In uns selber liegt es

Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir wieder einmal mit schrecklichen Taten von Menschen konfrontiert werden, die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände. Unzählige Therapeuten, Psychologen und Soziologen sind sich so verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Aber was, wenn es das Böse einfach gibt?

Oft erklären Menschen böse Taten als Reaktion auf erlittenes Unrecht. Je abscheulicher die Tat, desto kreativer die Diagnose.

Jahrhundertelang wurden Juden auf dieser Welt vertrieben und verfolgt. Sie entkamen oft nur knapp den Kreuzen, dem Feuer und den Gaskammern. Dennoch gibt es keine jüdischen Terroristen, die in New Yorker Hochhäusern, Pariser Theatern, Londoner U-Bahnen, Berliner Weihnachtsmärkten und spanischen Zügen Menschenmassen morden.

Es widerspricht der jüdischen Kultur, das Böse so billig zu erklären und sich derart verantwortungslos herauszureden. Die jüdische Ethik ist klar und deutlich: Kein noch so schlimmes Leid rechtfertigt es, sich daneben zu benehmen! Es ist zwar viel leichter, wenn man für alles eine Entschuldigung findet, aber die jüdische Tradition ist eine Philosophie der Eigenverantwortung. Diese Philosophie der Freiheit zur Verantwortung wird von vielen Menschen gehasst.

Eine der bekanntesten jüdischen Geschichten ist die Geschichte von dem Baum mit den Namen עץ הדעת טוב ורע (Baum der Erkenntnis von Gut und Böse). Von dieser Frucht aßen Adam und Eva und wurden dafür aus dem Gefängnis mit dem Namen Eden verbannt. Ja, der Garten Eden war ein Gefängnis, vielleicht das schönste aller bekannten Gefängnisse, aber nichtsdestotrotz ein Gefängnis. Schon der Begriff „Garten Eden“ ist ein Ausdruck für den Gefängnischarakter des Ortes. Das Wort „Eden“ geht auf das hebräische Nomen עֵדֶן (‛edæn) zurück, das einen Ort der Wonne bezeichnet. Das Wort „Garten“ wiederum leitet sich etymologisch von Gerte (indogermanisch gher und später ghortos) ab. Gemeint sind Ruten, die früher – ineinander verflochten – den Garten umfriedeten, also Zäune. „Garten Eden“ bedeutet somit „eingezäuntes Wonneland“. Genau diesen Ort verließen Adam und Eva mit der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie wurden jedoch in die Freiheit entlassen!

Freiheit ist die Fähigkeit, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können. Tiere können das nicht. Tiere sind daher weder gut, noch böse. Tiere sind. Der Mensch aber ist nicht nur. Der Mensch ist frei. Das Böse ist somit tragische Bedingung der Freiheit. Wer das Böse abschaffen möchte, muss die menschliche Freiheit abschaffen.

Wir sind frei! Daher sind es stets unsere eigenen Entscheidungen, die uns zu unseren Taten treiben. Es geschieht in unserem Kopf! Dabei ist es nicht wichtig, welche Farben die Haut, die Haare und die Augen des Kopfes haben oder wieviele Narben im Gesicht sind, es kommt darauf an, was in dem Kopf ist! Unsere Überzeugungen, Ideologien und unser Glauben bestimmen unser Handeln. Wir sind aber nicht Sklaven unserer Ideen. Wir sind frei!

Der englische Dramatiker William Shakespeare ist ein Meister in der Beschreibung der menschlichen Fähigkeit zum Bösen. Jago aus Shakespeares Drama “Othello” erklärt:

“In uns selber liegt es, ob wir so sind oder anders. Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner, so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Tomaten aufziehen oder Thymian ausjäten, ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen oder mit mancherlei Gewächs aussaugen, ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten – das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserm freien Willen. Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen, so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen; aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften, die fleischlichen Triebe, die zügellosen Lüste zu kühlen.”

Auch wenn es schwer fällt, einem Bösewicht zuzustimmen, aber Jago hat Recht! Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für alle seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen. Othello selbst ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl Othello als afrikanischer Mann in der venezianischen Gesellschaft nur allzu gut wissen sollte, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein, obwohl er die Ketten der Sklaverei zu spüren bekam, ist er selbst nicht frei von Intoleranz und Rassismus. Wenn sich Othellos Untergebenen mal nicht nach seinem Sinne benehmen, dann ruft er abwertend: “Sind wir denn Türken?”

Othello wird, weil er schwarz ist, schlecht behandelt und diskriminiert. Aber was ist Othellos Entschuldigung dafür, dass er diskriminiert, tötet und Desdemona erstickt? Desdemona ist seine Frau. Yoko Ono und John Lennon sagten einst: “Woman is the Nigger of the World!”

Othello ist zwar der Mohr von Venedig, aber Desdemona ist der Mohr der Welt. Es gibt für Othellos Taten nur einen Grund: Er hat sich dazu entschieden, Desdemona zu töten, wenn auch in tobender Eifersucht, aber er hat sich dazu entschieden; oder, um es mit den Worten Jagos zu sagen: “In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.”

Manche Terroristen morden im Namen des Islams, manche im Namen der weißen Rasse und wieder andere im Namen des Kommunismus. Sie alle aber begehen ihre Taten, weil sie sich dazu entschieden haben. Ob man nun Mohammed liest oder Dylann Storm Roof, ob nun den Koran, Mein Kampf, das Evangelium oder das Kommunistische Manifest, in einem selber liegt es, was er daraus macht. Jago, der Bösewicht, sagt:

“Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.”

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s