Die Aschenputtel-Herausforderung

Befürworter der Homöopathie sagen, die Mittel hätten bei ihnen gewirkt. Die Gegner konstatieren jedoch, eine wissenschaftlich nachweisbare und messbare Wirkung homöopathischer Mittel sei bisher nicht nachgewiesen worden. Die Befürworter kontern darauf, wer heilt, habe recht. Am Ende steht stets die Macht des Glaubens gegen den Zweifel der Wissenschaft. Genau da liegt das Problem.

Glaube speist sich aus Vertrauen. Wissenschaft jedoch speist sich aus Zweifel.

Der Zweifel kümmert sich nicht um das Vertrauen anderer Menschen. Möge ein Glaube auch noch so fest sein, die Wissenschaft zweifelt. Das ist ihre Methode, eine sehr erfolgreiche, um genau zu sein.

Mit der Akzeptanz des Zweifelns legte sich die Menschheit Siebenmeilenstiefel an. Der Fortschritt raste. Das war nicht immer so.

Im Mittelalter wurde jeder Zweifel an den christlichen Glauben mit brutalem Eifer verfolgt. Für die Klerisei brachten Zweifler Unruhe unter die Gläubigen. Zweifler störten die natürliche, die göttliche Ordnung. Sie machten sich der Häresie schuldig und wurden nicht selten mit dem Tode bestraft, da ihr Zweifel die Gläubigen beleidigt hatte. Noch heute sind es mehrheitlich streng gläubige Menschen, die sich von Zweiflern beleidigt fühlen, besonders wenn der Zweifel das Gewandt des Humors trägt.

Das Mittelalter war eine Epoche der Gottesbeweise. Die Philosophie hatte in der Zeit einen klaren Auftrag. Es galt den Glauben zu bestätigen.

Die Neuzeit aber beginnt mit dem Denker René Descartes. Er wagte den entscheidenden und mutigen Schritt und erklärte in seinem Gottesbeweis die Skepsis zur Methode, indem er nichts mehr für wahr hielt, „was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen“ werden konnte. Natürlich kam Descartes noch zur Erkenntnis, Gott bewiesen zu haben. So mutig war er dann doch nicht. Die Kirche hatte schließlich weiterhin eine enorme Macht.

Erst gute hundertfünfzig Jahre später wagte es Immanuel Kant, alle Gottesbeweise zu widerlegen, allerdings blieb Gott bei ihm weiterhin eine notwendige Idee der menschlichen Vernunft. Gute hundertfünfzig später warfen Existenzialisten auch noch diese Idee über Bord.

Auch die Wissenschaft legte das Skalpell der Skepsis an sich selbst an und kritisierte die Wissenschaftsgläubigkeit. Der Kritische Rationalismus war geboren und die Wissenschaft tauschte ihre Siebenmeilenstiefel gegen eine Rakete ein. Der Mensch wurde in seiner Erkenntnisfähigkeit durch seine Wahrnehmung begrenzt erkannt. Der Mensch musste akzeptieren, dass eine endgültige Gewissheit unmöglich ist.

Der Kritische Rationalismus geht daher davon aus, dass jeder Problemlösungsversuch falsch sein kann. Das Bewusstsein der Fehlbarkeit führte zu der Forderung nach der ständigen kritischen Prüfung von Überzeugungen und Annahmen. Es wird nicht mehr gefragt, wie eine naturwissenschaftliche Theorie beweisen werden kann, sondern wie man herausfinden kann, ob und wo sie fehlerhaft ist.

Ein starkes Argument für diese Methode ist die Ablösung der Gravitationstheorie von Isaac Newton durch die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Newtons Theorie war nach ihrer Entdeckung zweihundert Jahre durch Beobachtung immer wieder ausnahmslos bestätigt worden. Die meisten Wissenschaftler sprachen bereits von einer bewiesenen Theorie. Albert Einstein aber ließ sich davon nicht abhalten, die Richtigkeit dieser Theorie anzuzweifeln und ihr eine eigene Theorie gegenüberzustellen. Wo immer der Zweifel zur Methode erhoben wurde, bekam die menschliche Vernunft Flügel.

Deshalb wage ich nun auch einen Zweifel: Ich zweifele daran, dass die Homöopathie Humbug ist und stelle die These in den Raum, dass es bei der Homöopathie eine Wirkung gibt.

Was aber folgt aus dieser These?

Daraus folgt, dass homöopathische Mittel auf keinen Fall von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden dürfen!

Der Grund ist ganz logisch: Gerade wenn es eine Wirkung von homöopathischen Mittel gibt, so muss man in der Lage sein, ein wirksames homöopathisches Mittel von einer Fälschung zu unterscheiden. Ist dies nicht möglich, so kann jeder Betrüger bei den Krankenkassen Beitragsgelder ergaunern, ohne überführt werden zu können.

Machen wir nur folgendes Experiment: Unter 1000 Kügelchen befinden sich 10 Kügelchen, die nach den Regeln der Homöopathie potenziert wurden. Die restlichen 990 Kügelchen sind einfache unpotenzierte Kügelchen. Alle 1000 Kügelchen werden zusammengeworfen und vermischt. Jetzt gilt es, die Kügelchen wieder zu sortieren, wie bei Aschenputtel: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“

Es ist nicht möglich!

Bis zum heutigen Tag hat es die Homöopathie nicht geschaft, den Wirkstoff zu entdecken, der ein homöopathischen Mittel von einer Fälschung unterscheidet. Und jetzt taucht wieder der Zweifel auf: Es kann gerne geglaubt werden, dass homöopathische Mittel wirken, aber es gibt keine Möglichkeit, ein Original von einer Fälschung zu unterscheiden.

Eine Homöopathin kann nie sicher sein, ob das Mittel wirklich potenziert wurde, weil eine Fälschung von einem echten homöopathischen Mittel nicht zu unterscheiden ist. Das öffnet dem Betrug Tür und Tor. Wo keine Überführung möglich ist, können keine Strafen drohen und wo es keine Strafen gibt, sind Betrug und Lüge Dauergäste. Mit einer Unterstützung der Homöopathie durch die Krankenkasse wird somit ein perfektes Verbrechen staatlich subventioniert!

Eine Finanzierung der Homöopathie durch Krankenkassen ist erst dann vertretbar, wenn ein Weg gefunden wurde, wirksame homöopathische Mittel von Fälschungen zu unterscheiden. Bis es soweit ist, bleibt die Homöopathie auf einer Stufe mit Weihwasser. Jeder kann glauben, woran er will, aber Staat und Kirche gehören getrennt!

Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass es gar nicht die Pillen und das Weihwasser sind, die die Wirkungen hervorrufen, sondern der Glaube selbst.

Jetzt sind die Homöopathie-Befürworter gefragt, die die Krankenkassen für sich gewinnen wollen: Nehmen sie die Aschenputtel-Herausforderung an und finden einen Weg, echte homöopathische Mittel von Fälschungen zu unterscheiden?

„Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen!“

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