Hilde Domins Grab geschändet

Auf dem Heidelberger Bergfriedhof wurde das Grab der in Köln geborenen Dichterin Hilde Domin geschändet. Wie die Polizeidirektion Heidelberg am 2. September 2010 mitteilte und Tapfer in Nirgendwo am 3. September am Telefon bestätigte wurde am 1. September ein ungefähr 90 mal 70 Zentimeter großes Hakenkreuz entdeckt, das der oder die Täter mit roter Farbe (offensichtlich aus einer Spraydose) auf die Grabplatte der Ehrengrabstätte von Hilde Domin gesprüht hatten. Etwas später wurde bekannt, dass in dem unmittelbar angrenzenden und über ein offen stehendes Eisentor verbundenen Jüdischen Friedhof mit augenscheinlich der gleichen Farbe ein Monument-Grabstein ebenfalls mit einem Hakenkreuz (100 x 70 cm) besprüht worden war.

Die Schändung von Domins Grab ist ein weiteres Verbrechen in diesem an antisemitischen Straftaten nicht armen Jahr in Deutschland.

Sprachlosigkeit folgt auf Fassungslosigkeit. Daher möchte ich hier ein Gedicht von Hilde Domin zitieren, das 1970 in „Ich will Dich“ erschienen ist. Das Gedicht heißt „Abel steh auf“. Das Gedicht sagt alles. Vierzig Jahre nach der Veröffentlichung wird das Grab von Domin geschändet und niemand berichtet darüber. Niemand steht auf. Deutschlands Presse bleibt sitzen. Bis heute (4. September 2010) hat erst eine einzige Zeitung darüber berichtet: die Rhein-Neckar-Zeitung. Allerdings hat sie mittlerweile alle Links zu der Berichterstattung der Tat gelöscht. Niemand steht auf!

***

Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder
Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen

Die Feuer die brennen
das Feuer das brennt auf der Erde
soll das Feuer von Abel sein

Und am Schwanz der Raketen
sollen die Feuer von Abel sein

***

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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