Eine Geschichte aus zwei Städten

Und da war dann die Stimmungskanone Motsi Mabuse, unsere kleine Schokoperle. Was für eine süße Frau, Motsi Mabuse. Und das Coole ist ja, ich bin auch noch mit meiner Tanzpartnerin Oana Nechiti sehr gut befreundet. Und die war neulich, war die zur gleichen Zeit in Frankfurt wie ich auch und hat dort Motsi besucht. Und dann ruft die mich an:

„Faisal, Faisal komm, wir sollten was unternehmen, wir gehen ins Kino, wir gehen mit Motsi ins Kino, wir gehen in ‚Planet der Affen‘“

Du sagst, Du gehst mit Motsi in „Planet der Affen“? Ich so: Okay, wenn Ihr dann in der Vorstellung sitzt und im Film wird gesagt: „Uh Uh Uh Uh“ (Affengeräusche), sagst Du: „Motsi, was hat der gesagt?“

***

Diese Geschichte wurde im Oktober 2017 von dem Stand Up Comedian Faisal Kawusi im Rahmen der XXL-Comedy Nacht vor über 14.000 Menschen erzählt und von dem öffentlich-rechtlichen Sender 1Live in Millionen Haushalte übertragen. Die 1Live Redaktion erklärt dazu auf Nachfrage:

„Faisals Äußerung über Motsi Mabuse stand nicht im Drehbuch der 1LIVE Köln Comedy-Nacht XXL. Sie war der 1LIVE Redaktion im Vorfeld nicht bekannt und wäre auch nicht gestattet worden. Der WDR und 1LIVE distanzieren sich von jeglicher Form von Rassismus.“

Die Amedeu Antonio Stiftung erklärt auf Nachfrage, diese Art zu reden sei „für Diskussionen über Rassismus ein sehr gutes Beispiel und ohne Frage auch ein Fall, in dem meine KollegInnen ein Feedback an die Redaktion geben werden.“

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier (SPD) erklärt:

„Was für ein widerlicher Rassismus und die Leute, die sich diesen rassistischen und unlustigen Dreck anhören, buhen diesen Typen nicht etwa aus, nein, sie lachen auch noch darüber. Entsetzlich!“

Der Anwalt von Motsi Mabuse erklärt, die Äußerungen seien „eindeutig rassistisch und verletzend“ und deshalb „auch nicht mit Satire zu rechtfertigen“. Der Anwalt erklärt weiter, die Angelegenheit hätte auch ein juristisches Nachspiel gehabt, wenn sich Faisal Kawusi nicht sofort bei Frau Mabuse entschuldigt hätte und die entsprechende Passage nicht gelöscht worden wäre.

Faisal Kawusi hat offensichtlich nicht über seine Worte nachgedacht, ganz so, als kämen sie gar nicht von ihm. Wer vor 14.000 Menschen spricht und die Gefühle einer Masse lenkt, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein und ja, die Geschichte von Faisal Kawusi bedient rassistische Stereotype und erinnert an die Nazifans, die in Fußballstadien Spieler mit dunkler Hautfarbe durch das Imitieren von Affengeräuschen beleidigen. Zudem wohnt der Geschichte von Faisal Kawusi noch ein tief sitzender Sexismus inne, da ich mir sicher bin, dass er so niemals über einen Mann geredet hätte.

Der WDR hat mittlerweile die Geschichte aus dem Programm genommen und den Auftritt von Faisal Kawusi nachträglich um diese kritische Stelle gekürzt. Da stellt sich die Frage: Ist das nachträgliche und kommentarlose Wegwischen eines rassistischen und sexistischen Witzes gerechtfertigt, nachdem man ihn Millionen Menschen zugänglich gemacht hatte? Ist es überhaupt gut, dass der WDR offen zugibt, gewisse Witze nicht zu gestatten oder sollten gewisse Witze tatsächlich nicht gestattet sein?

Ich bin ja ein großer Verfechter von Artikel 5 unseres Grundgesetzes, in dem uns Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit garantiert wird. Kaum ein anderes Grundrecht gibt uns die Möglichkeit, so tief und so ehrlich in die Seelen unserer Mitmenschen zu blicken. Im Oktober 2017 ermöglichten uns genau diese Grundrechte einen tiefen Blick in die deutsche Seele. Es war eine Geschichte aus zwei Städten.

Im Oktober 2017 nahmen nämlich knapp 25.000 Menschen in Deutschland von ihren Grundrechten Gebrauch. In Berlin demonstrierten über 10.000 Menschen vor dem Reichstagsgebäude gegen Rassismus im Parlament, vornehmlich hineingetragen, so erklärten es die Demonstranten, von der AfD und im selben Monat versammelten sich in Köln über 14.000 Menschen in einer Arena und hörten dort einen rassistischen und sexistischen Witz.

Comedy ist eine harte Branche. Humor lebt von wilden Gedanken, von Grenzüberschreitung und einer Unangepasstheit. Wer auf einer Bühne ist und für den Witz steht, betreibt damit Hochleistungssport. Ein Comedian ist stets auf der Suche nach dem komischen Moment, nach der lustigen Assoziationen. Dabei kann es manchmal passieren, dass ein Comedian etwas sagt, das er nach genauerem überlegen lieber nicht gesagt hätte. Das aber gehört zum Lustigsein dazu, wie das Stolpern beim Tanzen. Es macht einen besser, wenn man bereit ist, den Fehler zu erkennen und ihn in Zukunft zu vermeiden. Der Fehler aber bleibt.

Den Gedanken freien Lauf zu lassen, ermöglicht dem Gegenüber einen tiefen Blick in die eigene Seele, vor allem in die unbewussten Flecken dieser Seele und jede Seele hat diese Flecken. Ich nehme mich da gar nicht heraus. Wie oft schon habe ich Sachen gesagt, die ich später und länger nachgedacht lieber nicht gesagt hätte.

Im Oktober 2017 gab Faisal Kawusi mit einem schlechten Witz Einblick in seine Seele, der WDR demonstrierte seinerseits, wie er mit Rassismus und Sexismus umgeht und eine Menge Menschen im Publikum zeigten Seiten ihrer Seelen, als sie laut über den Witz lachten.

Der Komiker Torsten Schlosser bringt es auf Facebook auf seine Art auf den Punkt:

„Die Szene ist völlig aus dem Häuschen. Der Kollege Faisal Kawusi, der Bad Boy der Comedy, hat mal wieder in die Vollen gegriffen und in der XXL-Comedy-Nacht in der Lanxess Arena vor 14.000 Zuschauern Motsi Mabuse aufgrund ihrer Hautfarbe mit einem Affen verglichen. Ich würde es gerne hier verlinken, aber der Beweis wurde mittlerweile gelöscht.

Grundsätzlich würde ich auch Witze über Mabuse machen. Allein schon, weil sie bei diesem unsäglichen Let´s-Dance-Scheiß mitmacht. Grundsätzlich habe ich selber schon auf der Bühne Affen mehr zugetraut als Kindern. Allerdings nur in bestimmten Kontexten. Wenn man sowas macht, möge man mir bitte einen satirischen Kontext dazu liefern. Sonst ist mir persönlich das zu platt und zu grenzwertig.

Ich kann dem Kollegen Kawusi da nichts vorwerfen. Er hat sich für eine bestimmte Richtung entschieden und die geht er konsequent – in diesem Sinne hat er nur eine eingeschränkte Wahl. Beim Publikum ist das anders. Das Publikum hat immer die Wahl. Vor einiger Zeit sind bei der Kunst gegen Bares in Leverkusen bei einem Auftritt 40 Prozent des Publikums aufgestanden und rausgegangen. In der Lanxess-Arena hat ein Großteil des 14.000-Mann-Publikums über den fragwürdigen Witz des Kollegen Kawusi gelacht.

Damit hat das Comedy-Mainstream-Publikum das Schlimmste getan, was es tun kann: Es hat aufgegeben.“

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.