Ein Brief an die Ossis

Liebe Ossis,

eigentlich krass, dass die Kategorien Ossi und Wessi immer noch Bedeutung haben.

Vor ein paar Jahren habe ich einen Witz über den Osten Deutschlands gemacht, für den ich mich heute schäme. Ich weiß nicht mehr genau, was mich damals zu dem Witz hat hinreißen lassen, vielleicht war es das Ergebnis einer Wahl in Ostdeutschland oder irgendeine unappetitliche Entwicklung bei einer Demonstration in Dresden, aber ich dachte, es sei komisch, den Menschen in Ostdeutschland eine Flutkatastrophe zu wünschen. Ich schrieb damals: „River Elbe do it again!“

Heute schalte ich den Fernseher ein und sehe überall Gewaltphantasien gegen Euch. Auf NightWash Live erklärte Maria Clara Groppler:

„Man macht einfach etwas Zitronensaft auf die Avocados und dann werden die nicht braun. Deswegen mein Vorschlag: Wir nehmen einfach Löschflugzeuge, füllen die mit Zitronensaft und lassen sie über Chemnitz fliegen. Und wenn das nicht funktioniert: Napalm!“

Und auf ZDFneo erklärte Jan Böhmermann:

„In Sachsen stimmten über 24 Prozent aller Wählerinnen und Wähler für die AfD. Das Einzige, was dieses Bundesland jetzt noch retten kann, ist eine Koalition aus Roter Armee und Royal Air Force.“

Da ich Mitglied im Artikel 5 Club bin, verteidige ich das Recht jedes Komikers und jeder Komikerin, sich über alles lustig zu machen, auch wenn es geschmacklos ist. Ich halte auch nichts davon, von Comedians eine Entschuldigung zu fordern. Es ist nicht leicht, lustig zu sein. Wer auf der Suche nach dem Lachen ist, stolpert ab und zu. Manchmal fliegt er sogar auf die Schnauze. Humor ist stets ein Tanz am Rand des guten Geschmacks. Dieser Tanz ist jedoch wichtig, denn er wird zur Freiheit getanzt.

Wer glaubt, ein Mensch sei eine Gefahr, weil er einen Witz macht, glaubt auch, eine Frau sei eine Gefahr, wenn sie ohne Verschleierung aus dem Haus geht. Jan Böhmermann und Maria Clara Groppler trauen sich, humoristisch die Hosen runter zu lassen. Sie konfrontieren uns mit ihrer humoristisch dunklen Seite.

Mit ihren Witze haben mich Groppler und Böhmermann an meinen Elbe-Spruch erinnert und ich stelle fest: Heute stehe ich nicht mehr dahinter.

Ich stelle mir vor, jemand würde einen solchen Witz über Polen oder Ungarn machen. Ich kann mir trotz manch einer unappetitlichen Regierung in diesen Ländern nicht vorstellen, dass eine solche Gewaltphantasie gegen ein ganzes Volk gesendet werden würde. Es wird zwar von ARD bis ZDF gegen Politiker und Parteien der genannten Länder sogar mit übelsten Beleidigungen gewitzelt, was vollkommen akzeptabel ist, aber eine Hetze gegen das ganze Volk ist nicht denkbar.

Warum ist das im Falle der Sachsen anders? Niemals würden wir Napalm gegen Muslime fordern, trotz des Islamischen Staates. Niemals würden wir mit Bomben über Budapest witzeln, trotz Viktor Orbán.

Ich weiß nicht, was besonders Westdeutschland immer wieder dazu hinreißen lässt, Euch in einer Art zu behandeln, wie wir es bei keiner anderen Gruppe zulassen würden. Ich vermute allerdings, dass die Komiker im Westen nur deshalb so reden, weil sie vergessen haben, was sie Euch zu verdanken haben. Daher möchte ich jetzt ein paar längst überfällige Worte des Dankes an Euch richten.

Vor dreißig Jahren habt Ihr unserem gemeinsamen Land geschenkt, was es so lange hat vermissen lassen und das dennoch so wichtig ist für eine friedliche und prosperierende Nation. Ihr habt uns geschenkt, was für Amerikaner und Franzosen seit über zwei Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit ist. Ihr habt uns eine Revolution der Freiheit geschenkt.

Jede Nation, die sich weder völkisch oder rassistisch definiert, sondern die sich als Hüterin der Aufklärung versteht, braucht einen Moment, wo Menschen sich zusammengefunden haben, nicht weil sie die gleiche Hautfarbe haben oder an den selben Gott glauben, sondern weil sie frei sein wollen. Diesen Moment habt Ihr uns geschenkt.

In den Jahren 1988/89 gingt Ihr auf die Straßen, um zu demonstrieren. Ihr tatet dies unter Einsatz Eures Lebens. Niemand wusste, wie die Staatsmacht reagieren würde. Ihr gingt jedoch nicht auf die Straße, weil Ihr physisch gehungert habt, Ihr gingt auf die Straßen, weil Euch nach Freiheit hungerte. Ihr wolltet sagen können, was Ihr wollt, auch wenn es den Mächtigen nicht gefällt, Ihr wolltet reisen können, wohin Ihr wollt; Ihr wolltet schlicht und ergreifend Freiheit und diesen Ruf der Freiheit verbandet Ihr mit dem Spruch: „Wir sind das Volk!“

Diese Revolution war der Beginn der Nation, die seit dem 3. Oktober 1990 als Deutschland bekannt ist.

Heute ist Deutschland eine Nation, die wie alle aufgeklärten Nationen von der Idee der Freiheit und von den Prinzipien der Menschenrechte beseelt ist. Deutschland ist ein Land, in dem sich politische Gegnerinnen und Gegner die Klinke der Macht in die Hand geben, weil niemand Angst haben muss, wenn der politische Gegner an die Schalthebel der Macht kommt. Deutschland wird nicht mehr von der Angst vor dem Anderen gelenkt, sondern von einer Verfassung getragen, in der jeder dem Anderen ein anderes sein kann.

Liebe Ossis,

Dank Eures Kampfes wurde das Grundgesetz der BRD mit seinen Grund- und Menschenrechten eine Art Verfassung für Deutschland. Dank Eurer Revolution unterzeichneten die USA, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion mit dem Osten und dem Westen Deutschlands den Friedensvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg, der als Zwei-plus-Vier-Vertrag in die Geschichte eingegangen ist.

Seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland eine Nation, der man so sehr ver- und misstrauen kann wie jeder anderen verfassten Nation auch. Deutschland ist ein Land, in dem ich gerne lebe und in dem ich zu besonderen Anlässen sogar gerne die Fahne schwinge.

Liebe Ossis,

Ihr habt das möglich gemacht!

Daher verspreche ich Euch, egal wie sehr mich auch manch eine Wahl in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern aufregt und wie sehr ich manch eine Demonstration in Dresden oder Leipzig mit Sorge beobachte, ich werde Euch niemals mehr als Kollektiv verhöhnen. Dafür bin ich Euch viel zu dankbar.

Mir ist klar, Euch als Kollektiv danken, ist zwar nur die andere Seite der Verhöhnung des Kollektivs, da aber letzteres bereits mit voller Wucht im westlichen Mainstream angekommen ist, gestatte ich mir hier die positive Gegenkonstruktion.

Ich weiß, selbst wenn Ihr wütend seid, sogar so wütend, dass Ihr Euch im Ton vergreift oder eine Partei wählt, die im Westen nicht ganz zu hoch steigt, wie bei Euch, möge die Partei nun sehr links oder sehr rechts stehen, Ihr werdet Euch niemals mehr von einer Regierung versklaven lassen. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn.

Ihr habt mir gezeigt, dass wir vor keiner Partei Angst haben müssen, wenn wir nur auf unsere Verfassung vertrauen. Jede Partei, die nicht von den Organen verboten wurde, die die Verfassung dafür vorsieht, kann mal in Regierungsverantwortung kommen, denn am Ende gilt: „Wir sind das Volk!“

Wir haben eine Verfassung und diese Verfassung ehrt die Würde des Einzelnen und verteidigt die Freiheit. Nur, wer nicht an unser Grundgesetzt glaubt, kann Angst haben vor einer Partei, die in Sachsen gewählt wurde. Egal, wie gewählt wird, am Ende steht die Verfassung. Sie erlaubt es, dass jede Partei mal an die Macht kommt, auch der politische Gegner. Wer davor Angst hat, vertraut der Verfassung nicht.

Ich habe Vertrauen und es wurde durch Euch erstritten und bekräftigt. Dafür sage ich: Danke!

Alles Liebe,
Gerd Buurmann, ein Wessi

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.