Schauprozess im Theater – Macht, Moral und Meinungsfreiheit

Bei den Hamburger Lessingtagen 2026 fand im Thalia Theater die Inszenierung „Prozess gegen Deutschland“ statt, ein fiktives Verfahren über ein mögliches Verbot der Alternative für Deutschland (AfD). Die Veranstaltung war als Gerichtsverhandlung angelegt: Eine Seite argumentierte gegen ein Verbot, die andere dafür.

Bereits dieser Aufbau war grundlegend problematisch, aber nicht ungewöhnlich für selbsternannte Kulturschaffende, die glauben, im Besitz der einzig wahren linken Wahrheit zu sein, eine Gesinnung, die ihnen angeblich uneingeschränkte moralische Deutungshoheit verleiht. Im Thalia Theater wurde über Gewalt diskutiert. Das Recht zur Anwendung von Gewalt wurde jedoch nur einer Seite zugestanden, nämlich der Seite, die für das AfD-Verbot stritt. Debattiert wurde darüber, ob es gerechtfertigt ist, der anderen Seite staatliche oder institutionelle Gewalt anzutun, also ihr politische Rechte zu entziehen oder sie zu verbieten. Die andere Seite konnte lediglich argumentieren, dass man ihr diese Gewalt nicht antun sollte. Dadurch entstand von Beginn an eine asymmetrische Diskussionsstruktur: Die Debatte über die Legitimität von Gewalt war einseitig, denn nur eine Seite wurde als potenzieller „Gewaltanwender“ behandelt, während die andere Seite ausschließlich auf argumentative Verteidigung beschränkt blieb.

Im Thalia Theater wurde ein Machtungleichgewicht inszeniert, und gerade diese Inszenierung machte ein wesentliches Phänomen deutlich: In einer asymmetrischen Debatte, in der der einen Seite zugestanden werden soll, Gewalt ausüben zu dürfen, während die andere Seite nur argumentieren kann, ob die Gewalt gerechtfertigt ist, ist es für die bedrohte Seite entscheidend, die Angreifenden vollständig zu verstehen.

Die Seite, die argumentativ bedroht wird, muss die andere Seite vollständig verstehen, um in der Debatte bestehen zu können. Sie muss die Argumente der Gegenseite kennen, nachvollziehen und darauf reagieren. Jede Unkenntnis der Positionen der Angreifenden würde ihre Verteidigung schwächen. Das Wissen um die Argumente der Gegenseite ist zentral, um sich wirksam zu schützen. Die Verteidigung steht daher unter der Notwendigkeit, den Angreifer genau zu kennen.

Die Angreifenden hingegen haben diesen Zwang nicht. Ihre Rolle braucht kein Verständnis und keinen Dialog. Sie müssen die Gegenseite nicht nachvollziehen, sie müssen sie nicht verstehen. Ihr Ziel ist das Verbot und die Unterdrückung, nicht das Gespräch. Sie können argumentativ dominieren, Zustimmung erzwingen oder die Debatte als Bühne für die eigene Macht nutzen, ohne sich wirklich mit den Perspektiven derjenigen auseinanderzusetzen, denen sie Gewalt androhen. Wer verbieten und vernichten will, muss die bedrohte Seite nicht verstehen. Es reicht, genug Unterstützung zu finden, um die Gewalt auch ausüben zu können. Dafür ist es weniger wichtig, die Gegenseite zu verstehen; es ist viel wichtiger, die Gegenseite zu dämonisieren und zu delegitimieren.

Im Thalia Theater wurde auf eindringliche Art klar: Die bedrohte Seite muss die Angreifenden kennen, während die Angreifenden die bedrohte Seite nicht kennen müssen. Das Debattenklima im Thalia Theater war exemplarisch für die Dynamiken in unserer aktuellen Gesellschaft.

Während der Veranstaltung in Hamburg wurde immer wieder deutlich, dass die Seite, die gegen ein AfD-Verbot argumentierte, die Positionen der Gegenseite kannte. Die Seite allerdings, die für das Verbot stimmte, war auf abenteuerliche Weise unwissend über die Gedankenwelt der Seite, über die sie richteten und denen sie Gewalt antun lassen wollten.

Deutlich wurde dies besonders nach den Redebeiträgen von Joana Cotar, Frauke Petry und Harald Martenstein. Teile des Publikums verließen den Saal, als sie sprachen, wiederholt wurden die Redner unterbrochen. Es gab Buh-Rufe und Unmutsbekundungen. Ein großer Teil des Publikums reagierte emotional, anstatt sich auf die Argumente einzulassen. Gleichzeitig erhielten Redebeiträge, die das Verbot unterstützten, wiederholt Applaus.

Dieses Ungleichgewicht verdeutlicht eine zentrale Lektion über Diskursfähigkeit: Verstehen bedeutet nicht Zustimmung, sondern die Fähigkeit, die Argumente der anderen Seite so zu formulieren, dass diese sagen könnte: „Ja, so meine ich das.“ In der Inszenierung wurde diese Form der Dialogkompetenz nur einseitig praktiziert. Die konservative Position konnte die Argumente der Gegenseite nachvollziehen; die andere Seite scheiterte daran. Das Ergebnis war eine Debattenasymmetrie: Eine Seite verstand die Gegenseite, die andere Seite konnte dies nicht und zeigte dies durch Rückzug, Unterbrechung oder selektive Aufmerksamkeit.

Eine friedfertige Diskussion setzt voraus, dass das Gespräch erst dann fortgeführt wird, wenn jede Seite die Position der anderen Seite wiedergeben kann, und zwar so, dass die Gegenseite sagt: „Ja, genauso meine ich das.“ Bevor dieses Verständnis vorhanden ist, kann kein fruchtbares Gespräch stattfinden. Es geht somit nicht um Zustimmung, sondern um Verständnis.

Gewalt entsteht häufig genau dann, wenn eine Seite glaubt, die andere verstanden zu haben, obwohl dies nicht der Fall ist. Missverständnisse und Fehlinterpretationen führen zu Konflikten, die eigentlich vermeidbar wären. Wird die Position der Gegenseite korrekt erfasst, entsteht eine echte Debatte zwischen Menschen, die nicht dieselben Argumente teilen. Verständnis und nicht Zustimmung ist die zentrale Voraussetzung für konstruktive, friedfertige Debatten.

Die Inszenierung im Thalia jedoch war nicht auf Verständnis ausgerichtet, und schon gar nicht auf Zustimmung. Es ging darum, darüber zu diskutieren, ob es der einen Seite erlaubt werden sollte, der anderen Seite Gewalt anzutun. Es ging darum, die eine Seite staatlich verbieten zu dürfen.

Jede Form von Staat, unabhängig von ideologischer Ausrichtung, verfügt über Mittel der Durchsetzung von Normen und Regeln: Polizei, Justiz, Steuerzwang, Enteignung. Diese Mittel sind immer mit einer Form von Gewaltbereitschaft und potenzieller Gewalttätigkeit verbunden. Historische Beispiele zeigen, wie diese Gewaltbereitschaft in autoritären linken Regimen systematisch umgesetzt wurde: Unter Stalin in der Sowjetunion, Mao Zedong in China oder bei den Roten Khmer in Kambodscha führten politische Zielsetzungen zur direkten Anwendung von Gewalt gegen Millionen Menschen.

In all diesen autoritären Regimen verstanden sich die Herrschenden stets als die Guten. Die Gewalt wurde gerechtfertigt mit dem Ziel, Schlimmeres zu verhindern. Man stellte sich selbst als friedfertig dar und behauptete, im Interesse des Schutzes der Bevölkerung zu handeln. Man wollte Kriege verhindern, die Gesellschaft schützen und das vermeintlich Gute bewahren.

Für diese Regime war es elementar, die Gegenseite als böse darzustellen. Dieses Bild diente der Legitimation der Gewalt. In Schauprozessen war das Publikum der eigentliche und integrale Bestandteil. Das Publikum sollte überzeugt werden, die Gewalt gegen bestimmte Menschen zu akzeptieren, zu bejubeln, dafür zu applaudieren und dadurch zu unterstützen.

In solchen Schauprozessen durfte es kein Verständnis für die Argumente und Perspektiven der Opfer geben. Ein Schauprozess ist, wie das Wort schon sagt, eine Inszenierung, dessen Ziel es ist, das Publikum emotional zu binden und die Akzeptanz von Gewalt zu sichern. Genau darum ging es auch in der Inszenierung im Thalia Theater. Es ging aber gehörig daneben, denn die Redebeiträge von Harald Martenstein, Frauke Petry und Joana Cotar fanden außerhalb des Thalia Theaters in den sozialen Medien große Aufmerksamkeit.

Schon Stunden nach der Aufführung wurden die Reden vielfach in sozialen Medien geteilt und diskutiert, weil sie auf sehr grundlegende und rhetorisch brillanten Weise die Vorzüge einer freien Gesellschaft verteidigten. Die Angeklagten verteidigten nicht die AfD oder sich selbst, sondern die Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit und Versammlungsfreiheit. Sie verteidigten die Gründungsrechte für alle Parteien und das Recht aller, unabhängig von politischer Orientierung gleichberechtigt zu leben.

Die Redner argumentierten dafür, dass es wichtig ist, in einer Gesellschaft zu leben, in der auch der politische Gegner die gleichen Rechte besitzt, dass alle vor dem Gesetz gleich sind und niemand „gleicher“ ist als andere.

Dieses Prinzip, dass Menschen nicht aufgrund eigener Überzeugungen über andere erheben dürfen, wurde im Thalia Theater missachtet, wie das Verhalten des Publikums zeigte. Während die Beiträge online sehr positiv aufgenommen wurden, zeigte das reale Publikum häufig Unfähigkeit oder Unwillen, die Argumente der bedrohten Seite zu verstehen. Einige verließen den Saal, unterbrachen oder reagierten emotional.

Die Diskrepanz zwischen der Rezeption im Theater und in den sozialen Medien verdeutlicht die zentrale Problematik: Verständnis ist die Voraussetzung für eine freie, demokratische Debatte. Dort, wo das Publikum nicht bereit ist, die Gegenseite zu verstehen, wird eine konstruktive Auseinandersetzung unmöglich, selbst wenn die Argumente sachlich und fundiert vorgebracht werden.

Offenkundig ist es der Inszenierung im Thalia Theater nicht gelungen, den Raum außerhalb des Theaterraums zu bestimmen. Die sozialen Medien folgen eben eigenen Gesetzgebungen und Dynamiken. Während die Herren der Inszenierung im Theatersaal die Hoheit über die Aufführung besaßen, galt dies nicht außerhalb. Dort wurden die Reden der Angeklagten gefeiert, diskutiert und geteilt.

Dieses Auseinanderfallen von Theaterraum und öffentlichem Diskurs zeigt ein strukturelles Problem auf. Subventionierte Theater, wie das Thalia, werden häufig von Personen aus dem linken Spektrum bespielt und finanziert. Subventionen werden aus Steuermitteln bereitgestellt, also aus Mitteln, die durch staatliche Gewalt eingetrieben werden, sei es durch Steuerzwang oder andere Durchsetzungsmechanismen. Selbst wenn diese Mittel für gesellschaftlich wertvolle Projekte genutzt werden, bleibt die zugrunde liegende Gewaltbereitschaft ein Faktum.

Bei Steuern ist es eben wie bei jeder Gewalt: Der Staat muss behaupten, diese Gewalt für das Gute auszuüben, um sie auch ausüben zu können. Die Gewalt muss als Instrument für etwas Gutes erscheinen, in diesem Fall für die Kulturförderung. Künstler, die in subventionierten Theatern arbeiten, behaupten oft, Pazifisten zu sein, profitieren jedoch gleichzeitig von der staatlich gewährten Gewalt, die ihre Arbeit ermöglicht.

Die Inszenierung im Thalia Theater zeigte, wie problematisch diese Gewalt werden kann. Im Thalia wurde diskutiert, ob eine Partei verboten werden soll, und dieses Gedankenspiel wurde durch staatlich subventionierte Mittel möglich gemacht. In einem durch Gewalt finanzierten Theaterstück wurde darüber diskutiert, ob nicht noch mehr Gewalt notwendig ist, ohne dass die Gewalt selbst reflektiert wurde.

Die sozialen Medien jedoch durchbrechen dieses Schweigen. Dort können Menschen ihre Gedanken unabhängig vom Theater und dessen Ideologie verbreiten. Die Argumente von Martenstein, Petry und Cotar erreichten auf diese Weise eine breite Öffentlichkeit, und diese Öffentlichkeit diskutierte jenseits des kontrollierten Theaterraums.

Genau deshalb setzen Regierungen vermutlich immer häufiger auf Einschränkungen sozialer Medien. Nicht, um objektive Wahrheit zu schützen, sondern um ihre Macht und Deutungshoheit zu sichern – ein Muster, das sich in unzähligen autoritären, sozialistischen und staatlich gelenkten Systemen weltweit immer und immer wieder wiederholt.

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About tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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