Schwurbelalarm!

Als ich das erste Mal hörte, wie jemand ein „Schwurbler“ genannt wurde, weil er es gewagt hatte, „quer zu denken“, als das Wort „Querdenker“ zur Beleidigung wurde, da wusste ich, dass wir uns auf einem ganz gefährlichen Weg befinden.

Es ist absolut nicht verwerflich, sich auch in Zeiten der Pandemie des methodischen Zweifelns zu bedienen. Diese Methode, die René Descartes ausführlich in seinen „Meditationen über die erste Philosophie“ beschrieben hat, besteht darin, zunächst einmal an der Existenz von allem zu zweifeln, was auch nur irgendwie einem Irrtum unterliegen könnte.

Immer wieder höre ich, das Virus würde uns zwingen, Masken zu tragen, Abstand zu halten, in den Lockdown zu gehen und zu Hause zu bleiben; aber das stimmt nicht. Das Virus zwingt uns nicht dazu. Es zwingt uns zu nichts. Das Virus will nichts. Das Virus ist!

Wir zwingen uns! Menschen zwingen Menschen. Und wenn Menschen Menschen zu irgendetwas zwingen, stellt sich die Frage, mit welchem Recht sie das tun.

Ist das Schwurbelei?

Was spricht dagegen, an die eigenen Sinne zu zweifeln, wenn man andere Menschen zu etwas zwingen will? Es kann schließlich immer sein, dass man einer Täuschung anheim gefallen ist, vielleicht sogar einer Massenhysterie. Wer kann damit leben, anderen Menschen Gewalt angetan zu haben, weil er sich getäuscht hat?

Was spricht dagegen, immer wieder an den eigenen kognitiven Zustand zu zweifeln? Es ist schließlich durchaus möglich, dass Panik, Traumata oder andere psychologische Umstände die eigene Fähigkeit zur rationalen Erkenntnis getrübt haben. Wie schlimm wäre es, Menschen zu etwas gezwungen zu haben, nur weil man selbst der Panik verfallen war?

Was spricht dagegen, an der eigenen kognitiven Autonomie zu zweifeln? Die Logik und die Mathematik sind zwar universell wahr, aber ich kann nie vollkommen sicher sein, tatsächlich das ganze Bild zu sehen. Ich muss mich immer wieder selbst hinterfragen: Bin ich wirklich im Besitz aller Fakten? Gibt es Dinge, die ich nicht bedacht habe? Gibt es vielleicht sogar einen bösen Geist, der mir vorgaukelt, die Welt so zu sehen, wie ich sie wahrnehme? Werde ich gar beeinflusst und manipuliert? Wer versorgt mich mit den Fakten und welche eigenen Interessen hat dieser Versorger?

All diese Fragen muss ich mir, will ich mir stellen, denn es wäre fatal, erkennen zu müssen, ein willfähriges Werkzeug gewesen zu sein, das anderen Menschen ungerechtfertigterweise Gewalt angetan hat.

Ist der Cartesische Zweifel Schwurbelei?

Immanuel Kant hat folgende drei große philosophischen Fragen gestellt: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? In seiner Abhandlung „Was ist Aufklärung“ erklärt er:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Immanuel Kant fordert jeden Menschen auf, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Er kritisiert mit scharfen Worten die Faulheit und Feigheit jener Menschen, die diesen Mut nicht aufbringen. Sie seien nämlich der Grund dafür, warum viele Menschen „gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Immanuel Kant führt aus:

Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“

Ist die Aufklärung Schwurbelei?

Seit Jahrhunderten sitzen die Philosophinnen und Philosophen auf Bäumen, in Tonnen, auf Feldern und in Elfenbeintürmen, denken darüber nach, was den Menschen ausmacht, ob er frei ist und wenn ja, was aus dieser Freiheit resultiert, was gut und was böse ist und ob es gut und böse überhaupt gibt, welche Verantwortung der Mensch hat, für sich, für andere, für die ganze Welt, ob es moralische Gesetze gibt und wenn ja, wie sie lauten und wer sie verteidigt und vor allem wie, ob es einen Sinn im Leben gibt oder ob alles nur sinnlos ist und zufällig, ob es Schönheit gibt in der Natur oder ob alles vollkommen egal ist, egal ob die Erde nun ein Planet ist, mit grünen Wäldern, blauen Meeren und wilden Tieren oder nur eine brennende Kugel, mit Lava, Dämpfen und Gasen, ein Ort, wo es keine Freiheit, Verantwortung, Schönheit, Poesie und Moral gibt, weil es dort keine Menschen gibt, die daran glauben.

Wo kommt eigentlich die atemberaubende Arroganz her, dass nach all den Jahrhunderten nun ausgerechnet wir die allgemein gültige Antwort gefunden haben? Der Zweifel ist die Methodik der Wissenschaft. Sie legt das Skalpell der Skepsis immer auch an sich selbst an. Die Wissenschaft glaubt nicht, sie zweifelt.

Die Philosophie des Kritischen Rationalismus erkennt den Menschen als ein in seiner Erkenntnisfähigkeit durch seine Wahrnehmung begrenztes Wesen. Der Mensch muss akzeptieren, dass eine endgültige Gewissheit unmöglich ist und muss daher stets davon ausgehen, dass jeder Problemlösungsversuch falsch sein kann. Dieses Bewusstsein der Fehlbarkeit führt zu der Forderung nach der ständigen kritischen Prüfung von Überzeugungen und Annahmen. Es wird in der Wissenschaft daher nicht gefragt, wie eine naturwissenschaftliche Theorie beweisen werden kann, sondern wie man herausfinden kann, ob und wo sie fehlerhaft ist. Solange sie nicht widerlegt wurde, gilt sie als bestätigt.

Ist der Kritische Rationalismus Schwurbelei?

Der Mensch existiert nicht nur. Er lebt. Und während er lebt, glaubt und hofft er, dass dieses Leben mit Sinn gefüllt ist und es sich lohnt, dieses Sein zu erhalten, auch wenn die Natur einen längst entsorgt hätte.

Der Mensch ist sich seiner Sterblichkeit bewusst. Er ist kein bloßes Tier mit einem Überlebensinstinkt, sondern ein Wesen mit einer tiefen Angst vor dem Tod als Nichts. Ein unverständliches, unbegreifbares, undefinierbares Nichts, das das Sein auslöscht, unerbittlich, unausweigerlich, ewiglich. Was ist dieses Sein überhaupt?

Die meisten Menschen würden heute gar nicht mehr leben, ginge es nach der Natur. Hatten Sie schon mal eine Operation? Tragen Sie ein Brille? Haben Sie eine schwere Grippe überstanden? Nutzen Sie moderne Technik? Sind Sie geimpft? Dann sind Sie wider der Natur hier.

Viele Menschen glauben, Natur sei das Naherholungsgebiet am Stadtrand. Die Wälder in Deutschland sind aber keine Natur. Sie sind Kultur. Sie werden vom Forst- und Grünflächenamt verwaltet. Natur ist nicht gepflegter Wald und gemähte Wiese. Die Natur ist nicht lieb und nicht böse. Sie ist indifferent und kennt keine Moral. Die Natur ist. Natur ist, wo der Mensch Beute ist. Viren sind Natur.

Es gibt Menschen, die schreiben mit einer solchen Gewissheit über die angeblichen Absichten der Natur, dass man meinen kann, sie wären jeden Sonntag persönlich mit Mutter Natur zum Tee verabredet. Wenn der Natur eine Absicht oder gar gar eine Moral unterstellt wird, haben wir es mit einer Religion zu tun. Religion aber ist Kultur.

Gut und böse sind Kategorien der Vernunft. Die Vernunft versucht, Natur wissenschaftlich zu verstehend. Alles aber, was Vernunft hat, weiß oder ahnt, dass Moral in der Natur nicht zu finden ist. Moral ist bei uns. Was also machen wir mit unserer Moral?

Ist es moralisch vertretbar, anderen Menschen Gewalt anzutun, sie zu zwingen, etwas zu tun, nur um das eigene Leben zu sichern oder zu verbessern? Wenn ich finde, dass Menschen in ihrem Naturzustand eine Gefahr für mich und andere darstellen, darf ich ihnen dann Gewalt antun? Darf ich ihre körperliche Selbstbestimmung verletzen?

Wenn es um körperliche Selbstbestimmung geht, lautet der mahnende Satz: „Nein heißt Nein!“

Wer nicht über seinen eigenen Körper bestimmen kann, ist nicht frei. Gibt es dennoch Umstände, die es erlauben, einem Menschen etwas, gegen seinen Willen in seinen Körper reinzustecken? Gibt es eine wissenschaftliche Rechtfertigung für eine solche Form der Vergewaltigung?

Sind all diese Fragen Schwurbelei?

Vermutlich, denn nicht wenige Menschen, die sich dabei ertappen, über diese Fragen nachzudenken, flüchten sich schnell aus Faulheit und Feigheit in die selbstverschuldete Unmündigkeit und überlassen lieber anderen die beschwerliche Aufgabe der moralischen Rechtfertigung.

Wer anderen Menschen Gewalt antun will, braucht dafür gute Gründe. Nur wenn jemand eine Gefahr darstellt, wenn er ein egoistischer Tyrann ist, der seine Mitmenschen in Gefahr bringt, wenn er ein Mörder ist, ein Nazi gar, wenn von ihm Tod und Verderben ausgehen, dann darf ihm, nein, dann muss ihm vermutlich sogar Gewalt angetan werden, um ihn von seiner schändlichen Tat abzubringen.

Einen Menschen zu diskriminieren, der nicht infiziert oder krank ist, von dem keine Ansteckungsgefahr ausgeht, ist nur dann im eigenen Horizont möglich, wenn er dennoch zu einer Gefahr für Leib und Leben erklärt wird. Nur so kann er ohne große moralische Bedenken aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, ausgrenzt und vielleicht sogar zu einem körperlichen Eingriff gezwungen werden.

Impfgegner und Impfbefürworter unterscheiden sich zwar in ihren unterschiedlichen Gewichtungen von Themen und ihrer verschiedenartigen Bewertung von Fakten, sie können aber dennoch gemeinsam eine Impflicht kritisieren. Es ist durchaus möglich, als doppelt geimpfte und mehrfach geboosterte Person, ausgesprochene Kritikerin einer Impfpflicht zu sein. Sie kann sich sowohl für das Demonstrationsrecht einsetzen, obwohl sie selbst Menschenmengen meidet, als auch das Recht auf Meinungsfreiheit für jene Menschen verteidigen, deren Meinung sie verabscheut. All das ist möglich.

Menschen jedoch, die für eine Impfpflicht plädieren, sind weniger tolerant. Sie wollen anderen Menschen gegen ihren Willen Gewalt antun und diese Gewalt können sie nur dann vor sich und anderen rechtfertigen, wenn jene, denen sie Gewalt antun wollen, in ihren Augen selbst gemeingefährlich und gewalttätig sind. Um ihnen Gewalt antun zu können, müssen sie Tyrannen sein, Mörder, Nazis gar.

Was nur, wenn sie all das gar nicht sind? Was, wenn sie lediglich Menschen sind, die anders denken, vielleicht sogar quer? Reicht ein bloßes Querdenken schon aus, sie zu verdammen? Wird jeder, der die wahre Lehre in Zweifel zieht, zum Ketzer? Sind Querdenker die neuen Hexen?

Ist es gerechtfertigt, Hexen zum Verstummen zu bringen, ihre Texte zu löschen, sie zu diffamieren und ihnen die bösesten Absichten und einen Pakt mit dem Teufel zu unterstellen, nur um sie so zu beseitigen und den Weg zu ebnen, für all jene, die nicht quer-, sondern längsdenken?

Ist es wirklich Schwurbelei, sich selbst zu hinterfragen, wenn es darum geht, Gewalt anzuwenden?

Darf man die Zeit der Hexenverfolgung mit den Ereignissen von heute vergleichen? Ist der Umgang mit heutigen Kritikern der vorherrschenden wissenschaftlichen Lehre vergleichbar mit der Verfolgung von Ketzern und Häretikern während der Inquisition, die die damalige herrschende Lehre in Frage stellten?

In dem Theaterstück „Hexenjagd“ erzählt Arthur Miller von einen Hexenprozess in Massachusetts aus dem Jahr 1692. Er schrieb das Stück als Kommentar zu der Situation von Kommunisten und vermeintlichen Sympathisanten in den Vereinigen Staaten von Amerika während der McCarthy-Ära vom 1947 bis etwa 1956. Mit Unterstützung von Jean-Paul Sartre, der ein Drehbuch des Stücks verfasste, wurde eine Filmversion für die DDR-Produktionsfirma DEFA erstellt. In dem Film spielten einige Schauspielerinnen und Schauspieler mit, die der Kommunistischen Partei Frankreichs nahestanden. Sie galten alle als Querdenker.

Margaret Chase Smith war die erste Frau in der Geschichte der USA, die sowohl in den Senat als auch in den Kongress gewählt wurde. Sie war das erste Mitglied des Kongresses, das die antikommunistische Hexenjagd unter der Führung des Senators Joseph McCarthy lautstark verurteilte. Am 1. Juni 1950 hielt sie im Senat eine Rede, die als „Declaration of Conscience“ bekannt wurde. Sie war der festen Überzeugungen, jede Bürgerin und jeder Bürger habe sowohl das „Recht auf Protest“, als auch ein „Recht auf unabhängiges Denken“ und erklärte, die „vier Reiter der Schmähung“ seien Angst, Ignoranz, Bigotterie und Verleumdung.

Haben Arthur Miller, Jean-Paul Sartre und Margaret Chase Smith lediglich geschwurbelt?

Um gute Dinge mit Gewalt zu vollführen, braucht es den festen Glauben, die Gewalt im Namen eines höheren Sinns und Zwecks zu begehen. Gotteskrieger kämpfen für den einzig wahren Gott. Wissenschaftsgläubige kämpfen für die einzig wahre Wissenschaft. Sie alle aber kämpfen, weil sie wissen, dass sie sterblich sind. Sie alle haben Angst. Meister Yoda sagte einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis:

„Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Der Mensch ist zur Freiheit berufen und die Freiheit ist geboren aus der menschlichen Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Jeder Mensch muss seine Taten selbst leben und rechtfertigen. Der Mensch ist Mensch, weil zweifelt, weil er glaubt, weil er hofft, weil er liebt.

Nenne es Schwurbelei. Ich nenne es Menschlichkeit!

Gerd Buurmann

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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