Ein Brief zum Tag der Deutschen Einheit

Ihr mutigen Demonstranten von 1989,
Ihr Flüchtlinge in der Prager Botschaft,
Ihr mutigen Kämpferinnen und Kämpfer für die Freiheit,

vor dreißig Jahren habt Ihr unserem gemeinsamen Land geschenkt, was es so lange hat vermissen lassen, obwohl es so unendlich wichtig ist für eine friedliche und prosperierende Nation. Ihr habt uns gegeben, was für Amerikaner und Franzosen seit über zwei Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit ist. Ihr habt uns eine Revolution der Freiheit erstritten.

Jede Nation, die sich weder völkisch noch rassistisch definiert, sondern die sich als Hüterin der Aufklärung versteht, braucht einen Moment, wo Menschen sich zusammengefunden haben, nicht etwa weil sie die gleiche Hautfarbe haben oder an den selben Gott glauben, sondern weil sie frei sein wollen. Diesen Moment habt Ihr uns geschenkt.

In den Jahren 1988/89 gingt Ihr auf die Straßen, um zu demonstrieren und kehrtet dem Regime der Unterdrückung den Rücken. Ihr tatet dies unter Einsatz Eures Lebens. Niemand wusste, wie die Staatsmacht reagieren würde.

Ihr gingt jedoch nicht auf die Straße, weil Ihr physisch gehungert habt. Ihr gingt auf die Straßen, weil Euch nach Freiheit hungerte. Ihr wolltet sagen können, was Ihr wollt, auch wenn es den Mächtigen nicht gefällt. Ihr wolltet reisen können, wohin Ihr wollt. Ihr wolltet schlicht und ergreifend Freiheit. Diesen Ruf der Freiheit verbandet Ihr mit dem Spruch: „Wir sind das Volk!“

Diese Revolution war der Beginn der Nation, die seit dem 3. Oktober 1990 als Deutschland bekannt ist.

Heute ist Deutschland eine Nation, die wie alle aufgeklärten Nationen von der Idee der Freiheit und von den Prinzipien der Menschenrechte beseelt ist. Deutschland ist ein Land, in dem sich politische Gegnerinnen und Gegner die Klinke der Macht in die Hand geben, weil niemand Angst haben muss, wenn der politische Gegner an die Schalthebel der Macht kommt. Deutschland wird nicht mehr von der Angst vor dem Anderen gelenkt, sondern von einer Verfassung getragen, in der jeder dem Anderen ein anderes sein kann.

Zwar steckt die Angst noch in vielen Ecken und tritt manchmal brutal und leider auch mörderisch zu Tage, wenn Demonstrationen eskalieren oder Menschen auf offener Straße attackiert werden, aber noch hat die Angst nicht über die Vernunft gesiegt.

Dank Eures Kampfes wurde das Grundgesetz der BRD mit seinen Grund- und Menschenrechten eine Art Verfassung für Deutschland. Dank Eurer Revolution unterzeichneten die USA, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion mit dem Osten und dem Westen Deutschlands den eigentlichen Friedensvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg, der als Zwei-plus-Vier-Vertrag in die Geschichte eingegangen ist.

Seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland eine Nation, der man so sehr ver- und misstrauen kann wie jeder anderen verfassten Nation auch. Deutschland ist ein Land, in dem ich gerne lebe und in dem ich zu besonderen Anlässen sogar gerne die Fahne schwinge.

Ihr habt das alles möglich gemacht!

Daher möchte ich Euch heute am Tag der Deutschen Einheit Danke sagen, egal wie sehr mich auch manch eine Wahl in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern aufregt und ich manch eine heutige Demonstration in Dresden oder Leipzig mit Sorge beobachte.

Ich bin mir sicher, selbst wenn Ihr wütend seid, sogar so wütend, dass Ihr Euch im Ton vergreift oder eine Partei wählt, die im Westen nicht ganz zu hoch steigt, wie im Osten, möge diese Partei nun sehr links oder sehr rechts stehen, Ihr habt mir gezeigt, dass wir vor keiner Partei Angst haben müssen, wenn wir nur auf unsere Verfassung vertrauen. Jede Partei, die nicht von den Organen verboten wurde, die die Verfassung dafür vorsieht, kann mal in Regierungsverantwortung kommen, denn am Ende gilt: „Wir sind das Volk!“

Wir haben eine Verfassung und diese Verfassung ehrt die Würde des Einzelnen und verteidigt die Freiheit. Nur, wer nicht an unser Grundgesetzt glaubt, kann Angst haben vor einer Partei, die in Sachsen gewählt wurde.

Ich bin mir sicher, heute kann es in Deutschland eine grüne Bundeskanzlerin und eine Ministerpräsidentin der AfD geben, ebenso selbstverständlich wie es einen Ministerpräsidenten der Linken gibt, denn egal, wie gewählt wird, am Ende steht die Verfassung. Sie erlaubt es, dass jede Partei mal an die Macht kommt, auch der politische Gegner. Wer davor Angst hat, vertraut der Verfassung nicht.

Ich habe Vertrauen in die Verfassung unseres Landes und sie wurde durch Euch erstritten und bekräftigt. Dafür sage ich: Danke!

Und wenn ich mir am Tag der Deutschen Einheit auch noch etwas wünschen darf, dann das: Ich wünsche mir etwas weniger Hass. Merkel ist keine Fotze, Weidel keine Nazischlampe und Lindner auch nur ein Mann im Unterhemd.

Natürlich hasse auch ich viele Dinge. Ich hasse es, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts diskriminiert werden. Ich hasse Rassismus, Sexismus und Antisemitismus. Aber selbst verständlicher Hass ist kein guter Treibstoff der Politik. Daher wünsche ich mir für die nächsten Jahre mehr dafür und weniger dagegen!

Ich zum Beispiel bin nicht gegen die AfD, sondern für eine andere Partei. Ich bin nicht gegen den Islam, sondern für eine Gleichberechtigung aller Religionen und vor allem für das Recht, alle Religionen und Parteien gleichermaßen verarschen zu dürfen.

Lasst uns dreißig Jahre nach dem Mauerfall keine neue Mauern hochziehen!

Ich muss nicht erklären, gegen irgendetwas zu sein. Sobald ich mich nur klar und deutlich positioniere und sage, wofür ich bin, lebe, liebe und kämpfe, wird es schon genug Menschen geben, die erklären werden, dass sie gegen mich sind. Sie werden ihrerseits Mauern hochziehen, um mich auszugrenzen. Warum soll ich ihnen dabei helfen? Warum soll ich meine Kraft vergeuden und Mauern bauen, die eh gebaut werden?

Wenn ich sage, wofür ich bin, werden mich Menschen ausgrenzen. Sie werden die übelsten Dinge über mich verbreiten. Sie werden sagen, ich sei voller Hass, so voller Hass, wie sie es selber sind. Sie werden mich anprangern für die Dinge, gegen die ich angeblich sein soll, weil ich erklärt habe, wofür ich bin.

Wenn eine Masse von Menschen sich formiert, nicht etwa um zu erklären, wofür sie sind, sondern wogegen sie sind, dann ist der gemeinsame Nenner dieser Menschen nicht etwas konstruktives, sondern etwas destruktives.

Es ist immer Vorsicht geboten, wenn sich eine Gruppe von Menschen gegen ein Feindbild formiert, möge das Feindbild auch noch so schlecht sein. Sehr schnell entsteht in solchen Gruppen nämlich eine Eigendynamik, die dafür sorgt, dass abweichende Meinungen dazu führen, dass die „Abweichler“ und „Verräter“ in die Hände des Feindes geschleudert werden. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, ist die Rhetorik dieser Leute und die Aufforderung zur Distanzierung ist ihr Mittel der Unterdrückung. „Wehret den Anfängen“ brüllen die gerechten Putztruppen und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer eigenen Angst hinter Mauern konstruieren. Aus dieser Angst nehmen sie andere Menschen als Geisel ihrer Befürchtung. Diese Angst ist die Wurzel des totalitären Denkens. Sie ermöglicht Gewalt über Gedanken als Präventivschlag.

Andere Meinungen auszugrenzen ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen!

Lasst uns nicht mehr in alte Reflexe verfallen. Lasst uns mehr Freiheit wagen. Wenn der 3. Oktober für etwas steht, dann dafür, das Menschen frei sein wollen und das Einheit nicht etwa bedeutet, eine Einheitspartei, Einheitsmeinung oder Einheitskultur zu etablieren, sondern dafür, dass wir uns alle im Bewusstsein vereinen können, unterschiedlich zu sein.

Kämpfen wir weiter für ein Land, in dem wir gut und gerne leben können, selbst wenn mal unsere politischen Gegnerinnen und Gegner an der Macht sind.

Alles Liebe,
Gerd Buurmann

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