Deutsche Schuld

Denken Amerikaner an jüdisches Theater, so denken sie an Spaß, Witz und Humor, an spritzige und tiefsinnige Dialoge, an Wortwitz und Selbstironie, an Neil Simon, Mel Brooks, Woody Allen und Stewart Konigsberg. Denken Deutsche an jüdisches Theater, so denken sie an Auschwitz, Holocaust und Nazis. Sie bekommen Depression und schlechte Laune. In Amerika weckt das Judentum gute Gefühle, aber in Deutschland schlechte. Sagt man in Deutschland „Jude“, dann befällt sogleich ein schlechtes Gewissen die Gemüter und viele Deutsche fühlen sich schuldig.

Das Problem mit Menschen, die sich schuldig fühlen, ist jedoch die Tatsache, dass Schuldner Gläubiger haben, Menschen, bei denen sie ihre Schulden haben oder glauben, sie zu haben. Nicht selten hassen Schuldner ihre Gläubiger, ein Umstand, der dann zu diesem zynischen Satz führen kann: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen!“

Der Himmel bewahre uns vor Deutschen, die sich schuldig fühlen! Deutschlands manische Fixiertheit auf Israel und die daraus resultierende Lust, Israel Vorwürfe zu machen, entspringt dem Wunsch, die tief empfundene Schuld endlich loszuwerden. Viele Deutsche kritisieren Israel nicht, weil ihnen das Wohl der Palästinenser am Herzen liegt, oder weil sie Israel als kritischer Freund zur Seite stehen wollen, sondern weil sie ihre eigene Schuld bearbeiten wollen. Da geschieht es schon mal, dass sie Israel mit Nazideutschland vergleichen und Gaza mit einem Konzentrationslager, um dann zu behaupten, die Opfer von damals seien die Täter von heute. So machen sie aus ihren Gläubigern Schuldner. Die Palästinenser sind ihnen dabei vollkommen egal. Werden Palästinenser von Arabern, Syriern, Jordaniern oder der Hamas ermordet, zucken diese Leute nur mit den Achseln. Der Gläubiger ist schließlich nicht involviert.

Zwischendurch und bei Weltmeisterschaften tauchen sie dann in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer ein und raunen:

„Endlich können wir wieder ganz unbefangen unsere Fahne schwenken. Wir können wieder stolz sein, Deutscher zu sein!“

Regelmäßig finden in Deutschland Séanacen statt, in denen versucht wird, eine “deutsche Normalität” herbei zu rufen, ganz so als hause irgendwo eine Verschwörung, die es den Deutschen verbietet, stolz zu sein. Dabei sind es diese Deutschen selbst, die ein Problem mit sich haben, nicht die Welt. Die Welt hat Deutschland immer schnell verziehen, sogar nach dem 2. Weltkrieg.

Im Jahre 1955 trat Deutschland der NATO bei. Zehn Jahre, nachdem Deutschland Millionen von Menschen in Vernichtungslagern und auf Schlachtfeldern ermordet hatte, wurde das Land in die Vereinigung zur Verteidigung westlicher Werte aufgenommen. Vom Judenmörder zum Demokratieverteidiger in zehn Jahren. Hätte Eichmann etwas später das Licht der Welt erblickt, er hätte nicht Judentransporte organisiert, sondern bei der Deutschen Bahn Karriere gemacht.

Dennoch war Adolf Eichmann kein Opfer der Umstände, kein Opfer der Bürokratie, kein Opfer einer Befehlskette. Er trug die volle Verantwortung für seine Taten. Was haben die Nazis nach dem Ende des Nationalsozialismus‘ nicht alles für Eiertänze in Nürnberg und Jerusalem veranstaltet, um die eigene Verantwortung zu leugnen. Aber die Richter, die Adolf Eichmann am 15. Dezember 1961 verurteilten, fanden damals die noch heute gültigen Worte:

“Durch welche Zufälle innerer und äußerer Art Sie auch immer auf den Weg geraten sein mögen, auf dem Sie dann zum Verbrecher wurden – zwischen dem, was Sie tatsächlich getan haben, und dem, was andere möglicherweise unter den gleichen Umständen auch getan hätten, liegt eine nicht überbrückbare Kluft. Uns gehen hier nur Ihre wirklichen Handlungen etwas an, und weder die möglicherweise nichtverbrecherische Natur Ihres Innenlebens und Ihrer Motive noch die möglicherweise verbrecherischen Neigungen Ihrer Umgebung. Sie haben sich, als Sie Ihre Lebensgeschichte erzählten, als einen Pechvogel dargestellt, und in Kenntnis der Bedingungen, unter denen Sie lebten, sind wir bis zu einem gewissen Grad sogar bereit, Ihnen zuzugestehen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Sie unter günstigeren Umständen je in diesem oder einem anderen Strafprozess als Angeklagter erschienen wären. Aber auch wenn wir unterstellen, dass es reines Missgeschick war, das aus Ihnen ein willfähriges Werkzeug in der Organisation des Massenmords gemacht hat, so bleibt eben doch die Tatsache bestehen, dass Sie mithalfen, die Politik des Massenmordes auszuführen und also diese Politik aktiv unterstützt haben. Denn wenn Sie sich auf Gehorsam berufen, so möchten wir Ihnen vorhalten, dass die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort ist für Zustimmung und Unterstützung.”

Aber wie bin ich jetzt bloß wieder auf Adolf Eichmann gekommen? Stimmt, ich habe über jüdisches Theater gesprochen. Ich bin eben auch nur ein Deutscher.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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