In uns selber liegt es

Wen machen wir nicht alles verantwortlich, wenn wir mit schrecklichen und bösen Taten von Menschen konfrontiert werden: die Gesellschaft, die Eltern, die Politik, die Umstände. Unzählige Therapeuten, Psychologen und Soziologen sind sich verdammt sicher, dass alles nur eine Frage der Erziehung ist. Was aber, wenn es das Böse einfach gibt?

Bei einer Serie von Bombenanschlägen in Sri Lanka am Ostersonntag 2019 wurden über 300 Menschen ermordet und mehr als 500 weitere Personen zum Teil schwer verletzt. Zeitnah exekutierten Selbstmordattentäter der radikal islamischen Gruppe National Thowheeth Jamaath ihren Massenmord in drei Kirchen und vier Hotels. Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte zwei Tage nach dem Anschlag:

„Die vorläufigen Untersuchungen haben enthüllt, dass das, was in Sri Lanka passiert ist, Vergeltung für den Angriff auf Muslime in Christchurch war.“

Bei dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März 2019 ermordete ein aus Australien stammender völkisch-rassistischer Terrorist insgesamt fünfzig Menschen und verletzte weitere fünfzig Menschen zum Teil schwer. Er verstand seinen Massenmord als ritterliche Vergeltung für einen angeblichen „Völkermord an den Weißen“.

Ob nun die Täter in Sri Lanka oder der Täter in Christchurch, sie alle rechtfertigen ihre Taten als Reaktion auf erlittenes Unrecht, das ihnen widerfahren sein soll. Sie spielen damit auf der Klaviatur all jener, die in Menschen, die abscheuliche Taten begehen, lediglich Opfer von Umständen erkennen wollen, die in der Vergangenheit gekränkt wurden und bloß auf die schlechte Bahn gekommen sind. Je abscheulicher die Tat, desto kreativer die Diagnose.

Immer wenn wir mit Taten wie in Sri Lanka oder Christchurch konfrontiert werden, suchen wir nach einer rationalen Erklärung, ganz so als könnten wir den Taten damit ihre Schrecken nehmen.

Was, wenn es das Böse einfach gibt?

In allen Kulturen wird das Böse als eine eigenständige Kraft begriffen. Die Mythen der Welt erzählen davon, wie das Böse in die Welt kam. Eine der Geschichte von dem Baum mit den Namen עץ הדעת טוב ורע (Baum der Erkenntnis von Gut und Böse). Von dieser Frucht aßen Adam und Eva und wurden dafür aus dem Gefängnis mit dem Namen Eden verbannt. Ja, der Garten Eden war ein Gefängnis, vielleicht das schönste aller bekannten Gefängnisse, aber nichtsdestotrotz ein Gefängnis. Schon der Begriff „Garten Eden“ ist ein Ausdruck für den Gefängnischarakter des Ortes. Das Wort „Eden“ geht auf das hebräische Nomen עֵדֶן (‛edæn) zurück, das einen Ort der Wonne bezeichnet. Das Wort „Garten“ wiederum leitet sich etymologisch von Gerte (indogermanisch gher und später ghortos) ab. Gemeint sind Ruten, die früher – ineinander verflochten – den Garten umfriedeten, also Zäune. „Garten Eden“ bedeutet somit „eingezäuntes Wonneland“. Genau diesen Ort verließen Adam und Eva mit der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie wurden jedoch in die Freiheit entlassen!

Das Böse ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar, sondern tragische Bedingung der menschlichen Freiheit. Wer das Böse abschaffen möchte, muss den Menschen abschaffen. Der Schweizer Journalist Eugen Sorg erklärt in „Die Lust am Bosen“:

„Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit, man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft. Seine Kraft ist gewaltig. Nicht nur weil es lähmende Angst verursachen kann, sondern auch weil es verführerisch ist. Es unterbricht die Monotonie des Alltags, bedeutet intensives Leben und verspricht die Befreiung von Grenzen und Zwängen. Die Existenz des Bösen zu verleugnen, ist der gerade Weg, sich ihm auszuliefern. Sich vor ihm schützen kann nur, wer es erkennt. Die allermeisten von uns verfügen über einen instinktiven moralischen Kompass. Der Mensch ist das moralische Tier. Einzig unsere Spezies steht jederzeit vor der Wahl, sich für das Gute oder das Böse entscheiden zu müssen. Ob wir diesem auch folgen, bleibt jedoch unvorhersehbar, denn dieser Entscheid unterliegt unserem freien Willen.“

Der englische Dramatiker William Shakespeare ist ein Meister in der Beschreibung der menschlichen Fähigkeit zum Bösen. Jago aus Shakespeares Drama “Othello” erklärt:

“In uns selber liegt es, ob wir so sind oder anders. Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner, so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen, Tomaten aufziehen oder Thymian ausjäten, ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen oder mit mancherlei Gewächs aussaugen, ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten – das Vermögen dazu und die bessernde Macht liegt durchaus in unserm freien Willen. Hätte der Waagbalken unsres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen, so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen; aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften, die fleischlichen Triebe, die zügellosen Lüste zu kühlen.”

Auch wenn es schwer fällt, einem Bösewicht zuzustimmen, aber Jago hat Recht! Was auch immer einem Menschen widerfährt, welche ganz persönlichen Schicksalsschläge er auch immer zu verkraften hat, der Grund für alle seine Entscheidungen, mögen es nun gute oder schlechte sein, liegt einzig und allein in seinem freien Willen. Othello selbst ist ein gutes Beispiel dafür.

Obwohl Othello als afrikanischer Mann in der venezianischen Gesellschaft nur allzu gut wissen sollte, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein, obwohl er die Ketten der Sklaverei zu spüren bekam, ist er selbst nicht frei von Intoleranz und Rassismus. Othello brüstet sich damit in Aleppo einen Türken erstochen zu haben und wenn sich seine Untergeben mal nicht nach seinem Sinne benehmen, dann ruft er abwertend: “Sind wir denn Türken?”

Othello wird, weil er schwarz ist, schlecht behandelt und diskriminiert. Sein Anderssein ist die Entschuldigung der Xenophoben und Rassisten für ihren Hass. Aber was ist seine Entschuldigung, wenn er diskriminiert und tötet? Was ist seine Entschuldigung, wenn er Desdemona erstickt? Desdemona ist seine Frau, eine Frau. Yoko Ono und John Lennon sagten einst: “Woman is the Nigger of the World!”

Othello ist zwar der Mohr von Venedig, aber Desdemona ist der Mohr der Welt. Und? Läßt sich Desdemona deshalb moralisch gehen? Nutzt sie ihr Schicksal und ihr Leid als Erklärungs- und Entschuldigungsmatrize für Zorn und Rache? Nein! Desdemona entscheidet sich trotz all ihrer Erfahrungen für das Gute! Shakespeare beschreibt die Tugend Desdemonas mit folgenden Worten und wieder einmal legt er sie dem Bösewicht Jago in den Mund:

“Die immer schön, doch nicht dem Stolz vertraut,
Von Zunge flink, doch niemals sprach zu laut;
Nicht arm an Gold, nie bunten Schmuck sich gönnte,
Den Wunsch erstickt und dennoch weiß: »ich könnte!«;
Die selbst im Zorn, wenn Rache nah zur Hand,
Die Kränkung trägt und ihren Groll verbannt;
Die nie von Überwitz sich läßt berauschen,
Für derben Salm den Gründling einzutauschen;
Sie, die viel denkt, die Neigung doch verschweigt,
Und keinen Blick dem Schwarm der Werber zeigt;
Die nennt’ ich gut, – wär’ sie nur aufzutreiben, –”

Desdemona schafft Gutes, obwohl sie Opfer des Sexismus’ ist. Othello jedoch schafft Schlechtes! So wenig aber wie Desdemona vom Sexismus zum Schlechten verführt wurde, wurde Othello durch den Rassismus zum Bösen verführt. Es gibt für seine Taten nur einen Grund: Er hat sich dazu entschieden – wenn auch in tobender Eifersucht – aber er hat sich entschieden; oder, um es mit den Worten Jagos zu sagen:

“In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.”

Die Terroristen in Sri Lanka mordeten im Namen des Islams. Der Terrorist in Christchurch mordete im Namen der weißen Rasse. Sie alle aber begingen ihre Taten, weil sie es wollten. Ob man nun Mohammed liest oder Dylann Storm Roof, ob nun den Koran, Mein Kampf, das Evangelium oder das Kommunistische Manifest, in einem selber liegt es, was er daraus macht. Jago, der Bösewicht, sagt:

“Ja, hier liegt’s, noch nicht entfaltet; die Bosheit wird durch Tat erst ganz gestaltet.”

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.