Freundschaft ist keine Strategie

Dieser Artikel wird ein sehr persönlicher Text. Ich weiß es jetzt schon.

Ich schreibe diese Worte für einen Freund. Mit ihm wird gerade auf eine Weise umgegangen, die ich furchtbar finde. Mein Freund muss sich im Moment unglaublich viele Beleidigungen anhören, mehr als sonst. Er wird ausgegrenzt, aus Gruppen ausgeschlossen und mit Nachrichten überzogen, in denen er diffamiert und dämonisiert wird. Menschen, die sich selbst für anständig, tolerant und aufgeklärt halten, erklären öffentlich, was für ein untragbarer Mensch er angeblich sei. Sie sprechen ihm Eigenschaften zu, die mit dem Menschen, den ich kenne, nichts zu tun haben.

Mein Freund ist Jude. Er ist ein Mensch mit einer grundsätzlich liberalen Überzeugung. Er hat mit unterschiedlichen Parteien zusammengearbeitet, von der SPD über die Linke bis hin zur CDU. Er hat sich intensiv mit Religionen und Ideologien auseinandergesetzt. Er hat sogar eine Zeit lang das Christentum angenommen. Er wurde Christ und studierte katholische Theologie. Dann aber kam ein Moment, in dem er wieder eine Synagoge besuchte, und dort geschah es. Er fing an zu weinen. Er spürte etwas, das er bis dahin nicht in dieser Weise gespürt hatte, nämlich das Gefühl: Hier gehöre ich hin, das ist mein Zuhause, meine Heimat. Er erkannte, dass er Jude ist, es schon immer war und es bleiben würde.

Mich berührt diese Geschichte ganz tief, weil ich sie nachempfinden kann, weil ich fühle, was er fühlt. Diese Geschichte sagt etwas über einen Menschen aus, der ernsthaft auf der Suche ist. Er stellt Fragen, probiert Wege aus und setzt sich mit Überzeugungen auseinander. Er gibt sich nicht mit einer vorgefertigten Antwort zufrieden.

Mein Freund ist ein ausgesprochen liberaler Mensch. Er redet mit Menschen, auch mit solchen, die andere längst abgeschrieben haben. Er ist offen, ohne deshalb in jeder Frage dieselbe Meinung zu vertreten. Er hat auch konservative Überzeugungen. Ach ja, und er ist schwul, mit einem Mann verheiratet und hat mit seinem Mann ein Adoptivkind.

Er hat in seinem Leben Diskriminierung erfahren. Als Jude, als Homosexueller und als jemand, der sich nicht einfach einer politischen Richtung unterordnet. Er kennt Anfeindungen von rechts, von Islamisten, von Homophoben und auch von Linksextremisten. Er weiß, was es bedeutet, wenn Menschen einen nicht als Individuum wahrnehmen, sondern als Vertreter einer Gruppe, gegen die sie etwas haben.

Er wird ausgegrenzt, in den letzten Tagen wieder sehr massiv, aber nicht nur, weil er Jude, schwul und liberal ist, nein, weil er es gewagt hat, in einem Podcast mit Mitgliedern der AfD zu reden. Er wird ausgegrenzt, nicht, weil er Mitglied der AfD ist – das ist er nämlich nicht –, nicht, weil er diese Partei gewählt hat – das hat er nicht –, sondern weil er lediglich mit Menschen gesprochen hat, die dieser Partei angehören, mit denen andere Menschen nicht sprechen wollen. Und er vertritt öffentlich die Auffassung, dass die AfD für ihn neben all ihren für ihn schwierigen Überzeugungen zum demokratischen Spektrum gehört.

Ich teile diese Einschätzung. Ich weiß, dass andere das anders sehen. Ich weiß auch, dass manch ein Verfassungsschutz die AfD beziehungsweise Teile der Partei in unterschiedlichen Zusammenhängen als rechtsextrem bewertet hat. Ich habe mich mit den entsprechenden Berichten auseinandergesetzt. Ich kenne die Vorwürfe und kann die daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht in derselben Weise nachvollziehen. Ich halte die Einstufung, soweit sie die Partei als Ganze betrifft, für falsch.

Man kann darüber streiten. Man kann die AfD kritisieren. Es gibt dafür genug Gründe. Man kann ihre Positionen ablehnen, ihre Vertreter scharf kritisieren und vor ihren politischen Vorstellungen warnen. All das gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber genau deshalb muss es auch möglich sein, über diese Partei zu sprechen, mit ihren Mitgliedern zu diskutieren und ihre Argumente zu prüfen, ohne dadurch selbst zum moralisch Aussätzigen erklärt zu werden.

Ich halte es grundsätzlich für problematisch, wenn eine Behörde, die dem Innenministerium untersteht – und das tut der sogenannte Verfassungsschutz –, darüber entscheidet, welche politischen Bestrebungen als verfassungsfeindlich bewertet werden. Eine Verfassung ist für mich in erster Linie eine Grenze staatlicher Macht. Sie ist nicht dazu da, dass eine Regierung ihren Bürgern bescheinigt, ob sie die richtigen politischen Überzeugungen haben. Sie ist dazu da, der Regierung vorzuschreiben, was sie tun darf und was sie zu unterlassen hat. Sie soll den Bürger vor dem Staat schützen, nicht den Staat vor unbequemen Bürgern. Es gehört zu meinem liberalen Verständnis, dass ich politische Macht grundsätzlich kritisch betrachte und nicht jede staatliche Bewertung für die letzte Wahrheit halte.

Das ist jedoch ein eigenes Thema, das ich hier nicht weiter vertiefen möchte. Es geht mir hier nämlich um etwas anderes.

Ich finde es furchtbar, wie mit meinem Freund umgegangen wird. Ich verstehe nicht, wie Menschen so wenig wahrnehmen können, was sie da eigentlich tun. Spüren sie denn gar nichts mehr? Fühlen sie nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten? Merken sie nicht, wie falsch es ist, einen Menschen öffentlich zu dämonisieren, weil er mit den angeblich falschen Leuten spricht? Kommen sie sich nicht selber albern vor, wenn sie meinem Freund unterstellen, das zu sein, wovon er selbst diskriminiert, verfolgt und ausgegrenzt wird?

Ausgerechnet ihn als Rechtsextremisten abzustempeln, ist für mich eine besonders bittere Form der Ungerechtigkeit. Einen jüdischen, homosexuellen Mann, der verheiratet ist und in seinem Leben bereits vielfältige Diskriminierung erfahren hat, zum moralischen Feind zu erklären, weil er ein Gespräch mit AfD-Mitgliedern führt, ist eine Absurdität, die mich fassungslos macht.

Natürlich macht ihn seine Biografie nicht unfehlbar. Ich möchte hier gar nicht darauf eingehen, wie oft wir uns schon zerstritten, zerworfen und wieder zusammengefunden haben. Ich habe mich über ihn aufgeregt, er hat mich verletzt, und ich weiß, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Wir haben uns vertragen und gelacht. Es wird Freundschaft genannt.

Natürlich ist ein Mensch nicht automatisch im Recht, weil er Jude, homosexuell, verheiratet oder sonst etwas ist. Ich würde niemals behaupten, dass bestimmte Eigenschaften jemanden von Kritik befreien. Das wäre nämlich eine Form des Denkens in Gruppen, die ich ablehne. Seine Biografie sollte allerdings zumindest dazu führen, dass man innehält und sich fragt, ob man diesem Menschen wirklich gerecht wird, dass man prüft, ob man gerade einen Menschen beurteilt oder lediglich ein politisches Feindbild bekämpft. Genau dieses Innehalten vermisse ich.

Ich vermisse es bei Menschen, die behaupten, gegen Diskriminierung zu kämpfen, und dabei selbst diskriminieren. Ich vermisse es bei Menschen, die vorgeben, für Toleranz einzutreten, aber ihre Toleranz offenbar davon abhängig machen, mit wem jemand spricht. Ich vermisse es bei Menschen, die gegen Ausgrenzung kämpfen wollen und dabei Menschen ausgrenzen, sobald diese nicht mehr in das eigene politische Lager passen. Was ist das für ein Verständnis von einem Miteinander? Was ist das für ein Verständnis von Menschlichkeit?

Ich muss nicht mit jedem einer Meinung sein. Ich muss nicht jede politische Position gutheißen. Ich muss auch nicht so tun, als seien alle Überzeugungen gleich vernünftig oder alle Parteien gleich gut. Aber ich habe verstanden, dass die Freiheit eines Menschen nicht davon abhängen darf, ob seine Ansichten meinem eigenen Geschmack entsprechen.

Freiheit bedeutet auch, mit den vermeintlich Falschen zu sprechen. Sie bedeutet, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die man für falsch hält. Sie bedeutet, Menschen nicht allein deshalb aus dem Kreis der gesellschaftlich Akzeptierten auszuschließen, weil sie eine Grenze überschreiten, die das eigene politische Milieu gezogen hat.

Es gibt in der ganzen Sache noch ein Argument, das mich besonders wütend macht. Jene, die ihn nun ausgrenzen, tun dies mit der Begründung, man müsse strategisch denken. Man dürfe mit der AfD nicht zusammenarbeiten, weil das politisch unklug sei. Man müsse bestimmte Menschen auf Abstand halten, weil man sonst den falschen Leuten nütze. Man müsse Freundschaften, Kontakte und Beziehungen danach beurteilen, welche politischen Folgen sie haben könnten. Was bitte ist das für eine unerträgliche Haltung?

Freundschaft gehört neben Glück und Gerechtigkeit zu den großen Themen der Philosophie. Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden sitzen Menschen unter und auf Bäumen, in Zimmern, Räumen und an Feuerstellen und denken darüber nach, was Freundschaft ausmacht. Wer über Freundschaft nachdenkt und Freundschaft lebt, merkt, dass es Bindungen zwischen Menschen gibt, die mehr sind als gemeinsame Interessen, gemeinsame Überzeugungen oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Freundschaft ist keine Strategie.

Freundschaft ist nicht der Zusammenschluss zweier Menschen, solange sie sich politisch nützlich sind. Freundschaft bedeutet nicht, dass ich zu jemandem stehe, solange er meiner Sache hilft, und mich von ihm distanziere, sobald andere Menschen meinen, dass mir seine Nähe schaden könnte. Freundschaft bedeutet, einen Menschen als Menschen wahrzunehmen. Sie bedeutet, dass ich mich für ihn interessiere, dass ich ihm zuhöre, dass ich ihm widerspreche, wenn ich ihn für falsch halte, und dass ich ihn nicht fallen lasse, nur weil andere mir erklären, dass seine Gesellschaft meinem Ruf schaden könnte. Freundschaft bedeutet aber besonders, dass ich ihm vertraue, dass ich ihm nicht unterstelle, böse zu sein, weil er mit dem Bösen spricht oder weil er nicht glaubt, dass das, was ich für böse halte, wirklich böse ist.

Freundschaft ist etwas Heiliges, etwas, das sich nicht vollständig in Nutzen und Berechnung auflösen lässt.

Wie traurig muss das Leben eines Menschen sein, der seine Beziehungen nach politischen Strategien sortiert? Wie wenig Heimat muss jemand haben, der nicht einmal in seinen Freundschaften sicher sein kann, weil jederzeit eine neue politische Opportunität auftauchen könnte, die eine Trennung verlangt?

Ich frage mich ernsthaft, was in Menschen vorgeht, die Freundschaft strategisch denken. Sind sie wirklich bereit, eine Freundschaft aufzugeben, weil eine politische Kampagne das verlangt? Würden sie auch Familienmitglieder verbannen, wenn diese anders denken, anders wählen oder mit den falschen Menschen sprechen? Ist ihnen nicht bewusst, dass sie damit genau jene Mechanismen bedienen, die sie angeblich bekämpfen wollen?

Eine Gesellschaft, in der Menschen einander nur noch danach beurteilen, ob ihre Kontakte politisch erwünscht sind, ist keine freie Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft des Misstrauens. Jeder muss aufpassen, mit wem er redet, wo er gesehen wird und welche Begegnung ihm später zum Vorwurf gemacht werden könnte. Die Angst vor sozialer Bestrafung ersetzt die offene Auseinandersetzung.

Das Schlimmste daran ist die moralische Selbstgerechtigkeit, mit der das geschieht. Man grenzt einen Menschen aus und behauptet, man tue es, um Ausgrenzung zu verhindern. Man dämonisiert einen Menschen und erklärt, man kämpfe damit gegen Dämonisierung. Man behandelt einen Freund wie einen Feind und beruft sich dabei auf die Menschlichkeit.

Mein Freund hat sich entschieden, mit Menschen zu sprechen, mit denen andere nicht sprechen wollen. Ich halte das für legitim. Ich halte es für einen Ausdruck jener Freiheit, die eine Demokratie überhaupt erst ermöglicht. Wer glaubt, dass eine politische Partei gefährlich ist, sollte sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Wer glaubt, dass jemand falschliegt, sollte ihm widersprechen. Wer jedoch aus einem Gespräch eine moralische Verfehlung macht und aus dem Gesprächspartner einen Ausgestoßenen, der hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden.

Man muss die Überzeugungen eines Menschen nicht teilen, um seine Würde zu achten. Man muss auch nicht jede Freundschaft für unantastbar halten, um zu begreifen, dass sie nicht einer politischen Strategie untergeordnet werden darf.

Ich traue dem einzelnen Menschen mehr zu als den Kollektiven, die ihn vereinnahmen wollen. Ich glaube daran, dass Menschen selbst denken, selbst entscheiden und selbst Verantwortung übernehmen müssen. Ich glaube nicht, dass eine politische Gruppe das Recht hat, anderen Menschen vorzuschreiben, mit wem sie sprechen dürfen, wen sie kennen dürfen und welche Freundschaften sie aufgeben müssen, um als anständig zu gelten.

Das bedeutet nicht, dass ich jede Entscheidung eines Freundes gutheiße. Es bedeutet, dass ich ihm zugestehe, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne ihn deswegen zu verbannen. Gerade dann, wenn ich anderer Meinung bin, muss sich zeigen, ob meine Freundschaft mehr ist als ein schönes Wort.

Mein Freund ist ein Mensch. Er ist Jude, schwul, Ehemann, liberal, Rheinländer und geht in religiösen und politischen Fragen seinen eigenen Weg. Er spricht mit Menschen, mit denen andere nicht sprechen wollen. All das gehört zu seinem Leben. Nichts davon rechtfertigt es, ihn zu dämonisieren oder auszugrenzen.

Ich werde mich an diesem Umgang nicht beteiligen. Ich werde nicht so tun, als sei eine Freundschaft plötzlich fragwürdig, nur weil andere Menschen sie politisch für unklug halten. Ich werde nicht so tun, als wäre ein Mensch weniger wert, weil er eine Meinung vertritt, die andere für falsch halten. Ich werde mich nie davon überzeugen lassen, dass Ausgrenzung plötzlich etwas Gutes wird, nur weil sie plötzlich mit den richtigen Schlagworten begründet wird.

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About tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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10 Responses to Freundschaft ist keine Strategie

  1. Avatar von sandrakreisler sandrakreisler sagt:

    Ich bin nicht Deiner Meinung.
    Ich würde A. nie so ausgrenzen, (und wir waren nie IRL befreundet),
    ich habe ihn aber auf FB entfreundlingt, denn ich finde seine Aktion aus
    einem einzigen Grund sehr dumm und kontraproduktiv: Er verschiebt damit
    aktiv das Overtonfenster; er normalisiert eine Haltung, die nicht
    normalisiert werden darf.
    So etwas geht schleichend.
    Und man meint eben immer genau die MIT, die man gar nicht gemeint hat.
    (Er gibt sich als Feigenblatt her, das noch dazu. )

    Haltung ist nicht „undemokratisch“.
    Haltung zeigt, /ob/ und /wie viel /man sich denkt.
    Jede Haltung.
    Und wenn der eine die Haltung hat, dass man auch Rechtsextreme,
    Autoritäre und Antidemokratische Kräfte ins Gespräch einbeziehen will,
    dürfen die anderen auch die Haltung haben, dass: Nein.
    Weil solche Leute nicht durch falsch verstandenen „Anstand“ normalisiert
    werden sollten.
    Lieber mehr Anstand gegenüber jenen zeigen, die von diesen Leuten
    bekämpft werden.
    Das hat nichts mit „Strategie“ zu tun. Das ist Haltung.
    Alles Liebe, s

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    • Liebe Sandra,

      Freundschaft ist für mich nichts, was davon abhängig gemacht werden sollte, ob man in politischen Fragen dieselbe Haltung hat, dieselben Kämpfe führt oder dieselben Auseinandersetzungen für richtig hält. Freundschaft ist keine politische Übereinkunft und kein Bündnis, das nur so lange Bestand hat, wie man sich über die politischen Verhältnisse einig ist.

      Ich werde nie verstehen, dass Menschen, die sich persönlich kennen, sich wegen Menschen zerstreiten, die sie nicht persönlich kennen.

      Wenn wir über Politik sprechen, sprechen wir meistens über Politiker und andere Akteure der politischen Sphäre. Wir kennen sie aus den Nachrichten, aus Zeitungen und aus den sozialen Medien. Wir haben Bilder von ihnen, Meinungen über sie und Vorstellungen davon, wer sie sind. Aber wir kennen sie in aller Regel nicht persönlich. Unsere Freunde hingegen kennen wir persönlich. Unsere Familie kennen wir persönlich. Wir haben mit diesen Menschen gelacht und geweint, mit ihnen gegessen, Zeit verbracht und Erlebnisse geteilt. Wir wissen, wie sie sich verhalten, wenn jemand Hilfe braucht, wie sie mit anderen umgehen und was sie ausmacht, wenn gerade keine Kamera auf sie gerichtet ist. Die politischen Akteure, über die wir uns streiten, werden uns in aller Regel niemals zum Essen einladen. Unsere Freunde aber haben uns zum Essen eingeladen. Sie haben uns ihre Zeit geschenkt, uns zugehört und mit uns ihr Leben geteilt, und dann soll das alles weniger zählen als ein politisches Urteil über jemanden, den wir nur aus der Ferne betrachten?

      Natürlich bedeutet das nicht, dass man jede Freundschaft um jeden Preis aufrechterhalten muss. Ein Nein muss in einer Beziehung immer möglich sein. Wenn jemand eine Freundschaft nicht mehr möchte, dann muss man das akzeptieren. Wer sich trennen will, darf sich trennen.

      Und selbstverständlich ist es etwas anderes, ob ich mit jemandem befreundet bin oder nicht. Niemand ist verpflichtet, mit jedem Menschen befreundet zu sein. Das Nein ist eines der grundlegendsten Rechte eines Menschen. Freiheit ist das Recht, Nein zu sagen, eine Grenze zu ziehen und sich einer Sache zu verweigern.

      Mit einem Nein kann man sogar sehr einfach herausfinden, wie ernst es jemand mit einem meint. Sag einfach Nein zu einem Vorschlag und schau, was geschieht. Bleibt die Zuneigung bestehen? Wird das Nein respektiert? Oder war die Freundschaft womöglich doch an Bedingungen geknüpft, die vorher nur nicht ausgesprochen wurden?

      Was die Haltung betrifft, sehe ich die Sache etwas anders als Du. Mein Freund zeigt ja gerade eine Haltung, indem er mit Menschen spricht, mit denen andere nicht sprechen wollen.

      Miteinander zu reden ist eine gewaltfreie Form, mit einem anderen Menschen umzugehen. Solange wir miteinander reden, können wir widersprechen, argumentieren, überzeugen und uns gegenseitig infrage stellen. Wenn wir aufhören, miteinander zu reden, geben wir eine wichtige Möglichkeit auf, Konflikte gewaltfrei auszutragen.

      Deshalb bin ich immer skeptisch, wenn Menschen anfangen, andere in meinem Umfeld als radikal, rechtsextrem, autoritär oder antidemokratisch zu etikettieren und daraus ableiten, dass man mit ihnen nicht mehr sprechen dürfe. Ich kenne die Geschichte der Ausgrenzung, der politischen Verfolgung und der Feindbilder. Ich weiß, wie leicht es sein kann, einen Menschen erst auf eine politische Zuschreibung zu reduzieren und anschließend so zu behandeln, als sei diese Zuschreibung bereits ein vollständiges Urteil über seine Person.

      Die Geschichte kennt dafür erschreckende Beispiele. In der Zeit des Sozialismus konnte der Vorwurf, jemand sei gegen den Sozialismus, Menschen zu Feinden erklären und Verfolgung rechtfertigen. In den Zeiten der Hexenverfolgungen genügte der Verdacht, jemand sei eine Hexe, um Menschen einer tödlichen Gefahr auszusetzen. Während der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution konnte der Vorwurf, jemand stelle sich gegen die Revolution, auf die Guillotine führen. In den USA zeigte die McCarthy-Ära, wie Verdächtigungen kommunistischer Gesinnung Menschen gesellschaftlich und beruflich vernichten konnten.

      Wenn die Zuschreibung eines Feindbildes wichtiger wird als die persönliche Anschauung, wenn der Verdacht bereits als Beweis gilt und wenn der Kontakt mit einem vermeintlich falschen Menschen selbst zum Verdachtsmoment wird, dann entsteht eine gefährliche Dynamik.

      Du schreibst, Aviel verschiebe das Overtonfenster und normalisiere dadurch eine Haltung, die nicht normalisiert werden dürfe. Ich verstehe, dass Du diese Gefahr siehst, aber ich frage mich, ob wir nicht selbst etwas normalisieren, wenn wir Menschen wegen ihrer Kontakte oder Gesprächsbereitschaft unter Verdacht stellen. Normalisieren wir dann nicht auch die Vorstellung, dass bestimmte Menschen außerhalb des Bereichs liegen, mit dem man noch reden darf?

      Ich kenne im Großen und Ganzen zwei Gruppen von AfD-Wählern und AfD-Mitgliedern: diejenigen, die ich prominent in den Zeitungen und Nachrichten sehe, und diejenigen, die ich persönlich kenne, mit denen ich befreundet bin oder mit denen ich Bekanntschaft geschlossen habe. Die Menschen, die ich persönlich kenne, sind in meiner Erfahrung keine Rechtsextremisten. Das bedeutet nicht, dass ich jede ihrer politischen Ansichten teile oder jede ihrer Entscheidungen verteidige, aber es bedeutet, dass ich meine eigenen Erfahrungen nicht einfach beiseiteschieben möchte, nur weil ein medial vermitteltes Bild mir etwas anderes nahelegt.

      Wenn ich zwischen einem Bild entscheiden muss, das mir durch Medien vermittelt wird, und meinen eigenen Erfahrungen mit einem Menschen, dann wiegen meine eigenen Erfahrungen für mich schwerer. Nicht weil Medien grundsätzlich falsch liegen, sondern weil kein mediales Bild einen Menschen vollständig abbilden kann. Ich möchte mir das Recht bewahren, selbst hinzusehen, selbst zuzuhören und selbst zu urteilen.

      Gerade deshalb halte ich es für gefährlich, wenn das Gespräch mit bestimmten Menschen bereits als deren politische Normalisierung verstanden wird. Ein Gespräch ist zunächst einmal ein Gespräch. Es ist weder Zustimmung noch Unterstützung noch eine politische Allianz. Wer mit jemandem redet, muss dessen Ansichten nicht übernehmen. Im Gegenteil: Wer widersprechen will, muss überhaupt erst einmal bereit sein, sich mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen.

      Ich will nicht, dass politische Akteure, mediale Bilder oder gesellschaftliche Kampagnen darüber entscheiden, wie ich die Menschen beurteilen darf, die ich persönlich kenne. Ich möchte mir meine eigene Anschauung bewahren. Denn wohin es führen kann, wenn Menschen ihre eigene Wahrnehmung einem vorgeschriebenen Feindbild unterordnen, zeigt die Geschichte nur allzu deutlich.

      Wenn ich an die Regime denke, in denen Freundschaften politisch definiert wurden, in denen Menschen einander misstrauten und in denen die Zugehörigkeit zum richtigen Lager wichtiger war als die eigene Erfahrung, dann haben all diese Regime ein gemeinsames Schicksalsjahr: 1984.

      Alles Liebe,
      Gerd

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      • Avatar von sandrakreisler sandrakreisler sagt:

        Lieber Gerd,
        ich verstehe, wo Du herkommst! (obwohl ich die Referenz auf 1984 nicht ganz verstehe? Weil da das Privatfernsehen erlaubt wurde?)
        Aber ich kann weder emotionell noch intellektuell das Politische völlig vom Privaten trennen. Es geht zusammen.

        Natürlich gibt es Graubereiche, und natürlich, wenn ich jemanden persönlich kenne, wie Dich (oder einen anderen Freund/Kollegen von mir, der mir definitiv ein wenig zu sehr in die Russlandfreundliche Ecke abrutscht) dann bin ich viel lässlicher als bei Menschen, die ich nicht kenne. Denn dann kann ich deren Beweggründe personalisieren, auch, wenn Du so willst: „psychologisieren“ – zum Beispiel im Sinne von: Politische Einsamkeit macht nicht gerade wählerisch. Oder mir eben sagen, wie Du: Miteinander reden ist noch nicht zustimmen.
        Aber: Es geht in diesem Fall nicht einfach nur um ‚mit Rechten reden‘ oder so etwas in der Art, es geht um öffentlich mit ihnen reden. Gemütlich auf der Couch sitzend, plaudern – und sich dabei filmen lassen und es online stellen. Das ist nicht nur fundamental anders als ‚mit jemandem reden, der halt eine andere Meinung hat‘.
        Es in meinen Augen schlicht eine Art zu ihren Haltungen sehr laut zu schweigen: Man schweigt über die Unmöglichkeit eines Konsenses. (Wenn es denn so ist – denn wenn es Konsens gibt, ist man ja genau dessen „schuldig“, dessen man angeklagt ist: Auf der menschenfeindlicheren Seite zu stehen.)
        Und Schweigen ist Zustimmung. Man schweigt über die Gefährlichkeit dieser Leute, indem man mit ihnen redet.

        Ich bleibe dabei: Wer durch seine öffentliche Anwesenheit und Gesprächsbereitschaft Haltungen legitimiert, die ich nicht zu legitimieren finde, dann gilt für mich das Wort von Elie Wiesel: Man muss eine Seite wählen, Äquidistanz nützt immer den Tätern.

        Vielleicht können manche verstehen, wenn Juden einsam werden in dieser Welt, wo der Judenhass wieder von allen Seiten auf uns einprasselt. Und Menschen, die keine Juden sind, haben sowieso den Luxus, politisch sanftere Grenzen ziehen zu können, im Bezug auf „mit wem rede ich“.
        Aber unsere Geschichte gebietet mir jedenfalls immer zuerst jenen Gedanken: Wer würde mich verstecken?
        Und da traue ich eher jenen, die eine klare Grenze ziehen, Jude oder nicht.

        Ich kann begreifen, dass man in Zeiten wie diesen auch mal auf die Schalmeienklänge der Rechtspopulisten und Autoritären reinfällt – man HAT wenig Freunde als Jude, das geht an die Nieren. Aber es sind Schalmeienklänge, und man ist dann einfach ein Feigenblatt für die, solange sie es brauchen.

        Nun sind natürlich nicht alle AfD Wähler antisemitische Faschisten. Viele denken auch: Es wird schon nicht so schlimm kommen. Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir dann: Doch.
        Es kommt so schlimm. Und jedes Wort mit solchen Leuten ist verschwendet, weil es Menschen sind, die andere Menschen wie kleine Erbsen klassifizieren, um sich über sie hinweg zu erheben, um mehr Macht, Einfluss und Geld zu bekommen. Es geht denen explizit nicht um eine Verbesserung der Umstände für alle Menschen, sondern um eine Verbesserung für ihre eigene persönliche Machtposition, und dafür tönen eben erst mal die Schalmeien, und dann wirft man die Leute, die man nicht mehr braucht, wieder weg. (Diese Problematik sehe ich übrigens lechts wie rinks an den Rändern)
        Nenn mich Pessimistin.
        Es waren immer die Pessimisten, die überlebten.

        Das Problem ist überdies nicht einfach das Gespräch an sich. Das ist nur einfach Zeitverschwendung, vor allem bei jenen, die in ihren Weltbildern gefestigt sind. Aber das Signal, das solche – eben öffentlichen! – Gespräche setzen, das ist dann eingepreist.
        Und da nützt auch nichts, wenn man sagt: „Ich bin eh nicht deren Meinung!“ – denn die sagen dann: „Schaut her, sogar der Jude sagt, dass wir eh okay sind.“
        Es ist eben nicht Herr oder Frau Sowieso, es ist eben der Jude.
        Am Ende immer.
        Und dieses Mal öffnet er auch selbst die Tür.
        Das muss ich nicht hinnehmen.
        Da darf ich mich abwenden.

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        • Liebe Sandra,

          Die Referenz auf 1984 war vielleicht tatsächlich etwas zu unvermittelt. Ich meine damit den Roman von George Orwell. Ich wollte damit andeuten, dass totalitäre Systeme stets auf eine ähnliche Weise funktionieren: Sie dringen ins Private ein und wollen, dass das Private durch das Öffentliche, durch das Politische, ersetzt wird. Sie erwarten Unterwerfung oder ein öffentliches Bekenntnis. Es reicht nicht, sich an die Regeln zu halten. Man soll auch innerlich und nach außen hin die richtige Haltung einnehmen. Das Private, das Persönliche, die eigenen Empfindungen und Urteile werden dem politischen Anspruch untergeordnet.

          Ich habe dazu eine klare Haltung: Wenn das Private und das Politische in Konkurrenz zueinander treten, entscheide ich mich für das Private. Natürlich kann man Politik und Privates niemals vollständig voneinander trennen, aber es gibt Situationen, in denen beide miteinander in Konflikt geraten. Und dann vertraue ich lieber meinem Herzen, meinem Gefühl und meinem Bauch als politischen Agenden, politischen Äußerungen oder politischen Wahlsprüchen.

          Nun schreibst Du, dass öffentliches Reden ein Schweigen über die Gefährlichkeit der Gesprächspartner sein könne. Ich verstehe den Gedanken. Aber ich möchte Dir erklären, warum ich das in diesem konkreten Fall anders sehe.

          Die beiden Männer, mit denen mein Freund gesprochen hat, kannte ich vorher nicht. Alles, was ich über sie wusste, war, dass sie einen Podcast machen und Mitglieder der AfD sind. Ich habe sie durch dieses Gespräch kennengelernt. Dabei war ich in vielen Punkten anderer Meinung als sie, aber eines kann ich sagen: Ich habe sie in diesem Gespräch nicht als gefährlich wahrgenommen. Wenn man nun behauptet, diese Menschen seien gefährlich, weil sie Mitglieder der AfD sind, dann muss ich sagen, dass mir das in diesem Gespräch nicht erkennbar geworden ist.

          Wenn ich ein Urteil über Menschen fällen soll, die ich nicht kenne, und dieses Urteil lautet, dass sie gefährlich sind, dann möchte ich davon überzeugt sein. Ich möchte mir das nicht von anderen einreden lassen. Ich möchte nicht glauben müssen, dass jemand gefährlich ist, einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass er einer bestimmten Partei angehört. Ich möchte die Gefährlichkeit selbst erkennen. In diesem Gespräch habe ich zunächst einmal Menschen erlebt, die miteinander über Politik reden. Ich habe Widerspruch erlebt, unterschiedliche Ansichten und politische Auseinandersetzungen. Aber ich habe keine Gefahr erlebt, die verschweigen wurde.

          Nun zu einem anderen, sehr persönlichen Punkt. Wenn Du mich fragst, wer Dich verstecken würde, dann lautet meine Antwort so: Ich würde eher jener Person vertrauen, die zu mir steht, auch wenn der politische Wind sich dreht. Wer seine Freundlichkeit davon abhängig macht, welche politische Haltung gerade gesellschaftlich erwünscht ist, wer sich aus Angst vor öffentlicher Ächtung von mir abwendet, der wird mich gewiss auch nicht verstecken, wenn es darauf ankommt. Ich vertraue eher dem Menschen, der zu mir hält, selbst wenn er dafür öffentlich angegriffen wird.

          Das bedeutet nicht, dass politische Überzeugungen bedeutungslos wären. Es bedeutet, dass ich den Charakter eines Menschen nicht allein aus seiner politischen Position ableiten möchte, sondern aufgrund seiner Taten. Gerade wenn es ernst wird, interessiert mich, ob jemand zu einem anderen Menschen steht, auch wenn es ihn etwas kostet.

          Auf einen weiteren Punkt möchte ich besonders eingehen, weil ich Dir darin vollkommen zustimme. Es geht um das Problem, als Feigenblatt benutzt zu werden.

          Ich finde es unerträglich, wenn Menschen eingeladen werden, weil sie Juden, homosexuell, schwarz, weiblich sind oder irgendeiner anderen Gruppe angehören, und daher als Beleg für die eigene politische Unbedenklichkeit dienen sollen. Ich finde es auch unerträglich, wenn es heißt: Schaut her, der Jude sagt das auch! Der Schwule sagt das auch! Der Schwarze sagt das auch! Und schon hat man seinen vermeintlichen moralischen Koscherstempel.

          Ich kann mir vorstellen, wie belastend es sein muss, sich immer wieder fragen zu müssen: Bin ich eingeladen worden, weil man meine Meinung hören möchte, oder weil man meine Meinung hören möchte, weil ich Jude bin, weil ich schwul bin, weil ich schwarz bin, weil ich eine Frau bin?

          Wenn die eigene Person, das eigene Denken und das eigene Urteil immer wieder auf ein bestimmtes Merkmal reduziert werden, ist das furchtbar. Für solch ein Verhalten gibt es die verschiedensten Worte: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus. Man ist nicht mehr in erster Linie ein Mensch mit eigenen Gedanken, sondern wird zum Repräsentanten einer vermeintlich homogenen Gruppe gemacht. Die eigene Meinung wird nicht mehr als individuelle Überzeugung betrachtet, sondern als Ausdruck der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der Religion. Eine Meinung wird natürlich nicht dadurch richtig, dass sie von einem Juden, einem Schwarzen, einer Frau oder einem Homosexuellen vertreten wird.

          Natürlich dürfte meinem Freund klar gewesen sein, dass die beiden AfD-Mitglieder ihn auch deshalb eingeladen haben könnten, weil sie einen Schwulen und einen Juden in ihrer Gesprächsrunde haben wollten. Sie können sich davon versprochen haben, dass seine Anwesenheit ihnen nützt. Gewiss wollten sie genau den Effekt erzielen, den Du beschreibst: Schaut her, sogar ein Jude und ein Schwuler reden mit uns und äußern sich positiv über uns.

          Dieses Problem gibt es in allen politischen Lagern. Auch dort werden Juden eingeladen, damit man anschließend sagen kann: Schaut her, dieser Jude erklärt die AfD für gefährlich, also muss sie gefährlich sein. Auch dort werden Schwule, Schwarze oder Frauen als Belege für eine politische Position präsentiert. Menschen werden zu Kronzeugen gemacht, deren Identität die eigene Argumentation beglaubigen soll.

          Das Problem liegt nicht darin, dass diese Menschen miteinander reden. Das Problem liegt darin, dass andere glauben, aus ihrer Identität einen besonderen Beweiswert für ihre Aussagen ableiten zu können. Daraus schließe ich aber nicht, dass man sich von Menschen fernhalten sollte, die einen möglicherweise als Feigenblatt benutzen wollen, denn man wird nicht zum Feigenblatt, nur weil andere einen als solches benutzen möchten.

          Mein Freund bleibt ein Mensch mit eigenen Überzeugungen. Was er sagt, hätte er genauso als Christ sagen können, als heterosexueller Mann oder als jemand, der überhaupt keinem besonderen gesellschaftlichen Merkmal zugeordnet wird. Es gibt viele Christen und viele heterosexuelle Männer, die ähnliche Ansichten vertreten. Seine Argumente verlieren nicht ihren Wert, nur weil er Jude und homosexuell ist. Und sie werden nicht automatisch zu einer Bestätigung der AfD, nur weil AfD-Mitglieder ihm zuhören.

          Ich sage immer, wenn ich mit der AfD rede, dann werde nicht ich AfD-nah, sondern diese Leute von der AfD, die mit mir reden, werden in dem Moment Gerd-nah, und da ich mich mag, kann ich daran nichts falsches erkennen.

          Ich verstehe also sehr gut, was Du meinst, aber ich ziehe eine andere Konsequenz. Gerade wenn man nicht auf ein Identitätsmerkmal reduziert werden möchte, sollte man auch mit jenen Menschen sprechen, die einen genau darauf reduzieren wollen. Man sollte ihnen widersprechen können, man sollte sich mit ihnen auseinandersetzen können, und man sollte selbst entscheiden dürfen, wann ein Gespräch sinnvoll ist und wann nicht. Wenn wir anfangen, Begegnungen allein deshalb zu vermeiden, weil andere sie politisch instrumentalisieren könnten, dann überlassen wir diesen anderen die Entscheidung darüber, mit wem wir sprechen dürfen.

          Klar ist aber sich: Natürlich darfst Du Dich abwenden. Ich verstehe auch Deine Sorge: Es waren nicht selten die Pessimisten, die überlebten. Auch mein Schreiben entspringt einem Pessimismus. Es ist der Pessimismus eines Menschen, der sieht, wie andere dazu verleitet werden, ihren persönlichen Urteilen nicht mehr zu vertrauen, sondern sich einer öffentlichen Ideologie unterzuordnen.

          Menschen beginnen, an ihren eigenen Augen und Ohren zu zweifeln. Sie trauen ihren persönlichen Erfahrungen nicht mehr. Sie glauben, dass sie bestimmte Menschen für gefährlich halten müssen, weil eine politische Haltung das von ihnen verlangt. Sie misstrauen ihrem eigenen Urteil, weil sie Angst haben, sich mit der falschen Person an einen Tisch zu setzen. Und irgendwann ist nicht mehr entscheidend, was sie selbst erlebt haben, sondern was sie öffentlich darüber sagen dürfen.

          Genau das meinte ich mit 1984.

          In Orwells Roman wird eine politische Ideologie mit dem Anspruch durchgesetzt, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Doch hinter den großen Versprechen von Gerechtigkeit und einer besseren Welt steht ein totalitäres System, das den Menschen ihre Freiheit nimmt. Es genügt nicht, dass die Menschen sich äußerlich anpassen. Auch ihre Gedanken und ihre persönlichen Beziehungen sollen der Ideologie untergeordnet werden.

          Ich sehe eine Gefahr darin, wenn Menschen glauben, sie müssten ihre persönlichen Urteile einer politischen Erwartung unterwerfen. Wenn sie nicht mehr fragen, was sie selbst gesehen, gehört und erlebt haben, sondern nur noch, welche Haltung von ihnen erwartet wird. Wenn sie nicht mehr selbst entscheiden, wem sie vertrauen, sondern sich von politischen Zugehörigkeiten vorschreiben lassen, wem sie vertrauen dürfen.

          Du schreibst, dass Schweigen Zustimmung sei. Ich glaube auch, dass es Situationen gibt, in denen Schweigen Zustimmung bedeutet. Ich glaube aber auch, dass ein Gespräch nicht automatisch Zustimmung bedeutet. Manchmal ist ein Gespräch einfach nur ein Gespräch. Manchmal bedeutet es, dass Menschen einander zuhören, ohne einander recht zu geben. Manchmal ist es sogar die Voraussetzung dafür, dass Widerspruch überhaupt möglich wird. Und manchmal ist es einfach ein Ausdruck von Freundschaft.

          Alles Liebe,
          Gerd

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          • Avatar von Bert Robel Bert Robel sagt:

            Lieber Herr Buurmann,

            ich kann Ihrem empathischen, zutiefst menschlichen und sehr intelligentem Artikel und ihren Kommentaren nur von ganzem Herzen und voller Seele zustimmen.

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  2. Avatar von Unbekannt ikorot1 sagt:

    Lieber Gerd,

    bin 100% deiner Meinung – unabhäbgig davon, daß ich weiß, um wen es geht. Dieser Text ist wieder mal großartig.

    Herzlichst

    Irina Korotkina

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  3. Avatar von Andreas Braun Andreas Braun sagt:

    Danke!

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  4. Pingback: Freundschaft ist keine Strategie | International Affairs - German Media Watch / Nicht Mit Uns - Am Yisrael Chai

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