Gott ist kleiner

Es ist Gotteslästerung zu behaupten, Gott brauche weltliche Gesetze, um seine Macht zu bezeugen. Es ist zudem respektlos und beleidigend zu behaupten, man dürfe nicht über Gott lachen oder über die zum Teil doch sehr albernen Kreaturen, die er geschaffen hat.

Im Namen Gottes zu sprechen, beleidigt mich. Ich jage allerdings nichts hoch und ich zwinge mein Umfeld nicht, meinem Glauben zu folgen. Das ist vielleicht ein Fehler. Ich könnte gewiss auf Toleranz und Respekt gegenüber meinen Gefühlen hoffen, wenn ich nur ein wenig gewalttätiger wäre. Ich bekäme vielleicht sogar eine eigene Konferenz und steuerliche Unterstützung.

Aber ach, wer ist schon Gott?

Ein kluger Mensch hat mal behauptet, Gott würfelt nicht. Aber ich glaube, dass Gott nicht nur würfelt, sondern auch noch bescheißt. Und was machen wir? Wir schaffen uns Theorien und hoffen, dass in der Zeit, in der wir leben, atmen, fressen und scheißen, die Theorie nicht widerlegt wird. Aber sie kann widerlegt werden. Jede Theorie muss widerlegbar sein, sonst ist sie überhaupt nichts wert. Im Grunde wird alles irgendwann widerlegt. Auch ich werde irgendwann für ewig widerlegt. Deshalb ist das Leben so kostbar.

Lange Zeit dachte ich, ich hätte so unglaubliche Angst vor dem Tod, weil ich keine Ahnung habe, was danach kommt. Aber das ist Quatsch, wie ich jetzt weiß. In Wirklichkeit habe ich diese unglaubliche Angst, weil ich genau weiß, was danach kommt. Wir wissen es doch alle ganz genau! Da brauchen wir uns überhaupt nichts vormachen. Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten, ganz logisch betrachtet: nicht mehr sein oder für immer. Für immer!

Für immer? In zehn Jahren werden wir darüber lachen.

Ich war höchstens zwölf Jahre alt, als ich das erste Mal versuchte, die Unendlichkeit zu sehen. Das war so eine fixe Idee von mir. Im Schlafzimmer meiner Eltern standen damals zwei große Spiegel, einer für Vati, einer für Mutti. Ich stellte sie einander gegenüber und schon war sie da, die Unendlichkeit. Ich musste nur noch nachschauen. Ich stellte mich also zwischen die beiden Spiegel und sah mich.

Was hatte ich denn auch erwartet. Ich stand im Weg. Die Unendlichkeit war hinter mir. Ich war zwar noch ein Kind, aber die Unendlichkeit war kleiner. Sie ist immer kleiner.

Gott ist unendlich. Deshalb ist er kleiner, kleiner als wir alle.

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