Gerade wir als Deutsche

Am 27. Januar 2011, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hielt Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes eine Rede vor der Kindergedenkstätte Löwenbrunnen an der Lern- und Gedenkstätte Jawne in Köln. Die Jawne war ein jüdisches Gymnasium in Köln, das von den Nationalsozialisten geschlossen wurde und deren Schülerinnen und Schüler zum größten Teil ermordet wurden. Daher finden sich an diesem Tag auch immer wieder einige Schulklassen vor dem Löwenbrunnen ein, um den verfolgten und ermordeten jüdischen Kindern von Köln zu gedenken.

Auch Elfi Scho-Antwerpes richtete sich an diesem Tag mit ihrer Rede ganz besonders an die anwesenden Schulklassen. In ihrer Rede nutze sie Vergleiche zur Verdeutlichung der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, die so albern waren, dass ich mich zusammenreißen musste, um nicht laut in die gedämpfte Stimmung zu lachen.

Es wäre einer Katastrophe gleichgekommen, hätte ich mich mit meinem Lachen nicht zurückhalten können. Wenn es um Vergangenheitsbewältigung geht, dann versteht man in Deutschland keinen Spass. In Deutschland nimmt man die Vergangenheitsbewältigung sehr ernst und liebt es, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Hier ist Deutschland und da die böse dunkele Vergangenheit – schön weit auseinander.

Die deutsche Vergangenheitsbewältigung ist ein wahres Wirtschaftswunder und dürfte neben Autos und Bier zum wichtigsten Wirtschaftsgut des Exportweltmeisters Deutschland gehören. Man überlege sich einmal, wie dramatisch die Arbeitslosenzahlen in Deutschland aussehen würden, wenn es all die Arbeitsplätze in den Lern-, Gedenk- und Dokumenationsstätten, in den Holocaustforschungsinstituten und Universitäten der Antisemitismusforschung nicht geben würde. Man überlege sich einmal wie leer manche Seiten meines Blogs Tapfer im Nirgendwo wären! Die Stadt Berlin wäre um eines ihrer beliebstesten Sehenswürdigkeiten ärmer: dem Holocaust Mahnmal. Von diesem Stelenfeld hat Altkanzler Gerhard Schröder einst gesagt, es sei ein Mahnmal, „wo man gerne hingeht“. Der Historiker Ebehard Jäckel brachte es sogar fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ Beneiden! Eine wahrhaft deutsche Neid-Debatte.

Die deutsche Vergangenheitsbewältigung hat es geschafft, dass man in Deutschland wieder stolz sein kann auf den Holocaust; natürlich nicht auf die Perfektionierung des Massenmordes selbst, aber schon irgendwie auf die Perfektionierung der Bewältigung des Massenmordes.

Hätte es den Holocaust nicht geben, dann hätte das ehemalige Waffen-SS-Mitglied Günter Grass niemals „Die Blechtrommel“ geschrieben und somit vermutlich auch nie den Nobelpreis für Literatur erhalten. In 55 Jahren von der SS zum Nobelpreis, das schafft nur Günter! Volker Schlöndorff hätte somit auch niemals „Die Blechtrommel“ verfilmen können und daher nie den Oscar für diesen Film erhalten.

So gut wie alle Oscars für den deutschsprachigen Raum sind Resultate der Vergangenheitsbewältigung: Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“, Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ und Christoph Waltz Oscar für die Rolle eines Nazis. Obwohl sie somit alle dem Holocaust ihren Oscar zu verdanken haben, haben sie sich nie bei dem Holocaust bedankt. Der dritte aller Oscar-Filme aus Deutschland, nämlich Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ bewältigt ebenfalls eine deutsche Diktatur, in diesem Fall allerdings die DDR-Diktaur.

Deutschlands heutiger Erfolg beruht somit zum großen Teil auf Vergangenheitsbewältigung. Wenn es eine Holocaust-Industrie gibt, dann ist der Hauptaktionär Deutschland! Wer einmal in Berlin war und sich in den Hotels die Reiseführer angeschaut hat, erkennt sofort, woran Berlin verdient: Third Reich Tour und Hitler’s Berlin sind die wohl beliebtesten Stadtführungen.

In Deutschland wurde die Vergangenheitsbewältigung so sehr perfektioniert, dass sie mittlweile sogar zum offensiv-aggressiven Imperialismus avanciert ist. Großzügig geben viele Deutsche der ganzen Welt Nachhilfe in Sachen Vergangenheitsbewältigung: Da wird die USA getadelt, weil sie mit „den Indianern“ nicht so vorbildlich umgeht, wie „die Deutschen“ mit „den Juden“ und auch Israel bekommt Nachhilfe in Sachen völkische Aussöhnung mit den Palästinensern, denn „gerade die Juden müssten es doch besser wissen.“ Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. So avanciert Auschwitz vom Ort der industriellen Massenvernichtung von Menschen zu einer sittlich-bildenden Lehranstalt für Juden.

Aber was bitte gibt es aus Auschwitz zu lernen? Dass man Menschen nicht millionenfach vergast? Dass Juden auch Menschen sind? Dass man lieb zueinander sein sollte? Dass man sich wehren darf, wenn man verfolgt wird? Dass man Menschen, die andere Menschen vergasen, den Krieg erklärt? Dass man wahnsinnige Menschen mit allen Mitteln entwaffnet? All dies sollte man auch ohne Auschwitz wissen. Auschwitz ist keine Nachhilfe für moralisch Sitzengebliebene, sondern schlicht ein unvergessbares und unverzeiliches Verbrechen, aus dem es nichts zu lernen gibt! Auschwitz eignet sich nicht als moralischer Ausgangspunkt.

Mir ist manchmal als hörte ich einen Rumor, ganz leise, aber immer stärker hervortretend, wenn Joschka Fischer einmal sagt, ein Krieg müsse unterstützt werden, weil uns Auschwitz dies lehre und dann ein anderes Mal sagt, ein Krieg müsse kritisiert werden, weil uns Auschwitz dies lehre. Der Rumor flüstert: Gott ist tot, es lebe Auschwitz! Für viele ist Auschwitz zur Begründungsmatrize für allerlei Überzeugungen und Ideologien verkommen, immer bereit, hervorgeholt zu werden, wenn ein besonders wirkmächtiger Vergleich benötigt wird.

Am 27. Januar 2011 machte Elfi Scho-Antwerpes einen Vergleich auf, der wahrlich saukomisch war. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus musste Elfi Scho-Antwerpes auch an all die unzähligen Mobbing-Opfer denken. I’m not making this up! Aber der Reihe nach:

Zunächst überdramatisierte sie ein wenig und hielt selbstergriffen inne, als ein Rettungshubschrauber vorbeiflog, um dann nach wenigen Sekunden in ihr Mikrophon zu hauchen: „Auch das lässt Erinnerungen hochkommen!“ Dann erzählte sie ein wenig von der Progromnacht am 9. November 1938 und sprach dann folgende bemerkenswerte Sätze:

„Was heißt das eigentlich Diskriminierung? Da wird eine Gruppe von Menschen ausgegrenzt, manchmal auch nur ein einzelner Mensch benachteiligt, ja zum Teil herabgewürdig. Es wird über jemand schlecht gesprochen, wird über jemand gehetzt. Heute kennt man ja das Modewort Mobbing; auch das ist eine schlimme Form von Diskriminierung. Wir wissen alle, dass es immer mehr Menschen gibt, die darüber krank werden, und das dürfen wir nicht zulassen. Diesen Dingen müssen wir eine klare Absage erteilen!“

In 5 Minuten von Auschwitz zum Mobbing. Das schafft nur Elfi!

Ich musste spontan an Sedika Weingärtner denken. Sie hatte einst die Firma Siemens auf zwei Millionen Euro Schadensersatz verklagt, weil sie dort angeblich „schlimmer behandelt wurde als Juden im 3. Reich.“ Sie klagte: „Kein Jude in diesem Land musste jemals solche seelischen Qualen erleiden wie ich.“

Für Elfi Scho-Antwerpes und Sedika Weingärtner ist Mobbing somit irgendwie total Auschwitz und auch die anwesenden Schülerinnen und Schüler vor dem Löwenbrunnen werden vielleicht verstanden haben, dass Mobbing auch voll der Holocaust ist, einfach voll holo, ey!

Elfi Scho-Antwerpes war an diesem Tag eine typische „Gerade wir als Deutsche“-Deutsche. Sie hatte die Vergangenheit bewältigt, toten Juden ihre Ehre erwiesen und daraus dann das ihre gelernt.

Dabei fiel es an diesem Tag wieder besonders auf, wie leicht es den „Gerade wir als Deutsche“-Deutschen fällt, tote Juden zu betrauern und wie unfähig sie sind, lebenden Juden zur Seite zu stehen. Mit toten Juden haben sie keine Problem, sie können betrauert werden. Nur mit lebendigen Juden, da gibt es noch Schwierigkeiten. Aber das Beispiel und der Vergleich ist schließlich Auschwitz und Auschwitz hat nichts mit lebenden Juden zu tun!

(Mein Dank gilt Tilman Tarach und Henryk M. Broder für die vielen guten Inspirationen.)

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