Sophia Thomalla am Kreuz – Die Gefühlsfundamentalisten

Für eine Werbekampagne hat sich Sophia Thomalla an einem Kreuz hängend ablichten lassen. Wie Jesus trägt sie auf dem Bild eine Dornenkrone. Der Slogan zu dem Bild lautet: „Weihnachten wird jetzt noch schöner“.

Am 12. Dezember 2017 veröffentlichte Sophia Thomalla ein Bild des Fotoshootings via Instagram und schrieb dazu: „Ziemlich breites Kreuz für eine Frau mit so schmalem Körper.“ Danach ging der Trubel los.

Es kann jedoch Entwarnung gegeben werden. Der Papst hat keine Fatwa über Sophia Thomalla verhängt. Das Haus des Fotografen wurde nicht von einem Selbstmordattentäter in die Luft gejagt. Es wurden keine Flaggen der DDR verbrannt, dem Land, in dem Sophia Thomalla geboren wurde. Es gingen keine tausend Christen auf die Straße, um zu marodieren und dabei „Jesus ist groß“ zu brüllen. Die Redaktion des Fotografen wurde nicht unter Jesusrufen niedergemäht und es explodierte auch keine Bombe im Unternehmen des Auftraggebers der Werbekampagne.

Aber ein bißchen zickig sind manche Christen schon. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, zum Beispiel erklärte: „Das ist nicht einmal Kunst. Nur geschmacklos und dumm.“ Er sprach sogar von einer Verletzung religiöser Gefühle.

Immer haben sie es mit den religiösen Gefühlen. Ich habe nichts gegen religiöse Gefühle, wenn sie nur nicht so unglaublich leicht zu verletzten wären! Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob eine Person überhaupt religiöse Gefühle verletzten wollte. Sophia Thomalla zum Beispiel erklärt, dass sie keine religiösen Gefühle verletzen wollte, aber was verletzend ist, bestimmt im religiösen Diskurs offensichtlich nur der religiös Gefühlige und sobald seine Gefühle verletzt sind, glaubt eben dieser Gefühlsfundamentalist, dass er seinen Mitmenschen sagen darf, was sie zu tun und zu lassen haben.

Religiöse Menschen können auf das Äußerste provoziert sein, wenn es Menschen gibt, die sich nicht an ihre religiösen Gesetze halten.

Wie kann sich überhaupt ein Menschen in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlen, wenn ein anderer Mensch, der nicht einmal Mitglied seiner Religionsgemeinschaft ist, sich nicht an die Regeln seiner Gemeinschaft hält? Stellen wir uns mal vor, Tischtennisspieler würden sich beleidigt fühlen und ausrasten, weil Tennisspieler die Punkte nicht „1 2 3 4“ zählen, wie beim Tischtennis, sondern „15 30 40 45“. Die deutsche Politik würde vermutlich sofort eine Deutsche Tischtennis-Tennis-Konferenz einberufen, um die Situation zu schlichten. Das Ergebnis der Konferenz wäre vermutlich:

„Die Deutsche Tischtennis-Tennis-Konferenz ist nach intensiven Gesprächen zu der Erkenntnis gelangt, dass es mehr Dinge gibt, die Tischtennis und Tennis einen als trennen. Im Grunde ist Tennis wie Tischtennis, nur dass der Tisch größer ist und die Spieler auf dem Tisch spielen. Daher Verlagen wir Toleranz und sprechen uns vehement gegen Tischtennisphopie aus. Tischtennis bedeutet Frieden.“

Wenn religiöse Menschen von nicht-religiösen Menschen erwarten, ihren Geboten zu folgen, dann verteidige ich meine Überzeugen jetzt mit gleicher Vehemenz: Ich bin fürderhin dauerbeleidigt!

Es beleidigt meine religiösen Gefühle, wenn es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gibt. Es beleidigt meine religiösen Gefühle, wenn es keine Presse-, Meinungs-, Religions- und Kunstfreiheit gibt und wenn Homosexuelle hingerichtet werden. Wenn ich jetzt aber anfangen würde, deshalb Botschaften und Flaggen anzuzünden, dann bräuchte ich eine Menge Öl.

Ein Wort, das religiöse Menschen besonders gerne auf ihre Lippen tragen, ist „Respekt“. Wer vom Respekt vor religiösen Gefühlen spricht, holt einen Trumpf gegen Bürger- und Freiheitsrechte hervor. Mir kann diese Form von Respekt gestohlen bleiben! Wissen Sie, was ich respektlos finde? Es ist respektlos Menschen vorzuschreiben, sich an die religiöse Pflichten der Anderen zu halten. Es ist respektlos Männern oder Frauen die gleichen Rechte aufgrund eines Gottes abzusprechen. Es ist respektlos Menschen zu verbieten, sich über Religionen lustig zu machen. Es ist respektlos, die Meinungsfreiheit zu opfern, weil es Menschen gibt, die an den Erzoberosterhasen glauben. Es ist aber auch respektlos Menschen zu verbieten, ihre Moscheen, Kirchen, Synagogen oder Tempel zu bauen!

Sophia Thomalla erklärt: „Ich persönlich möchte niemanden damit angreifen. Ich finde es nur bizarr, dass Sie mir, obwohl die Kirche viele Hinrichtungen, Kreuzigungen, Hexenverbrennungen in alter Grauzeit hatte und pädophile Eskapaden in der Neuzeit, mir etwas vorwerfen.“

Ich finde es wunderbar, dass Sophie Thomalla am Kreuz hängt. Ich finde es sogar theologisch gut, weil auf diese Weise jene Menschen angesprochen werden, die bisher außen vor blieben. Dank Sophia Thomalla haben jetzt auch heterosexuelle Männer was vom Christentum. Bisher wurden ja nur Homosexuelle angesprochen, was bei dem Lebenswandel von Jesus auch kein Wunder ist und erklärt, warum im Christentum die Männer und Frauen so oft unter sich bleiben. Klöster sind im Grunde frühe Schwulen- und Lesbenclubs. Der schwule Kuss mit Judas bleibt unvergessen.

Ich finde etwas Abwechslung am Kreuz nicht schlecht. Bei der 25-Jahr-Feier der Kunst-Station Sankt Peter sollte im Jahr 2012 zum Beispiel eine Ausstellung mit Zeichnungen des österreichischen Malers Siegfried Anzinger eröffnet werden, der seinen „Hieronymus-Zyklus“ im Altarraum zeigen wollte. Da zu diesem Zyklus gehörte auch das Bild eines gekreuzigten Schweins gehörte. Der Kurator Guido Schlimbach fürchtete daraufhin um den Frieden der Gemeinde und bat Anzinger, das Bild mit dem gekreuzigten Schwein separat auf einer Empore auszustellen. Siegfried Anzinger lehnte diesen Vorschlag jedoch mit Hinblick auf die Aussage des Gesamtkunstwerkes ab und betonte: „Ich lasse keines meiner Kinder am Bahnhof zurück.“ Guido Schlimbach sagte daraufhin die Ausstellung „schweren Herzens“ ab.

Das Kreuz eignet sich nicht als Symbol der Gewissheit. Das Kreuz ist ein Symbol des Zweifels, denn der Zweifel an Gott macht den Menschen aus. Selbst Jesus überkam in der absoluten Menschwerdung, die im Tod ihre Vollendung fand, der Zweifel. Im Sterben fagte Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“

Für mich stellt das Schwein am Kreuz keine Beleidigung dar, im Gegenteil. Für mich ist ein Schwein am Kreuz ein eindringliches Symbol für das Leiden einer unschuldigen Kreatur. Schweine sind mit die klügsten und niedlichsten Tiere, die es gibt. Kein Wunder, dass Juden und Muslime sie nicht essen wollen. Schweine haben genau die Eigenschaften und Talente, die wir Hunde schätzen. Pater Werner Holter jedoch sah das anders und erklärte:

„Ein Schwein, stellvertretend für die unschuldige Kreatur ans Kreuz geschlagen, ziemlich trivial, wenn nicht sogar zynisch – angesichts der Tatsache, dass unweit von uns an einem Tag fast hundert wehrlose Kinder einfach massakriert werden.“

Mit der gleichen Begründung hätte er die Bezeichnung des Allerheiligsten als „Lamm Gottes“ als trivial bezeichnen. Symbole und symbolische Handlungen zeichnen sich gerade dadurch aus, für jeden zugänglich zu sein, denn nichts anderes bedeutet das lateinische Wort trivialis. Sogar Jesus hat sich trivialer Symbole bedient. Bei der Hochzeit zu Kana verwandelt er Wasser und Wein und lässt so die Hochzeitsgesellschaft die Schönheit der Schöpfung spüren. Ist ein solches Symbol nicht auch ziemlich zynisch angesichts der Tatsache, dass Jesus seine Kräfte nutzt, damit sich eine Gesellschaft besaufen kann, statt hungernden und leidenden Kinder mit seiner Macht zu helfen? Das Schwein ist für mich als Symbol so zulässig wie das Lamm, der Wein oder Sophia Thomalla.

Als Christ finde ich jeden künstlerischen Umgang mit den Symbolen meiner Kultur spannend, herausfordernd und lehrreich. Sophia Thomalla hat gezeigt, dass das Antlitz Gottes auch weiblich sein kann. Das ist keine Beleidigung, sondern eine geradezu heilige Aussage. So eine klare und heilige Aussage suche ich in manchen Kirchen vergebens.

Mein Glaube wird durch dieses Bild nicht beleidigt. Ich finde das Bild sogar schön. Mein Christentum wird durch dieses Foto sogar geehrt. Es beleidigt mich, wenn das jemand anders sieht! (Ich habe schnell gelernt.)

Ich habe auch kein Problem damit, dass Sophia Thomalla mit dem Foto Geld verdient. Es ist Weihnachten. Da muss man auch gönnen können.

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