Boris Palmer und die Quote

„Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat. Welche Gesellschaft soll das abbilden?“

Mit diesen Worten kritisierte der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, im April 2019 eine Werbekampagne der Deutschen Bahn, weil er der Ansicht war, dass die in der Kampagne abgebildeten Personen nicht die bundesdeutsche Gesellschaft widerspiegeln würden. In der Werbung stellten Menschen mit sogenannter weißer Hautfarbe eine deutliche Minderheit dar.

Viel ist über die Kritik Palmers geäußert worden. Ein wichtiger Aspekt wurde jedoch viel zu wenig beleuchtet. Boris Palmer bedient mit seiner Kritik eine bei der Partei Bündnis 90/ Die Grünen weit verbreiteten Meinung, nämlich dass die Mitglieder eines gewählten Gremiums, Images, Komitees oder einer wie auch immer zusammengekommenen Gruppe die Gesellschaft, aus der die Gruppe entstanden ist oder die sie repräsentiert, paritätisch im genetischen Erscheinungsbild oder in ihrer Herkunft repräsentieren müssen. Das beste Beispiel für diese Art der Politik ist die Frauenquote.

Die Forderung nach der Frauenquote ist Resultat einer real stattgefunden Diskrimierung. Schauen wir uns nur mal die Liste aller Menschen an, die bisher das Amt des Oberbürgermeisters in Tübingen inne hatten. Von allen bisherigen Amtsinhabern war bisher nur eine weiblich.

Dieses offensichtliche Ungleichgewicht ist darauf zurückzuführen, dass von allen Oberbürgermeistern Tübingens bisher nur zehn nach einer Wahl ernannt wurden, bei der Frauen überhaupt mitmachen durften. Nur zwei Oberbürgermeister Tübingens wurden nach einer Wahl ernannt, die zu einer Zeit stattfand, in der Frauen das Arbeiten nicht mehr von ihren Ehemännern verboten bekommen konnten, wenn die Männer der Meinung waren, dass die Erwerbstätigkeit ihrer Ehefrau nicht „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. So stand es im §1356 des Bürgerlichen Gesetzbuchs.

Erst am 1. Juli 1977 wurde dieses Gesetz modifiziert. Achtzehn Monate vor der Änderung war in Tübingen Eugen Schmidt zum Oberbürgermeister gewählt worden. Er hielt das Amt bis ins Jahr 1999 inne. Als dann der erste Oberbürgermeister nach der Änderung von §1356 BGB ernannt wurde, ging das Amt direkt an die erste Frau. Ihr Name war Brigitte Russ-Scherer.

Die Forderung nach der Frauenquote ist somit verständlich. Sie birgt jedoch einige Gefahren. Die größte Gefahr zeigt Boris Palmer mit seiner Kritik.

Boris Palmer will, dass die Kriterien der Individuen einer Gruppe so ausgewählt werden, dass sie paritätisch die Kriterien der Gesellschaft widerspiegeln, die die Gruppe repräsentiert. So wie die Frauenquote dafür sorgt, dass Parität bei den Geschlechtern besteht, so fordert er Parität für die Hautfarben.

Mir ist es gleichgültig, ob in einer Gruppe achtzig Prozent weiblich oder siebzig Prozent schwarz sind, selbst wenn die Mehrheit weiß und die Hälfte männlich ist. Mich regen Quotenmänner auf, die nur aufgrund ihres Geschlechts einen Posten bekommen, so wie es bei der 100%-Männerquote beimkatholischen Priesteramt der Fall ist. Die Männerquote gehört abgeschafft!

Menschen machen ganz individuelle Erfahrungen. Es gibt Erfahrungen der Diskriminierung, die machen besonders Frauen. Andere wiederum werden eher von Männern gemacht. Sexismus trifft alle Geschlechter, so wie Rassismus jede Farbe treffen kann. Trotzdem sind wir unserer Herkunft nicht ausgeliefert.

Das Gegenteil von Herkunft ist Zukunft und den Weg, den wir für unsere Zukunft einschlagen, bestimmen wir selbst.

Jede Entscheidung treffen wir durch unsere Vernuft und die Vernunft kennt kein Geschlecht und keine Hautfarbe. Es ist mir egal, welche Hautfarbe, welches Geschlecht und welche sexuelle Orientierung in einer Gruppe überwiegt, denn ich teile mit jedem Mitglied die alles entscheidende Gemeinsamkeit, nämlich die Fähigkeit, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines Dritten zu bedienen.

Es ist nicht wichtig, dass ein Wahlergebnis paritätisch ist, es ist wichtig, dass ein Mensch nicht aufgrund seiner Herkunft diskriminiert wird. Wenn alles paritätisch verteilt werden würde, dürfte nur jeder vierhunderte Nobelpreis an einen Juden gehen. Jeder fünfte Nobelpreis müsste stattdessen an einen Moslem gehen. Außerdem müssten fünfzig Prozent der Gefängnisinsassen Frauen sein.

Wenn alle Menschen die gleichen Rechte haben, braucht es keine Quote. Ganz ohne Quote haben Juden die meisten Nobelpreise bekommen. Statt Quoten zu erstellen, sollten wir lieber von erfolgreichen Menschen lernen. Nach einer Knastquote für Frauen ruft schließlich auch niemand.

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