Noch nie hat jemand Männer aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen

Eine Rede von Dr. Isabel Rohner, gehalten auf einer Demonstration der Frauenheldinnen am 15. März 2026 in Berlin.

Vor ein paar Jahren bin ich durch Südostasien gereist. Am Flughafen von Kuala Lumpur in Malaysia begegnete mir eine Familie, die ich nie vergessen werde: Vater, Mutter, drei kleine Kinder – ein Junge und zwei Mädchen.

Warum ich das so genau weiß? Weil die beiden Mädchen verschleiert waren. Die ältere war vielleicht vier Jahre alt. Die jüngere war ein Baby, kaum ein paar Wochen alt. Beide steckten in hellblauen, sackartigen Gewändern, aus denen nur die kleinen Gesichter hervorschauten. Der große Bruder – er war höchstens sechs – trug kurze Hosen und ein TShirt, genau wie sein Vater. Er rannte im Wartebereich herum, weil ihm langweilig war. Die Vierjährige hockte still auf dem Boden. In dem Gewand hätte sie gar nicht rennen können – sie wäre über den Saum gestolpert. Und vermutlich hätte man es ihr ohnehin verboten. Die Mutter saß voll verhüllt daneben, erschöpft, das Gesicht schweißnass. Es war viel zu heiß.

Später saß die Familie im selben Flugzeug wie wir, eine Reihe vor uns. Das vollverschleierte Baby konnte seinen Kopf nicht drehen. Es schrie sich vor Frustration – und wahrscheinlich vor Hitze – die Seele aus dem Leib. Die große Schwester saß daneben, still, reglos, wie betäubt. Sie wirkte schon genauso apathisch wie ihre Mutter.

Diese Mädchen haben keine Chance, einfach Kinder zu sein. Sie lernen von Beginn an, dass sie in der Öffentlichkeit nicht vorkommen sollen. Dass sie sich weniger bewegen dürfen als ihr Bruder. Dass sie schlechter sehen und hören können, weil mehrere Lagen Stoff ihre Wahrnehmung und Motorik behindern. Und das alles, bevor sie überhaupt verstehen, warum.

Es zerriss mir das Herz, es zerreißt es mir bis heute. Der Schleier ist kein neutrales Kleidungsstück. Er ist ein Symbol, das Mädchen und Frauen als diejenigen markiert, die ihre „Reize“ verbergen müssen – aus Angst, Männer könnten sonst „ausrasten“. Dass diese Logik sogar auf Babys angewendet wird, sagt viel über das zugrunde liegende Frauen- und Männerbild aus.

2017 sagte der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen sinngemäß in einem Interview: Wenn die Islamfeindlichkeit weiter um sich greift, könnte der Tag kommen, an dem wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Dieser Satz hat damals viele irritiert, manche empört, andere haben ihn beklatscht. 

Es würde mich nicht überraschen, wenn auch heute – hier in Berlin am Tag gegen Islamophobie – eine Politikerin oder ein Politiker auf die Idee käme, Frauen zu ermutigen, aus Solidarität ein Kopftuch zu tragen. Und das in derselben Stadt, in der es immer wieder vorkommt, dass junge Berlinerinnen, die hier in Deutschlands Hauptstadt geboren und aufgewachsen sind, von ihren Familien ermordet werden, wenn sie selbstbestimmt und ohne Kopftuch leben wollen. Ich erinnere nur an Hatun Sürücü. In der selben Stadt, in der gerade ein Fall aus Neukölln Schlagzeilen macht, weil das zuständige Jugendamt mehrere sexuelle Übergriffe durch eine Gruppe arabischer Jugendlicher und junger Männer und die Vergewaltigung einer Sechszehnjährigen in einem kommunalen Jugendzentrum nicht an die Polizei meldete, um keine Vorurteile gegen Muslime zu schüren. 

Und noch etwas fällt auf: Noch nie hat jemand Männer aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen. Nicht aus Solidarität. Nicht aus politischen Gründen. Nicht aus religiöser Verbundenheit. Der österreichische Bundespräsident Van der Bellen ist nie mit Kopftuch aufgetreten. Es kam ihm gar nicht erst in den Sinn. Denn das Kopftuch – es betrifft ja nur Frauen und Mädchen. 

Gleichzeitig will ich mir nicht ausdenken, was mit Männern geschehen würde, die es tatsächlich wagten, mit einem Kopftuch durch Neukölln zu gehen. 

Unser Grundgesetz ist eindeutig: Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Dieser Satz gilt ohne Fußnote, ohne Ausnahme, ohne Relativierung. Er gilt unabhängig von Religion, Herkunft oder Tradition. Und er gilt nicht erst ab dem Erwachsenenalter. Dazu muss gehören, dass Mädchen und Jungen gleichermaßen Zugang zu Bildung, zu Sport zum Entdecken ihrer Talente und Wünsche haben müssen. Dass beide – Mädchen wie Jungen – Kinder sein dürfen, die spielen, lachen, lernen. Ein Kopftuch steht hierzu im krassen Gegensatz. 

Natürlich gilt: Es gibt Fälle von Diskriminierung, Ausgrenzung und pauschalen Feindbildern gegenüber Musliminnen und Muslimen. Das ist real.

Genauso real sind jedoch Forderungen nach Freiheit und Selbstbestimmung von Musliminnen. Wir erleben es gerade im Iran, in Afghanistan, in Berlin. 

Der Tag gegen Islamophobie darf nicht dazu führen, Unterdrückung von Frauen und Mädchen nicht mehr offen anzusprechen. Wir können nicht aus Rücksicht auf religiöse Gefühle aufhören, klar zu benennen, wo Kinderrechte und Frauenrechte verletzt werden. 

Lassen wir uns nicht einschüchtern – weder von Feindbildern noch von Tabus.

Lassen wir uns leiten von einem einfachen, klaren Prinzip: 

Jedes Mädchen hat das Recht, Kind zu sein. 

Und jede Muslimin muss das Recht haben, ihr Kopftuch abzulegen. 

Im Iran, in Afghanistan, in Berlin.

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(TINRO)

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About tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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