Schweige nicht!

Meine Kindheit verbrachte ich in dem kleinen katholischen Dorf Erika im Emsland. Dort war ich Messdiener und habe die komplette katholische Erziehung erhalten: Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Missbrauch, das volle Programm eben. Der Missbrauchsskandal in meiner Heimat wurde deutschlandweit bekannt. Im Jahr 1996 berichtete der Spiegel: „Von 1987 bis 1995 hat der Geistliche 14 Jungen aus dem Ort 227mal sexuell bedrängt, hat sie unsittlich berührt und gestreichelt.“

Jahrelang konnte der Priester seine Taten begehen, weil das ganze Dorf schwieg.

„Überlegen Sie sich das gut mit der Anzeige, wenn Sie in Zukunft friedlich in Erika leben wollen“, riet der Kirchenvorstandsvorsitzende ersten Eltern, die die Angelegenheit zur Anzeige bringen wollten. Manche Eltern waren nach den Gesprächen mit dem Kirchenvorstand „nicht mehr an Strafverfolgung interessiert“, hieß es später bei der Polizei. Die gläubigen Bürgerinnen und Bürger von Erika hatten gruseligen Respekt vor ihrer Kirche, die für Liebe, Frieden und das wahre, gute Leben statt.

Lange Zeit hieß es im Ort, das alles sei nur „aufgebauscht“. Wer sich dem kollektiven Schweigegelübde widersetzte, galt als „Netzbeschmutzer“. Als ich mit neunzehn Jahren das Thema auf die Bühne brachte, schrieb die lokale Zeitung:

Inszenierung bis an die Grenzen des Geschmacks – Mutig sind sie schon, Gerd Buurmann, Christoph Lammers, Mella Ebel und Hanno Schulz (…) Bewundernswert der Mut der vier Harener, in ihrer Heimatstadt so offen aufzutreten. Dennoch kann nicht verschwiegen werden, daß an manchen Stellen die Symbolik der Handlung übertrieben war und damit trotz künstlerischer Freiheit nicht mehr im Bereich akzeptablen Geschmacks lag.“

Mit meinem Stück kritisierte ich eine Institution, die für das Gute stand. Der Pastor predigte Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Frieden. Er sammelte für die Kranken und Armen. Diesen „guten Mann“ hatte ich es gewagt, anzuklagen und dann auch noch mit „übertriebener Symbolik“.

Ich schweige nicht, nicht damals, nicht heute, nicht morgen. Reden ist keine Schande. Eine Schande ist es, Menschen zu verurteilen, weil sie reden.

In den letzten Jahren habe ich ein paar Menschen im Sterbeprozess begleitet. Ich habe dabei erlebt, dass nahe Angehörige, die die Sterbenden pflegten, unter vier Augen zu mir sagten: „Ich wünschte, er wäre tot“ oder „Wann stirbt sie endlich?“

Hinterher haben sie sich stets für ihre Worte geschämt. Dabei gab es gar keinen Grund für ihre Scham, denn sie alle waren bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus für den sterbenden Menschen da. In ihrem Handeln zeigten sie, dass sie gute Menschen sind. Ihre Worte waren lediglich ein Ventil, um die Situation besser zu ertragen.

Es kommt nicht darauf an, was Menschen sagen, sie können sogar die ungeheuerlichsten Dinge von sich geben, es kommt darauf an, was sie tun.

Der Pastor von Erika sprach die himmlischsten Worte, aber seine Taten waren die Hölle. Ich kenne Menschen, die haben die schlimmsten Dinge gesagt, vielleicht sogar gemeint, aber als es darauf ankam, taten sie das Richtige. Ich kennen Menschen, die nutzen vollkommen unbeeindruckt rassistisches und sexistisches Vokabular, aber wenn ein Mensch Hilfe braucht, ist ihnen die Hautfarbe und das Geschlecht egal. Sie helfen ganz einfach.

Der erste Junge, der es wagte, die Taten des Pastors öffentlich zu machen, war ein Außenseiter im Dorf. Er galt als Tunichtgut. Seine Worte waren ungehobelt und sei Benehmen ungezogen. Dafür schwieg er nicht und tat damit das einzig Richtige. Das Dorf jedoch stieß ihn für seine Worte aus. Heute ist er tot. Er nahm sich das Leben.

Auch heute erlebe ich es immer wieder, dass Menschen zu Vorbildern verklärt werden, die in öffentlicher Position erklären, was gesagt werden darf. Diese Vorbilder verurteilen Menschen auf das Grausamste für Dinge, die sie sagen. Sie prangern Leute an, weil ihre Worte angeblich gegen das Gute, Menschliche und Anständige verstoßen.

Auf sozialen Netzwerken werden Kommentarspalten zu Scheiterhaufen. War man früher eine Hexe oder mit dem Teufel im Bunde, wenn man die Kirche kritisierte, so ist man heute mit eben jenen bösen Mächten im Bunde, die die zeitgenössischen Verteidiger*innen des Guten zum Bösen erklärt haben, in der Überzeugung, im Besitz der einzig seligmachenden Lehre des friedlichen Miteinanders aller Menschen zu sein.

Früher war man des Teufels, wenn man nicht so sprach, wie es die christlichen Kirche aus Liebe und Mitmenschlichkeit bestimmt hatte. Heute ist man die moderne Version des Bösen, wenn man sich nicht an die Sprachregelungen der Friedensbewegung und Menschenrechtsbewegten hält. Und was ist heute das größtmögliche Böse? Irgendwas mit Hitler. Darunter machen es die Guten nicht. Wer nicht mit ihnen ist, ist das Böse und trifft sich vermutlich nachts auf dem Brocken heimlich mit Nazis.

So wie Christen einst ihre Mitmenschen mit Gewalt zur Menschlichkeit zwingen wollten, missioniert heute eine Legion des Guten.

Ende des 15. Jahrhunderts predigte der katholische Priester Girolamo Savonarola das baldige Strafgericht Gottes. Er prophezeite den Weltuntergang für das Jahr 1500, also in so zehn bis zwölf Jahren. Klingt das bekannt? Er radikalisierte besonders Kinder, die er mit drohenden Parolen durch die Straßen schickte. Kinder waren Savonarolas fanatischsten Anhänger. Er machte sie sogar zu Polizisten, die in den Straßen patrouillierten und nach verbotenen Taten Ausschau hielten. Frauen, die „unzüchtig“ oder „zu luxuriös“ gekleidet waren, hatten sie zu ermahnen. Auch in den Häusern ihrer Eltern und Nachbarn hatten sie nach anstößigen Dingen zu suchen.

Heute patrouilliert die Legion des Guten in Netzwerken. Ich kenne Menschen, die haben ein Leben lang in ihren Taten gezeigt, dass sie Rassismus, Sexismus und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten verabscheuen. Wenn sie aber „falsch“ reden, werden sie gnadenlos verurteilt. Ein schlechtes Wort vermag all ihre guten Taten zu tilgen, ganz nach dem Motto: Du bist zwar würdig, dass Du einkehrst unter unserem Dach, aber sprich nur ein falsches Wort und Deine Seele ist krank.

Während der Pastor in Erika Kinder missbrauchte, produzierte eine Frau in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Serie unter ihrem Namen: „Roseanne“. In dieser Serie wurden nicht nur die typischen Probleme einer amerikanischen Arbeiterfamilie thematisiert, sondern auch die Themen Homosexualität, Diskriminierung, Gewalt und andere Tabuthemen aufgegriffen. Roseanne Barr zeichnete für mehrere Episoden als Drehbuchautorin und Regisseurin verantwortlich. Stets kämpfte sie gegen Rassismus, Sexismus und Schwulenhass. Sie warf dabei oft ihr ganzes Gewicht in den Ring und gefährdete damit mehr als einmal ihre Karriere. Ihre Taten sprechen Bände.

Heute haben sich die Werte der Frau nicht verändert. Sie kämpft nach wie vor für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, die Legalisierung von Marihuana als Medikament und gegen Rassismus und Sexismus. Sie ist jedoch auch immer noch eine laute Frau, die unanständige Dinge sagt. Als sie es wagte, Dinge zu sagen, die Trump unterstützen und manch einer Verschwörungstheorie nahe kamen, fielen die Inquisitoren der Legion der Guten über sie her. Als sie schließlich etwas sagte, das rassistisch und sexistisch ausgelegt werden konnte, wurde sie aus ihrer eigenen Serie rausgeworfen.

All ihre Taten waren nichts mehr wert. Sie hatte das Falsche gesagt. Das war ihr Serientod und das ganze Team schwieg. Es schwieg so laut wie das Dorf Erika. Unter ihnen waren auch Frauen und Männer, die nur wegen Roseanne Barr überhaupt in der Serie waren. Sie hatte für sie gekämpft, als sie aus sexistischen Gründen aus der Serie rausgeschrieben werden sollte.

Roseanne gehört zu den Menschen, denen man keine Vorwürfe ob ihrer Taten machen kann, sondern nur wegen ihrer Worte. Die Gegner von Roseanne haben gegen sie eigentlich nur Worte in der Hand.

Worte können geschmacklos, unüberlegt und nicht empathisch genug gegenüber allen und jeden sein, auch die Worte von Roseanne. Sie kommen jedoch von einer Frau, die in ihren Taten oft ein guter Mensch war.

Taten gelten für die Legion der Guten weniger als Worte.

Wortgewandte Idealisten handeln nach dem Motto: „Ich will morgens in den Spiegel schauen können!“ Menschen aber, die wirklich helfen, leben nach dem Motto: „Ich will morgens aus dem Fenster schauen können!“

Das gütige Gesicht des Pastors aus Erika werde ich nie vergessen. Dieses gütige Gesicht ist schlimmer als sämtliche garstigen Worte dieser Welt. Ich verbringe lieber meine Zeit mit Menschen, die unanständig reden, aber da sind, wenn man sie braucht, als mit Menschen, die große Reden schwingen, aber im Alltag versagen.

Ein Mensch kann klagen, jammern, fluchen, beleidigen und sich im Wort vergreifen, ihm deshalb jedoch einzureden, er sei schlecht und solle sich gut überlegen, was er über „gute Menschen“ sagt, erinnert mich an das Schweigen von Erika. Menschen werden nicht schlecht, wenn sie reden.

Kein schlechtes Wort vermag es, gute Taten zu tilgen. Schlechte Taten jedoch können sehr wohl gute Worte in schallendes Nichts auflösen.

Mir machen Menschen Angst, die aus Sorge um den lieben Frieden schweigen, denn ich weiß, zu welchen Taten sie in der Lage sind, wenn Menschen nicht so reden, wie sie meinen, dass sie sollen, um zu den Guten zu gehören.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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