Die Wa(h)re Frau

Neulich stellte Sandra Kreisler auf Facebook folgende Frage:

„Liebe Leute, ich hab mal eine Frage – ich krieg was nicht zusammen:

1. Ich finde diese neue Prüderie, die ausbricht, schauderhaft. Kein Sex vor der Ehe, kein Knutschen in der Öffentlichkeit, keine Nacktszenen im Fernsehen, keine FKK Strände, keiner sonnt mehr oben ohne und so fort.

2. Ich finde die Girlies, die immer weniger anhaben und sich bemühen, Po und Busen besonders freizustellen, schauderhaft. Sie laufen rum wie Pornomodels und bemühen sich nicht mal mehr darum, als Person gesehen zu werden oder gar als intelligente Person: nur noch ziemlich nackt und mit baumelnden Brüsten als Sexobjekt – ich sehe sie immer häufiger.

3. Ich finde Niqabs und Burkas schauderhaft. Auch das trägt zur Sexualisierung der Frau bei – oder besser eben: Es bestätigt eine Sexualisierung die im Mann stattfindet und gibt diesem damit Recht, indem es die Frau möglichst versteckt.

Drei Dinge, die nicht zusammenpassen. Was soll ich davon halten?“

Ich habe lange darüber nachgedacht. Die Antwort, die mir kam, ist erschreckend:

Die drei Dinge passen sehr gut zusammen. Sie sind das Vorspiel zu etwas grausamen, das kommen kann, wenn wir nicht aufpassen!

Immer wieder wurden und werden Kriege in männlich geprägten Kulturen am Körper der Frau verhandelt. Die Frau als Symbol der Ehre steht am Anfang vieler und vor allem der ältesten Kriege, zum Beispiel die „schöne Helena“.

Im 21. Jahrhundert stehen sich auf unserem Erdenball zwei große in ihren Grundsätzen unterschiedliche Kulturblöcke gegenüber. Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu erkennen, zu beschreiben und zu analysieren, denn nur so kann eine Katastrophe verhindert werden. Es gibt natürlich viele Abstufungen, Gemeinsamkeiten, Verbindungen und vor allem gibt es noch unzählige weitere Kulturen, aber es kommt mir jetzt auf die zwei großen Kulturen an, die sich heute so gegenüberstehen, wie im 20. Jahrhundert die USA und die UDSSR, wobei dort die Gemeinsamkeiten deutlich größer waren, als bei den heutigen zwei Blöcken, die ich westliche Welt und islamische Welt nennen möchte, auch wenn ich weiß, dass der Islam im Westen leben kann, obwohl ich mir nicht so ganz sicher bin, ob der Westen im Islam leben kann.

Sowohl im Westen als auch im Islam gibt es eine lange Geschichte der Frauenunterdrückung. Im Westen jedoch fand eine Emanzipationsbewegung der Frau statt. Sie ist zwar noch nicht vollendet, aber deutlich weiter vorangeschritten als im Islam, wo in den Ländern, in denen der Islam herrscht, Frauen in Stoffgefängnisse gesperrt, unter Kopftüchern gezwängt und manchmal sogar gesteinigt werden.

Das Prinzip der Freiheit des einzelnen Menschen, das im Westen ganz oben auf der Liste der Werte steht, weicht im Islam dem Prinzip der Unterwerfung unter Gott. Der Westen sucht Gleichberechtigung in der Differenz der Menschen, der Islam sucht Frieden in der Einzigartigkeit von Gott, beide Ziele, Gleichberechtigung und Frieden, sind edel, die Wege aber sind unterschiedlich.

Jeder Mensch, egal welchen Geschlechts, darf selbst entscheiden, was er oder sie anzieht, mögen es nun kurze Hosen, Röcke, Anzüge, Stöckelschuhe, so unbequem sie auch immer sein mögen, Kopftücher, Niqabs, Bikinis, Schulterpolster oder Sandalen mit Socken sein, obwohl ich bei letzterem Kleidungsstil gegen ein Verbot nicht unbedingt demonstrieren würde.

Die Selbstverständlichkeit der freien Kleidungswahl gibt es in vielen islamisch geprägten Ländern nicht und wird gerade auch im Westen, wo Muslime selbstverständlicher Teil der Kultur sind, massiv in Frage gestellt. Dabei herrschen Glaubens-, Gewissens-, Kunst- und Meinungsfreiheit im Westen. Dafür haben mutige Frauen und Männer vor uns gekämpft.

Heute wird an allen Ecken der Gesellschaft darüber diskutiert, was die „wahre Frau“ anziehen soll. Soll sie Kopftuch tragen oder soll es ihr verboten werden? Darf sie sich sexy kleiden oder soll sie stets züchtig sein? Über die Frage, was die „wahre Frau“ ist, wird sie zur „Ware Frau“ und es ist genau diese Ware, mit der oft gehandelt wird, bevor ein Krieg beginnt.

Ich hoffe, ich habe unrecht, aber ich sehe in der Art und Weise, wie heute wieder über die Ehre der „schönen Helene“ verhandelt wird, die Vorboten eines neuen Kriegs am Horizont.

Menschen aus der eher christlich geprägten westlichen Welt mit ihren aufgeklärten Werten, die sich oft auch gerne gegen christliche Dogmen richten, kollidieren geraden massiv mit Menschen aus der islamisch geprägten arabischen Welt mit ihren patriarchalen Werten, wo Individualismus nicht gerade gefördert wird. Und wieder ist es der Körper der Frau, an dem sie ihre Differenzen abhandeln. Es ist erschreckend, wieviele Frauen auf beiden Seiten bei diesem Spiel mitmachen.

Es gibt nur einen Weg heraus aus diesem Dilemma. Bedingungslose Emanzipation der Frau! Eine Frau im Westen darf so natürlich ein Kopftuch tragen, wie eine Frau in der islamischen Welt sagen können muss: „Fick Dich Mohamed, ich zieh mich an, wie es mir gefällt. Dein islamischer Scheiß geht mir am Arsch vorbei!“

Und ja, jede Frau darf so reden!

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„Die Menschenrechte haben kein Geschlecht!“ (Hedwig Dohm)

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