Als ich die Bilder aus Minneapolis sah, jene Videos, in denen eine 37-jährige Frau von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE erschossen wurde, und dann sah, wie schnell, massiv und voller Empörungswut und Zornbegeisterung die Bilder in sozialen Netzwerken und Medien verbreitet wurden, fühlte ich mich an Israel erinnert und daran, wie über dieses kleine Land berichtet wird.
Die Frau, die in Minneapolis erschossen wurde, hieß Renee Nicole Good. Sie war eine Mutter von drei Kindern. Sie war Nachbarin, Partnerin, Teil einer Familie. Sie starb mitten auf einer Straße, und schon wenige Augenblicke nach ihrem Tod kursierten in den sozialen Netzwerken Aufnahmen von diesem Ereignis, voller Empörung aufgenommen und mit der gleichen Inbrunst sofort geteilt. Was mir bei diesen Aufnahmen besonders auffiel, war der Ton in den Kommentarspalten. Dort fand ich eine Welle der Vorverurteilung und eine moralische Gewissheit, die schneller war als Fakten. Ich sah eine emotionale Aufladung, die Empörung vor Aufklärung setzte. In atemberaubender Geschwindigkeit wurde das Ereignis instrumentalisiert, und dabei verschwand das Individuum hinter einem Narrativ.
Dieser Mechanismus der Empörung, der mittlerweile zum Medienalltag gehört, erinnerte mich sofort an den israelisch-palästinensischen Konflikt. Wer sich mit diesem Konflikt befasst, stößt ebenfalls unweigerlich auf diese Realität: Frauen und Kinder werden in diesem Konflikt bewusst hineingezogen. Nicht beiläufig, nicht zufällig, sondern systematisch. Sie werden sowohl als Schutzschilde im militärischen Sinn missbraucht als auch als emotionale Projektionsflächen und damit als Mittel zur Erzeugung von Empörung.
Es existieren massenhaft Bilder und Videos. Kinder, die israelische Soldaten anschreien, provozieren und beschimpfen. Eltern, die ihre Kleinkinder auf bewaffnete Soldaten zulaufen lassen und ihnen zurufen, sie sollen doch schießen. Säuglinge, denen Märtyrer-Kleidung angezogen wird, Babys, denen symbolisch kleine Maschinengewehre in die Hände gelegt werden. Kinder werden bereits im Kindergarten, in Schulen und im Kinderfernsehen auf Hass eingeschworen, in Unterrichtsmaterialien, Liedern und Rollenspielen.
All das ist Teil einer ganz perfiden militärischen Taktik, nämlich der gezielten Erzeugung moralischer Empörung. Die Hamas verschanzt ihre Waffen ganz bewusst hinter unbewaffneten Zivilisten, damit so viele Menschen wie möglich sterben, weil sie weiß, dass die dadurch entstehenden Bilder bei den Israelkritikern so unfassbar gut ankommen, da sie Israel dann noch mehr kritisieren können. Würden nicht so viele Menschen so empörungsgeil werden, wenn sie Bilder toter Kinder und Zivilisten sehen, die durch israelische Waffen getötet wurden, würde die Hamas gewiss nicht so viele tote Zivilisten und Kinder „produzieren“ lassen. Es herrscht das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Es gibt einen Markt für Bilder toter palästinensischer Kinder, und die Hamas bedient diese Nachfrage.
Frauen, Mütter und Kinder wirken als Verstärker, weil sie eine unmittelbare, instinktive Reaktion auslösen. Der mütterliche Schutzinstinkt, das Entsetzen über verletzte Kinder, das Gefühl absoluter moralischer Dringlichkeit, all das ist zutiefst menschlich. Genau deshalb ist es instrumentalisierbar.
Wenn Frauen und Kinder in unmittelbarer Nähe bewaffneter Kämpfer sterben, wenn sie sich bewusst in gefährliche Situationen begeben oder dorthin gebracht werden, dann wird ihr Tod skandalisiert, jedoch fast ausschließlich mit Blick auf denjenigen, der den tödlichen Schuss abgibt. Die Verantwortung derjenigen, die diese Situationen herstellen, verschwindet. Das Leid wird nicht verhindert, sondern funktionalisiert.
Ein besonders bekanntes Beispiel ist der Fall Ahed Tamimi. Die Bilder des Mädchens, das israelische Soldaten schlägt, beschimpft und provoziert, gingen um die Welt. Sie wurde international zur Ikone des „Widerstands“ stilisiert. Weit weniger Aufmerksamkeit erhielt der Kontext: Sie stammt aus einer Familie, die seit Jahren gezielt medienwirksame Konfrontationen inszeniert. Bei all ihren Aktionen waren Erwachsene anwesend, die diese Situationen ermöglichten, filmten und verbreiteten. Ein minderjähriges Mädchen wurde wiederholt in Eskalationssituationen gebracht, mit dem Ziel, Bilder zu erzeugen, die moralisch maximal wirksam sind.
Diese Kriegstaktik beschränkt sich nicht auf den Nahen Osten. Sie ist Teil moderner Konfliktführung insgesamt. Auch Renee Nicole Good wurde Opfer dieser Art des Krieges. Good war eine Mutter von drei Kindern. Ihr Tod bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE hat große Empörung ausgelöst. Ihr Tod ist tragisch, schlimm und wäre so leicht zu verhindern gewesen.
Unmittelbar nach dem Vorfall setzte eine Dynamik ein, die nicht auf Aufklärung zielte, sondern auf moralische Eindeutigkeit und Überlegenheit. Der Beamte, der die tödlichen Schüsse abgab, wird vielfach nicht mehr als Mensch betrachtet, der möglicherweise selbst unter den Folgen dieser Tat leidet, sondern als Projektionsfläche. Er wird als entmenschlichter Täter gesehen, dem Boshaftigkeit, Lust an Gewalt oder ideologische Verblendung unterstellt wird. Kaum jemand fragt danach, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Kaum jemand fragt nach der Verantwortung auf mehreren Ebenen. Kaum jemand hält inne.
Stattdessen ist ein Chaos entstanden. Ein Chaos aus Bildern, Videos, Kommentaren, Hashtags, Demonstrationen. Ein Chaos, das nicht zur Beruhigung beiträgt, sondern zur Eskalation. Und diese Eskalation ist gewollt.
Was hier sichtbar wird, ist ein Mechanismus, der vertraut ist: echte Empörung, echter Zorn, echte Trauer, aber genährt, gelenkt und verstärkt durch Akteure, die ein Interesse an Eskalation haben. Menschen werden emotional mobilisiert, bis sie ihre eigenen Instinkte über Bord werfen. Sie stellen sich bewaffneten Beamten in den Weg. Sie schreien, bedrängen, provozieren. Sie bringen sich selbst in Gefahr und vergessen dabei ihre eigene konkrete Welt.
Was bringt eine Mutter so weit, sich in eine solche gefährliche Situation zu bringen? Renee Nicole Good war an diesem tragischen Tag bewusst in den Einsatzbereich der US-Einwanderungsbehörde ICE gefahren. Sie befand sich nicht zufällig dort. Ihre Präsenz war absichtlich. Sie wollte die Beamten daran hindern, ihre Aufgabe durchzuführen. Ob aus Protest, aus Wut über die Einwanderungspolitik oder aus persönlicher Überzeugung, Good handelte aktiv und bewusst. Sie positionierte ihr Fahrzeug in einer Weise, dass es die Bewegungen der Beamten einschränkte. Sie nutzte ihr Auto aktiv, um den Einsatzbereich zu kontrollieren und den Ablauf zu verzögern. Sie handelte in einem emotional aufgeladenen Zustand. Ihre Empörung über die Arbeit der Beamten war deutlich spürbar. Diese Emotion trug dazu bei, dass sie ihr eigenes Verhalten auf Risiko und Konfrontation ausrichtete. In der Situation war Good nicht isoliert. Andere anwesende Personen bestärkten sie in ihrem Verhalten, riefen zur Konfrontation auf oder dokumentierten die Aktionen. Dadurch wurde ihr Handeln zusätzlich verstärkt, und die Dynamik der Konfrontation intensiviert.
Bis zur letzten Sekunde vor dem Schuss war Good vollständig Akteurin der Situation. Sie hatte sich bewusst in den Einsatzbereich der Beamten begeben, ihre Aktionen zielten auf Störung, Verzögerung und Provokation ab, und sie war emotional hochgradig involviert. Ihre Präsenz, ihre Entscheidungen und ihr Verhalten hatten die Situation aktiv verschärft, lange bevor der erste Schuss fiel.
Dann fiel der erste Schuss, und alle reden nun darüber, ob Good vorher auf den Beamten losgefahren ist, mit der Absicht, ihn zu verletzen, vielleicht sogar zu töten, oder ob sie fliehen wollte, aber all das ist irrelevant, denn das Problem liegt in den Minuten und Stunden davor. Wie konnte es überhaupt zu dieser Situation kommen, bei der eine Mutter erschossen wurde und all die herumstehenden Menschen nichts Besseres zu tun hatten, als dieses Unglück sofort mit der Welt zu teilen?
Für wen ist Good gestorben? Für wen setzte sie ihr Leben aufs Spiel? Für eine bessere Welt? Für abstrakte Ideologien? Für politische Narrative, die ihr vermittelt wurden? Was immer ihre Gründe waren, das Eigene trat zurück: die eigene Familie, die eigenen Kinder, das eigene Leben. Good war empört, und die Empörung war ideologisch erzeugt.
Ideologien haben diese Macht. Sie schaffen eine vermeintlich individuelle Betroffenheit, die sich real anfühlt, aber nicht aus dem eigenen Leben erwächst, sondern aus einem politischen Deutungsrahmen. Sie ersetzen die konkrete Welt durch ein moralisches Drama. Wer sich diesem Drama hingibt, empfindet Vorsicht als Verrat, Zweifel als Schwäche und Selbsterhaltung als moralisches Versagen.
Medien und soziale Netzwerke spielen in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Sie belohnen Zuspitzung, nicht Abwägung. Sie verbreiten Bilder schneller als Kontext. Algorithmen verstärken das Empörende, nicht das Erklärende. Je klarer Täter und Opfer scheinbar verteilt sind, desto größer die Reichweite. Der Einzelne wird nicht informiert, sondern eingesogen.
So entsteht eine Situation, in der es immer schwerer wird, ruhig zu bleiben. Sachlichkeit gilt als Kälte. Differenzierung als Relativierung. Wer fragt, gilt als verdächtig.
Am Ende bleibt jedoch die Realität zurück. Im Fall von Renee Nicole Good bleiben drei Kinder, die ihre Mutter verloren haben. Kinder, die keine Aktivisten sind. Sie sind allein. Ihr Verlust ist endgültig. Und er wird nicht kleiner dadurch, dass er politisch ausgeschlachtet wird.
Diese Dynamik begegnet uns seit Jahren immer öfter. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde der Mord an Juden in Teilen des akademischen Milieus nicht eindeutig verurteilt, sondern als „Widerstand“ relativiert oder kontextualisiert. Jüdische Studenten wurden bedroht, eingeschüchtert, angefeindet. Gleichzeitig entstanden seltsame Allianzen, nämlich progressive Bewegungen, queere Aktivisten und islamistische Narrative, die inhaltlich zwar unvereinbar sind, aber dennoch durch gemeinsame Empörung verbunden werden. Ob im Nahen Osten oder im Westen, Empörung wird erzeugt, verstärkt und instrumentalisiert. Menschen werden emotional entgrenzt. Ihre Bindung an die eigene Welt wird gelöst. Und am Ende zahlen die Schwächsten den Preis.
Wer sich also das nächste Mal wieder fragt, warum es die „Queers for Palestine“ gibt, oder in den Nachrichten Greta Thunberg hört, wie sie gegen Israel hetzt, oder sich fragt, warum linke Studenten mit judenfeindlichen Terroristen liebäugeln und warum von deutschen Regierungen Gruppierungen, Kunstausstellungen und Nichtregierungsorganisationen finanziert werden, wo Wut, Empörung und Zorn auf Israel gefördert werden, dann ist die Antwort schwer zu verstehen, aber leicht zu erklären: weil die Methoden dieselben sind.
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