Wer Juden angreift, greift unsere Wurzeln an

470 judenfeindliche Vorfälle gab es in Berlin im Jahr 2016. Für eine Stadt, in der gerade mal 12.000 Juden leben, eine erschreckende Zahl. Egal aber, wie klein die jüdische Gemeinde in Berlin ist, Juden leben in dem Gebiet, das heute Deutschland heißt, länger als jede andere Gemeinde. Wer Juden angreift, greift somit unsere Wurzel an!

Lange bevor in Europa das deutsche Volk in Erscheinung trat, lebten hier bereits Juden. Sie formten das Gesicht der Städte, die heute zu Deutschland gehören. Allein die Städte Köln, Bonn, Worms, Speyer, Trier und Augsburg, um nur ein paar zu nennen, gibt es schon deutlich länger als es Deutsche gibt.

Völker kommen und gehen. Sie entstehen, bestehen, verwehen. Nicht selten werden Völker von außen bestimmt. Das beste Beispiel dafür ist das deutsche Volk, das in den verschiedenen Sprachen verschieden bezeichnet wird. Die Finnen nennen Deutsche „Saks“, weil sie die Sachsen in ihrer direkten Nachbarschaft haben. Die Sachsen treten erstmals ab dem 3. Jahrhundert in Erscheinung. Die Franzosen wiederum nennen die Deutschen Alemannen, eine Volksbezeichnung, die ebenfalls erstmals im dritten Jahrhundert auftaucht. Die Polen nennen die Deutschen Niemieckis und die Engländer Germanen. Kaum ein Deutscher würde sich jedoch Germane nennen und nur die wenigstens würden sich als Sachsen oder gar Alemannen bezeichnen. Die Deutschen nennen sich „deutsch“! Woher kommt jedoch das Wort „deutsch“?

„Deutsch“ komm von dem Wort „diutisc“ und bedeutet so viel wie „zum Volk gehörig“. Mit diesem Begriff wurde die nicht-romanischsprechende Bevölkerung jenseits der nördlichen Grenze des Römischen Reichs bezeichnet. Der erste wichtige Beleg für den Begriff ist eine Textstelle aus dem 4. Jahrhundert, eine Passage in der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila. In seiner griechischen Vorlage fand er als Gegenbegriff zu jüdisch den Begriff „ἐθνικός“ (zum Heiden-Volk gehörig). Die nichtjüdischen Völker, die noch christlich bekehrt werden sollten, wurden mit diesem Wort zusammengefasst. Wulfila übersetzt den Begriff ins Gotische und verwendete dazu das Wort „þiudisko“. So wurden alle Stämme jenseits der römischen Grenze zu einem Volk subsumiert. So wurde der Vorstellungsraum „deutsch“ erfunden und zwar zu einer Zeit, als bereits eine Synagoge in Köln stand.

Die zu einem Raum zusammengefassten Stämme waren jedoch alles andere als ein Volk mit einer gemeinsamen Identität. Nicht wenige lagen im Krieg miteinander. Der Begriff „Deutsch“ ist eine Fremdbestimmung, in etwa so, wie die Europäer, die einst über den Atlantik segelten und sämtliche Stämme, die sie in der sogenannten „Neuen Welt“ trafen, als Indianer bezeichneten, obwohl die verschiedenen Stämme so unterschiedlich waren, wie die Völker Europas. Man stelle sich mal vor, die Stämme Amerikas hätten diese Fremdbezeichnung angenommen und einen eigenen Staat mit dem Namen „Indien“ gegründet. In Europa geschah genau das. Der Begriff, der unterschiedlichste Stämme in einen Topf warf, wurde benutzt, um ein neues Volk zu erfinden: die Deutschen! Wie kam es dazu?

Nach dem Zusammenbruch des Antiken Römischen Reichs war Mitteleuropa für Jahrhunderte ein chaotisches Gebiet der Völkerwanderung mit Scharmützeln an jeder Ecke. Erst die Karolinger brachten wieder Ordung in die Region, indem Karl der Große von der römisch-katholischen Kirche wieder zum Cäsar (Kaiser) gekrönt wurde. So entstand das karolingische Ostfrankenreich. Aus dem Westfrankenreich sollte sich später Frankreich entwickeln. Aus dem Ostfrankenreich bildete sich im 10. Jahrhundert unter der Dynastie der Ottonen das Heilige Römische Reich heraus. Der Name „Sacrum Imperium“ ist für 1157 und der Titel „Sacrum Romanum Imperium“ für 1254 erstmals urkundlich belegt. Ab dem 15. Jahrhundert kam dann der Zusatz „Deutscher Nation“ hinzu, um das Reich vom Antiken Rom zu unterscheiden.

Als dieses Reich im frühen 19. Jahrhunderte aufhörte zu existieren, war Mitteleuropa wieder ein Flickenteppich mit dutzenden Landesvätern. „Deutschland“ war lediglich ein Vorstellungsraum. Der Traum einer deutschen Republik zerplatze in der gescheiterten Revolution 1848/49. Den Vorstellungsraum Deutschland dominierten stattdessen das Kaisertum Österreich, das Königreich Preußen, der Rheinbund und der Deutsche Bund unter der Führung Österreichs, der sich im Jahr 1815 gegründet hatte. Der Deutsche Bund war ein Staatenbund, den die „souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands“ schlossen. Die Mitgliedes des Deutschen Bunds waren auch der Kaiser von Österreich und die Könige von Preußen, Dänemark und der Niederlande. In diesem Bund gärte der Wunsch nach einer deutschen Nation. Die Konkurrenz zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft im Bund spitzte sich zum deutschen Dualismus zu. Mit dem Deutschen Krieg und der Schlacht bei Königgrätz entschied Preußen 1866 die Verherrschaft zu seinen Gunsten, führte die diversen Länder zu einem Reich zusammen und gab ihm den Namen „Deutsches Reich“, in Anlehung an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, um so eine jahrhundertlange Tradition der vermeintlichen Deutschen vorzugaukeln. So wurde das deutsche Volk im Jahr 1871 erfunden! Für das „Deutsche Reich“ wurde sogar ein Denkmal errichtet – oder besser fertiggestellt. Um die Macht des neuen Deutschen Reiches zu dokumentieren, wurde eine über sechshundertjährige Baustelle fertiggestellt. Das Gebäude sollte daraufhin vier Jahre lang das höchstes Gebäude der Welt sein: der Kölner Dom!

Köln wurde somit 1871 deutsch. Davor war die Stadt schon römisch und französisch gewesen. Kein Volk jedoch lebt länger in Köln als die Juden. Die älteste Schrift, die jüdisches Leben in Köln dokumentiert ist ein Dekret Kaiser Konstantins aus dem Jahre 321. In diesem Dekret heißt es:

„Allen Stadträten gestatten Wir durch allgemeines Gesetz, Juden in die Kurie zu berufen.“

In einer weiteren Urkunde von 341 ist vermerkt, dass die Synagoge mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet wurde. Der Bau einer jüdischen Versammlungsstätte zeigt, dass zu dieser Zeit schon eine größere Gemeinde vorhanden war. Das Judentum gehört zu Köln, bevor das Christentum Teil der Stadt wurde. Das Judentum brachte die Geschichten von Noah, Abraham, Sarah, Rebecca, Moses, Adam und Eva an den Rhein.

Als sich das Christentum mit aller Macht der römischen Kaiser über Europa ausbreitete und sich einige Jahrhunderte später unter diesem Teppich das deutsche Volk erfand, wurden Juden schnell zu den Erzfeinden des neuen Volks erklärt. Im Jahr 1096 kam es im Verlauf des Ersten Kreuzzuges zu mehreren Pogromen. Am 27. Mai 1096 fielen in Mainz Hunderte von Juden Gewaltexzessen zum Opfer. Ähnliches geschah im Juli desselben Jahres in Köln. Im Jahre 1146 wurden mehrere Juden bei Königswinter von einem aufgebrachten christlichen Mob erschlagen, kurz vor Beginn des Zweiten Kreuzzuges. Nach dem Vierten Laterankonzil im Jahr 1215 waren alle Juden dazu angehalten, sich durch ihre Kleidung deutlich als Nichtchristen auszuweisen. Besonders die Farbe Gelb wurde genutzt, um Juden in Europa diskriminierend zu kennzeichnen. Juden wurden gezwungen, einen gelben Ring in Brusthöhe auf ihrer Kleidung zu tragen.

Aus dieser Stigmatisierung entwickelte sich später der gelbe Judenstern der Nazis. Ähnliche Kleiderordnungen waren im Islam schon seit dem frühen 8. Jahrhundert für Juden üblich. Ihre Kennzeichnungspflicht begann 717 mit einem Befehl von Kalif Umar II. Die Art des Kennzeichens war anfangs nicht festgelegt und variierte. 807 befahl Kalif Hārūn ar-Raschīd in Persien für Juden dann einen gelben Gürtel.

In den Jahren 1287 und 1288 kam es im Rheinland zu einer Verfolgungswelle gegen Juden. In Andernach, Altenahr, Bonn und Lechenich wurden Juden getötet und ihre Häuser geplündert. In den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde im Kölner Dom die sogenannte „Judensau“ auf einer der Stuhlwangen des Domchores angebracht. Sie befindet sich noch heute dort!

Trotz der Verfolgung prägten Juden das Gesicht Europas. Die bedeutsamste Prägung dürfte die Gründung der SchUM (hebräisch שו״ם) sein. SchUM war eine Art jüdische Hanse, nämlich ein Bund der jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz. Das Wort SchUM ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben ihrer mittelalterlichen, auf das Latein zurückgehenden hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira (Speyer), Waw (U) für Warmaisa (Worms) und Mem (M) für Magenza (Mainz).

Die SchUM-Städte vertraten neben Handelsangelegenheiten auch eine gemeinsame Richtlinie bei der Auslegung der Religionsgesetze, die als Takkanot Schum (תקנות שו״ם) bekannt sind. Mit diesen Erlassen und den Talmudschulen, die unter den Juden in ganz Europa hohes Ansehen genossen, erlangten die SchUM-Städte Anfang des 13. Jahrhunderts eine führende Rolle im aschkenasischen Judentum. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Zentraleuropa gelten sie sogar als Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur.

Nach vier Jahrhunderten endete die große Zeit von SchUM um 1350, als diese Gemeinden infolge der Großen Pest und von Massakern ausgelöscht wurden. In der Folgezeit entstanden zwar wieder kleine Gemeinden, die jedoch nie mehr jene Bedeutung erlangten, die sie vorher hatten.

Aus Köln wurden im Jahr 1424 alle Juden vertrieben. Das Volk, das in Köln länger gesiedelt hatte als Christen, wurde zu illegalen Siedlern erklärt und vertrieben! Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Napoleon und dem Code Civil, in dem das aufklärerische Ideal der Religionsfreiheit festgehalten wurde, kehrten Juden nach Köln zurück. Ein Jahrhundert später sollten sie jedoch wieder zu illegalen Siedlern erklärt werden, diesmal von den Nazis.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es viele jüdische Siedlungen in Europa. Sie wurden Schtetl genannt. Für die Nazis waren diese Schtetl jedoch illegale jüdische Siedlungen, die sie vernichteten und mit ihnen einen Großteil der jüdischen Bevölkerung Europas. Die Nazis erkärten, Juden könnten keine Deutsche sein, eine nationale Identität, die erfunden wurde, lange nachdem Juden bereits in deutsche Lande gesiedelt hatten. Das Judentum ist die älteste noch heute praktizierte Religion Deutschlands! Die Nazis aber erklärten, Juden könnten keine Deutsche sein, verfolgten und ermordeten sie und die Katholische Kirche schloss ein Konkordat mit ihnen.

Wenn man sich die Geschichte Kölns genau anschaut, so war das Leben dort unter den Römern, Franzosen und Amerikanern deutlich besser als unter den Preußen und Deutschen. Vielleicht wäre das Volk der Deutschen besser gar nicht erfunden worden.

Jetzt, wo es das Volk der Deutschen jedoch gibt, müssen sich die Mitglieder dieses Volks entscheiden, was für ein Volk sie sein wollen. Ein Volk, das jene Menschen einschließt, die hier schon länger leben als Christen oder ein Volk, das erklärt, Juden gehören nicht dazu. Für beide Definitionen des Deutschen Volkes gibt es historische Beispiele. Welche Definition wählen wir heute?

Wenn Juden zu Deutschland gehören und für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dann gehören sie zum ältesten Teil Deutschlands. Wer sie angreift, greift unsere Wurzeln an!

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