„Es zerreißt mir das Herz“

Deutliche Worte von Helge David Gilberg zu dem Anschlag in Halle, gehalten am 10. Oktober 2019 vor dem Kölner Dom.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Kölnerinnen und Kölner,

es wird dunkel in Deutschland, aber ich will nicht, dass es dunkel in Deutschland wird!

Es wird dunkel in den Herzen und in den Seelen der Menschen, die von diesem Anschlag betroffen sind – die Hinterbliebenen der Opfer, denen wir hier Gedenken!

Wir alle haben gewusst, dass mit dem gestiegenen Antisemitismus, der tagtäglich in unserem Land stattfindet, irgendwann ein rechtsradikaler Antisemit eine solche Tat begehen wird.

Es zerreißt mir das Herz, dass Juden und Jüdinnen in diesem Land nicht mehr sicher sein können.

Es zerreißt mir das Herz, dass wir miterleben müssen, dass nach 1945 und den mörderischen Regime der Nazis so etwas wieder auf deutschem Boden möglich ist.

In meinen schlimmsten Albträumen habe ich nicht für möglich gehalten, dass wir uns in diesem Land diese Frage wieder stellen müssen. Wie konnte so etwas wieder in Deutschland passieren? Wie konnte es passieren, dass Rechtsradikale in diesem Land wieder Fuß fassen? Haben wir nichts aus der Geschichte unseres eigenen Landes gelernt?

Glauben wir bitte nicht, dass es das nicht in Köln gibt! Glauben wir bitte nicht, dass es in Köln keinen Antisemitismus gibt! Auch hier gibt es braune Horden, die verbale und körperliche Übergriffe auf Jüdinnen und Juden verüben! Glauben wir bitte nicht, Köln wäre eine Insel der Seligen!

Eine der schlimmsten Ursachen für den gewachsenen Antisemitismus und die nun geschehenen Morde finden wir in der andauernden Grenzüberschreitung des rechtsradikalen Faschisten Björn Höcke! Er und viele andere aus der AfD haben mit ihren andauernden grenzüberschreitenden Äußerungen den Boden bereitet, dass solche Taten in Deutschland wieder möglich sind, weil diese Täter sich im Recht wähnen!

Euch Rechtsradikalen lasst euch sagen:

Ihr seid nicht im Recht!
Ihr seid nicht die Mehrheit!
Ihr seid nicht die Gesellschaft, die wir wollen!
Die Mehrheit in diesem Land sind wir!

Wir alle hier stehen für eine bunte, vielfältige, offene Gesellschaft, in der Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Rassenwahn keinen Platz hat. Wir werden uns unser Land nicht von euch wegnehmen lassen! Wir Jüdinnen und Juden haben den Platz in der Mitte der Gesellschaft, wir sind ein Teil dieser Gesellschaft! Wir lassen uns von euch weder vertreiben, noch lassen wir uns von euch sagen, dass wir hier nicht hingehören oder dass wir kein Teil dieser Gesellschaft sind.

Es hat leider schon einmal – wie ich vorhin schon erwähnt habe – in Deutschland funktioniert, dass braune Horden durch die Straßen gezogen sind, jüdische Einrichtungen geschändet haben und Menschen gezwungen haben, den Davidstern zu tragen! Dann sind jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger deportiert worden und letztendlich millionenfach ermordet worden.

Am vergangenen Freitag habe ich mit Freunden das Vernichtungslager Buchenwald besucht und wieder einmal wurde mir und meinen Freunden vor Augen geführt, zu was menschliche Bestien in der Lage sind.

Wer einmal vor Verbrennungsöfen gestanden hat, und nur im Ansatz nachvollziehen konnte, was dort passiert ist, der kann weder den Holocaust, noch den millionenfachen Mord leugnen.

Wer, wie die AfD, dieses Land spalten will, hat jeden einzelnen hier auf diesem Platz als seinen Gegner! Wer die Demokratie aushöhlen möchte in diesem Land, hat jeden einzelnen auf diesem Platz als seinen Gegner! Wer Rassenwahn und Antisemitismus Homophobie und Demokratieleugnung betreiben wird, hat jeden einzelnen von uns hier als seinen Gegner.

Die deutsch-israelische Gesellschaft zu Köln, für die ich sprechen darf, als deren stellvertretender Vorsitzender und als Jude in Köln: Wir hier und im ganzen Land stehen auf und zeigen Haltung und kämpfen dagegen an!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

gestatten Sie mir zum Schluss eine persönliche Anmerkung.

Noch nie in meinem Leben ist es mir so schwer gefallen, eine Rede zu halten – Und ich habe schon viele Reden gehalten.

Dass ich eine solche Rede einmal halten muss, wollte ich mir niemals vorstellen.

Es tut mir in meinem Herzen und in meiner Seele weh, aber auch ich persönlich werde mich niemals dem braunen Mob beugen.

Ich werde in der ersten Reihe stehen, wenn es darum geht, jüdisches Leben zu verteidigen, unsere Demokratie zu verteidigen und die Grundpfeiler unseres demokratischen Zusammenlebens zu verteidigen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und rufe Ihnen den Gruß aller Juden in diesem Lande und weltweit zu:

„Shalom!“
„Friede sei mit Ihnen!“

Dieser Beitrag wurde unter Fremde Feder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.