Jan Böhmermann, Sarah Rambatz und der Mob

„Legion heiße ich; denn wir sind unser viele.“

So stellt sich der Teufel im 5. Kapitel des Buchs Markus im Evangelium vor. Das Böse ist dort, wo sich der Mensch einer kollektiven Ideologie unterwirft, wo das Individuum in einem Mob verschmilzt, wo sich das Ich in der Legion der Vielen auflöst.

Es ist nahezu unmöglich, mit einem Menschen zu reden, der von einer Ideologie besessen ist. Darum fürchte ich kaum etwas mehr als die Dynamik des Mobs, vor allem, wenn der Mob in der Gewissheit der moralischen Überlegenheit daherkommt.

Im September 2017 fragte die Bundestagswahlkandidatin Sarah Rambatz (Die Linke) auf Facebook nach „antideutschen Filmempfehlungen“ und konkretisierte ihr Interesse mit der Formulierung „grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben“. Es dauerte nicht lange, da erhob sich ein Shitstorm der moralischen Entrüstung gegen Sarah Rambatz.

Ich kann sehr gut verstehen, dass die Kandidatin nach dem Posting von ihrem Listenplatz in Hamburg zurücktreten musste und sich Menschen von diesen Worten verletzt fühlen. Ich teile manch eine Kritik an dieser Äußerung. Sie ist jedoch von der Meinungsfreiheit gedeckt und niemand hat gesagt, dass nur die Meinung frei sein darf, die keine Gefühle verletzt.

Ich kann es daher überhaupt nicht gutheißen, dass dieser selten dumme und geschmacklose Beitrag von Sarah Rambatz dazu geführt hat, dass sie und ihre Familie Morddrohungen erhalten und ihr Vergewaltigungen angedroht werden.

Wer austeilt, muss auch einstecken können, werden jetzt einige sagen, aber dem möchte ich vehement widersprechen. Keine Aussage, keine Meinung und kein Beitrag rechtfertigten Morddrohungen. Statt mit Gewalt kann man auf polemische Worte auch einfach nur mit Polemik reagieren. Das ist zivilisiert.

Ich hätte auf den Beitrag von Sarah Rambatz mit einer Polemik reagiert, in der ich aufgezeigt hätte, dass fünf Prozent der deutschen Bevölkerung Muslime sind, um daraus dann den vollkommen logischen und gerechtfertigten Schluss zu ziehen, dass sie Filme sehen möchte, in denen Muslime sterben. Den Artikel hätte ich dann mit der Überschrift versehen: „Sarah Rambatz will Muslime sterben sehen!“

Diese polemische Dekonstruktion des Begriffs „Deutsch“ wäre meine Erwiderung gewesen und ich hätte meine Reaktion mindestens ebenso lustig gefunden wie ihr Ausgangsstatement. Allerdings habe ich mich dazu entschieden, eine solche polemische Antwort nicht zu verfassen, da Sarah Rambatz Opfer eines selbstgerechten Mobs geworden ist.

Ich möchte mich nicht zu einer Torenmenge gesellen, die nach Scheine wählt, nur lernend, was ein blödes Auge lehrt. Ich möchte nichts mit einem Mob zu tun haben, der mit Mord und Vergewaltigung droht, weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen, noch mich zu rohen Haufen stellen will.

Stattdessen erkläre ich, obwohl ich den Beitrag von Sarah Rambatz geschmacklos und dumm finde, dass ich mich, statt eine Polemik zu verfassen, mit ihr solidarisiere, da das, was sie gerade erleben muss, unendlich viel schlimmer ist als alles, was sie geschrieben hat. Die Art, wie sie von einem Mob fertig gemacht wird, ist verabscheuungswürdig. Diese Legion der moralisch Besserwissenden ist das Böse.

Vor ein paar Tagen allerdings habe ich die Methode der polemischen Antwort bei dem Comedian Jan Böhmermann angewendet. In der Gewissheit seiner moralischen Überlegenheit hatte er folgendes auf Twitter erklärt:

„Nur noch 3 Wochen, 21 Tage, bis zum ersten Mal seit Kriegsende wieder die Nazis im deutschen Parlament sitzen. Eine unverzeihliche Schande.“

Ich zeigt daraufhin, dass nach 1949 sehr wohl nicht nur eine stramm rechtsgerichtete Partei im Parlament gesessen hatte, sondern sogar eine Menge (ehemaliger) Nazis. Den Artikel überschrieb ich mit der Schlagzeile: „Jan Böhmermann leugnet Nazi-Vergangenheit Deutschlands“

Ich ließ Jan Böhmermann ganz bewusst das Aroma seiner eigenen Polemik schmecken, denn wer glaubt, Menschen zu Nazis erklären zu können, sollte sich davor hüten, selber die Nazivergangenheit der Bundesrepublik zu relativieren. Nachdem ich meine Polemik veröffentlicht hatte, blockierte mich Jan Böhmermann. Der Mann der deutlichen und polemischen Worte, der Herr der „Ziegenficker“, war angepisst.

Es gibt viele Menschen, bei denen ich große Lust verspüre, ihre Doppelmoral zu entlarven, es aber nicht kann, da ich nicht in das Gebell des wutschnaubenden Mobs einstimmen möchte.

Es ist irrelevant, ob das Ziel des heiligen Zorns berechtigterweise kritisiert wird oder nicht. Die Methode des Mobs, die Schreckensherrschaft der Tugend, ist immer verabscheuungswürdig. In dem Moment, da Hass identitätsstiftend wird, wenn sich eine Gruppe von Menschen, die sonst wenig gemeinsam hat, sich in der gemeinsamen Herabwürdigung einer anderen Person vereint, wird es gefährlich, möge diese Person nun Sarah Rambatz oder Alice Weidel heißen.

Vor ein paar Monaten war ein Vortrag von einem Unterstützer Donald Trumps an der Universität Berkeley im US-Bundesstaat Kalifornien geplant, der allerdings aufgrund gewaltsamer Studentenproteste nicht stattfinden konnte. Der Hass gutmeinender Studentinnen und Studenten war so groß, dass sie Feuer legten, die Augen ihrer Gegnerinnen mit Pfefferspray verätzten und auf Menschen einprügelten.

Der Mob ließ die andere Meinung nicht zu und erklärte, die Worte des Redners könnten Gewalt ausüben, nur um so ihre eigene und tatsächlich physische Gewalt gegen den Redner zu rechtfertigen. Es sind Hochmut und Überheblichkeit, die den Mob dazu treiben, anderen vorzuschreiben, was sie hören dürfen.

„Wehret den Anfängen“ brüllt die selbstgerechte Putztruppe und meint damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer eigenen Angst heraus konstruiert. Aus Angst nimmt der Mob andere Menschen als Geisel seiner Vermutung. Diese Angst ist jedoch die Wurzel des totalitären Denkens, die Gewalt über Gedanken als Präventivschlag ermöglicht. Der Mob ist immer böse, möge er sich nun in Berkeley oder in Charlottesville formieren. Bei der Verleihung des Böll-Preises sagte Herta Müller einst:

„Wenn Hassparolen spazieren gehen, dann geht auch irgendwann ein Messer spazieren.“

Wer mit diesem Satz Meinungen verbieten möchte, muss auch für ein Verbot des Korans plädieren, denn unzählige Terroristen sind mit den Parolen des Korans spazieren gegangen, bevor sie zum Messer griffen. Das Messer in der Hose eines Menschen verschwindet nicht, wenn ihm der Mund verboten wird! Gedanken verschwinden nicht, nur weil sie nicht mehr gesprochen werden. Nur wer die brutalen Gedanken hört, kann sich wehren. Das Verbieten von Worten bringt daher rein gar nichts!

Angst machen mir nicht Worte und Meinungen. Angst macht mir eine Legion, die sich so im Recht fühlt, dass sie Feuer legt. In Deutschland geschah das einst im Jahr 1817. Damals waren es Studenten auf der Wartburg, die sich genau jener Mittel bedienten, die exakt 200 Jahre später in Kalifornien zum Einsatz kamen. Der Dichter Heinrich Heine beschrieb das Ereignis wie folgt:

“Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! (…) Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen!”

Wer alles verbannt und verbrennt, was ihm nicht gefällt, wird blind für das, was in der Gesellschaft vor sich geht und wird entsetzt aus dem Sessel fallen, wenn bei der nächsten Wahl die Bürgerinnen und Bürger in der geheimen Wahlkabine ihre Meinung in ein definitives Kreuz verwandeln. Dann behaupten sie, sie hätten all das nicht kommen sehen. Natürlich haben sie es nicht kommen sehen! Sie haben ja auch all die Menschen verbannt, die anderer Meinung waren und konnten sich daher nicht mit ihnen auseinandersetzen.

Andere Meinungen auszuklammern, ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen!

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