Freiheit oder Dreibeiner?

In den 80er Jahren verfilmte die BBC die Geschichte „Die dreibeinigen Herrscher“. Sie spielt in einer Zukunft, in der es keinen Krieg, keine Umweltverschmutzung und keine Pandemie gibt. Die Menschen leben gesund mit sich und der Natur in Frieden. Die Welt ist ein Paradies.

Der Grund für dieses Paradies ist eine außerirdische Zivilisation, die von den Menschen „Dreibeiner“ genannt wird. Sie herrschen über die Menschheit und sorgen dafür, dass jeder Mensch, wenn er erwachsen wird, eine Weihe erhält, die darin besteht, dass eine Kappe am Gehirn installiert wird, die jegliche Inspiration, Neugier und Kreativität abschaltet und damit auch die Fähigkeit zur Revolution und Gewalt nimmt. Frei ist der Mensch nicht mehr. Dafür herrscht Frieden und Sicherheit auf Erden.

Die Dreibeiner kümmern und sorgen sich um die Menschheit. Sie lassen den Menschen jedoch keine Wahl. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird vernichtet. Die Dreibeiner lassen sich als Option sogar die totale Vernichtung der Menschen offen, denn eins ist klar: Wo kein menschlicher Freiheitsdrang, da auch keine Kriege.

Für die Dreibeiner sind Menschen prinzipiell schlecht, besonders wenn sie das Ideal der Freiheit in sich tragen. Daher gehören sie geführt und einem höheren Ideal unterworfen. Die dreibeinigen Herrscher sind eine übermächtige Kraft aus dem Himmel, wie Gott.

Wie sich einst Religionsführer anschickten, den vermeintlichen Willen Gottes zur Verbesserung der Welt zu exekutieren, so sehen sich heute manche Politikerinnen und Politiker als Propheten, die den drohenden Weltuntergang nicht nur vorhersagen können, sondern auch genau wissen, was zu tun ist, um ihn zu verhindern. Wie religiöse Führer argumentieren sie mit der Angst und der Apokalypse. Wer nicht für sie ist, ist für Krieg, Hass und Weltuntergang.

Lange Zeit verdammte die Kirche die Freiheit im Menschen als Sünde. Es brauchte die Aufklärung, um die menschlichen Freiheit zu rehabilitieren. Durch die Aufklärung wurde die biblische Eva, die oft ausschließlich als Sünderin angesehen wird, zur Freiheitskämpferin.

Laut der Jüdischen Schöpfungsgeschichte soll Eva den Mut gehabt haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Bis dahin hatte Gott wie die Dreibeiner geherrscht. Mit dem Menschen kommunizierte Gott nur in Form von Befehlen: “Tu’ dies nicht! Tu’ das nicht!” Adam und Eva hielten sich an Gottes Wort. Sie wussten, was richtig und falsch ist, aber die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse war ausschließlich in der Hand der Instanz, die über richtig und falsch entschied.

Die Möglichkeit zur Erlangung der Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, hing als Frucht an einem Baum mit den Namen „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“. Von dieser Frucht aß Eva. Seitdem ist Gott nicht mehr Alleinherrscher in Moralfragen. So wurde der Mensch ein freies Wesen. Dies zeigt Gott darin, dass er die Menschen nicht mehr befehligte, sondern einen Bund mit ihnen schloss. Er verhandelte sogar mit ihnen

Als Gott die beiden Städte Sodom und Gomorrah dem Erdboden gleich machen wollte, war er bereit, den Tod vieler Unschuldiger als Kollateralschaden hinzunehmen. Doch da kam Abraham und es entwickelte sich folgender Dialog:

Abraham: „Willst du wirklich den Bewährten raffen mit dem Frevler? Vielleicht sind fünfzig Bewährte anwesend drin in der Stadt, willst du die wirklich raffen?“

Gott: „Finde ich in Sodom fünfzig Bewährte, drin in der Stadt, will ichs all dem Ort tragen um ihretwillen.“

Abraham: „Da habe ich mich doch vorgewagt zu meinem Herrn zu reden, und ich bin ja Staub und Asche, vielleicht fehlen an den fünfzig fünf – willst du um die fünf all die Stadt verderben?“

Gott: „Nicht will ich verderben, finde ich dort fünfundvierzig.“

Abraham: „Vielleicht finden sich dort nur vierzig.“

So sieht eine gewachsene Partnerschaft in Freiheit aus. Es wird gehandelt.

In der Trilogie „Die dreibeinigen Herrscher“ haben die Dreibeiner jedoch das Paradies wieder eingeführt. Der Garten Eden war das schönste aller bekannten Gefängnisse. Viele Menschen wollen in dieses Gefängnis zurück. Im Knast gibt es zu essen, ein Zimmer für sich allein, medizinische Versorgung und einen klaren Tagesablauf. Es fehlt halt nur die Freiheit. Die Gazelle im Zoo ist gefangen, aber sicher. Die Gazelle in der Freiheit fürchtet den Löwen.

SPOILERALARM! Hier nur weiter lesen, wenn Sie das Ende von „Die dreibeinigen Herrscher“ kennen oder erfahren wollen.

Von der BBC wurden nur die ersten beiden Teile der Serie „Die dreibeinigen Herrscher“ verfilmt. Wer den dritten Band gelesen hat, weiß, wie es weiter geht:

Eine Gruppe Menschen, die sich der Weihe verweigert haben, beginnen einen Krieg, den die Dreibeiner letztendlich verlieren. Am Ende sind die Menschen wieder frei. Kaum aber sind die Dreibeiner weg, führen die Menschen wieder Kriege untereinander. Der totale Friede ist dahin, aber die Freiheit ist wieder da. Freiheit ist nicht ohne Konflikte möglich. Vermutlich werden es daher liberale Menschen, die für die Freiheit streiten, immer schwer haben, weil sie nicht für den totalen Frieden auf Erden sein können. Der totale Friede ist nämlich nur in Gefangenschaft, in Lockdown und in der Unterdrückung möglich. Deshalb war der Garten Eden auch ein Gefängnis und deshalb finden viele Verbote so toll.

In der jüdischen Geschichte über den Auszug der Hebräer aus ägyptischer Sklaverei wird folgendes erzählt: Nachdem Moses das Volk der Hebräer befreit hatte, gab es immer wieder Ärger mit den Befreiten. Viele konnten die Freiheit mit all ihren Entbehrungen, Niederlagen und Gefahren nicht ertragen. Sie sehnten sich zurück in die Sicherheit der Gefangenschaft und klagten Moses daher an. Einige bauten sich sogar ein goldenes Kalb und gaben sich der Anarchie hin. Freiheit ist nicht leicht zu ertragen.

Freiheit wird nicht gewährt. Kein Staat oder irgendein anderes weltliches Gebilde kann Freiheit gewähren. Der Mensch trägt die Freiheit in sich. Freiheit macht den Menschen aus. Die menschliche Freiheit kann lediglich eingeschränkt werden, entweder weil ein Mensch freiwillig diese Einschränkung zulässt oder weil er mit Gewalt dazu gezwungen wird.

Freiheit bedeutet, nicht willenlos Befehle und Anordnungen einer externen Macht ausführen zu müssen, wie eine Maschine, die programmiert wird, sondern sich zu der Welt in moralisch bewertender Zuwendung zu verhalten und somit das eigene, aber auch das Handeln fremder Personen zu beurteilen. Der Mensch ist sich selbst stets Rechenschaft schuldig und somit gewissermaßen zur Freiheit verurteilt.

Für die Beantwortung von Fragen, die in den Kategorien richtig und falsch beantwortet werden können, braucht es keine Menschen. Das können auch Computer tun. Wenn es aber um Fragen der Moral geht, wenn es keine absolut richtige Antwort gibt, sondern nur Antworten, denen immer auch ein Makel anhaftet und die individuelles Leid hervorrufen, wenn es also um die Frage nach gut und böse geht, ist der Mensch unerlässlich. Für solche Antworten muss nämlich Verantwortung getragen werden.

Der Mensch ist ein Wesen, das sich immer vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte, vielleicht sogar besser. Diese Vorstellungsgabe kann der Mensch nicht abschalten. Sie zeigt sich oft als bissiges Gewissen. Es ist diese Verantwortung, aus der die Freiheit geboren wird. Die Freiheit kommt aus dem Ahnen um die Möglichkeit einer anderen Welt, verbunden mit der Frage, wie ich mich zu dieser Ahnung verhalte.

Die persönliche Frage ist daher: Nehme ich diese Freiheit an oder unterwerfe ich mich den Dreibeinern?

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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