Gedanken zu Karfreitag

Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem Jesus vor Pontius Pilatus geführt wurde und sich die Menge versammelte und schrie: „Kreuzigt ihn!“

Warum tat die Menge das?

Nicht, weil jeder Einzelne von ihnen böse war, sondern weil sie von der Masse mitgerissen wurden. Zudem hatten die religiösen Autoritäten erklärt, dass dieser Mann verurteilt werden müsse.

Die Menschen in der Menge schrieen, weil alle anderen schrieen, weil die Stimme der Mehrheit mächtiger schien als ihr eigenes Gewissen und weil die Autorität das Schreien stützte. Die leise Stimme des Gewissens wurde vom Geschrei der Menge übertönt.

„Das Böse bezieht seine Macht aus Unentschlossenheit und der Sorge darum, was andere Menschen denken.“

Das sagte Papst Benedikt XVI. einst.

Die Dynamik der Masse zeigt sich im Extrem. Menschen, die normalerweise anders handeln würden, werden vom Druck der Gruppe und der Autorität mitgerissen. Sie verlieren ihre Individualität und ihr eigenes Urteilsvermögen. Das Böse findet genau dort seine Macht. Im fünften Kapitel des Markusevangeliums sagt der Teufel von sich:

„Legion heiße ich; denn wir sind viele.“

Das Böse nimmt oft die Form der Masse an. Es ist dort, wo der Mensch sich einer Ideologie unterwirft, wo das Individuum im Mob verschmilzt und sich in der Legion der Vielen auflöst. Mit einem Menschen, der von einer solchen Ideologie besessen ist, ist ein Gespräch unmöglich, gleichgültig, ob die Ideologie gut oder böse erscheint.

Die Dynamik des Mobs ist besonders gefährlich, wenn er in der Gewissheit moralischer Überlegenheit daherkommt. Dabei spielt es keine Rolle, welches Ziel der heilige Zorn verfolgt: Nichts rechtfertigt eine Schreckensherrschaft, weder Tugend noch gute Absichten.

Wenn Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben, sich in der gemeinsamen Herabwürdigung anderer vereinen und Hass identitätsstiftend wird, entsteht stets Gefahr. Die Legion nährt sich von Angst, Unterordnung und der Dynamik der Ausgrenzung.

Der Mob definiert sich mehr über Ausgrenzung als über Inhalte. Wenn der gemeinsame Nenner die Distanzierung ist, entsteht eine Eigendynamik, in der Abweichler und Kritiker zu Verrätern erklärt werden. Diskussionen werden ersetzt durch Diktat; jeder Millimeter, der von der Linie abweicht, wird unter tosendem Applaus sanktioniert.

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das ist die Rhetorik der Legion. Distanzierung ist ihr Mittel der Unterdrückung. „Wehret den Anfängen“ brüllen die selbstgerechten Putztruppen, doch sie meinen nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus Angst konstruieren. Diese Angst ist die Wurzel totalitären Denkens. Sie rechtfertigt präventive Gewalt, sowohl über Gedanken als auch physisch, gegen alle, die nicht konform gehen.

Karfreitag erinnert uns daran, dass das Böse oft subtil, im Schatten der Masse wirkt. Wer sich von der Meinung anderer leiten lässt, wer sein eigenes Gewissen übertönt, öffnet dem Bösen die Tür.

Das Böse tritt aber nie als das Böse auf. Es versteht sich immer als das Gute. Es möchte die Welt verbessern und der Gesellschaft helfen. Die Menschen, die Jesus verurteilten und die schrieen, taten dies, weil die Autorität es sagte, weil die Autorität erklärte, dass dieser Mann gefährlich sei, dass es wichtig sei für den Frieden innerhalb der Gesellschaft. Sie glaubten, das Richtige zu tun. Sie waren die Guten, sie fühlten sich überlegen. Sie schrien, sie brüllten, sie wandten Gewalt an. Sie taten all dies, weil sie glaubten, dass es ihrem moralischen Auftrag entspräche.

Es gibt da diesen Satz: „Menschen dort abholen, wo sie stehen.“ Doch Menschen dort abholen, wo sie stehen, das tut der Teufel, und er bringt sie zum Brüllen, Wüten und Verurteilen.

Gott aber ruft. Er ruft zur Verantwortung. Es ist eine Berufung. Gott ruft die Menschen. Er verlangt etwas von uns. Natürlich liebt er uns, aber er verlangt auch, dass wir handeln, dass wir Verantwortung übernehmen, verstehen, und dass wir unser Gewissen nicht unterdrücken, sondern ihm folgen.

Es wird Freiheit genannt.

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About tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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