Weil Jude nicht gleich Israeli ist

Ein offener Brief von Karl E. und Elvira Grözinger an den Tagesspiegel als Erwiderung auf Shimon Stein und Moshe Zimmermann.

Das Duo Shimon Stein und Moshe Zimmermann hat wieder einmal zugeschlagen. Sie tun das nach dem bei den Achtundsechzigern gebräuchlichen Verfahren, dass man dem politischen Gegner erst eine Dummheit unterstellt, um sodann dieser die eigene Ideologie als der Weisheit letzten Schluss zu präsentieren. Dass sie dabei selbst in die nach ihrer Meinung nur der anderen Hälfte der Menschheit vorbehaltene „Antisemitismusfalle“ treten, braucht sie dabei nicht zu stören. Man muss sich schon die Augen reiben, wenn ein Historiker schreibt, „der Begriff Israelit ist schlicht der moderne Ersatz für den traditionellen Begriff Jude“.

Anscheinend kennt der Mann nicht die jüdische Literatur, wo der Israeli (hebr. Jisraeli), spätestens seit dem Mittelalter als Bezeichnung eines Angehörigen des jüdischen Volkes gebräuchlich war. So wie dort Ägypter, „Mizrijim“ genannt werden, so auch „Jisraelim“, als Männer zweier verschiedener Völker. Dass man damit – und das ist in der Tat eine Begriffsveränderung – nun auch den Bürger des Staates Israel bezeichnet, ist indessen kein willkürlicher Zufall, sondern entspricht der von den beiden Autoren bestrittenen Kontinuität von Judentum und Israel, die aber Grundstein des gesamten Zionismus ist und war. Den staatsbürgerlichen Begriff Israeli gibt es nur, weil die zionistischen Juden der jahrtausendealten „Judennot“, sprich der Verfolgung, entkommen wollten, weil der Israeli des jüdischen Exils einen sicheren Staat haben wollte, in dem er sein eigener Souverän wäre.

Wie immer die beiden Schreiber es drehen und wenden mögen, dies war der vom Staat Israel übernommene Anspruch des Zionismus, nämlich eine Heimstätte für das Volk Israel, alle Juden oder Israelim zu sein. Wenn dabei die politische Wirklichkeit nicht immer dem Ideal entspricht – in welchem Staatsmodell ist dies schon der Fall? – so wird dadurch das Ideal als Ziel und das Recht der „Rückkehr“ nicht aufgehoben.

Die Katze lassen die beiden Herren jedoch da aus dem Sack, wo sie behaupten: „Man kann theoretisch für diese Entwicklung“ – nämlich der anscheinend den Antisemitismus erzeugenden Begriffsverwirrung von Israeli und Jude – „auch Israel oder die israelische Politik mitverantwortlich machen. Denn es ist der Staat Israel, der darauf beharrt, der ultimative Vertreter aller Juden zu sein. So werden die Diasporajuden nolens volens zu Auslands-Israelis und somit zur erweiterten Angriffsfläche für Israelgegner, aber auch für Antisemiten, die Israel als Alibi für ihre Attacken benutzen.“

Merken diese beiden nicht, dass sie damit mitten in der Antisemitismusfalle stecken, denn es war schon immer ein zentrales Argument der Antisemiten, dass die Juden selbst an ihrem Unglück und am Antisemitismus schuld sind. Dies ist eine eklatante Verharmlosung der modernen politischen Variante des Antisemitismus – ein pures Missverständnis, nach Auffassung der beiden Autoren.

Natürlich gibt es in Deutschland und auch sonst in der Diaspora jüdische Parteigänger von Stein und Zimmermann, die fanatische Antizionisten sind und den Staat Israel als legitime Form des Judentums bestreiten. Aber die Mehrheit der Diasporajuden, und dies haben die beiden wohl nicht wahrgenommen oder geflissentlich verdrängt, weiß um die existentielle Bedeutung des jüdischen Staates für sie selbst, auch wenn sie nicht in Israel leben. Dies sind Menschen, welche die Geschichte, die in der Schoah ihren grausamen Höhepunkt fand, nicht vergessen können und wollen, anders als offenbar der israelische Historiker und sein diplomatischer Kompagnon.

Was hier geschieht, ist, dass zwei linke Israelis ihren durchaus legitimen innenpolitischen Kampf den weltweiten Antisemiten zum Fraß vorwerfen, die diesen natürlich begierig aufgreifen. Als es noch keinen jüdischen Staat gab, sprach man in solchen Fällen von „jüdischem Selbsthass“. Auch hier muss man dann offenbar die erwähnte Begriffsverschiebung vornehmen und von „israelischem Selbsthass“ sprechen. Solange dieser Hass das jüdische Individuum in der Diaspora selbst betraf, war das dessen persönliche Sache. Wo aber falsche Argumente für die weltweiten Antisemiten, welche sich das politische Mäntelchen der Israelkritik umhängen, angeboten werden, wird dies zu einem alle Juden – auch die im Staat Israel lebenden – bedrohenden Politikum, dem jeder historisch denkende und sich erinnernde Mensch mit aller Deutlichkeit entgegentreten sollte.

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14 Antworten zu Weil Jude nicht gleich Israeli ist

  1. skl schreibt:

    Ob der Staat Israel für alle Juden spricht oder nicht, ist eine nebensächliche Diskussion, weil es darauf nicht ankommt. Dass man meint, es wäre zum Nachteil, wenn der einzige Rechtsstaat in der Region das tut, lässt hingegen tief blicken.

    • HM schreibt:

      „….Ob der Staat Israel für alle Juden spricht oder nicht, ist eine nebensächliche Diskussion, weil es darauf nicht ankommt….“

      Neben dem zu klärenden Sachverhalt, ob der Staat der für alle sprechen will und ob das auch die Angesprochenen zulassen, denke ich, dass es außerordentlich wichtig ist welchem Staat sich Teile einer Bevölkerung verpflichtet fühlen. Wird doch an den arabischen Israelis deutlich. Herr Zoabi ist leider nicht für viele beispielgebend

  2. Stephan Wolf schreibt:

    Meint ihr da Moshe Zuckermann oder gibt es noch einen von der Sorte?

  3. Tobias Claren schreibt:

    Ich sage und schreibe NIE „uns“ oder „wir“ in Bezug auf Deutschland…
    Egal ob es gegenüber einem Deutschen oder Ausländer ist, immer „die Deutschen“, „Deutschland“ etc..

    Und Ich würde mich beleidigt fühlen, wenn mich jemand nur weil Ich (mein Bewusstsein) zufällig hier geboren bin, dem Staat Deutschland zuordnet.

    Wäre Ich formal Jude, Ich wäre Atheist, und würde wie Siegmund Freud sagen „Der Glaube an Gott ist eine Infantile Neurose mit Vaterkomplex“. Er mag zwar mal bedauert haben, dass das Judentum in seiner Familie nicht gelebt wurde, meinte damit aber eher das kulturelle feiertagliche etc., nicht unbedingt die „Zwangsstörungen“…
    Und beim Judentum kämen faktisch noch „Zwangsstörungen“ hinzu. Milch/Fleisch nicht zusammen, keine Aasfresser (Hummer, Aal, eben die guten Meeresfrüchte ;-] ), kein Schweinefleisch, das extreme Gewese was als „Arbeit“ gilt (Lichtschalter, Sprachsteuerung…) und ein eigenes Institut beschäftigt etc..
    Das sind zweifellos Zwangsstörungen, nur weil es das Etikett „Religion“ hat, ändert das nichts daran.
    Manche Familien haben zwei komplette Einbauküchen in einem Raum gegenüberliegend, inkl. Töpfen, Pfannen etc.. Damit nicht mal Fleisch und Milch in einer Pfanne, auf einem Herd WAR. Tja, das IST krank…

    • A.mOr schreibt:

      Und herablassender Spott ist eine Krankheit der Deutschen, aber wir wollen ja nicht verallgemeinern.

    • A.Bundy schreibt:

      Strunzblödes,antisemitisches Dummmichel-Geschwätz.
      Geh bloß sterben, du dämlicher Judenhasser!

    • Lancelot schreibt:

      Diese Regeln haben schon einen Sinn. Dazu muss man wissen, dass es in früheren Zeiten nie so hygienisch zu ging und um Krankheiten zu vermeiden, wurden eine Reihe von Gesetzen entworfen, die eben für Hygiene sorgen.

      Bei den heutigen hygienischen Standards, guten Putzmitteln und Lebensmittelkontrolle sind diese Gesetze überflüssig, aber gläubige Juden halten sich dran.

      • bergstein schreibt:

        Kaschrut hat weder mit Neurosen noch mit Hygiene etwas zu tun, wobei Kaschrut niemals konträr zu Hygiene ist. Das Ganze ist wesentlich komplexer und kann nicht in ein paar Sätzen erklärt werden. Ich erlaube mir jedoch die Sache zumindest anzureißen.

        In Judentum gibt es ein Paar absolute Grundelemente, wozu auch das Streben zu höheren geistigen Ebene zählt. Um das überhaupt erreichen zu können, braucht man zunächst zweierlei. Einerseits muss man sich von der untersten Ebene abheben und anderseits sich für die höhere Ebenen öffnen.

        Die untere Ebene ist die Ebene den Instinkte, die beim Mensch und Tier gleich ist. Ein Tier geht einfach seinen Trieben nach, sei es z.B. das Essen oder die Fortpflanzung. Insoweit versucht man diese Triebe zwar nicht zu unterbinden, jedoch zu beherrschen. Man soll sich zwar durchaus auf leckeres Essen freuen und es auch genießen, durch Institute wie Kaschrut oder die Segensprüche vor dem Essen soll aber verhindert werden, dass man sich einerseits wie ein Tier auf das Essen stürzt und andererseits überhaupt zunächst sich klar macht, was man da essen möchte.

        Um sich für höhere Ebenen zu öffnen, soll jede Handlung zu Einem mit höherem Sinn verbunden werden und zu Anderem, muss alles was gemacht wird, in vollem Bewusstsein geschehen was man überhaupt tut und aus welchen einzelnen Aspekte sich diese Handlung zusammensetzt.

        Bevor ein praktizierender Juden etwas zu sich nimmt, muss er sich überlegen, was es ist, ob es koscher ist und somit genau analysieren, was er genau essen möchte, er muss sich überlegen welcher Segenspruch zu dieser Speise passt und er bedankt sich durch den Segenspruch, bevor er die Speise zu sich nimmt, beim Gott.

        • besucher schreibt:

          Oh, viele Worte von etwas, was hier weder schreibt noch liest. Da kann ich Fragen stellen: Muss ich mit meinem Essen vorher beten – also wenn es noch lebt – oder kann ich es danach machen, also wenn ich seinen Kopf abgeschnitten habe und ich ihm die Haut abgezogen habe, die Andere dann anziehen? Ist Dual-Use erlaubt? Also warmer Hals und voller Bauch? Also Bergstein, überzeugen Sie! :-O

        • Lancelot schreibt:

          bergstein,
          Das erklärt aber nicht, warum z.B. Rindfleisch koscher ist, Schweinefleisch aber nicht.
          Ist ein Schwein weniger wert als eine Kuh, oder ist das Schwein nicht würdig, den Juden zu mehr geistigen Fähigkeiten zu verhelfen? Dienen die Speisegesetze etwa dazu, alles Essbare in „gute Nahrung“ und „schlechte“ Nahrung“ einzuteilen?

          Also habe ich mich im Internet schlau gemacht und fand diese Seite hier.
          http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21461

          Da heißt es unter Fleischgenuss, dass diese Speiseregeln die Menschen ethisch-moralisch formen. Aber seien wir ehrlich, mich persönlich interessiert nicht, wie das Tier früher gelebt hat, wie genau die Schlachtung ablief und wie das Fleisch weiter verarbeitet wurde. Wenn ich im Supermarkt Fleisch kaufe, dann weiß ich, dass es von Tieren stammt, aber an die Tiere selber denke ich nicht. Und ob ein Tier im Freiland oder in engen Gehege aufgewachsen ist und ob es schnell oder langsam geschlachtet wurde, erkennt man nicht am Fleisch.

          Unter dem Stichpunkt Gottesgeschöpfe steht dann im Artikel auch noch, dass der Mensch nicht nur an das Tier denken soll, sondern daran, dass dieses Tier von Gott stammt. Das wissen gläubige Menschen auch so, ohne dass man sie bei jedem Essen daran erinnert.

          Was bringt es denn, über das alles nachzudenken, wenn Nahrung den Sinn hat, den Mensch zu ernähren? Das macht ja auch kaum einer, wie ebenfalls im Artikel steht. Denn diese Regeln sind veraltet, kurios und schränken das Leben ein.

          • Paul schreibt:

            „Das erklärt aber nicht, warum z.B. Rindfleisch koscher ist, Schweinefleisch aber nicht.“
            Hallo Lancelot,
            ich sehe gerade dies als eine Hygienevorschrift, weil in warmen Ländern Schweinefleisch sehr schnell verdirbt, schneller als Rindfleisch.

            Herzlich, Paul

    • Antje Aging schreibt:

      …möge das das Einzige sein, was Sie im Judentum nicht begreifen können!

    • skl schreibt:

      Und beim Judentum kämen faktisch noch „Zwangsstörungen“ hinzu.

      Etwas das für alle anderen Religionen auch gilt, explizit im selben Satz nur mit „Judentum“ zu nennen, hinterlässt einen gewissen Beigeschmack, findest du nicht?

  4. Dante schreibt:

    Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Allenfalls kann man da noch einiges herausarbeiten, was implizit schon da steht.

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