Wer möchte mit Fakten verwirrt werden?

Ein Beitrag von Cornelia de Ambrosia.

Da ich schon eine Weile vor Ort die Situation verfolge und die deutschsprachige Berichterstattung leider wichtige Zusammenhänge unerwähnt lässt, sehe ich es als meine Pflicht, zumindest hier einen Teil der weniger erwähnten Realität preiszugeben.

Überall lese ich, Trump hätte durch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels dem Friedensprozess ein Ende gesetzt. Angesichts der Reaktionen muss man sich allerdings fragen, ob unter diesen Umständen Frieden überhaupt möglich und gewollt ist.

Wie kann man Gewalttaten gegen Unschuldige in Israel dulden, gar in Schutz nehmen und als legitime Form des Protests sehen, aber sich dann wundern und ärgern, wenn Menschen auf die gleiche brutale Weise in Frankreich, Deutschland, England und anderswo ermordet werden?

Terror ist überall Terror. Aber es scheint so, als ob der Terror in Israel in den Augen vieler westlichen und arabischen Medien gerechtfertigt wäre. Vierundzwanzig Stunden sind vergangen, seitdem der amerikanische Präsident die Hauptstadt des Staates Israel anerkannt hat; Jerusalem, die Stadt in der ich zur Zeit ein Auslandssemester verbringe.

Sämtliche internationale Staatsoberhäupter halten ihre Reden in der Knesset in Jerusalem und bis 1981 war die US amerikanische Botschaft in Jerusalem. Doch nun, wegen ein paar Worten, die einfach nur das bestätigen, was schon lange so ist, sind Leib und Leben in Gefahr. Denn auch wenn jüdische Israelis das bevorzugte Opfer sind, kann es jeden treffen, egal, ob Touristen, Israelis, Araber, Christen, Juden, Muslime, Beduine, Atheisten, Väter, Mütter oder Kinder.

Menschen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sind, können einfach so, auf offener Straße, erstochen, angefahren, gesteinigt oder erschossen werden. Schon oft wurden israelisch-arabische Busfahrer, europäische Touristen und Andere, die nicht zur eigentlichen Zielgruppe der Terrorangriffe gehören, ermordet. Ein Terrorist fragt nicht, bevor er sticht.

Gewalt ist kein entschuldbares Verhalten. Nirgendwo. Doch deutsche Medien suggerieren, Präsident Trump würde den Friedensprozess gefährden. Der amerikanische Präsident, der in seiner Rede das Recht der Muslime in Al Aqsa zu beten und die Zwei-Staaten-Lösung verteidigte, gefährdet den Friedensprozess? Nicht diejenigen, die hier, vor Ort, zu Terror-Taten gegen Unschuldige aufrufen und diese begehen? Weil die USA nun die Botschaft nach Jerusalem verlegt, werden sich die Angriffe in Israel häufen? Es scheint fast, als würde nach Gründen gesucht, um gewalttätig zu werden und Medienaufmerksamkeit zu wecken.

Im Juli, nachdem zwei israelisch-drusische Polizisten ermordet wurden, wurden am Tempelberg an den Eingängen für Muslime Metalldetektoren positioniert, so wie es beim einzigen Eingang für Nicht-Muslime schon lange üblich ist. Doch der Großmufti von Jerusalem verlautbarte, die Metalldetektoren würden die Gebete ungültig machen und so beteten Hunderte Menschen Tagelang auf den Straßen, auch als es keinerlei Sperrungen oder Restriktionen gab. Vierundzwanzig Stunden lang war der Tempelberg daraufhin gesperrt, man fand einige Dutzende Messer, einige Schusswaffen und Schlagstöcke in Wänden, Bänken und Büchern versteckt. Übrigens ist es allen anderen Religion verboten, dort zu beten, was strengstens kontrolliert wird.

An diesem Beispiel sieht man, wie irrational und desinformierend gehandelt wird. Wir haben es hier nicht mit westlichen Standards zu tun, bei denen ein Mindestmaß an kritischem Denken und Wahrheit üblich sind, sondern mit einer Politik, die Ihre Bevölkerung arm, ignorant und desinformiert hält. Warum? Weil es funktioniert.

Menschen werden protestieren, Journalisten werden berichten und Gelder werden fließen.

Weil die Regierungsvertreter in Gaza und in der West Bank sich damit bereichern und dabei die Bevölkerung misshandeln. Die West Bank und Gaza erhalten pro Kopf den mit Abstand höchsten Beitrag an humanitärer Hilfe. Auch die Dichte von Nichtregierungsorganisationen in der Region ist beeindruckend. Doch das Geld kommt nicht an. Es wird für Waffen und Raketen verwendet, von den korrupten Regierungsmitgliedern einbehalten oder an die Familien der groß gefeierten Martyrer (Attentäter) ausgezahlt.

Es schockiert mich, dass viele Medien diese Propagandamaschinerie unterstützen, denn bei ihren Berichten fließen mehr Spenden in die falschen Taschen. Vielleicht hat Europa das Bedürfnis, den einzigen jüdischen Staat zu dämonisieren, um die eigene Vergangenheit relativieren zu können. Anders kann ich mir die Obsession der vielen europäischen NGOs, Touristen, Journalisten und Spender nicht erklären.

Es wird kaum über die tagtäglichen Angriffe berichtet, die Versuche, beim Laubhüttenfest die Hütten, in denen Menschen schlafen, anzuzünden, dass in vielen Gegenden Juden nur unter Lebensgefahr mit Sicherheitsschutz unterwegs sein können, dass die arabischen Christen fast alle die Gebiete in der Autonomiebehörde verlassen haben, Meinungsfreiheit in Gaza wegen der Hamas problematisch ist, Frauen in den Autonomiegebieten wesentlich benachteiligt sind und einige so sehr unter Druck stehen, dass sie Anschlagsversuche begehen, um einen Ausweg aus häuslicher Gewalt und familiärem Druck zu finden.

Ich bin keine Siedlerin. Ich bin keine Israelin. Doch auch ich könnte, wenn ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin, von einem schweren Stein am Kopf erschlagen, in den Gassen der Altstadt, auf dem Weg zur Klagemauer, erstochen, in der Straßenbahn angegriffen, beim Warten auf den Bus überfahren oder von einem arabischen Mitarbeiter im Büro ermordet werden, der von Terrororganisationen erpresst wird. Solche grauenvollen Taten sind hier leider Teil des Alltags, auch wenn es nicht in den Medien berichtet wird.

Ständig gibt es Aufrufe zur Gewalt, ständig werden irgendwo im Land Brandsätze und Steine geworfen, Fallen für Autos vorbereitet, Messerattacken verübt, Bussprengungen und Angriffe auf Autoinsassen versucht.

Meine Mitbewohnerin hätte beinahe ihren Vater und ihre Schwester während jeweils der ersten und zweiten Intifada verloren, einmal bei einer explodierenden Autofalle, bei der eine Frau umkam und einmal bei einem Angriff auf offener Straße, bei dem ein vorbeifahrendes Auto, das, in dem ihre Schwester saß, mit einem Maschinengewehr durchgeschossen wurde. Es ist ein Wunder, dass sie noch lebt.

Viele der Freunde meiner Mitbewohnerin wurden verletzt, ein halbes Dutzend sogar umgebracht. Sie erzählte, sie sei bei allzu vielen Beerdigungen ihrer Freunde gewesen. Die Angriffe sind nicht nur während der Intifadas und nach politischen Ereignissen passiert, sondern es gibt sie ständig, mal mehr und mal weniger.

Jeder in diesem Land kennt jemanden, der in einem Terrorangriff verletzt oder getötet wurde oder Verbrennungen, Glas- oder Metallsplitter in seinem Körper hat. Das ist die Realität hier. Doch die meisten reden nicht darüber, sie wollen sich in ruhigeren Augenblicken nicht an diese schmerzhaften Erlebnisse erinnern, sondern sich auf die guten Dinge des Lebens konzentrieren.

Vielleicht ist deswegen dieses Land so lebendig, so lebensfroh, so optimistisch und solidarisch. Die Menschen hier lassen sich von diesem Grauen nicht aufhalten, genauso wenig wie die Generationen vor Ihnen. Stets versuchen sie, das Gute zu finden und zu erschaffen, sich nicht auf den Tod zu fokussieren, sondern auf das Leben.

הי

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