Lachen ist gefährlich!

Der Humor ist das Einzige, was wir ernst nehmen sollten, den Rest können wir mit Humor nehmen!

Bei Humor hört der Spaß oft auf. Wenn zwei Menschen nicht den gleichen Sinn von Humor haben, stehen sie sich so unversöhnlich gegenüber wie Menschen, die an unterschiedliche Götter glauben. So wie Fundamentalisten anderen Gläubigen vorwerfen, nicht an den richtigen Gott zu glauben, werfen sich Menschen mit unterschiedlichen Humorvorstellungen vor, keinen oder eben einen schlechten Humor zu haben. Humor ist wie Religion und beide sind wie Fürze: Man glaubt, nur die der Anderen stinken.

Im Herbst des Jahres 2016 postete Sophia Thomalla auf Facebook: „Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber eigentlich will man sie nicht.“

Der Post löste einen Shitstorm selbstgerechter Kleininquisitoren aus, die den vermeintlichen Menschenhass der Autorin geißelten. Dabei benutzen viele Kritiker frauenfeindliche Begriffe wie „Fotze“ und „Schlampe“. Einige erklärten, Sophia Thomalla müsse zur Besserung ihrer Menschlichkeit einfach mal hart rangenommen werden sollte. Es fand ein wahrhafter Moralkeulengangbang auf ihrer Facebook-Seite statt, eine Besserwisserbukkake sozusagen.

Dabei musste die Aussage von Sophia Thomalla erst negativ verstanden werden, um sich so darüber aufregen zu können. Die Interpretation einer Aussage hat aber zunächst nichts mit der Sprecherin zu tun, da es zu jeder Aussage immer verschiedene Interpretationen gibt. Der Satz, „Ich will Flüchtlinge nicht“, zum Beispiel, kann zwei völlig verschiede Bedeutungen haben. Der Satz kann bedeuten, „ich will keine Flüchtlinge, weil sie Flüchtlinge sind“, aber auch, „ich will keine Flüchtlinge, weil ich nicht will, dass es Flüchtlinge gibt“. In der zweiten Interpretation ist der Satz somit nichts anderes als eine Variation dieser Aussage: „Man muss die Fluchtursachen bekämpfen!“

Jede Aussage hat somit nicht nur verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, die Möglichkeiten können sich auch radikal voneinander unterscheiden. Man sollte sich daher davor hüten, Menschen moralisch danach zu beurteilen, wie man selbst ihre Aussagen verstanden hat. Statt Menschen nach Worten zu beurteilen, sollte man sie stets an ihren Taten messen!

Selbst wenn Sophia Thomalla ihren Satz so gemeint hat, dass man keine Flüchtlinge will, weil sie Flüchtlinge sind, so hat sie damit noch lange nicht gesagt, dass wir Flüchtlingen nicht helfen sollten, sondern lediglich, dass es viele Menschen gibt, die sagen, „Das wird mir alles zu viel, ich will das nicht, das macht mir Angst“. Es ist durchaus verständlich, so zu denken. So wie es verständlich ist, keine kleine Titten haben zu wollen. Das heißt aber nicht, dass sich eine Frau deshalb die Brüste vergrößern wird! Es heißt auch nicht, dass es nicht auch verständlich ist, wenn jemand keine großen Titten haben will oder keinen kleinen Penis oder einen großen oder krummen, dicken, dünnen oder was weiß ich.

„Ich will das nicht“, ist erstmal ein ganz gewöhnlicher und verständlicher Satz. Es ist menschlich, etwas mal auch nicht zu wollen. Wer ist noch nie an einem Penner vorbeigegangen, hat ihm keinen Euro gegeben und stattdessen gedacht, „Geh arbeiten“? Wer ist noch nie an einem Glatzkopf vorbei gegangen und hat gedacht, „Nazis raus“? Wer hat noch nie bei kleinen und großen Anschlägen gedacht, „Welcome refugees“?

Eins aber bewirkte der Satz von Sophia Thomalla. Er konfrontierte viele Menschen mit ihren Ängsten. Es ist in der Natur des Menschen, Angst vor dem Fremden zu haben. Es ist Teil unserer Überlebensstrategie. Der Humor jedoch gibt uns die Möglichkeit, mit unseren Ängsten in Berührung zu kommen und uns im geschützten Raum des Lachens damit auseinanderzusetzen. Der Humor hilft, statt mit Zorn und Verachtung mit einem Lachen auf die eigenen Schwächen und schlechten Seiten zu reagieren. So erstickt das Lachen den Selbsthass im Keim erstickt und das ist gut so, denn kaum eine Kraft kann zerstörerischer wirken als der Selbsthass. Es ist eine Binsenweisheit, aber nichtsdestotrotz wahr: Wer sich nicht selber liebt, kann auch andere nicht lieben! Daher ist es gut, wenn wir gemeinsam über unsere Schwächen lachen!

Leider siegt bei vielen Menschen oft die politische Haltung über den Sinn für Humor. Wenn diese Menschen lachen, dass ist es kein Mitlachen, sondern ein Auslachen. Ihre Finger zeigen stets auf andere, nie auf sich selbst. Wenn diese Menschen wählen müssen zwischen recht haben und lustig sein, wählen sie recht haben.

Es passiert immer wieder, dass Menschen niedergemacht werden, wenn sie einen Witz machen. Nach dem Tod von Roger Cicero schrieb Niels Ruf und Twitter:

„2 roger cicero-tickets zum halben reis abzugeben“

Als ich das las, war mir sofort klar, dass der Witz nicht gegen Roger Cicero ging, sondern gegen den Tod, dem Arsch. Es war ein Witz, geboren aus dem Wissen um die Sterblichkeit, ein Wissen, das für die besten Witze verantwortlich ist, die jedoch nicht selten aufgrund der eigenen Angst vor der Sterblichkeit als skandalös oder geschmacklos empfunden werden.

Niels Ruf jedenfalls hatte einen richtigen Scheißesturm am Arsch. Nicht wenige fühlten sich bemüßigt, die Ehre von Roger Cicero zu rächen und schlugen dabei verbal auf Niels Ruf ein, statt die Zeit besser dafür zu nutzen, einen großartigen Sänger zu betrauern. Trauer ist ein extremes Gefühl und lässt sich nicht zügeln. Kaum irgendwo wird mehr geweint, aber auch gelacht als bei Beerdigungen. Wenn jemand auf einer Beerdigung anfängt zu lachen, kann man den Sarg hochkant stellen! Trauer ist nämlich nicht anderes als Freude über das, was war!

Jeder geht mit Trauer anders um. Niels Ruf hatte sich entschieden, im Angesicht der Sterblichkeit zu lachen. Nichts daran war beleidigend! Niels Rufs Kommentar ging nicht gegen die Person Roger Cicero, noch gegen sein Schaffen und schon gar nicht gegen seine Familie und Freunde. Die hatten eh besseres zu tun, als Niels Rufs Twitternachrichten zu lesen und zu befühlen. Sie trauerten.

Der Scheißesturm gegen Niels Rufs bestand unter anderem aus Sprüchen wie diesen: „Du hättest besser sterben sollen!“ Um gegen einen Witz über den Tod zu protestieren, wurde der Wunsch nach dem Sterben eines Menschen formuliert. Wäre gegen diesen Spruch auch wieder scheissegestürmt worden, hätte die Scheisse im unendlichen Regress gestürmt.

Warum eigentlich hat Scheiße so einen schlechten Ruf? Scheiße ist gut! Scheiße ist Dünger. Aus Scheiße wird wieder Leben. Wenn aber zu viele Ärsche auf ein Feld scheißen, dann wächst dort nichts mehr! Es ist eine Frage der Dosis. Es ist ein Unterschied, ob eine Blume gegossen wird oder ob eine Sturmflut über eine Blume kommt.

Manche Reaktionen auf Niels Rufs Kommentar waren weitaus geschmackloser als es dem eigentlichen Kommentar vorgeworfen wurde. Mich beunruhigt daher der heilige Zorn der Bescheidwisser deutlich mehr als der flüchtige Witz eines Narren. Vor demTugendterror habe ich Angst, weil er Narren aburteilt und zu unwürdigen Personen degradiert, gegen die dann all das geschleudert werden darf, was die Bescheidwisser sonst so verabscheuungswürdig finden. Wenn ich sterbe, und jemand macht einen Witz gegen mich und löst dadurch einen Shitstorm aus, dann kritisiert bitte nicht den, der mich verarscht hat, sondern all jene Vollpfosten, die glauben, für mich sprechen zu dürfen, obwohl ich gerade erst gestorben bin!

Ein besonders krasser Fall des Hasses der Hassverurteiler ist der Shitstorm, der im März 2015 gegen Money Boy losgetreten wurde, als er am Tag der Flugzeugkatastrophe der Germanwings-Maschine 4U9525 folgende Aussagen auf Facebook tätigte.

„Was ist der Unterschied zwischen German Wings und KFC Hot Wings? Die Hot Wings kommen in Deutschland gut an.“

„ich finde es nicht ganz korrekt das die Kanzlerin die verstorbenen German Wings passagiere zusätzlich noch als ‚Opfer‘ beleidigen tut“

Die Reaktionen der Empörung zeigen, wie es um die Empörten bestellt ist:

„Du bist echt das letzte Stück Scheisse. Hoffentlich kannst du keine Kinderzeugen“

„Gott, bist du ein Hurensohn!“

„du spacken bist eine schande für die ganze menschheit.“

„So etwas nennst du Meinungsfreiheit??? Du bist eine armselige Kreatur. Für deine Äußerung sollten die Angehörigen den Arsch aufreißen und dein dummes Maul polieren.“

„Wie traurig, solche Menschen wie dich in unserer Gesellschaft zu haben!“

„Dreckiger Mistkörper wärst du lieber drauf gegangen !!! Ich hoffe irgendwer von den Verwandten kriegt dich und prügelt dir die scheisse aus dem Leib!!!“

„Und jeder der deiner Meinung ist, soll daran verrecken!“

„Moneyboy du dreckiger hurensohn ! Wenn ich dich sehe Pass auf was passiert wenn ich dich sehe du Bastard !!!!“

„Wie abartig bist du eig? Aber so einen wie dir, sollte man mal die Fresse polieren. Hoffe du verlierst auch mal einen geliebten Menschen. Und dann werde ich mal Witze drüber reißen. Mal schauen, ob du dann noch lachst. Am liebsten würde ich dein Leben gegen das der toten Passagiere eintauschen. Du Vollspasti.“

„du bist jetzt Volksfeind Nr.1 das Verspreche ich dir. Solltest du dich auf die Straße trauen dann möge dir Gott helfen….“

„Du bist ein Hurensohn. Deine Musik ist genauso Hässlich wie deine Fresse, solche Witze zu machen nur damit man über dich berichtet ist lächerlich du Hurensohn, sei mal ehrlich welcher Esel hat deine Mutter gefickt.“

„WER SAGT AUCH TODESSTRAFE FÜR MONEYBOY?!“

Bei der Empörung gegen Money Boy war somit wirklich alles dabei: Sexismus, Behindertenfeindlichkeit, Nationalismus. Es ist offensichtlich ein sehr erhabenes Gefühl, sich moralisch überlegen zu fühlen.

Dabei ist Money Boy eine Kunstfigur. Sich darüber aufzuregen, was er sagt, ist so, als würde man sich darüber aufregen, was Jago sagt. Hinter Money Boy steckt der Österreicher Sebastian Meisinger. Seine Diplomarbeit in Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien trägt folgenden Titel: „Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer“. In der Arbeit wird die Vermischung von Sexualität und Gewalt im Gangsta-Rap, sowie die Erniedrigung von Frauen und Homosexuellen kritisch betrachtet, jedoch schlussendlich erklärt, dass das Hören dieser Musik keinen unmittelbaren und schädlichen Einfluss auf das Verhalten der Hörer habe. In der Diplomarbeit werden folgende Dinge konstatiert:

„Für viele Jugendliche ist Musik nicht bloß ein Medium, sondern eine Lebenseinstellung.“ (Seite 39)

„Musik hilft Jugendlichen bei der Bewältigung alltäglicher Probleme.“ (Seite 40)

„Vor diesem Hintergrund sind die im Hiphop vorherrschenden negativen weiblichen Stereotypen, die Degradierung und sexuelle Objektivierung von Frauen, sowie das Bild des aggressiv und gewalttätigen Mannes, besonders kritisch zu betrachten.“ (Seite 41)

„In ihren Texten nehmen die Akteure häufig auf ihre Potenz und Virilität Bezug. Die Selbstüberhöhung der eigenen Potenz, sowie Verweise auf die eigenen Geschlechtsorgane, sind typische Elementen des Battle-Raps.“ (Seite 83)

„Mitglieder der HipHop-Szene bedienen sich dieses Jargons, auch wenn sie mit anderen kommunizieren.“ (Seite 88)

Money Boy ist eine radikale Überzeichnung aller Klischees der HipHop-Szene. Money Boys Grammatik ist gewöhnungsbedürftig, seine Nutzung von Anglizismen auf haarsträubendste Weise willkürlich und seine Texte nicht selten hanebüchen:

„Ich hab hunderttausend Scheine, grün wie ein Ochsenfrosch,
Ja, ich bin ein Gangster, so wie Räuber Hotzenplotz.
Check das aus, yo,
Du bist so dünn, Du kaufst bei C&A einen Kindergürtel,
Ich hab Marijuhana, grün wie ein Ninja Türtel.“

Leider beging Money Boy in der Folge des Shitstorms den Kardinalfehler der Comedy. Er entschuldigte sich:

„es tut mir leid das ich meine Fans & Familie mit meinen unsensiblen jokes enttäuscht habe 😦 ich werde versuchen 1 besserer mensch zu werden“

Zugegeben, die Entschuldigung war vermutlich auch nichts weiter als „1“ weiterer Beweis seinen Humors, aber manchmal entschuldigen sich Comedians wirklich. Luke Mockridge zum Beispiel entschuldigte sich im Juli 2016 für diesen Tweet auf Twitter: „Und ich Depp laufe durch die Stadt und stupse Menschen mit Down-Syndrom an weil ich hashtags falsch lese #Pokemongo“

Als daraufhin ein Moralkeulengangbang und eine Besserwisserbukkake über ihn kam, tat er das einzig Falsche. Er entschuldigte sich:

„Der internationale Arschpokal geht an mich. Wollte keinen beleidigen und mich auch nicht über Menschen mit Behinderung lustig machen. Es war lediglich ein Wortwitz ohne Zielscheibe. Ich bin kein schlechter Mensch, nur manchmal ein sehr dummer. Bin um eine Erfahrung reicher und um Summe X aufgrund einer anonymen Spende ärmer.“

Luke Mockridge gab mit dieser Entschuldigung den Empörten Recht. Sie hatten aber nicht recht! Luke hatte nicht über Behinderte gelacht, sondern über sich selbst, seine Dummheit und über die Begriffe, in denen er denkt. Luke ist ein guter Freund von mir. Er ist herzensguter Mensch. Aber selbst, wenn man ihn nicht persönlich kennt, glaubt irgendwer wirklich, Luke sitzt mit einem T4-Shirt in seinem dunklen Keller auf seinen Millionen, summt das Horst-Wessel-Lied und denkt darüber nach, wie er am besten gegen Behinderte hetzen kann?

Luke kam nichts weiter als ein Gag in den Sinn und er ließ ihn raus. Das ist sein Job. Er ist Stand Up Comedian! Er ist stets auf der Suche nach einem Gag, überall, auch dort wo es weh tun kann. Lachen ist Urlaub von schlechten Gedanken. Alles, was ein Stand Up Comedian sagt, ist der steten Suche nach dem Witz geschuldet, nicht der Suche nach einer universellen Wahrheit oder einer Ideologie. Ein Stand Up Comedian will, dass die Menschen lachen, über sich, über die eigenen Schwächen, aber auch über die eigenen schlechten Seiten. Manchmal ist ein Gag faul, aber das gehört dazu. Ein Ei muss erst aufgeschlagen werden, um sicher zu wissen, ob der Inhalt faul ist.

Natürlich gibt es auch Witze, die mich sprachlos machen. Im Oktober 2017 spielte mein guter Freund und Stand-Up-Comedian Chris Tall vor 12 000 Menschen in der ausverkauften Lanxess-Arena. Zu Anfang der Show rief in in der Absicht, die Stimmung anzuheizen: „Lasst uns die Bude abfackeln – jetzt ist Chris-Tall-Nacht!“

Als ich das hörte, stellte sich bei bei mir eine Körperfunktion ein, die jeder kennt, der einmal in einer Stand-Up-Show war. Anstatt dass sich der Mund öffnete, um zu lachen, gingen die Augen weiter auf, begleitet mit einem Zucken in der Zwerchfellgegend, das einem fassungslosen Lachen Platz machen könnte, aber stattdessen bleiben die Lippen fest verschlossen, die Zähne beißen auf die Innenseite der Lippen und man schüttelt den Kopf, während sich die Hand auf die Stirn und vor die Augen legt und sich der Kopf ein wenig senkt. Aus dieser Körperhaltung kann man sich auf drei Arten lösen: Durch Empörung, Lachen oder Ausklingen lassen. Ich entschied mich für die letztere Variante, schon allein, weil ich Chris Tall kenne und weiß, was für ein wunderbarer Mensch er ist, okay, sein Penis ist klein, aber sein Herz ist groß, aber auch, weil ich mir sicher war, dass niemand im Publikum saß, der sich von seinem Witz beleidigt gefühlt haben könnte, weil diese Menschen schon genug gelitten haben und sich daher nicht eine Show von Chris Tall antun.

Empörung ist selten die beste Reaktion, um auf einen Witz zu reagieren. Amina Yousaf von der Juso-Hochschulgruppe der Georg-August Universität in Göttingen wollte einen Auftritt von Chris Tall am 20. Januar 2016 an ihrer Universität verhindern, weil er ihrer Meinung nach einer Universität unwürdig sei. Sie berief sich dabei auf seine Nummer „Darf er das?“. Sie erklärte, es sei nicht in Ordnung, dass „weiße Männer entscheiden, ob sexistische oder rassistische Witze lustig sind“.

Nun kann man Amina Yousaf bei dieser Aussage zustimmen, sie verkennt jedoch, dass nicht Chris Tall entscheidet, was lustig ist! Ein Stand Up Comedian erzählt lediglich, was er lustig findet. Die Menschen im Publikum entscheiden dann, ob sie es auch lustig finden! Obwohl, auch sie entscheiden es nicht. Lachen ist nämlich keine bewusste Entscheidung. Lachen ist immer unfreiwillig. Ein Erbeben des Zwerchfells. Ein Mensch hört nicht einen Witz, sortiert ihn dann in seinen Schubladen ein und entscheidet dann, ob er lacht. Wenn ein Witz gut ist, muss der Mensch lachen. Er kann gar nicht anders. Die Frage, ob man über einen Witz lachen darf, ist bei einem guten Witz daher ganz einfach zu beantworten: „Man muss!“

Man kann sich nach einem Lachen zwar schämen, gelacht zu haben, so man sich dafür schämt, in aller Öffentlichkeit eine Erektion bekommen zu haben, aber die Scham lässt die Erektion ebensowenig verschwinden wie das Lachen. Das Lachen lässt sich nicht unterdrücken. Man kann höchstens hinterher lügen und sagen, also ich fand das überhaupt nicht komisch, so sie andere Menschen ihre Sexualität verleugnen. Aber das Lachen selbst ist wie die Lust vom Willen entkoppelt.

Wenn jemand einen Witz macht, über den man nicht lachen kann, dann lohnt es sich, die Ohren zu öffnen. Wenn nämlich andere lachen, dann hat es deren erogenen Lachmuskeln offenkundig stimuliert. Welches Recht haben wir, diesen Menschen das Lachen zu verbieten? Der Humor der Anderen ist keine krankhafte Perversion. Man muss den Humor nicht teilen, aber für jede humoristische Spielart gibt es eine Zielgruppe. Mich zum Beispiel lässt politisches Kabarett mit Gesinnungsgarantie kalt. Ich will nicht bedient werden. Ich will vom Comedian gefickt werden. Ich will lachen, weil ich muss!

Einem Menschen abzusprechen, Witze zu gewissen Themen zu machen, nur weil er weiß und männlich ist, also das Geschlecht und die Hautfarbe zum Ausschlusskriterium zu machen, ist sexistisch und rassistisch!

Apropos rassistisch, im Oktober 2017 erzählte der Stand Up Comedian Faisal Kawusi im Rahmen der XXL-Comedy Nacht vor über 14.000 Menschen einen Witz über Motsi Mabuse, in dem er insinuierte, sie könne, weil sie schwarz ist, verstehen, was Affen sagen. Der Witz war eindeutig rassistisch und löste auch bei mir auch Empörung aus. Da der Witz live vom öffentlich-rechtlichen Sender 1Live in Millionen Haushalte übertragen wurde, erklärte Redaktion auf Nachfrage:

„Faisals Äußerung über Motsi Mabuse stand nicht im Drehbuch der 1LIVE Köln Comedy-Nacht XXL. Sie war der 1LIVE Redaktion im Vorfeld nicht bekannt und wäre auch nicht gestattet worden. Der WDR und 1LIVE distanzieren sich von jeglicher Form von Rassismus.“

Die Amedeu Antonio Stiftung erklärt zudem, diese Art zu reden sei „für Diskussionen über Rassismus ein sehr gutes Beispiel und ohne Frage auch ein Fall, in dem meine KollegInnen ein Feedback an die Redaktion geben werden.“

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier (SPD) schrieb auf Facebook:

„Was für ein widerlicher Rassismus und die Leute, die sich diesen rassistischen und unlustigen Dreck anhören, buhen diesen Typen nicht etwa aus, nein, sie lachen auch noch darüber. Entsetzlich!“

Auch der Anwalt von Motsi Mabuse meldete sich zu Wort und erklärte, die Äußerungen seien „eindeutig rassistisch und verletzend“ und deshalb „auch nicht mit Satire zu rechtfertigen“. Er sagte weiter, die Angelegenheit hätte auch ein juristisches Nachspiel gehabt, wenn sich Faisal Kawusi nicht sofort bei Frau Mabuse entschuldigt hätte und die entsprechende Passage nicht gelöscht worden wäre.

Faisal Kawusi hatte offensichtlich nicht über seine Worte nachgedacht, ganz so, als kämen sie gar nicht von ihm. Wer vor 14.000 Menschen spricht und die Gefühle einer Masse lenkt, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein und ja, die Geschichte von Faisal Kawusi bedient rassistische Stereotype und erinnert an die Nazifans, die in Fußballstadien Spieler mit dunkler Hautfarbe durch das Imitieren von Affengeräuschen beleidigen. Zudem wohnt der Geschichte von Faisal Kawusi noch ein tief sitzender Sexismus inne, da ich mir sicher bin, dass er so niemals über einen Mann geredet hätte.

Der WDR nahm später die Geschichte aus dem Programm und kürzte den Auftritt von Faisal Kawusi nachträglich um die kritische Stelle. Da stellt ich mir jedoch die Frage: Ist das nachträgliche und kommentarlose Wegwischen eines rassistischen und sexistischen Witzes gerechtfertigt, nachdem er bereits Millionen Menschen zugänglich gemacht wurde? Ist es überhaupt gut, dass der WDR offen zugibt, gewisse Witze nicht zu gestatten oder sollten gewisse Witze tatsächlich nicht gestattet sein?

Ich bin ein großer Verfechter von Artikel 5 unseres Grundgesetzes, in dem uns Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit garantiert wird. Kaum ein anderes Grundrecht gibt uns die Möglichkeit, so tief und so ehrlich in die Seelen unserer Mitmenschen zu blicken. Im Oktober 2017 ermöglichten uns genau diese Grundrechte einen tiefen Blick in manche Seelen. In Köln hörten 14.000 Menschen im Stadion und Millionen Menschen an den Empfangsgeräten einen rassistischen und sexistischen Witz und nicht wenige von ihnen lachten. Eine Leserin dieses Artikels kommentierte:

„Rassismus ist Mobbing, er macht die Opfer krank und traumatisiert. Seelische Verletzungen sind äußerlich nicht sichtbar, trotzdem sind sie sehr real. Eine Schwarze kann nämlich ihre Hautfarbe nicht ändern, um der Demütigung zu entkommen. Daran sollte man beim „Witze“ reißen denken.“

Dem Humor freien Lauf zu lassen, ermöglicht dem Gegenüber einen tiefen Blick in die eigene Seele, vor allem in die unbewussten Flecken dieser Seele und jede Seele hat Flecken. Ich nehme mich da gar nicht heraus. Wie oft schon habe ich Sachen gesagt, die ich später und länger nachgedacht lieber nicht gesagt hätte und wie oft schon habe ich mich durch mein Lachen verraten.

Humor ist scheißegefährlich. Darum gehört der Witz auch stets zu den ersten Dingen, die Diktaturen verbieten. Comedy ist zudem eine harte Branche. Humor lebt von wilden Gedanken, von Grenzüberschreitung und einer Unangepasstheit. Wer auf einer Bühne ist und für den Witz steht, betreibt damit Hochleistungssport. Ein Comedian ist stets auf der Suche nach dem komischen Moment, nach der lustigen Assoziationen. Dabei kann es manchmal passieren, dass ein Comedian etwas sagt, das er nach genauerem überlegen lieber nicht gesagt hätte. Das aber gehört zum Lustigsein dazu, wie das Stolpern beim Tanzen. Es macht einen besser, wenn man bereit ist, den Fehler zu erkennen und ihn in Zukunft zu vermeiden. Der Fehler aber bleibt.

Im Oktober 2017 gab Faisal Kawusi mit einem schlechten Witz Einblick in seine Seele, der WDR demonstrierte seinerseits, wie er mit Rassismus und Sexismus umgeht und eine Menge Menschen im Publikum zeigten Seiten ihrer Seelen, als sie laut über den Witz lachten. Der Komiker Torsten Schlosser bringt es auf Facebook auf seine Art auf den Punkt:

„Die Szene ist völlig aus dem Häuschen. Der Kollege Faisal Kawusi, der Bad Boy der Comedy, hat mal wieder in die Vollen gegriffen und in der XXL-Comedy-Nacht in der Lanxess Arena vor 14.000 Zuschauern Motsi Mabuse aufgrund ihrer Hautfarbe mit einem Affen verglichen. Ich würde es gerne hier verlinken, aber der Beweis wurde mittlerweile gelöscht. Grundsätzlich würde ich auch Witze über Mabuse machen. Allein schon, weil sie bei diesem unsäglichen Let´s-Dance-Scheiß mitmacht. Grundsätzlich habe ich selber schon auf der Bühne Affen mehr zugetraut als Kindern. Allerdings nur in bestimmten Kontexten. Wenn man sowas macht, möge man mir bitte einen satirischen Kontext dazu liefern. Sonst ist mir persönlich das zu platt und zu grenzwertig. Ich kann dem Kollegen Kawusi da nichts vorwerfen. Er hat sich für eine bestimmte Richtung entschieden und die geht er konsequent – in diesem Sinne hat er nur eine eingeschränkte Wahl. Beim Publikum ist das anders. Das Publikum hat immer die Wahl. Vor einiger Zeit sind bei der Kunst gegen Bares in Leverkusen bei einem Auftritt 40 Prozent des Publikums aufgestanden und rausgegangen. In der Lanxess-Arena hat ein Großteil des 14.000-Mann-Publikums über den fragwürdigen Witz des Kollegen Kawusi gelacht. Damit hat das Comedy-Mainstream-Publikum das Schlimmste getan, was es tun kann: Es hat aufgegeben.“

Was den Witz von Faisal Kawusi für mich nicht lustig gemacht hat, war die Tatsache, dass es ein reines Auslachen war. Motsi Mabuse wurde ausgelacht. Wer solche Witze macht, ist ein Scharfmacher, der der Horde ein Bild präsentiert, das ausgelacht werden darf. Es ist ein Ausgrenzen mit Spaß und eine Inquisition mit Schenkelklopfen. Der Finger zeigt stets auf die Anderen.

Diese Art des Auslachens findet man leider auch viel zu oft im politischen Kabarett. Wer die jeweils Anderen im politischen Kabarett sind, hängt von der Gemütslage der jeweiligen Gesellschaft im Publikum ab. Ganz sichere Adressen sind jedoch stets “die da oben”, die dummen Amerikaner (hohohoho), die FDP (hihihi) oder, wenn man ganz besonders aufmüpfig sein will, Israel (uuuhhhhh).

Die fade Erklärung mancher Kabarettisten lautet, ein guter Kabarettist trete nie nach unten, aber die Aussage allein ist schon arrogant. So bestimmt nämlich der Kabarettist, wer unten ist und überhöht sich selbst, weil er natürlich über alles steht. Es ist eine sehr perfide Form der Selbstüberhöhung im Büßergewand und absolut chauvinistisch. Kein Wunder, dass es so wenig Frauen im Kabarett gibt. In der Comedy gibt es aber kein oben und unten. Jeder hat das Recht, verarscht zu werden! Es gibt nur lustig oder nicht lustig. Ein Witz ist der denkbar dümmste Ort für eine Debatte. Auf der Internetseite Lizas Weltfand ich folgende Worte:

„Die Funktion des deutschen Spaßmachers jedenfalls gleicht der des politischen Scharfmachers: Beide demonstrieren Identität. Sie verkörpern die Instanz, die es dem Publikum qua Identifikation erlaubt, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Wut über die gesellschaftlich produzierte Malaise an anderen abzureagieren.“

Jeder Mensch gibt Grund zu lachen, denn Menschen haben Ideologien, Religionen und Überzeugungen und die sind immer auch saukomisch. Es ist absolut berechtigt, darüber Witze zu machen! Wenn jemand glaubt, er würde beleidigt, nur weil über den Koran, das Evangelium, ein Manifest, Marx, Mohammed oder Jesus gelacht wird, verwechselt sich mit seinen Überzeugungen. Der Mensch ist jedoch mehr als die Summe seiner Ideen! Jede Religion, Ideologie und Überzeugung darf jederzeit verarscht werden, vor allem die eigenen, denn nichts kann greller Schallen als das Gesinnungslachen, das nur die Anderen auslacht. Das Gesinnungslachen ist der Sieg der Ideologie über den Witz.

Henryk M. Broder sagte im Jahr 2010 über seine Show „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“, in der er für eine Bestandsaufnahme mit seinem Kollegen Hamed Abdel-Samad durch Deutschland fuhr und die unterschiedlichsten Orte und Menschen besuchte: „Es war schon alles sehr komisch. Aber es war natürlich streckenweise unfreiwillig komisch, weil wir die Menschen, die wir besuchen, natürlich gebührend ernst nehmen und dann wird es komisch.“ Über die Cafeteria im Konzentrationslager Dachau zum Beispiel weiß Broder zu berichten: „Die können wir jedem nur empfehlen. Vollkommen entspannt und man muss zugeben , nach sechzig Jahren hat sich die Verpflegung wesentlich verbessert.“

Heute kann Hamed Abdel-Samad, der mit Henryk Broder durch Deutschland reiste, nicht mehr ohne Personenschutz das Haus verlassen. Seine kritischen Gedanken und sein Humor haben ihm mittlerweile eine Todesfatwa eingebracht. Er lebt heute unter permanenter Lebensgefahr. Lachen ist gefährlich! Es ist dennoch immer ratsam sich für den Witz und gegen die Ideologie zu entscheiden, denn eine menschliche Ideologie hält den Witz aus. Darum gilt:

Finde heraus, worüber Du nicht lachen kannst, denn oft ist das die Sache, die Du ein wenig zu ernst nimmst.

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14 Antworten zu Lachen ist gefährlich!

  1. György Loevey schreibt:

    Interessante Debatte, aber ich habe früh den Fokus verloren, und die einzige was ich sicher behaupten kann, dass ich kleine Titten MAG.

  2. Ludwig schreibt:

    „Finde heraus, worüber Du nicht lachen kannst, denn oft ist das die Sache, die Du ein wenig zu ernst nimmst.“

    Das stimmt, Herr Buurmann, nur gilt das gleichermaßen für andere Formen von grenzverletzender Rede und für verbale Gewalt. Zwar entsteht erst in den Köpfen des Publikums der Unterschied zwischen einem missglückten Witz und menschenverachtender Hassrede, trotzdem trägt der Redner Verantwortung für seine Worte und deren Effekte.

    Daher beschränkt das Grundgesetz die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit an bestimmten Stellen, wo diese individuellen Freiheiten schmerzhaft mit der Menschenwürde der Anderen kollidieren.

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