminar an der Universität von Magdeburg, wo gegen den sogenannten „Genderwahn“ polemisiert wird, denn es waren Studenten, die 1933 in Berlin und 1817 auf der Wartburg Bücher verbrannten. Sie fühlten sich moralisch im Recht!

Es ist doch bezeichnend, dass sämtliche Aggressoren, die heute Juden und Israelis niederbrüllen, erklären, diese Juden und Israelis seien die Nazis von heute! Für sie ist der Begriff Nazi lediglich eine Beleidigung, die sie immer dann brüllen, wenn ein Gegner mundtot gemacht werden soll. Dass sie dabei die wahren Nazis verharmlosen, Juden beleidigen und schlussendlich sogar den Holocaust relativieren, ist ihnen egal. Sie fühlen sich moralisch erhaben. Alles Nazis außer wir!

Es ist aber an Gerichten, darüber zu entscheiden, ob ein Mensch ein Nazi ist und somit ein Verfassungsfeind, der bestraft gehört. Dafür haben wir einen Rechtstaat. Er schützt die Minderheiten im Land und ihr Schutz fällt in dem Moment, wo die Spielregeln des Rechtstaats missachtet werden. Es ist nicht die Aufgabe eines aufgebrachten Mobs für Ordnung zu sorgen. Wer schreit, hat nicht unbedingt Recht. Brüllen ist Gewalt, wenigstens im akademischen Umfeld!

Selbst wenn man die Gedanken eines Menschen verabscheut, wo, wenn nicht an einer Universität, sollte man die Möglichkeit bekommen, seine Gegner kennenzulernen? Kenne Deinen Feind. Studiere ihn!

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