Es gibt keinen Grund zur Panik

Einige glauben, Deutschland stünde kurz vor der feindlichen Übernahme durch den Islam, andere glauben, Deutschland stünde kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Für die einen ist jeder Moslem ein Nazi, für die anderen jeder AfD-Politiker. Beide Befürchtungen sind völlig hysterisch.

Das Christentum in Deutschland ist nicht in Gefahr, im Gegenteil. Die größte Partei Deutschlands hat das Wort „christlich“ im Namen und sämtliche staatlich verordneten religiösen Feiertage sind christlich. Ebensowenig ist die AfD eine Nazipartei. Die Leute, die das sagen und dabei erklären, jene, die die AfD wählen, hätten nichts aus der deutschen Geschichte gelernt, haben selber nichts aus der Geschichte gelernt. Sie relativieren und verharmlosen die Nazis.

Die Nazis waren keine alten Tattergreise mit Hundekrawatten und keine offen lesbisch lebenden Mütter aus der Schweiz. Die Nazis waren kein Vogelschiss, zu keiner Zeit ihrer Existenz. Die Nazis waren von Anfang an größtenteils junge, männliche Schergen, die fest davon überzeugt waren, so fest verwurzelt auf der richtigen Seite zu stehen, dass es ihnen moralisch geboten erschien, ihre politischen Gegner zu verfolgen, zu schlagen und zu töten.

Die Nazis wurden damals von den Deutschen nicht verhindert und das nagt heute an der Seele vieler neuer Deutschen, die stolz darauf sind, nicht stolz zu sein. Sie wollen beweisen, dass sich Deutschland gebessert hat und dass sie selbst niemals auf die Nazis reingefallen wären. Um das jedoch zu beweisen, brauchen sie Nazis. Deshalb sehen sie überall Nazis und wo es keine gibt, schaffen sie einfach welche. Sogar israelische Politiker und amerikanische Präsidenten erklären sie zu Nazis, wenn es sein muss und der Selbstfindung dient. Sie brauchen Nazis, um über achtzig Jahre zu spät die NSDAP zu verhindern. Darum jazzen sie ihre politischen Gegner zu Nazis hoch, skandalisieren jedes unbedachte Wort und sehen schon die Schornsteine der Vernichtungslager rauchen, wenn wer das Wort „völkisch“ sagt.

Es gibt in Deutschland eine Lust nach Nazis, eine Todessehnsucht nach der Dämmerung der Demokratie, um endlich beweisen zu können, dass man dieses Mal auf der richtigen Seite steht.

Es ist immer Vorsicht geboten, wenn sich eine Gruppe von Menschen gegen ein Feindbild formiert, möge das Feindbild auch noch so schlecht sein. Sehr schnell entsteht in solchen Gruppen nämlich eine Dynamik, die dafür sorgt, dass jede abweichende Meinung zum Verrat erklärt wird. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, ist die Rhetorik dieser neuen Patrioten und die Aufforderung zur Distanzierung ihr Mittel der Unterdrückung.

Es ist wie mit einem Moslem, der stets in die Ecke von muslimischen Terroristen gedrängt wird. Ununterbrochen wird er von seinen Nachbarn kritisch beäugt. Jedes seiner Worte wird auf eine höchst sensible Waagschale gelegt. Überall wird von ihm verlangt, dass er sich von Islamisten und Salafisten distanziert. Es ist nicht leicht, unter diesem ständigen Druck der Selbstverteidigung leben zu müssen, vor allem dann nicht, wenn man als Moslem erkennen muss, dass es innerhalb der eigenen Gemeinschaft kaum eine Kraft gibt, die gegen islamischen Terror protestiert, wie es im Jahr 2017 in Köln deutlich wurde, als nur ein paar wenige Muslime auf dem Heumarkt für ein friedliches Miteinander demonstrierten. Im Sommer 2014 jedoch schlossen sich abertausend Muslime auf den Straßen Deutschlands zusammen, um den Tod von Juden zu fordern.

Es ist nicht leicht, in so einem Umfeld stolzer Moslem zu sein. Ich jedenfalls hätte dieser Gemeinschaft schon längst den Rücken gekehrt und zwar so konsequent wie ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin. Für mich gibt es innerhalb des organisierten Islams zu viele widerliche Subjekte. Auch innerhalb der AfD gibt es genug Politiker und Politikerinnen, die derart abscheuliche Dinge von sich geben, dass es mir absolut unerklärlich ist, wie man Mitglied oder Wähler dieser Partei sein kann. Dennoch: Die AfD ist wie der Islam Teil der deutschen Gesellschaft.

Der Islam gehört zu Deutschland.
Die AfD gehört zu Deutschland.

Sie gehören zu Deutschland wie die Sprüche Mohammeds zum Islam gehören, die Sprüche Höckes zur AfD und Kartoffeln zu Deutschland, obwohl die Kartoffel einen Migrationshintergrund hat. Sie wanderte im 17. Jahrhundert nach Europa ein und wurde in Preußen am 24. März 1756 durch einen sogenannten „Kartoffelbefehl“ von Friedrich II integriert. Es ist daher besonders lustig, wenn ein Migrant einen Deutschen „Kartoffel“ nennt.

Eine andere oft verwendete Beleidigung neben „Kartoffel“ ist das Wort „Nazi“. Diese Beleidigung wird oft benutzt, um Menschen zu entmenschlichen, was unbedingt nötig ist, um ihnen das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit absprechen zu können. Es gibt Menschen, die sind so frei von jedem Zweifel und so sicher, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen, dass sie Gewalt rechtfertigen oder billigend in Kauf nehmen, um ihre Gewissheit zu manifestieren. Jeder Mensch läuft Gefahr, in das Schussfeld dieser Selbstgerechtigkeit zu geraten.

Wer einmal einen Menschen erfolgreich aus dem Diskurs entfernt hat, weil er ihn zu einem Nazi erklärt hat, wird diese Strategie weiterverfolgen. „Wehret den Anfängen“ brüllen diese gerechten Putztruppen und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer Angst konstruieren. Aus dieser Angst nehmen sie andere Menschen als Geisel ihrer Befürchtung. Diese Angst ist die Wurzel jedes totalitären Denkens. Sie ermöglicht Gewalt über Gedanken als Präventivschlag.

Wenn es Leuten schlecht geht, flüchten sie. Manche flüchten in andere Länder, andere flüchten in Ideologien. Es gibt Länder und Ideologien die sind eher gut und es gibt welche, die sind eher schlecht. Wer sich das Äußern einer Meinung verbittet, sorgt lediglich dafür, dass die Meinung nur noch gedacht wird! Aber nur weil ich jemanden nicht mehr höre, heißt das nicht, dass er die Sache nicht mehr denkt. Die Meinung wird lediglich erst sichtbar, wenn sie sich zu einer Handlung entwickelt hat. Dann aber ist es oft zu spät! Andere Meinungen auszugrenzen ist jedoch so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden.

Es gibt viele Dinge, die ich an der AfD kritisiere, aber ich kritisiere auch den Islam, das Christentum und die Grünen. Wenn ich aber in der Lage bin, den Koran oder die Bibel zu tolerieren, dann bin ich auch in der Lage, das Parteiprogramm der AfD zu tolerieren.

Je bunter eine Gemeinschaft wird, umso mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Farbe hinzukommt, die man nicht mag. Vielfalt bedeutet, das zu tolerieren, was man zwar nicht akzeptieren kann, das aber dennoch nicht verboten ist.

Das Jahr 2018 ist nicht 1933. Als im Jahr 1933 eine radikal antidemokratische Partei bei den Wahlen in der Weimarer Republik über dreißig Prozent holte, hatte Deutschland eine zahnlose Verfassung. Ohne Probleme konnte die NSDAP diese Verfassung abschaffen und eine Diktatur installieren. Das geht heute nicht mehr! Heute sind wir hervorragend konstituiert.

Unsere deutsche Verfassung, das Grundgesetz ermöglicht es uns, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, auch wenn sie einer extremen Ideologie, Religion oder Überzeugung angehören, parlamentarisch Gehör verschaffen können, um im Streit, in der Auseinandersetzung und einer möglichen Zusammenarbeit eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Die Verfassung, die uns das ermöglicht, wurde uns unter anderem von den Amerikanern, Engländern und Franzosen geschenkt, die diese Verfassung vor über siebzig Jahren für uns erkämpft haben. Diese großen Nationen haben kein Problem damit, auch extreme Positionen in ihre Politik zu integrieren. Ob nun Marine Le Pen in Frankreich oder Brexit-Befürworter in Großbritannien, extreme Positionen können dort sogar Wahlen gewinnen und dennoch gehen diese Nationen daran nicht zu Grunde. Es wird lediglich intensiver diskutiert, auf den Straßen mehr demonstriert und bei Familienfeierlichkeiten etwas mehr gestritten, aber die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist in keine dieser großen Nationen in Gefahr.

Diese Länder zeigen uns, dass die Antwort auf extreme Positionen nicht ein Verbot ist, sondern eine starke Konstituierung, die an extremen Haltungen nicht zu Grunde geht, sondern sie parlamentarisch zu integrieren versteht. Integration ist das Stichwort!

Seit fast zweieinhalb Jahrhunderten ist die amerikanische Verfassung in Kraft. Allein in den letzten zwanzig Jahren haben die Vereinigten Staaten von Amerika extreme Machtwechsel erlebt. An einem Tag war Bill Clinton Präsident, am nächsten Tag George W. Busch, dann Barack Obama und darauf Donald Trump. Radikalere Unterschiede in der Macht sind kaum denkbar. Dennoch schaffen es die USA, diese radikalen Wechsel der Macht zu organisieren. Ihre Verfassung macht es möglich. Die USA ist eben ein Einwanderungsland und keine andere Nation versteht Integration der unterschiedlichsten Haltungen und Positionen daher besser als diese wunderbare Föderation.

Ein Land mit einer guten Verfassung weiß, dass es Menschen mit radikal unterschiedlichen Meinungen und Haltungen gibt und dass darunter sogar eine Menge haarsträubender Ideologien zu finden sind. In einem Land mit einer guten Verfassung werden diese Haltungen jedoch nicht verboten, sondern in einem gut konstituierten Umfeld gezügelt, damit sie sich mit allen anderen Überzeugungen auseinandersetzen müssen. Jede Überzeugung und mag sie noch so göttlich oder menschlich sein, darf diskutiert, kritisiert und lächerlich gemacht werden.

Kruden Thesen und Meinungen sind nicht ganz so gefährlich, wenn sie sich mit anderen Ansichten messen lassen müssen. Nichts nutzt dem bösen Wort mehr als die Macht, alle anderen Worte verbieten zu können. Selbst eine Restriktion in bester Absicht eingeführt, kann zur gefährlichen Waffe werden, wenn die falschen Leute an die Schalthebel dieser Macht kommen.

Bei jedem Gesetz sollte man sich die Frage stellen: Kann ich wollen, dass dieses Gesetz auch gilt, wenn meine politischen Gegner an der Macht sind? Wenn diese Frage mit Nein beantwortet wird, sollte von diesem Gesetz Abstand genommen werden. In der Verfassung der DDR stand im Artikel 6 Absatz 5:

„Militaristische und revanchistische Propaganda in jeder Form, Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass werden als Verbrechen geahndet.“

Klingt gut, oder? Wer ist schon ein Freund von Kriegshetze und Rassismus? Ist doch gut, wenn all das verboten wird. Es war genau dieser Absatz, mit dem Kritikerinnen und Kritiker des unmenschlichen DDR-Regimes in Knast und Folter gesperrt wurden.

Rede nie mit einem selbsternannten Friedensaktivisten! Es ist eine Falle! Wer sich nämlich so nennt, macht Dich zu einem Kriegsaktivisten, sobald Du es auch nur wagst zu widersprechen! Du kannst nur verlieren!

So verführerisch es klingt, die Antwort auf extreme Positionen ist nicht ein Verbot, sondern eine starke Verfassung, die an extremen Haltungen nicht zu Grunde geht, sondern sie parlamentarisch zu integrieren versteht. Und selbst wenn im Parlament mal ein Fehler passiert, so gibt es immer noch den Bundesrat, den Bundespräsidenten, das Bundesverfassungsgericht und am Ende sogar Artikel 20 Absatz 4.

Es gibt genug Werkzeuge der Gewaltenteilung, um uns gelassen selbst mit extremen Positionen auseinanderzusetzen. Es gibt keinen Grund zur Panik.

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