Ein Artikel für Sylvia Bretschneider

Ein Vater und sein Sohn haben einen schrecklichen Unfall auf einer Autobahn. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn jedoch wird lebensgefährlich verletzt in eine nahe gelegene Ambulanz gebracht, wo ein Team von Ärzten sich dem schwer verletzten Jungen annehmen möchte, als plötzlich jemand von den Ärzten ruft: „Ich kann ihn nicht operieren. Er ist mein Sohn!“

Wie ist das möglich?

Nun, die Antwort ist vollkommen simpel und doch gibt es viele Menschen, die nicht darauf kommen. Probieren Sie es selber einmal aus. Die Antwort lautet: Der Arzt ist die Mutter des Sohnes! Mit dem Begriff „Team von Ärzten“ wurde schließlich nichts über das Geschlecht der Ärzte ausgesagt. Dennoch stellt sich in den Köpfen der meisten Menschen, die diesen Begriff hören, nicht die Möglichkeit ein, die Ärzte könnten weiblich sein. Hätte ich von einem Team von Ärztinnen und Ärzten gesprochen, so hätte sich dieses Problem nicht ergeben.

Am 7. Dezember 2016 entzog die Parlamentssprecherin Sylvia Bretschneider dem Abgeordneten Ralph Weber (AfD) das Wort, weil er die Parlamentssprecherin Sylvia Bretschneider wiederholt mit „Frau Präsident“ statt mit „Präsidentin“ angesprochen hatte.

Ich muss gestehen, als überzeugter Feminist löst es in mir eine selbstverständlich zu kritisierende Genugtuung aus, dass Frauen mittlerweile genug Macht besitzen, um sie unter Umständen auch grenzwertig zur Missbräulichkeit zu gebrauchen. Ich wurde geboren in einem Deutschland, in dem es das Bürgerliche Gesetzbuch einem Mann noch gestatte, seiner Frau das Arbeiten zu verbieten (§1358). Im Jahr 2016 fegt eine Frau einen Mann vom Podium, weil er die einfache Regel des Hohen Hauses nicht verstanden hat: „Don’t fuck with the Parlamentsspräsidentin!“ Schon vorher war Weber als Chauvinist in Erscheinung getreten:

Ralph Weber ist niemand, mit dem ich ein Eis essen würde. Im Oktober 2014 nahm er zum Beispiel Maik Bunzel als Doktoranden an. Bunzel ist Sänger der offen nationalsozialistischen und judenfeindlichen Band Hassgesang. In den Liedern heißt es: „Adolf Hitler, Sieg Heil tönt es zu dir empor“ und „Heilig sei allen Völkern Befehl, Atomraketen auf Israel“. Die Verleihung des Doktorgrades an Bunzel konnte die Universität nicht mehr verhindern. Weber gab an, die Texte zwar „ekelerregend“ zu finden, mit der wissenschaftlichen Qualifikation Bunzels habe dies aber nichts zu tun.

Ich sag mal so, gäbe es eine grammatikalisches Silbe, das für „Arschloch“ steht, ich täte ernsthaft darüber nachdenken, es dem Namen Ralph Weber anzuhängen. Dennoch halte ich die Reaktion von Sylvia Bretschneider für nicht sehr souverän. Weber hat die Tür zum Kindergarten weit geöffnet und Bretschneider ist direkt ins Bällchenbad gesprungen. Ich wäre vermutlich auch reingesprungen und hätte zudem noch die Puppenecke verwüstet, aber ich bin auch keine Landtagspräsidentin. Ich würde mich allerdings ekeln, wenn Weber darauf bestehen würde, mich als Frau anzureden, denn er würde gewiss das Wort Frau nach seiner Definition von Weiblichkeit benutzen und das wäre recht beleidigend für mich.

Ich verstehe jedoch, warum Sylvia Bretschneider auf die Silbe -in besteht. Sie ist stolze Feministin und kann es auch sein. Der Feminismus hat wie der Humanismus viele Menschen aus ihren Kerkern befreit. Ich finde es gut, dass Bretschneider die Eierstöcke hat, sich auf einen Konflikt mit Weber einzulassen. Ich mag die Silbe -in jedoch nicht sonderlich. Für mich setzt diese kleine Silbe das Geschlecht einer Person in einem Umfeld fest, wo es nichts zu suchen hat. Ich muss nicht wissen, welches Geschlecht ein Bäcker hat, um herauszufinden, ob sie gute Brötchen backt. Wenn sie gute Brötchen backt, dann ist sie meine Bäcker! So einfach ist das.

Ein Bäcker ist eine Person, die Brötchen backt. Eine Bäckerin jedoch ist eine Person, die Brötchen backt und zudem weiblich ist. Während es somit für einen Bäcker irrelavant ist, dass er ein Mann ist, wird die Weiblichkeit für die Bäckerin konstitutiv. Das Geschlecht wird für die Frau in einem Umfeld identitätsstiftend, wo es egal sein sollte. Für den Mann spielt im selben Umfeld sein Geschlecht erstmal keine Rolle. Der Mann ist Mensch, die Frau ist ein weiblicher Mensch. Simone de Beauvoir hat es in ihrem Meisterwerk „Das Andere Geschlecht“ so treffend analysiert. Der Mann ist Mensch (homme) die Frau ist Frau (femme). Mit der Silbe -in wird genau dieses Dilemma verstärkt. Ein gutes Beispiel dafür ist folgender Dialog:

A: „Hast Du gehört? Alice Schwarzer ist Journalistin des Jahres geworden!“

B: „Echt? Und wer ist Journalist des Jahres geworden?“

Hätte man gesagt, Alice Schwarzer ist „Journalist des Jahres“ geworden, hätte es dieses Problem nicht gegeben. Wenn man aber sagt, „morgen findet ein Treffen der Journalisten des Jahres statt“, dann denken wieder weniger an Frauen. Es ist Dilemma, für das es keine einfache Lösung gibt. Auf der einen Seite kann die konsequente Weigerung der Nutzung der Silbe -in dazu führen, dass Frauen ausgespart und verschwiegen werden, so dass sich jede Frau ständig fragen muss, ob sie auch gemeint ist, auf der anderer Seite kann die konsequente Nutzung der Silbe dazu führen, dass Frauen in einer Art über ihr Geschlecht definiert werden, wie es bei Männer nicht der Fall ist.

Eins aber ist sicher. Ich als Mann kenne dieses Problem nicht und kann nicht nachempfinden, was es bedeutet, in einer Sprache zu denken, die mich ständig vor Identitätskrisen stellt. Die Sprache lässt sich aber nicht per Dekret ändern, obwohl ich nicht sicher bin, ob eine Donaldine Trump nicht sogar das versuchen würde. Sprache ändert sich durch Gebrauch und vor allem über Jahrhunderte. Unsere Sprache ist älter als wir alle. Sie wird uns überleben und sich dabei ständig ändern. Aber für einen kurzen Moment können wir abwechselnd mit ihr ficken und uns von ihr ficken lassen. Das ist unsere Chance und unser Glück.

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