Freundschaft ist keine Strategie

Dieser Artikel wird ein sehr persönlicher Text. Ich weiß es jetzt schon.

Ich schreibe diese Worte für einen Freund. Mit ihm wird gerade auf eine Weise umgegangen, die ich furchtbar finde. Mein Freund muss sich im Moment unglaublich viele Beleidigungen anhören, mehr als sonst. Er wird ausgegrenzt, aus Gruppen ausgeschlossen und mit Nachrichten überzogen, in denen er diffamiert und dämonisiert wird. Menschen, die sich selbst für anständig, tolerant und aufgeklärt halten, erklären öffentlich, was für ein untragbarer Mensch er angeblich sei. Sie sprechen ihm Eigenschaften zu, die mit dem Menschen, den ich kenne, nichts zu tun haben.

Mein Freund ist Jude. Er ist ein Mensch mit einer grundsätzlich liberalen Überzeugung. Er hat mit unterschiedlichen Parteien zusammengearbeitet, von der SPD über die Linke bis hin zur CDU. Er hat sich intensiv mit Religionen und Ideologien auseinandergesetzt. Er hat sogar eine Zeit lang das Christentum angenommen. Er wurde Christ und studierte katholische Theologie. Dann aber kam ein Moment, in dem er wieder eine Synagoge besuchte, und dort geschah es. Er fing an zu weinen. Er spürte etwas, das er bis dahin nicht in dieser Weise gespürt hatte, nämlich das Gefühl: Hier gehöre ich hin, das ist mein Zuhause, meine Heimat. Er erkannte, dass er Jude ist, es schon immer war und es bleiben würde.

Mich berührt diese Geschichte ganz tief, weil ich sie nachempfinden kann, weil ich fühle, was er fühlt. Diese Geschichte sagt etwas über einen Menschen aus, der ernsthaft auf der Suche ist. Er stellt Fragen, probiert Wege aus und setzt sich mit Überzeugungen auseinander. Er gibt sich nicht mit einer vorgefertigten Antwort zufrieden.

Mein Freund ist ein ausgesprochen liberaler Mensch. Er redet mit Menschen, auch mit solchen, die andere längst abgeschrieben haben. Er ist offen, ohne deshalb in jeder Frage dieselbe Meinung zu vertreten. Er hat auch konservative Überzeugungen. Ach ja, und er ist schwul, mit einem Mann verheiratet und hat mit seinem Mann ein Adoptivkind.

Er hat in seinem Leben Diskriminierung erfahren. Als Jude, als Homosexueller und als jemand, der sich nicht einfach einer politischen Richtung unterordnet. Er kennt Anfeindungen von rechts, von Islamisten, von Homophoben und auch von Linksextremisten. Er weiß, was es bedeutet, wenn Menschen einen nicht als Individuum wahrnehmen, sondern als Vertreter einer Gruppe, gegen die sie etwas haben.

Er wird ausgegrenzt, in den letzten Tagen wieder sehr massiv, aber nicht nur, weil er Jude, schwul und liberal ist, nein, weil er es gewagt hat, in einem Podcast mit Mitgliedern der AfD zu reden. Er wird ausgegrenzt, nicht, weil er Mitglied der AfD ist – das ist er nämlich nicht –, nicht, weil er diese Partei gewählt hat – das hat er nicht –, sondern weil er lediglich mit Menschen gesprochen hat, die dieser Partei angehören, mit denen andere Menschen nicht sprechen wollen. Und er vertritt öffentlich die Auffassung, dass die AfD für ihn neben all ihren für ihn schwierigen Überzeugungen zum demokratischen Spektrum gehört.

Ich teile diese Einschätzung. Ich weiß, dass andere das anders sehen. Ich weiß auch, dass manch ein Verfassungsschutz die AfD beziehungsweise Teile der Partei in unterschiedlichen Zusammenhängen als rechtsextrem bewertet hat. Ich habe mich mit den entsprechenden Berichten auseinandergesetzt. Ich kenne die Vorwürfe und kann die daraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht in derselben Weise nachvollziehen. Ich halte die Einstufung, soweit sie die Partei als Ganze betrifft, für falsch.

Man kann darüber streiten. Man kann die AfD kritisieren. Es gibt dafür genug Gründe. Man kann ihre Positionen ablehnen, ihre Vertreter scharf kritisieren und vor ihren politischen Vorstellungen warnen. All das gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber genau deshalb muss es auch möglich sein, über diese Partei zu sprechen, mit ihren Mitgliedern zu diskutieren und ihre Argumente zu prüfen, ohne dadurch selbst zum moralisch Aussätzigen erklärt zu werden.

Ich halte es grundsätzlich für problematisch, wenn eine Behörde, die dem Innenministerium untersteht – und das tut der sogenannte Verfassungsschutz –, darüber entscheidet, welche politischen Bestrebungen als verfassungsfeindlich bewertet werden. Eine Verfassung ist für mich in erster Linie eine Grenze staatlicher Macht. Sie ist nicht dazu da, dass eine Regierung ihren Bürgern bescheinigt, ob sie die richtigen politischen Überzeugungen haben. Sie ist dazu da, der Regierung vorzuschreiben, was sie tun darf und was sie zu unterlassen hat. Sie soll den Bürger vor dem Staat schützen, nicht den Staat vor unbequemen Bürgern. Es gehört zu meinem liberalen Verständnis, dass ich politische Macht grundsätzlich kritisch betrachte und nicht jede staatliche Bewertung für die letzte Wahrheit halte.

Das ist jedoch ein eigenes Thema, das ich hier nicht weiter vertiefen möchte. Es geht mir hier nämlich um etwas anderes.

Ich finde es furchtbar, wie mit meinem Freund umgegangen wird. Ich verstehe nicht, wie Menschen so wenig wahrnehmen können, was sie da eigentlich tun. Spüren sie denn gar nichts mehr? Fühlen sie nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten? Merken sie nicht, wie falsch es ist, einen Menschen öffentlich zu dämonisieren, weil er mit den angeblich falschen Leuten spricht? Kommen sie sich nicht selber albern vor, wenn sie meinem Freund unterstellen, das zu sein, wovon er selbst diskriminiert, verfolgt und ausgegrenzt wird?

Ausgerechnet ihn als Rechtsextremisten abzustempeln, ist für mich eine besonders bittere Form der Ungerechtigkeit. Einen jüdischen, homosexuellen Mann, der verheiratet ist und in seinem Leben bereits vielfältige Diskriminierung erfahren hat, zum moralischen Feind zu erklären, weil er ein Gespräch mit AfD-Mitgliedern führt, ist eine Absurdität, die mich fassungslos macht.

Natürlich macht ihn seine Biografie nicht unfehlbar. Ich möchte hier gar nicht darauf eingehen, wie oft wir uns schon zerstritten, zerworfen und wieder zusammengefunden haben. Ich habe mich über ihn aufgeregt, er hat mich verletzt, und ich weiß, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Wir haben uns vertragen und gelacht. Es wird Freundschaft genannt.

Natürlich ist ein Mensch nicht automatisch im Recht, weil er Jude, homosexuell, verheiratet oder sonst etwas ist. Ich würde niemals behaupten, dass bestimmte Eigenschaften jemanden von Kritik befreien. Das wäre nämlich eine Form des Denkens in Gruppen, die ich ablehne. Seine Biografie sollte allerdings zumindest dazu führen, dass man innehält und sich fragt, ob man diesem Menschen wirklich gerecht wird, dass man prüft, ob man gerade einen Menschen beurteilt oder lediglich ein politisches Feindbild bekämpft. Genau dieses Innehalten vermisse ich.

Ich vermisse es bei Menschen, die behaupten, gegen Diskriminierung zu kämpfen, und dabei selbst diskriminieren. Ich vermisse es bei Menschen, die vorgeben, für Toleranz einzutreten, aber ihre Toleranz offenbar davon abhängig machen, mit wem jemand spricht. Ich vermisse es bei Menschen, die gegen Ausgrenzung kämpfen wollen und dabei Menschen ausgrenzen, sobald diese nicht mehr in das eigene politische Lager passen. Was ist das für ein Verständnis von einem Miteinander? Was ist das für ein Verständnis von Menschlichkeit?

Ich muss nicht mit jedem einer Meinung sein. Ich muss nicht jede politische Position gutheißen. Ich muss auch nicht so tun, als seien alle Überzeugungen gleich vernünftig oder alle Parteien gleich gut. Aber ich habe verstanden, dass die Freiheit eines Menschen nicht davon abhängen darf, ob seine Ansichten meinem eigenen Geschmack entsprechen.

Freiheit bedeutet auch, mit den vermeintlich Falschen zu sprechen. Sie bedeutet, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die man für falsch hält. Sie bedeutet, Menschen nicht allein deshalb aus dem Kreis der gesellschaftlich Akzeptierten auszuschließen, weil sie eine Grenze überschreiten, die das eigene politische Milieu gezogen hat.

Es gibt in der ganzen Sache noch ein Argument, das mich besonders wütend macht. Jene, die ihn nun ausgrenzen, tun dies mit der Begründung, man müsse strategisch denken. Man dürfe mit der AfD nicht zusammenarbeiten, weil das politisch unklug sei. Man müsse bestimmte Menschen auf Abstand halten, weil man sonst den falschen Leuten nütze. Man müsse Freundschaften, Kontakte und Beziehungen danach beurteilen, welche politischen Folgen sie haben könnten. Was bitte ist das für eine unerträgliche Haltung?

Freundschaft gehört neben Glück und Gerechtigkeit zu den großen Themen der Philosophie. Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden sitzen Menschen unter und auf Bäumen, in Zimmern, Räumen und an Feuerstellen und denken darüber nach, was Freundschaft ausmacht. Wer über Freundschaft nachdenkt und Freundschaft lebt, merkt, dass es Bindungen zwischen Menschen gibt, die mehr sind als gemeinsame Interessen, gemeinsame Überzeugungen oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Freundschaft ist keine Strategie.

Freundschaft ist nicht der Zusammenschluss zweier Menschen, solange sie sich politisch nützlich sind. Freundschaft bedeutet nicht, dass ich zu jemandem stehe, solange er meiner Sache hilft, und mich von ihm distanziere, sobald andere Menschen meinen, dass mir seine Nähe schaden könnte. Freundschaft bedeutet, einen Menschen als Menschen wahrzunehmen. Sie bedeutet, dass ich mich für ihn interessiere, dass ich ihm zuhöre, dass ich ihm widerspreche, wenn ich ihn für falsch halte, und dass ich ihn nicht fallen lasse, nur weil andere mir erklären, dass seine Gesellschaft meinem Ruf schaden könnte. Freundschaft bedeutet aber besonders, dass ich ihm vertraue, dass ich ihm nicht unterstelle, böse zu sein, weil er mit dem Bösen spricht oder weil er nicht glaubt, dass das, was ich für böse halte, wirklich böse ist.

Freundschaft ist etwas Heiliges, etwas, das sich nicht vollständig in Nutzen und Berechnung auflösen lässt.

Wie traurig muss das Leben eines Menschen sein, der seine Beziehungen nach politischen Strategien sortiert? Wie wenig Heimat muss jemand haben, der nicht einmal in seinen Freundschaften sicher sein kann, weil jederzeit eine neue politische Opportunität auftauchen könnte, die eine Trennung verlangt?

Ich frage mich ernsthaft, was in Menschen vorgeht, die Freundschaft strategisch denken. Sind sie wirklich bereit, eine Freundschaft aufzugeben, weil eine politische Kampagne das verlangt? Würden sie auch Familienmitglieder verbannen, wenn diese anders denken, anders wählen oder mit den falschen Menschen sprechen? Ist ihnen nicht bewusst, dass sie damit genau jene Mechanismen bedienen, die sie angeblich bekämpfen wollen?

Eine Gesellschaft, in der Menschen einander nur noch danach beurteilen, ob ihre Kontakte politisch erwünscht sind, ist keine freie Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft des Misstrauens. Jeder muss aufpassen, mit wem er redet, wo er gesehen wird und welche Begegnung ihm später zum Vorwurf gemacht werden könnte. Die Angst vor sozialer Bestrafung ersetzt die offene Auseinandersetzung.

Das Schlimmste daran ist die moralische Selbstgerechtigkeit, mit der das geschieht. Man grenzt einen Menschen aus und behauptet, man tue es, um Ausgrenzung zu verhindern. Man dämonisiert einen Menschen und erklärt, man kämpfe damit gegen Dämonisierung. Man behandelt einen Freund wie einen Feind und beruft sich dabei auf die Menschlichkeit.

Mein Freund hat sich entschieden, mit Menschen zu sprechen, mit denen andere nicht sprechen wollen. Ich halte das für legitim. Ich halte es für einen Ausdruck jener Freiheit, die eine Demokratie überhaupt erst ermöglicht. Wer glaubt, dass eine politische Partei gefährlich ist, sollte sich mit ihren Argumenten auseinandersetzen. Wer glaubt, dass jemand falschliegt, sollte ihm widersprechen. Wer jedoch aus einem Gespräch eine moralische Verfehlung macht und aus dem Gesprächspartner einen Ausgestoßenen, der hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden.

Man muss die Überzeugungen eines Menschen nicht teilen, um seine Würde zu achten. Man muss auch nicht jede Freundschaft für unantastbar halten, um zu begreifen, dass sie nicht einer politischen Strategie untergeordnet werden darf.

Ich traue dem einzelnen Menschen mehr zu als den Kollektiven, die ihn vereinnahmen wollen. Ich glaube daran, dass Menschen selbst denken, selbst entscheiden und selbst Verantwortung übernehmen müssen. Ich glaube nicht, dass eine politische Gruppe das Recht hat, anderen Menschen vorzuschreiben, mit wem sie sprechen dürfen, wen sie kennen dürfen und welche Freundschaften sie aufgeben müssen, um als anständig zu gelten.

Das bedeutet nicht, dass ich jede Entscheidung eines Freundes gutheiße. Es bedeutet, dass ich ihm zugestehe, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne ihn deswegen zu verbannen. Gerade dann, wenn ich anderer Meinung bin, muss sich zeigen, ob meine Freundschaft mehr ist als ein schönes Wort.

Mein Freund ist ein Mensch. Er ist Jude, schwul, Ehemann, liberal, Rheinländer und geht in religiösen und politischen Fragen seinen eigenen Weg. Er spricht mit Menschen, mit denen andere nicht sprechen wollen. All das gehört zu seinem Leben. Nichts davon rechtfertigt es, ihn zu dämonisieren oder auszugrenzen.

Ich werde mich an diesem Umgang nicht beteiligen. Ich werde nicht so tun, als sei eine Freundschaft plötzlich fragwürdig, nur weil andere Menschen sie politisch für unklug halten. Ich werde nicht so tun, als wäre ein Mensch weniger wert, weil er eine Meinung vertritt, die andere für falsch halten. Ich werde mich nie davon überzeugen lassen, dass Ausgrenzung plötzlich etwas Gutes wird, nur weil sie plötzlich mit den richtigen Schlagworten begründet wird.

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About tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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