„Fanatische Lieferwagenfahrer“

Vanessa Vu hat für die ZEIT lange mit sich gerungen, um die richtigen Worte für die Terroristen zu finden, die in den letzten Monaten und Jahren gemordet haben. Herausgekommen ist diese Beschreibung:

„Nizza, London, Berlin – und jetzt auch Barcelona: die Zahl der europäischen Länder, die zum Angriffsziel fanatischer Lieferwagenfahrer geworden sind, wird immer größer.“

Jawohl, fanatische Lieferwagenfahrer! Die Geschichte muss umgeschrieben werden. Am 11. September 2001 griffen fanatische Hobbypiloten Amerika an und am 18. Juli 2016 wütete ein fanatischer Holzfäller im Regionalzug in Würzburg. Mich wundert, dass Vanessa Vu nicht „fanatische Lieferwagenfahrer*Innen“ geschrieben hat, denn über die sexuelle Selbstbestimmung der Mörder lässt sie uns ebenso im Unklaren wie über deren Ideologie. Sie weiß nur, dass sie die Motive der Täter nicht verstehen kann:

„Glaubt man der Propaganda, die die ideologischen Hintermänner der Attentäter verbreiten, dann galt der Angriff Europa – und zwar nicht dem Europa der Banken- und Währungsunion, dem Europa der vielen Nationalstaaten oder dem Brexit-Europa.“

Ja, hätten die „fanatischen Lieferwagenfahrer“ das böse Europa angegriffen, dann hätte Vanessa Vu vermutlich andere Worte gefunden.

Nicht schlecht ist auch der Verschlag, den Vanessa Vu zur Terrorbekämpfung anbietet, nämlich dem „Terror nicht nur mit Abwehr und Außenpolitik zu begegnen, sondern mit Inklusion. Die europäischen Länder könnten zusätzlich zu ihren regionalen oder nationalen auch eine gesamteuropäische Integrationsstrategie anstreben und den Menschen eine Heimat bieten, bevor sie sich radikalisieren und bevor Terrororganisationen diese Menschen für sich gewinnen können.“

Ich mag mich irren und ich lade jede Leserin und jeden Leser ein, mich zu widerlegen, aber gab es in der Geschichte der Menschheit jemals eine Gesellschaft, die weniger Willkommens-Kultur lebte als Deutschland heute? Was von der deutschen Politik an Hilfe und Unterstützung angeboten wird, ist einzigartig.

Vanessa Vu spricht in ihrem Artikel ebenfalls die Nazis an:

„In den dreißiger Jahren war die Philosophin Hannah Arendt trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst in Deutschland geblieben. Sie dokumentierte die beginnende Judenverfolgung und nahm in ihrer Wohnung Flüchtlinge auf.“

Wo wir bei den Nationalsozialisten sind, liebe Vanessa Vu, meinen Sie nicht, die „fanatischen Lieferwagenfahrer“ sind aus dem selben Grund Schlächter geworden wie die Nationalsozialisten? Weil sie sich dazu entschieden haben!

Im März 2012 wurden in Frankreich drei Kinder und ein Mann vor einer jüdischen Schule in Toulouse ermordet, weil sie Juden waren.

Im Januar 2006 wurde in Frankreich Ilan Halimi entführt und über einen Zeitraum von drei Wochen zu Tode gefoltert, weil er Jude war.

Im Mai 2014 wurden drei Menschen ermordet, weil sie in einem jüdischen Museum waren.

Im Mai 2014 wurden in Frankreich zwei Juden vor einer Synagoge brutal zusammengeschlagen, weil sie Juden waren.

Ende 2014 wurde ein junges Paar in Frankreich überfallen und die Frau vergewaltigt, weil sie Juden waren.

Nachdem einer der Terroristen rund um den Anschlag auf Charlie Hebdo, Amedy Coulibaly, in einem jüdischen Supermarkt in Paris Geiseln genommen und vier Juden getötet hatte, rief er den französischen Sender BFMTV an, um seine Forderungen zu verbreiten. Der Sender fragte: „Haben Sie das Geschäft aus einem bestimmten Grund ausgesucht?“ Die Antwort kam prompt: „Ja. Die Juden!“ Er zudem, im Namen des „Islamischen Staates“ zu kämpfen.

Da haben Sie die Motive, Frau Vu: Die Terroristen morden im Namen einer islamistischen Nation. Sie sind Nationalislamisten und sie hassen Juden wie Nationalsozialisten. Sie hassen Juden so sehr, dass sie nicht einmal davor zurückschrecken, Kinder zu ermorden, weil sie Juden sind. Das machen nur echte Nazis!

Es wäre daher der Situation deutlich angemessener gewesen, folgende Worte zu wählen:

„Nizza, London, Berlin – und jetzt auch Barcelona: die Zahl der europäischen Länder, die zum Angriffsziel fanatischer Nationalislamisten geworden sind, wird immer größer.“

Die „fanstischen Liegerwagenfahrer“ sind Nationalislamisten. Sie sollten auch so genannt werden und vor allem sollte man Nationalislamisten so sehr mit „Inklusion“ begegnen wie Nationalsozialisten. Am Besten inkludiert man sie in Gefängnisse.

Veröffentlicht unter Antisemitismus, Deutschland, Islam, Politik | 27 Kommentare

„Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen!“

Nach jedem Terroranschlag höre ich es immer wieder. „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen!“ Wer ist eigentlich dieses „Wir“?

Der deutsche Journalist Hamed Abdel-Samad lebt in Deutschland unter ständiger Lebensgefahr. Er kann nur mit Personenschützer sein Haus verlassen und seine Freunde nur geheim treffen. Er schwebt in permanenter Lebensgefahr, weil er den Islam kritisiert. Seine Freiheit auf ein unbeschwertes Leben wurde ihm genommen, weil er Artikel 5 des Grundgesetzes lebt.

Die deutsche Juristin Seyran Ateş lebt in Deutschland unter ständiger Lebensgefahr, weil sie eine liberale Moschee in Berlin eröffnet hat, wo Männer und Frauen gemeinsam beten, Homosexuelle Willkommen sind und Frauen kein Kopftuch tragen müssen. Ihre Freiheit auf ein unbeschwertes Leben wurde ihr genommen, weil sie die Artikel 3 und 4 des Grundgesetzes lebt.

Entweder lügt die Person, die sagt, „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen“, oder sie sagt, Seyran Ateş und Hamed Abdel-Samad gehören nicht zu uns!

Natürlich gehören sie zu uns!

Menschen wie Hamed Abdel-Samad und Seyran Ateş leben in Europa unter ständiger Lebensgefahr, weil sie Homosexuelle nicht verurteilen, für Frauenrechte streiten, das Kopftuch für Frauen nicht fordern, Juden nicht hassen und den Islam an seinen fundamentalistischen Stellen kritisieren, was viele Muslime in Europa als Grund heranziehen, sie umbringen zu wollen. Sollten wir nicht alle Musliminnen bitten, das Kopftuch auszuziehen, aus Solidarität mit jenen, die aus religiösen Gründen verfolgt werden?

Wenn Sie diese Forderung unverschämt finden, dann muss Ihnen die Forderung vom österreichischen Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Zornesröte ins Gesicht treiben, denn er schwadronierte einst:

„Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen, aus Solidarität mit jenen, die es aus religiösen Gründen tragen.“

Mal ganz abgesehen davon, dass es sehr bemerkenswert ist, wenn ein Mann allen Frauen erklärt, was sie mit ihrem Körper zu tun haben, ist die Aussage von Alexander Van der Bellen schon allein deshalb unverschämt, weil keine Frau in Europa unter dem Urteil eines staatlich ausgesprochenen Todesurteils leben muss, weil sie ein Kopftuch trägt, aber sehr viele Muslime in Europa unter staatlich und religiös legitimierten Morddrohungen leben müssen, weil sie es wagen, den Islam zu kritisieren. Es ist für eine Muslimin in Europa deutlich gefährlicher, das Kopftuch nicht zu tragen, als es zu tragen, auch in Österreich!

Die österreichische Publizistin Sabatina James lebt in ständiger Lebensgefahr, weil sie sich einer Zwangsheirat entzog, zum Christentum konvertierte und heute eine Stiftung führt, die Flüchtlingen hilft, der Hölle familiärer Gewalt zu entfliehen. Für sie ist klar, Muslime werden unterdrückt und zwar vom Islam.

Sabatina James, Seyran Ateş und Hamed Abdel-Samad sind nur drei Menschen, deren Freiheit genommen wurde. Es gibt unendlich viele Menschen, die in Europa in Lebensgefahr leben und fürchten, aufgrund eines merkwürdig ausgelegten Begriffs der Ehre ermordet zu werden.

Es darf aber einfach nicht sein, dass es auch nur einen einzigen Menschen in Deutschland gibt, der um sein Leben fürchten muss, weil er eine Religion kritisiert, seine Meinung sagt, mit Frauen und Homosexuellen betet oder frei lieben möchte.

Wir schauen gerade zu, wie einem Teil von uns die Freiheit genommen wird. Und die Mehrheit schweigt, weil es muslimische Querulanten sind, denen die Rechte genommen werden und da sagt sich manch ein Herrenmensch, der Muslimen nicht soviel zutraut wie Christen:

„Was fällt denen eigentlich ein, sich wie aufgeklärte Menschen zu benehmen? Das ist eine Beleidigung für jeden Moslem. Islam bedeutet nämlich Frieden. Das müssen die tolerieren. Sonst sind sie nicht besser als die Nazis!“

Es gibt kein Zuviel an Kritik. Es gibt nur ein Zuviel an Beleidigtsein. Gegen Kritik, die schmerzt, möge sie nun schmerzen, weil sie wahr ist oder schmerzen, weil sie unwahr ist, hilft nicht mehr hinhören als Sofortmaßmahne und Gegenrede als zivilisierte Form der Verteidigung. Eine Rede jedoch zu verbieten, weil man glaubt, sie könne Gewalt befördern, ist ein Präventivschlag. Ein solcher Schlag sollte, wenn überhaupt, nur in ganz engen Grenzen gestattet sein, nämlich wenn ein physischer Angriff sicher und unmittelbar bevorsteht. Niemand aber ist in Gefahr, weil Hamed Abdel-Samad redet. Hamed Abdel-Samad aber ist in Gefahr, weil er redet!

Im Jahr 2016 wurde Abdel-Samad angezeigt und von der Berliner Staatsanwaltschaft verhört, weil er Mohamed als „Massenmörder und krankhaften Tyrann“ bezeichnet hatte. Das Verhör war ein eklatanter Verstoß gegen die Meinungsfreiheit und ich schäme mich, in einem Land zu leben, wo es Gesetze gibt, die so ein Verhör ermöglicht haben. Auf seiner Facebook-Seite schreibt Abdel-Samad:

„Wie kann man eigentlich Volksverhetzung messen? Zählt man die Köpfe, die wegen meines Buches abgetrennt wurden, kommt man auf die Zahl Null. Auch wurden deshalb keine Menschen vertrieben oder von ihrer Arbeit entlassen. Wie viele Menschen sind aber seit dem Erscheinen meines Buches Im Namen von Mohamed und dem Koran getötet?

Wie viele Menschen wurden vertrieben, versklavt oder vergewaltigt? Wer soll wen eigentlich anklagen? Islamkritiker in der islamischen Welt müssen mit Todesstrafe, Gefängnis oder Auspeitschung rechnen. Auch in Europa werden sie von radikalen Islamisten bedroht. Für Politiker sind sie unerwünscht oder mindestens ‚nicht hilfreich‘. Von Linken und Dialog-Profis werden sie schikaniert, diffamiert und kritisiert. Dass auch die deutsche Justiz sich an dieser Sanktionierung beteiligt, ist für mich ein Skandal!“

Auf die Frage, ob Hamed Abdel-Samad die Konfrontation suche, sagt er:

„Nein, ich suche das Gespräch und daraus wird eine Konfrontation. Hab ich irgendjemanden beleidigt? Habe ich irgendjemanden angeschrieen? Nein! Die Leute kommen auf mich zu und schreien.“

Genauso ist es. Hamed Abdel-Samad beleidigt und provoziert nicht. Menschen fühlen sich durch Hamed Abdel-Samed beleidigt. Deshalb aber seine Worte zu kriminalisieren, ist genauso falsch wie eine vergewaltigte Frau zu kriminalisieren, weil sie einen zu kurzen Rock getragen haben soll.

Der Mantel des Schweigens ist für die Redefreiheit das, was der Schleier und das Kopftuch für die Rechte der Frau ist. Jede Frau darf selbst entscheiden, ob sie einen Schleier tragen möchte und jeder Mensch darf selbst entscheiden, ob und zu was er schweigen will. Es darf keinen Zwang geben, weder für den Schleier noch für den Mantel des Schweigens!

Hamed Abdel-Samad kann nirgendwo mehr ohne Personenschutz hingehen, dennoch verbietet er niemanden, ihn zu kritisieren. Er ist ein Mann des Arguments, vehement, deutlich und ohne Verharmlosung. Er ist ein anständiger Mensch der Aufklärung. Er macht auf Missstände aufmerksam und zeigt mit dem Finger auf den Sumpf, aus dem immer wieder Blasen des Hasses aufsteigen. Er gibt einfach nicht auf, auch wenn es manchmal weh tut und er unter Tränen erklärt (Ab Minute 49:30):

„Ich mag Orte, wo Menschen mit dem Herzen dabei sind, auch wenn ich nicht mehr religiös bin, aber ich mag sehnsuchtgeladene Orte, wo die Menschen weinen, wo die Menschen ihre Sehnsüchte aussprechen. Das Letzte, was ich will, ist letzten Endes Gefühle von irgendjemanden zu verletzen, ich meine, dass er sagt, ich hätte dann …“

Hier überkamen ihm die Gefühle. Er weinte.

„Wenn ich jedes Mal immer darauf achten muss, dass der oder der oder die verletzt sein könnte oder das wäre zu viel, hör da auf, das ist eine Selbstzensur, die sehr gefährlich ist für einen Schriftsteller. Ein Schriftsteller lebt davon, dass er einfach seine Meinung sagt und sich darauf verletzt, dass die Anderen …“

Hier überkamen ihm erneut die Tränen – und mir auch.

„Glaubst Du, dass ich das aus Spaß mache. Glaubst du, dass ich so leben will?“

Lieber Hamed Abdel-Samad,
Liebe Seyran Ateş,
Liebe Sabatina James,
Liebe Muslime, die Ihr unter dem Islam leidet, wie er gerade zum großen Teil gelebt wird und dagegen kämpft,

Ihr kämpft für mich. Ihr kämpft für uns. Ihr bezahlt einen hohen Preis dafür. Ich glaube nicht an Helden, aber ich glaube an heldenhafte Taten. Ihr vollbringt sie jeden Tag. Danke, vielen, vielen Dank!

Es wird Zeit, dass wir zu Euch stehen und Euch verteidigen, allein schon, weil Ihr zu uns gehört, zu unseren Werten der Freiheit, Gleichberechtigung und Aufklärung. Statt zynisch zu behaupten, „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen“, sollten wir endlich aktiv erklären:

„Wir erkämpfen uns Eure Freiheit zurück!“

Veröffentlicht unter Deutschland, Europa, Islam, Liberalismus, Philosophie, Politik | 31 Kommentare

Herzlichen Glückwunsch Henryk!

Heute wird Henryk M. Broder 71 Jahre alt!


Mein lieber Henryk,

ich wünsche Dir alles Gute zu Deinem Geburtstag. Auf 120!

Ich bin mir sicher, an dem Tag, da zukünftige Generationen Deinen 171. Geburtstag begehen, werden die Leute auf jene, die Dich heute dissen, mit so viel Unverständnis blicken wie wir heute auf jene blicken, die einst Heinrich Heine dissten.

Heute wissen wir, was der Hauptgrund für das Heine-Bashing und die Herabsetzung war. Heine war stets klar und direkt mit seinen Worten. Oft lüftete er das Mieder der deutschen Sprache. Er kritisierte Religionen und Majestäten auf das Schärfste. Seine Kritik traf Rechte wie Linke. Und er war Jude.

Du bist wie Heine, ein Charakter, der sich selbst keinen Maulkorb verpasst, aus Angst, die Falschen könnten ihn zitieren. Du schreibst aus Liebe und Lust zum Leben. Du musst Dich nicht rechtfertigen, denn Deine Haltung ist so klar wie Heines.

Du bist ein guter Mensch und ein Freund. Deutschland wäre ärmer ohne Dich. Deutschland ist Dein zu Hause und zu Hause ist dort, wo man die Buchse aufmacht!

Lieber Henryk,

bitte schreibe weiter über Deutschland, die Linken wie die Rechten, über die Hybris der Deutschen, im Luftreich des Traums die Herrschaft so unbestritten zu behaupten, dass sie auf ihren Wegen gar manches Sternlein ausputzen mit ihren Flügelschlägen. Lass Dir nicht einreden, deutliche Worte über Majestäten und Religionen seien Beleidigungen.

Schreibe noch viele, viele gesunde Jahre weiter über Dein persönliches Wintermärchen.

Veröffentlicht unter Deutschland | 14 Kommentare

„Holocaust Alaaf!“

Berlin, halt Dich fest, Yael Bartana kommt an die Spree! An der Volksbühne wird sie das Stück „Was, wenn Frauen die Welt regieren“ nach Motiven von Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ inszenieren.

Mit dem Inszenieren nach Motiven, die etwas zu groß sind für sie, kennt Yael Bartana sich aus. Am 28. Juni 2013 zum Beispiel präsentierte sie in Köln im Rahmen der Impulse Theater Biennale vor dem Kölner Dom die Performance „Zwei Minuten Stillstand“ nach den Motiven des israelischen Holocaustgedenktags Jom haScho’a. Was herauskam, war eine karnevaleske Verballhornung des Holocaustgedenktags.

Jom haScho’a ist ein israelischer Nationalfeiertag und Gedenktag für die Opfer der Shoa einerseits und den jüdischen Widerstand und das Heldentum der jüdischen Untergrundkämpfer andererseits. An dem Tag um 10 Uhr heulen in Israel für zwei Minuten die Sirenen. Der öffentliche Nahverkehr und normalerweise auch alle anderen Fahrzeuge halten dann an, die meisten Passanten bleiben schweigend stehen. Israel hält inne. Diese Form des Gedenkens parodierte Yael Bartana in Köln, indem sie alle Kölnerinnen und Kölner dazu aufrief, am 28. Juni 2013 um 11 Uhr ihren Alltag für zwei Minuten „symbolisch zu unterbrechen“. Woran Sie denken sollten, gab Yael Bartana auf der Homepage des Festivals bekannt:

„Drittes Reich und Holocaust sind nicht nur historische Ereignisse – sie haben weitreichende Wirkungen in unsere Gegenwart hinein: die Gründung des Staates Israel, die Besetzung der palästinensischen Gebiete, Flucht, Vertreibung in Europa und im Nahen Osten. Selbst die finanziellen Ungleichheiten in der EU sind vielfach noch immer Folgen des Zweiten Weltkriegs, so wie es Deutschlands Wohlstand ist.“

Der Journalist Alan Posener von der WELT brachte die Lächerlichkeit dieser Kunstaktion auf folgende passende Formel gebracht:

„Holocaustgedenken heißt also: Gegen Israel und für Eurobonds zu sein. So in etwa. Die Dummheit höret nimmer auf.“

Die taz schrieb:

„Vertriebene Schlesier, bedrohte Migranten: Die Aktion „Zwei Minuten Stillstand“ verwandelt Holocaust-Gedenken in ein europäisches Wohlfühlprojekt.“

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln war jedoch begeistert und kommentierte die Kunstaktion mit folgenden Worten:

„Yael Bartana gibt uns mit ihrer Einladung zu „Zwei Minuten Stillstand” die großartige Gelegenheit, individuell zu entscheiden, eine gemeinschaftliche Erfahrung zu machen. Es ist ein wichtiges Projekt, das uns auffordert darüber nachzudenken, wie wir heute der Schrecken des Holocausts gedenken können, aber auch was unsere eigene Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft ist. Ich unterstütze die Vision der Künstlerin, einen Moment des Innehaltens zu schaffen. Und ich lade alle Kölnerinnen und Kölner ein, sich an dieser Aktion zu beteiligen.” „Zwei Minuten Stillstand“ fordert uns dazu auf, die Gegenwart zu reflektieren. Anzuhalten, über die Geschichte nachzudenken und über unsere Zukunft. Darüber, was es heute bedeutet, deutsch zu sein, als Immigrant in Deutschland zu leben, welche Konsequenzen der Holocaust ebenso wie seine Instrumentalisierung heute haben.“

Jürgen Roters faselte von einer Instrumentalisierung des Holocausts, ohne dabei zu erläutern, was er genau damit meinte. Währenddessen instrumentalisierte Yael Bartana mit der Unterstützung der Stadt Köln und des Oberbürgermeisters den Holocaust, indem sie zu einer Performance vor dem Kölner Dom lud, bei der die Kölnerinnen und Kölner über der Holocaust nachdenken sollten, um dabei die „großartige Gelegenheit“ zu erleben, „eine gemeinschaftliche Erfahrung zu machen.“

Wer aus dem Holocaust eine gemeinschaftliche und großartige Erfahrung macht, instrumentalisiert den Holocaust.

So kam es, dass am 28. Juni 2013 kurz vor elf Uhr ein kleines Grüppchen schutzsuchend unter dem Dach des Römisch-Germanischen Museums vor dem Kölner Dom stand und darauf wartete, dass die Domuhr elf schlägt. Es waren nur wenige gekommen, da es regnete. „Was für ein tristes Wetter,“ schienen einige zu denken, „so macht Holocaustgedenken einfach keinen Spaß.“

Als der Dom 11 Uhr schlug, blies eine Gruppe Schülerinnen und Schüler in Trompeten und Hörner. Einige Menschen auf der Domplatte standen still und dachten. Es war eine Holocaustgedenkveranstaltung für alle! Ob nun vertriebene Schlesier oder bedrohte Migranten, ob nun Auschwitz oder der Tod eines Haustiers, die Aktion „Zwei Minuten Stillstand“ verwandelt den Holocaust-Gedenken in ein kölsches Wohlfühlprojekt, bei dem an alles gedacht werden durfte, was man so doof fand in der Welt. Einige demonstrierten gegen Rassismus, andere gegen Israel. Eigentlich fehlte nur noch, dass jemand rief: „Holocaust Alaaf!“

Um diese Trivialisierung nicht widerstandslos hinzunehmen, versammelten sich zur gleichen Zeit am selben Ort Menschen aus allen Ecken Deutschlands. Sie kamen aus Essen, Siegen, Hamburg und Köln. Sie hatten durch meinen Blog Tapfer im Nirgendwo von der Performance erfahren und kamen, um das Schweigen zu brechen! Sie sangen das hebräische Lied der Hoffnung (Hatikva) und tranken Wein. Einige trugen Israelfahnen.

Dies wiederum störte einige Schüler, die von ihren Lehrerinnen und Lehrern zu der Performance hergebracht worden waren. Diese Jungs wollten nicht unkommentiert auf einer Demonstration sein, wo die Israelfahne zu sehen war und riefen daher: „Viva Palastine!“ Israel war für sie ein Land ohne Existenzberechtigung.

Im Anschluss der Performance erklärte mir die Künstlerin, dass es keine Autorität geben dürfe, die darüber entscheidet, wie man an den Holocaust zu denken habe. „Sie haben Recht,“ erwiderte ich, „aber das klingt schon ein bißchen komisch aus dem Mund einer Künstlerin, die gerade eine Holocaustgedenkkunst performt hat, die von öffentlichen Geldern finanziert wurde und unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters stattfand. Noch mehr Autorität geht in einer Demokratie nicht!“

Später am Tag, um 18 Uhr, saß ich in einer Diskussionsrunde zu der Performance an der Universität zu Köln. Die Kuratorin der Impusle Theater Biennale 2013, Stefanie Wenner, sagte, sie habe die Performance an der Keupstraße erlebt. Dort seien auch Schülerinnen und Schüler anwesend gewesen, die das Stillstehen vorher in der Schule geübt hätten. Es sei sehr schwer gewesen, sie zum Stillstehen zu bewegen, aber es habe funktioniert. Dieses Stillstehen verleitete Stefanie Wenner dann tatsächlich zu der Aussage: „Es war ein Moment von Schönheit.“

Holocaustgedenken kann so schön sein, vor allem wenn deutsche Schüler, die Israel eher nicht mögen, wieder das Strammstehen lernen. Ein weiterer Diskussionsteilnehmer des Abends sagte:

„Das Kunstwerk passt besser nach Köln als nach Düsseldorf, weil es in Köln ein viel größeres Gemeinschaftsgefühl gibt.“

Jetzt kommt die Künstlerin, die in Köln den Holocaust so schön und zu einem Gemeinschaftsgefühl der Deutschen gemacht hat, nach Berlin. Der neue Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock haben Yael Bartana nach Berlin geholt.

Eine recht spannende Wahl, denn neben Yael Bartana wurde auch die britische Rapperin Kate Tempest verpflichtet, die am 6. Oktober 2017 mit „Let Them Eat Chaos“ mit Orchester und Chor auf dem Tempelhofer Feld in einer Produktion der Volksbühne zu sehen sein soll. Kate Tempest ist jedoch glühende Anhängerin der BDS-Bewegung, die dazu aufruft, Menschen zu meiden, zu schwächen und zu boykottieren, wenn sie Israelis sind. Sibylle Berg schreibt dazu:

„Beherzt kämpfen sie von der Insel aus gegen Produkte von Juden, gegen Künstler, die aus Israel kommen oder dort arbeiten wollen.“

Es verspricht spannend zu werden in der Berliner Volksbühne.

Veröffentlicht unter Deutschland, Kunst | 11 Kommentare

Drei aktuelle Nachrichten des Hasses

Am 11. August 2017 wurde um zwei Uhr morgens auf das jüdische Geschäft „Beit Shalom“ in Schorndorf, Baden-Württemberg geschossen. Bei dem Anschlag wurde das Schaufenster zerstört. In dem Geschäft an der Gottlieb-Daimler-Straße werden israelischen und jüdische Waren verkauft, wie Sabbat-Leuchter, Pessach-Teller und israelische Lebensmittel.

Am 12. August 2017 demonstrierten Judenhasser und Rassisten unter dem Slogan „Ein Ende dem jüdischen Einfluss in Amerika“ in Charlottesville, Virigina und brüllten: „Juden werden uns nicht ersetzen!“ Eine Gegendemonstration wurde ermordet und viele weitere Menschen verletzt.

Am 15. August 2017 erklärten der syrische Rapper Abu Hajar, die tunesische Liedermacherin Emel Mathlouthi, die Gruppe „Hello Psychaleppo“, Iklan featuring Law Holt und die aus Ägypten stammende Gruppe „Islam Chipsy & EEK“ ihre Teilnahme am Berliner Pop-Kultur Festival abgesagt, weil Israelis an dem Festival teilnehmen und daher die israelische Botschaft zu den vielen Sponsoren des Festivals gehört.

Das sind drei aktuelle Nachrichten über Judenhass. Alle in nur fünf Tagen. Die Menschen, die hier Juden hassen, haben nichts gemein, außer ihrem Hass auf Juden.

Es leben weniger als 15 Millionen Juden auf dieser Welt. Das sind gerade mal 0,2 Prozent aller Menschen. Wir dürfen diese kleine Minderheit mit dem Hass nicht alleine lassen, der gerade wieder aus allen Ecken kommt.

Es ist wichtig, dass wir über diesen Judenhass sprechen, dass wir nicht leugnen, dass der Judenhass sich rechts, links, christlich und muslimisch äußert und dass wir uns klar und deutlich gegen all diesen Hass aussprechen.

Den Judenhass zu ignorieren, ist genauso schlimm, wie ihn zu unterstützen.

Veröffentlicht unter Antisemitismus | 47 Kommentare

Dudenkritisch

Neulich war ich in dem virtuellen Wörterbuch duden.de auf der Suche nach einem Wort. Ich suchte „Deutschlandkritisch“. Der Duden antwortete:
Dann suchte ich „Englandkritisch“:
Ich suchte nach „Amerikakritisch“, „Russlandkritisch“, „Chinakritisch“, „Keniakritisch“ und „Brasilienkritisch“:
Am Ende versuchte ich es noch mit „Irankritisch“:
Nein, ich meinte „Irankritisch“, aber da der Duden „Israelkritisch“ vorschlug, dachte ich mir, schau doch mal nach, ob es das Wort im Duden gibt:
Siehe da. Das Wort gibt es. „Irankritisch“ gibt es nicht, aber „israelkritisch“. Ich schaute direkt nach, ob es auch das Wort „Palästinakritisch“ gibt:
Natürlich nicht. Es gibt nur Israelkritik. Isa Nowotny und Ursula Prem schreiben dazu:

„Wenn es »israelkritisch« als Wort gibt, aber nicht zum Beispiel »nordkoreakritisch«, dann dürfte das ein deutliches Zeichen sein.“

Veröffentlicht unter Deutschland | 21 Kommentare

YouTube löscht Henryk Broder, Seyran Ateş und Hamed Abdel-Samad

„Wie kannst Du als Frau kommen und sagen: Ich möchte die erste Imamin sein und möchte – ich bin Frauenrechtlerin, ja, mach Deine Frauenrechte, aber nicht in der Religion, gibt’s nicht, Allah sagt: [arabischer Text] Allah sagt im Koran, die Männer sind den Frauen überlegen, in dem, was Allah [arabischer Text] ihnen an Vorzug gegeben hat. (…) Allah hat sie erschaffen. Allah sagt, sie sind nicht gleich. Allah entscheidet und Allah [arabischer Text] bestimmt, dass ein Mann nicht von einer Frau in seinem Gebet geführt werden darf! Punkt.“

Dies erklärte der islamische Prediger Eyad Hadrous zur Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin durch die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş. In der liberalen Moschee beten Frauen und Männer gemeinsam, die Predigten werden auch von Frauen gesprochen, homosexuelle Männer und Frauen sind ausdrücklich willkommen und die Moschee steht verschiedenen islamischen Konfessionen offen.

Viele erzkonservative und frauenfeindliche Muslime wie Eyad Hadrous haben damit ein Problem. Die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet behauptet, die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee bemühe sich, die Religion „zu untergraben und zu zerstören“. Gläubige sollten sich von der liberalen Auslegung des Islam nicht „provozieren“ lassen.

Der Vorstand der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) erklärt, die Toleranz der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegenüber der Homosexualität sei eine „Verunglimpfung“, „Schmähung“ und „Beleidigung“ religiöser Traditionen.

Der Blogger Yasin Al-Hafni nennt Seyran Ateş eine „faschistische Feministin“, „unterentwickelte Gestalt“ und einen „Teufel“.

Einige muslimische Fundamentalisten rufen offen zur Gewalt gegen Seyran Ateş auf. Seit der Eröffnung der Moschee erhält Seyran Ateş viele, nach Gefährdungsanalyse des Landeskriminalamtes ernstzunehmende Morddrohungen und steht seitdem unter Polizeischutz.

Im August 2017 waren Hamed Abdel-Samad und Henryk M. Broder zu Gast in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Da Hamed Abdel-Samad nicht mehr ohne Personenschutz das Haus verlassen kann, da eine Todesfatwa über ihn ausgesprochen wurde, waren über ein Dutzend Personenschützer in der Moschee. Das Treffen wurde gefilmt und am 8. August 2017 auf YouTube gestellt. Am 14. August 2017 allerdings löschte YouTube das Video wieder, nachdem der islamische Prediger Eyad Hadrous erklärt hatte, der Film habe seine Urheberrechte verletzt, da Teile seiner hasserfüllten Predigt in dem Film zitiert wurden.

Der gepredigte Hass war für YouTube nicht das Problem. Das Zitieren des gepredigten Hasses jedoch schon! Da hört für YouTube der Spaß auf. Hass ja, aber nicht zitiert und kommentiert!

Menschen wie Hamed Abdel-Samad und Seyran Ateş leben in Europa unter ständiger Lebensgefahr, weil sie Homosexuelle nicht verurteilen, für Frauenrechte streiten, das Kopftuch für Frauen nicht fordern, Juden nicht hassen und den Islam an seinen fundamentalistischen Stellen kritisieren, was viele Muslime in Europa als Grund heranziehen, sie umbringen zu wollen, aber wehe die Opfer wehren sich, zitieren den Hass und kommentieren ihn. Dann wird gelöscht, ganz nach dem Motto: „Nur, weil ich in aller Öffentlichkeit meinen Hass über Dich herausposaune, heißt das noch lange nicht, dass Du diesen Hass zitieren und kommentieren darfst.“

Am 23. Januar 2015 wurde in Berlin diese Predigt gehalten!

„Eine Frau muss das Heim zum blühenden Garten ihres Mannes machen, so dass er nicht vor ihr flüchtet wie vor Flöhen, Lepra oder einem Löwen.“

„Wenn ein Mann auf die Straße geht, wird er überall von Frauen verführt, die ihn sexuell erregen. Der Prophet Mohammed sagt, ein Mann, der von fremden Frauen auf der Straße verführt wird, muss sofort nach Hause gehen und mit seiner Frau schlafen. Was aber, wenn zu Hause ein Ghul von einer Frau auf ihn wartet?“

„Eine Frau darf niemals ohne Erlaubnis ihres Mannes einen Mann ins Haus lassen. Eine Frau darf niemals das Haus ohne die Erlaubnis ihres Mannes verlassen! Und unter keinen Umständen darf sie eine Nacht außerhalb des Hauses verbringen ohne Erlaubnis ihres Mannes! Nicht mal bei ihrem eigenen Vater!“

„Eine Frau darf nicht arbeiten ohne die Erlaubnis ihres Mannes!“

„Ein Mann sollte seiner Frau nie das Arbeiten außerhalb des eigenen Hauses erlauben!“

„Das Leben einer Frau muss auf das Haus ihres Mannes beschränkt sein!“

„Eine Frau muss kochen, den Boden wischen, sauber machen und sich um ihren Mann, ihre Söhne und Töchter kümmern!“

„Einer Frau ist es nicht gestattet, den Beischlaf mit ihrem Mann zu verweigern! Mit keiner Entschuldigung darf sie sich rausreden!“

„Eine Frau darf unter keinen Umständen „Nein“ sagen, wenn ihr Mann mit ihr schlafen will!“

„Auch wenn eine Frau ihre Tage hat, muss sie mit ihrem Mann schlafen, wenn der Mann will. Er sollte nur ihre Vagina meiden … und ihren Anus!“

Auf YouTube ist diese Predigt frei zugänglich. Zu diesem Film bestehen offensichtlich keine Bedenken.

Veröffentlicht unter Deutschland, Islam | 18 Kommentare