Darf sie das?

„Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber eigentlich will man sie nicht.“

Mit diesem Post auf Facebook löste Sophia Thomalla im Herbst des Jahres 2016 einen wahren Shitstorm aus. Wieder einmal zeigte sich, dass viele Menschen in Deutschland nicht nur humorlos sind, sondern selbstgerechte Kleininquisitoren. In lautstarker Empörung über diesen Post machten sich in nur wenigen Stunden tausende von Bescheidwissern über Sophia Thomalla her, geißelten ihren vermeintlichen Menschenhass und schaukelten sich in ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit hoch. Nicht selten nutzten sie dabei frauenfeindliche Begriffe wie „Fotze“ und „Schlampe“, die zur Besserung einfach mal hart rangenommen werden sollte. Auf ihrer Facebook-Seite fand ein wahrhafter Moralkeulengangbang statt, eine Besserwisserbukkake sozusagen.

Dabei musste die Aussage erst negativ verstanden werden, um sich so darüber aufregen zu können. Die eigene Interpretation einer fremden Aussage hat aber zunächst nichts mit der Sprecherin zu tun, denn zu jeder Aussage gibt es immer verschiedene Interpretationen. Der Satz, „Ich will Flüchtlinge nicht“, zum Beispiel, kann zwei völlig verschiede Bedeutungen haben. Der Satz kann bedeuten, „ich will keine Flüchtlinge, weil sie Flüchtlinge sind“, aber auch, „ich will keine Flüchtlinge, weil ich nicht will, dass es Flüchtlinge gibt“. In der zweiten Interpretation ist der Satz somit nichts anderes als eine Variation dieser Aussage: „Man muss die Fluchtursachen bekämpfen!“

Jede Aussage hat immer verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Man sollte sich daher davor hüten, Menschen moralisch danach zu beurteilen, wie man selbst ihre Aussagen verstanden hat. Statt Menschen nach Worten zu beurteilen, sollte man sie lieber an ihren Taten messen! Hat Sophia Thomalla sich da irgendwas vorzuwerfen? Ist sie bekannt dafür, nachts auf ihrer Couch zu liegen und Taten gegen Flüchtlinge zu planen?

Selbst wenn Sophia Thomalla den Satz so gemeint hat, dass man keine Flüchtlinge will, weil sie Flüchtlinge sind, so hat sie damit noch lange nicht gesagt, dass wir Flüchtlingen nicht helfen sollten, sondern lediglich, dass es viele Menschen gibt, die sagen, „Das wird mir alles zu viel, ich will das nicht, das macht mir Angst“. Es ist durchaus verständlich, so zu denken. So wie es verständlich ist, keine kleine Titten haben zu wollen. Das heißt aber nicht, dass sich eine Frau deshalb die Brüste vergrößern wird! Es heißt auch nicht, dass es nicht auch verständlich ist, wenn jemand keine großen Titten haben will oder keinen kleinen Penis oder einen großen oder krummen, dicken, dünnen oder was weiß ich.

„Ich will das nicht“, ist erstmal ein ganz gewöhnlicher und verständlicher Satz. Es ist menschlich, etwas mal auch nicht zu wollen. Wer ist noch nie an einem Penner vorbeigegangen, hat ihm keinen Euro gegeben und stattdessen gedacht, „Geh arbeiten“? Wer ist noch nie an einem Glatzkopf vorbei gegangen und hat gedacht, „Nazis raus“? Wer hat noch nie bei kleinen und großen Anschlägen gedacht, „Welcome refugees“?

Vielleicht war der Eintrag von Sophia Thomalla auch nur ein spaßiger Test und ein Spiel mit den Ängsten der Leute. Es ist in der Natur des Menschen, Angst vor dem Fremden zu haben. Der Humor gibt uns jedoch die Möglichkeit, mit unseren Ängsten in Berührung zu kommen und sie im geschützten Raum des Lachens zuzulassen. Statt mit Zorn und Verachtung auf die eigenen Schwächen zu reagieren, hilft der Humor, sich selbst zu erkennen und zu lachen, vor allem über die eigenen schlechten Seiten. Selbsthass wird so im Keim erstickt und das ist gut so, denn kaum eine Kraft kann zerstörerischer auf andere Menschen wirken als der Selbsthass. Es ist eine Binsenweisheit, aber wahr: Wer sich nicht selber liebt, kann andere nicht lieben! Darum ist es gut, wenn wir gemeinsam über unsere Schwächen lachen!

Leider siegt bei vielen Menschen die politische Haltung über den Sinn für Humor. Wenn diese Menschen lachen, dass ist es kein Mitlachen, sondern ein Auslachen. Ihre Finger zeigen stets auf andere, nie auf sich selbst. Wenn diese Menschen wählen müssen zwischen recht haben und lustig sein, wählen sie recht haben. Mir ist Sophia Thomalla lieber, denn sie hat mich zu lachen gebracht, über mich, über sie, nicht über Flüchtlinge!

Es passiert immer wieder, dass Menschen niedergemacht werden, wenn sie einen Witz machen. Als ich zum Beispiel vom Tod von Roger Cicero erfuhr, war ich zunächst unendlich traurig. Dann aber fand ich einen Twitterkommentar von Niels Ruf und musste lachen:

„2 roger cicero-tickets zum halben reis abzugeben“

Für mich war sofort klar, der Witz von Niels Ruf geht gegen den Tod, dem Arsch, und nicht gegen Roger! Es war ein Witz geboren aus dem Wissen um die Sterblichkeit. Dieses Wissen ist für die besten Witze verantwortlich, die jemals gemacht wurden. Sie werden jedoch nicht selten wegen der Angst vor der Sterblichkeit als skandalös und geschmacklos empfunden.

Aufgrund des Witzes hatte Niels Ruf sofort einen Scheißesturm am Arsch. Nicht wenige fühlten sich bemüßigt, die Ehre von Roger Cicero zu rächen und schlugen dabei verbal auf Niels Ruf ein, statt die Zeit besser dafür zu nutzen, um einen großartigen Sänger zu betrauern. Trauer ist ein extremes Gefühl und lässt sich nicht zügeln. Kaum irgendwo wird mehr geweint, aber auch gelacht als bei Beerdigungen. Wenn jemand auf einer Beerdigung anfängt zu lachen, kann man den Sarg hochkant stellen! Trauer nämlich nicht anderes als Freude. Es ist Freude über das, was war!

Jeder geht mit Trauer anders um. Niels Ruf hatte sich entschieden, im Angesicht der Sterblichkeit zu lachen. Nichts daran war beleidigend! Niels Rufs Kommentar ging nicht gegen die Person Roger Cicero, noch gegen sein Schaffen und schon gar nicht gegen seine Familie und Freunde. Die hatten eh besseres zu tun, als Niels Rufs Twitternachrichten zu lesen und zu befühlen. Sie trauerten.

Niels Rufs Spruch ging ausschließlich gegen den Tod. Dennoch stürmte die Scheiße gegen Niels Ruf. Der Shitstorm bestand unter anderem aus Sprüchen wie diesen: „Du hättest besser sterben sollen!“

Um gegen einen Witz über den Tod zu protestieren, wurde der Wunsch nach dem Sterben eines Menschen formuliert. Wäre gegen diesen Spruch auch wieder scheissegestürmt worden, hätte die Scheisse im unendlichen Regress gestürmt.

Warum eigentlich hat Scheiße so einen schlechten Ruf? Scheiße ist gut! Scheiße ist Dünger. Aus Scheiße wird wieder Leben. Wenn aber zu viele Ärsche auf ein Feld scheißen, dann wächst dort nichts mehr! Es ist eine Frage der Dosis. Es ist ein Unterschied, ob eine Blume gegossen wird oder ob eine Sturmflut über eine Blume kommt.

Ich fand die Reaktion auf Niels Rufs Kommentar weitaus geschmackloser als den eigentlichen Kommentar und mich beunruhigt der heilige Zorn der Bescheidwisser, der gegen Sophie Thomalla geschleudert wurde, deutlich mehr als ihr Eintrag auf Facebook. Vor diesem Tugendterror habe ich Angst, weil er Menschen aburteilt und zu unwürdigen Personen degradiert, gegen die dann all das geschleudert werden darf, was die Bescheidwisser sonst so verabscheuungswürdig finden.

Wenn ich sterbe, und jemand macht einen Witz gegen mich und löst dadurch einen Shitstorm aus, dann kritisiert bitte nicht den, der mich verarscht und vielleicht sogar beleidigt hat, sondern all jene Vollpfosten, die glauben, für mich sprechen zu dürfen, obwohl ich gerade erst gestorben bin!

Ein besonders krasser Fall des Hasses der Hassverurteiler ist der Shitstorm, der im März 2015 gegen Money Boy losgetreten wurde, als er am Tag der Flugzeugkatastrophe der Germanwings-Maschine 4U9525 folgende Aussagen auf Facebook tätigte.

Die Reaktionen der Empörung zeigen, wie es um die Empörten bestellt ist:

„Du bist echt das letzte Stück Scheisse. Hoffentlich kannst du keine Kinderzeugen“

„Gott, bist du ein Hurensohn!“

„du spacken bist eine schande für die ganze menschheit.“

„egal wer stirbt nimmst du die leute auf den arm, und das hat nichts mit meinungs- oder redefreiheit zu tun, das ist einfach nur krank.“

„und wenn du vollhonk dich über andere beschwert, die haben dann wohl keine meinungs- und redefreiheit?
das merkt man schon einmal wie die drogen dich dumm im kopf machen.“

„So etwas nennst du Meinungsfreiheit??? Du bist eine armselige Kreatur. Für deine Äußerung sollten die Angehörigen den Arsch aufreißen und dein dummes Maul polieren.“

„Du bist krank!!! Und echt ekelhaft,was Leute alles machen damit man über Sie redet“

„Wie sehr ich mich für Menschen wie dich schäme!! In solch einem Augenblick solche abgrundtief verhöhnenden Worte in den Mund zu nehmen und auch noch öffentlich zu posten ist viel mehr als geschmacklos und dafür sollte man dich eigentlich verklagen!“

„Wie traurig, solche Menschen wie dich in unserer Gesellschaft zu haben!“

„Dreckiger Mistkörper wärst du lieber drauf gegangen !!! Ich hoffe irgendwer von den Verwandten kriegt dich und prügelt dir die scheisse aus dem Leib!!!“

„du hässliches respektloses Stück scheise.“

„Und jeder der deiner Meinung ist, soll daran verrecken!“

„Moneyboy du dreckiger hurensohn ! Wenn ich dich sehe Pass auf was passiert wenn ich dich sehe du Bastard !!!!“

„Wie abartig bist du eig? Aber so einen wie dir, sollte man mal die Fresse polieren. Hoffe du verlierst auch mal einen geliebten Menschen. Und dann werde ich mal Witze drüber reißen. Mal schauen, ob du dann noch lachst. Am liebsten würde ich dein Leben gegen das der toten Passagiere eintauschen. Du Vollspasti.“

„du bist jetzt Volksfeind Nr.1 das Verspreche ich dir. Solltest du dich auf die Straße trauen dann möge dir Gott helfen….“

„WER SAGT AUCH TODESSTRAFE FÜR MONEYBOY?!“

„lass die Welt mit deinem Abschaum von Wesen in Frieden.“

„Du bist ein Hurensohn. Deine Musik ist genauso Hässlich wie deine Fresse, solche Witze zu machen nur damit man über dich berichtet ist lächerlich du Hurensohn, sei mal ehrlich welcher Esel hat deine Mutter gefickt.“

„Erschießt die Fotze!“

Bei der Empörung gegen Money Boy war wirklich alles dabei: Sexismus, Behindertenfeindlichkeit, Nationalismus. Es ist offensichtlich ein sehr erhabenes Gefühl, sich moralisch überlegen zu fühlen.

Dabei ist Money Boy eine Kunstfigur. Dahinter steckt der Österreicher Sebastian Meisinger, dessen Diplomarbeit in Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien folgenden Titel trägt: „Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer“. In der Arbeit wird die Vermischung von Sexualität und Gewalt im Gangsta-Rap, sowie die Erniedrigung von Frauen und Homosexuellen kritisch betrachtet, jedoch schlussendlich erklärt, dass das Hören dieser Musik keinen unmittelbaren und schädlichen Einfluss auf das Verhalten der Hörer habe. In der Diplomarbeit werden folgende Dinge konstatiert:

„Für viele Jugendliche ist Musik nicht bloß ein Medium, sondern eine Lebenseinstellung.“ (Seite 39)

„Musik hilft Jugendlichen bei der Bewältigung alltäglicher Probleme.“ (Seite 40)

„Vor diesem Hintergrund sind die im Hiphop vorherrschenden negativen weiblichen Stereotypen, die Degradierung und sexuelle Objektivierung von Frauen, sowie das Bild des aggressiv und gewalttätigen Mannes, besonders kritisch zu betrachten.“ (Seite 41)

„In ihren Texten nehmen die Akteure häufig auf ihre Potenz und Virilität Bezug. Die Selbstüberhöhung der eigenen Potenz, sowie Verweise auf die eigenen Geschlechtsorgane, sind typische Elementen des Battle-Raps.“ (Seite 83)

„Mitglieder der HipHop-Szene bedienen sich dieses Jargons, auch wenn sie mit anderen kommunizieren.“ (Seite 88)

Money Boy ist eine radikale Überzeichnung aller Klischees der HipHop-Szene. Money Boys Grammatik ist gewöhnungsbedürftig, seine Nutzung von Anglizismen auf haarsträubendste Weise willkürlich und seine Texte nicht selten hanebüchen:

„Ich hab hunderttausend Scheine, grün wie ein Ochsenfrosch,
Ja, ich bin ein Gangster, so wie Räuber Hotzenplotz.
Check das aus, yo,
Du bist so dünn, Du kaufst bei C&A einen Kindergürtel,
Ich hab Marijuhana, grün wie ein Ninja Türtel.“

Leider beging Money Boy in der Folge des Shitstorms den Kardinalfehler der Comedy. Er entschuldigte sich:

Okay, zugegeben, die Entschuldigung war vermutlich auch nichts weiter als 1 weiterer Beweis seinen Humors, aber manchmal entschuldigen sich Comedians wirklich. Luke Mockridge zum Beispiel entschuldigte sich im Juli 2016 für diesen Tweet auf Twitter:

„Und ich Depp laufe durch die Stadt und stupse Menschen mit Down-Syndrom an weil ich hashtags falsch lese #Pokemongo“

Als daraufhin ein Moralkeulengangbang und eine Besserwisserbukkake über ihn kam, tat er das einzig Falsche. Er entschuldigte sich:

„Der internationale Arschpokal geht an mich. Wollte keinen beleidigen und mich auch nicht über Menschen mit Behinderung lustig machen. Es war lediglich ein Wortwitz ohne Zielscheibe. Ich bin kein schlechter Mensch, nur manchmal ein sehr dummer. Bin um eine Erfahrung reicher und um Summe X aufgrund einer anonymen Spende ärmer.“

Ja, Luke Mockridge ist manchmal ein dummer Mensch. Es war zum Beispiel dumm von ihm, sich zu entschuldigen. Damit gab er nämlich all den Empörten Recht. Sie hatten aber nicht recht! Luke hatte nicht über Behinderte gelacht, sondern über sich selbst, seine Dummheit und über die Begriffe, in denen er denkt. Luke ist ein guter Freund von mir. Er ist herzensguter Mensch. Aber selbst, wenn man ihn nicht persönlich kennt, glaubt irgendwer wirklich, Luke sitzt mit einem T4-Shirt in seinem dunklen Keller auf seinen Millionen, summt das Horst-Wessel-Lied und denkt darüber nach, wie er am besten gegen Behinderte hetzen kann?

Luke kam nichts weiter als ein Gag in den Sinn und er ließ ihn raus. Das ist sein Job. Er ist Stand Up Comedian! Er ist stets auf der Suche nach einem Gag, überall, auch dort wo es weh tun kann. Lachen ist Urlaub von schlechten Gedanken. Alles, was ein Stand Up Comedian sagt, ist der steten Suche nach dem Witz geschuldet, nicht der Suche nach einer universellen Wahrheit oder einer Ideologie. Ein Stand Up Comedian will, dass die Menschen lachen, über sich, über die eigenen Schwächen, aber auch über die eigenen schlechten Seiten. Manchmal ist ein Gag faul, aber das gehört dazu. Ein Ei muss erst aufgeschlagen werden, um sicher zu wissen, ob der Inhalt faul ist.

Ein weiters Beispiel für empörte Wichser, die mit ihren Moralkeulen in die Gesichter anderer spritzen, ist Amina Yousaf von der Juso-Hochschulgruppe der Georg-August Universität in Göttingen, die einen Auftritt von Chris Tall am 20. Januar 2016 an ihrer Universität verhindern wollte, weil er ihrer Meinung nach einer Universität unwürdig sei. Sie berief sich dabei auf seine Nummer „Darf er das?“

Amina Yousaf erklärte, es sei nicht in Ordnung, dass „weiße Männer entscheiden, ob sexistische oder rassistische Witze lustig sind“. Hier versteht Amina Yousaf ein grundlegendes Prinzip von Stand Up nicht. Chris Tall entscheidet nicht, was lustig ist! Ein Stand Up Comedian erzählt lediglich, was er lustig findet und die Menschen im Publikum können dann entscheiden, ob sie es auch lustig finden! Warum etwas lustig ist, ist schwer zu erklären. Humor ist Humor ist Humor. Einem Menschen abzusprechen, Witze zu gewissen Themen zu machen, nur weil er weiß und männlich ist, also das Geschlecht und die Hautfarbe zum Ausschlusskriterium zu machen, ist sexistisch und rassistisch!

Chris Tall ist ebenfalls ein Freund von mir. Er ist ein wunderbarer Mensch wie Luke. Okay, sein Penis ist klein, aber sein Herz ist groß! Wer nicht sieht und erkennt, dass sein ganzes Wesen gegen Rassismus und Sexismus gerichtet ist, hat ein kleines Hirn! Für eine Universität ist das eher ein Manko.

Warum glauben so viele Menschen, Sophia Thomalla wolle Flüchtlinge auslachen, Niels Ruf Roger Cicero, Money Boy die Opfer eines erweiterten Suizids, Luke Mockridge Behinderte und Chris Tall schwarze Männer? Kann es vielleicht an einer Kunstform liegen, die sich dem Auslachen verschrieben hat? Wenn diese Kunstform sich entscheiden muss, zwischen Ideologie und Witz, entscheidet sie sich für Ideologie. Die Kunstform heißt deutsches Kabarett.

Der deutsche Kabarettist ist ein Scharfmacher, der der Horde ein Feindbild präsentiert, das ausgelacht werden darf. Es ist ein Ausgrenzen mit Spaß und eine Inquisition mit Schenkelklopfen. Es ist immer mehr ein Auslachen als ein Mitlachen. Der Finger zeigt stets auf die Anderen. Wer die jeweils Anderen sind, hängt von der Gemütslage der Gesellschaft ab. Ganz sichere Adressen sind jedoch stets “die da oben”, die dummen Amerikaner (hohohoho), die CDU (hihihi) oder, wenn man ganz besonders aufmüpfig sein will, Israel (uuuhhhhh).

Nur weil Kabarettisten oft mit dem Lachen andere degradieren, heißt das noch lange nicht, dass Sophia Thomalla, Niels Ruf, Luke Mockridge, Chris Tall und Money Boy mit ihren Witzen ebenfalls andere verletzten wollen. Sie sind keine Kabarettisten!

Es gibt da diese fade Erklärung, ein guter Kabarettist trete nie nach unten, aber die Aussage allein ist schon arrogant. So bestimmt der Kabarettist nämlich, wer unten ist. Er selbst ist natürlich über alles. Es ist eine sehr perfide Form der Selbstüberhöhung im Büßergewand und absolut chauvinistisch. Kein Wunder, dass es so wenig Frauen im Kabarett gibt.

Wer eine Gruppe bestimmt, über die man keine Witze machen darf, übt damit Diskriminierung an dieser Gruppe. Jeder hat das Recht, verarscht zu werden! In der Comedy gibt es kein oben und unten. Es gibt nur lustig oder nicht lustig. Wenn jemand was nicht lustig findet, reicht ein einfaches Nichtlachen. Eine moralische Aburteilung eines Menschen wegen eines Witzes ist höchst unentspannt! Zudem ist ein Witz der denkbar dümmste Ort für eine Debatte. Es herrscht viel zu oft ein heiliger Ernst im Humor. Das ist echt traurig! Es ist traurig, wenn die politische Haltung über den Sinn für Humor siegt.

Da der Artikel nun endet, beantworte ich schon mal die Frage, die eh kommt: „Gehen etwa auch Judenwitze?“

Ja, auch Judenwitze gehen in Ordnung, so lange sie lustig sind. Wie das geht, zeigt Lisa Lampanelli:

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