Ich als alter, weißer Mann

Als im November 1918 Frauen in Deutschland das Wahlrecht erhielten, das ihnen so lange mit brutaler Gewalt vorenthalten wurde, bekamen sie dieses Recht nicht unter der Vorgabe, dass sie fürderhin nur gewisse Parteien wählen dürfen. Sie erhielten das selbstverständliche Menschenrecht der Demokratie, sich bedingungslos für jede Partei entscheiden zu dürfen.

Man muss sich nicht benehmen, um im Besitz der Menschenrechte zu sein. Die Menschenrechte gelten ausnahmslos für alle und immer.

Hätten Frauen in Deutschland im Jahre 1918 das Wahlrecht nicht erhalten, so wären alle Frauen unschuldig gewesen an den Entscheidungen der kommenden Wahlen. Im Besitz des Wahlrechts jedoch wurden sie verantwortlich. Nicht wenige Frauen sollten sich für eine faschistische Partei entscheiden. Durch das Wahlrecht wurden Frauen verantwortlich für die Nazis.

Eine NSDAP oder eine Partei, die auch nur in die Nähe einer solchen Partei kommt, gibt es heute nicht im Deutschen Bundestag und dennoch hält es der Zentralrat der Juden in Deutschland und einige andere jüdische Organisationen für angebracht, einen Aufruf jüdischer Organisationen und Verbände zur Bundestagswahl 2021 herauszugeben, in der erklärt wird, die Jüdinnen und Juden in Deutschland seien sich in einig in der “Überzeugung, dass die AfD eine Gefahr für unser Land ist.“ Vor einigen Jahren wurde bereits in einer gemeinsamen Erklärung betont: „Die AfD ist keine Alternative für Juden“.

Auch ich kenne eine Menge Gründe, warum man die AfD nicht wählen sollte. Ich bediene mich dabei jedoch nicht der Aussage: „Ich als alter, weißer Mann sage, dass man die AfD nicht wählen sollte.“

Der Aussage, die AfD sei keine Partei, die Juden wählen sollten, wohnt ein antisemitischer Moment inne. Was spricht dagegen, den Satz so zu formulieren: “Die AfD ist keine Partei, die man wählen sollte.”

Meine politischen Ansichten formuliere ich aus meinem persönlichen Denken heraus. Natürlich wird dieses Denken auch durch meine Erfahrungen beeinflusst und diese Erfahrungen sind verbunden mit meiner Hautfarbe, meinem Geschlecht und dem Glauben, in dem ich erzogen wurde. Es gibt Situationen der Angst und der Unterdrückung, die ich als weißer Mann nicht kenne. Ich kenne nicht die spezielle Angst von Frauen, nachts allein im Parkhaus zu sein. Ich weiß nicht, wie es ist, aufgrund meiner Hautfarbe für minderwertig gehalten zu werden.

Ich weiß aber auch, dass alle Menschen in der Lage sind, sich von ihren Einflüssen und Prägungen zu emanzipieren. Sie können all die geistigen Ablagerungen der Vergangenheiten hinterfragen und sich die eigenen Ängste und Privilegien bewusst machen, um zu einer Entscheidung zu gelangen, für die man dann unabhängig vom Aussehen und der Herkunft die ganz persönliche Verantwortung übernehmen muss. Diese persönliche Verantwortung kann niemand nehmen, kein Vorbild, keine Heldin, keine Partei, kein religiöser Führer und auch nicht der Zentralrat der Juden.

Juden müssen sich nicht benehmen, um nicht diskriminiert zu werden.

Juden haben genauso das Recht wie jeder andere Mensch, sich für das Eine oder für das Andere zu entscheiden. Juden dürfen sich anständig oder unanständig benehmen, ohne dass sie dabei auf eine Gruppenzugehörigkeit reduziert werden, aus der sich ergeben soll, dass sie gewisse Dinge als Juden einfach nicht machen dürfen.

Als alter, weißer Mann kann ich jede Partei wählen. Niemand wird deshalb meine Identität infrage stellen. Egal ob ich die Linke, die AfD, die Grünen, die SPD, die CDU, die FDP oder irgendeine andere Partei wähle, ich wähle eine Partei nicht, weil ich weiß bin oder männlich oder alt, sondern weil ich darüber nachgedacht habe. Nachdenken können alle volljährigen Menschen und zwar aller Geschlechter, Hautfarben und Religionen. Die Vernunft ist menschlich und die Freiheit ist kein Privileg des alten, weißen Mannes.

Die individuellen Entscheidungen hängen vom Charakter ab. Jeder Mensch ist frei und hat die Möglichkeit, das größte Arschloch oder der größte Held zu werden.

Wer Juden für etwas verurteilt, was er bei allen anderen durchgehen lässt, ist ein Antisemit.

Wer Schwarze für etwas verurteilt, was er bei allen anderen durchgehen lässt, ist ein Rassist.

Wer Frauen für etwas verurteilt, was er bei allen anderen durchgehen lässt, ist ein Sexist.

Bei der Bundestagswahl 2021 dürfen Juden wählen, was die wollen, so wie Juden schon oft Parteien gewählt haben, die nicht immer ganz frei von antisemitischen Tendenzen waren.

Juden haben eine SPD gewählt, obwohl Sigmar Gabriel offen mit den Judenhasser Mahmoud Abbas sympathisiertet und Israel als Apartheidsstaat diffamiert hat, obwohl der Bundeskanzlerkandidat Martin Schulz eine antisemitische Rede als „inspirierend“ bezeichnet hat, obwohl Heiko Maas als Außenminister kaum eine Möglichkeit auslässt, um Israel unter Freunden zu kritisieren.

Juden haben die FDP gewählt, obwohl in den Fünfziger Jahren der sehr nationalistisch eingestellte Landesverband Nordrhein-Westfalen viele ehemalige Nationalsozialisten unter dem Namen „Naumann-Kreis“ mit offenen Armen aufnahm, um die Wählerbasis nach rechts zu erweitern und obwohl Jürgen Möllemann im Jahr 2002 ein Faltblatt mit antisemitischen Klischees herausgebracht hatte.

Juden haben die Grünen gewählt, obwohl Hans-Christian Ströbele im Jahr 1991, nachdem in Israel irakische Scud-Raketen eingeschlagen waren, erklärt hatte, dieser Angriff sei „die logische, fast zwingende Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber.“

Juden haben die Linke gewählt, obwohl dort manchmal Flugblätter mit antisemitischer Hetze verbreitet werden und Annegret Groth israelische Blockaden bricht, um die Feinde Israels, die erklären, alle Juden der Welt vernichten zu wollen, mit Hilfsgütern zu versorgen.

Juden haben die AfD gewählt, obwohl Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ verharmlost hat.

Jeder Mensch, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht, hat das Recht, sich für das Eine oder für das Andere zu entscheiden. Jeder Mensch darf sich anständig oder unanständig benehmen, ohne dabei auf eine Gruppenzugehörigkeit reduziert zu werden.

Wer sagt, eine Frau, eine Jüdin oder ein schwarzer Mensch müsse auf eine ganz gewisse Art und Weise denken oder wählen, wer glaubt, es gäbe Themen, bei denen alle Juden, Frauen oder People of Color die gleiche Meinung haben, ist ein Sexist, Antisemit und Rassist.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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6 Antworten zu Ich als alter, weißer Mann

  1. Silvia schreibt:

    Alexander Gauland hat die Z e i t s p a n n e von 12 Jahren als Vogelschiss bezeichnet, im Verhältnis zur langen Geschichte dieses Landes, das auch sehr viel Gutes hervorgebracht hat. Was ja gerne unerwähnt bleibt, obwohl es in diesen Zeiten, wo so viel Mist verzapft wird, gut täte. Deutschland ist nicht nur Nationalsozialismus. Das meinte er, und es ist eigentlich leicht verständlich. Man kann Leute aber auch absichtlich missverstehen.

  2. Georg B. Mrozek schreibt:

    @Buurmann, @mactheneck und @gerdsoldierer – Bravo! Ich teile alle drei Ansichten/Äußerungen.

  3. mactheneck schreibt:

    Bravo!

  4. Mag. Hans-Werner Schöggl schreibt:

    Können die Unionsparteien CDU/CSU von dieser Aufzählung abzulehnender antisemitischer Haltungen absichtsvoll ausgenommen werden?

  5. gerdsoldierer schreibt:

    Ihre Ausführungen sind erbaulich, ihre Aussagen zur Afd – sollten Ihnen ein Satz wert sein, warum Sie denn…
    Sie sind für die Etablierung der totalitär- faschistischen Ideologie des Politischen Islam in diesem Land : unkontrolliert, kritiklos.
    cdu.spd.fdp sind feste dabei – lassen erklären den Knirpsen der Moschee- Schule den Märtyrer – mit u. ohne Comics – die Särge, die Gräber – das ist der schnellste Weg zu Allah – die AfD sind die Einzigen, die das benennen – u. auch deshalb werden sie durch „starke demokratische Kräfte“ niedergemacht.
    Sie sollten die AfD wählen, nicht weil sie so gut ist – weil die Anderen so schlecht sind.

    • WF Beck schreibt:

      Richtig, die hirnlosen Moralisten der anderen Gutmenschparteien haben die AFD erst ermöglicht. Wer noch denken und weiterhin in Freiheit leben möchte, muss AFD wählen.

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