Walters Monolog

Tapfer im Nirgendwo präsentiert einen Ausschnitt aus dem Stück „Aber nur im Kontingent“ von Gerd Buurmann, das am 20. Januar 2013 in der Synagoge an der Roonstraße in Köln Uraufführung hatte. Es ist der Monolog von Walter. In der Uraufführung gespielt von Walter Solon.

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Ich bin ganz bewusst nach Deutschland gekommen.

Ich komme aus Brasilien. Sao Paolo. Die Stadt ist noch katholischer als Köln.

Mein Urgroßvater ist damals nach Brasilien ausgewandert.

Ausgewandert. Wie das klingt. Er ist geflüchtet. Vor den Nazis.

Mein Vater hat mir immer erzählt, jedes mal, wenn Opa Rudi im Fernsehen bei der Fussball-WM die Deutschlandhymne hörte, hat er geweint. Vor Heimweh. Das hab ich nie verstanden. Heimweh nach Deutschland?

Ich bin also selbst hier hergekommen. Nach Deutschland. Ich muss gestehen, ich habe so eine Art Geisterbahn erwartet. Geisterbahn Deutschland. Hinter jedem Baum steckt ein Nazi. Buh! Aber da waren keine Nazis hinter den Bäumen. Es war fast ein bisschen enttäuschend. Da war ich in Deutschland und nirgendwo ein Nazi.

Aber dann, nach Monaten, traf ich doch einen Nazi. Es war mein Vermieter. Er kam in meine Wohnung, um mir Geld zu geben. Ich hatte aus Versehen eine Monatsmiete doppelt überwiesen. Er kam in meine Wohnung und da sah er auf meinem Tisch ein Buch über den Holocaust. Er fragte, warum ich so ein Buch lese und ich weiß nicht, warum ich dann gesagt habe, was ich sagte, aber ich antwortete: Weil ich Jude bin. Er sah mich an. Echt? Ja, sagte ich. Ich bin Jude!

Dann war es kurz ganz still.

Aber dann ging es los. Ein wahrer Monolog brach aus ihm heraus. Dass sich die Juden in Israel wie Sau Benehmen würden, dass die Juden in Amerika zu viel Einfluss hätten, dass sie am September Elf Schuld seien und immer nur ans Geld denken würden. Er könne es nicht mehr hören, immer und überall, von der Schule bis zu den Nachrichten, immer nur Auschwitz, Auschwitz, Auschwitz. Irgendwann sei auch mal gut damit, sagte er. Man könne als Deutscher nirgendwo mehr hin, ohne als Nazi beschimpft zu werden. Das sei auch Völkermord, sagte er, seelischer Völkermord. Er glaube manchmal, die Juden seien sogar froh über die Nazis. Da hätten sie jetzt die Keule, um die ganze Welt unter ihre Fuchtel zu kriegen. Israel wolle doch nur das deutsche Geld. Entschädigung, Entschädigung, Entschädigung, zischelte er und dabei hielt er die Hand auf und spielte einen Juden, so wie man ihn aus der Nazipropaganda kennt.

Ich saß da und hörte zu. Als er fertig war, gab er mir das Geld. Es war wie in einem Puff. Ich sah ihm nur in die Augen und sagte: „Juden zahlen eben nicht doppelt.“

Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Es kam einfach so aus mir heraus. Ich war schockiert. Ich hatte mir einen Nazi in Deutschland ganz anders vorgestellt. Nicht so. Er war ein ganz normaler Mann. Mein Vermieter. Mein Nachbar. Ein Nazi.

Das komische daran ist, dass ich vermutlich der erste Jude war, mit dem er je gesprochen hatte. Er hatte seinen ganzen Monolog Jahre lang in sich hineingefressen. Er war sein ganzes Leben auf der Suche nach einem Juden gewesen und ich war auf der Suche nach einem Nazi. Wir haben uns schließlich gefunden. In einem Mietshaus in Deutschland.

Allerdings war es für ihn weitaus befriedigender als für mich. Glaube ich.

Stellen Sie sich vor, sie sperren einen Mann die ersten fünfzig Jahre seines Lebens in einen Turm mit Pornoheften ein und lassen dann nach fünfzig Jahren die erste Frau auf ihn los. Es wird bestimmt nichts gutes dabei herauskommen. Jedenfalls nicht für die Frau.

So kann man wohl mein Gefühl beschreiben an dem Tag, an dem ich mich in Deutschland das erste Mal als Jude gefühlt habe.

***
(Bild: Antonio Ruiz Tamayo)

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