Was darf Satire?

„Wenn einer bei uns einen guten Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“

Mit diesem Satz beginnt Kurt Tucholsky sein Essay „Was darf Satire?“ Er endet mit den Worten:

„Was darf die Satire?
Alles.“

Ich muss gestehen, so sehr ich Tucholsky liebe, ich halte diesen Essay für einen seiner schwächsten Texte. Zunächst gefällt mir nicht, dass er sich anmaßt zu definieren, was Satire sein soll und was nicht. Das größte Problem habe ich jedoch mit seiner Feststellung, Satire dürfe alles. Wenn es nämlich wirklich etwas gibt, das alles darf, dann müssen doch nur jene, die etwas schier ungeheuerliches tun, dafür sorgen, ihre Handlung zur Satire zu erklären und alles ist gut.

Nein! So wie es nichts geben darf, das alles verbieten darf, genauso wenig darf es etwas geben, das alles darf. Ja, ich habe gerade Nein! geschrieben, denn wie schreibt Tucholsky:

„Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: »Nein!«“

An anderer Stelle schreibt er:

„Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.“

Hier hat Tucholsky durchaus recht, nur frage ich mich, wer heute die „dicken Kraken“ sind. Ich fürchte, die fettesten Kraken sitzen heute selbst im Publikum der lachenden, schießenden und Mitternachtsspitzen würzenden Pfeffermühlen. Es gibt Menschen, die haben Witz, andere haben Humor, wieder anderen besitzen Ironie und der Rest geht ins Kabarett! Vorne steht ein Inquisitor, der gemeinsam mit der Horde im Publikum ein Feindbild zum Auslachen erwählt. So macht aus-grenzen Spaß! Auf der Internetseite Lizas Welt fand ich folgende passenden Worte:

“Die Funktion des deutschen Spaßmachers jedenfalls gleicht der des politischen Scharfmachers: Beide demonstrieren Identität. Sie verkörpern die Instanz, die es dem Publikum qua Identifikation erlaubt, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Wut über die gesellschaftlich produzierte Malaise an anderen abzureagieren.”

Das Kabarett liebt es, Witze über „Die da oben“ zu machen. Das Publikum dankt es dem Kabarett mit Gröhlen und Wiehern, denn so kann es die Illusion aufrecht erhalten, für die Situation nicht verantwortlich zu sein. “Die da oben” werden behandelt, als wären sie dem Publikum vorgesetzt worden, so wie ein König oder ein Diktator dem Volk vorgesetzt wird. Kabarettpublikum benimmt sich wie ein Kind, das nur deshalb Witze über seine Eltern macht, weil es noch nicht alt genug ist, selbst Verantwortung zu tragen.

Allerdings sind die Menschen im Publikum keine Kinder mehr. Sie sind erwachsene Leute. Sie haben es leider nur noch nicht bemerkt. Warum auch? Verantwortung war gestern. Heute regiert der Spaß! Blast die Narrentrompete! Die Horde will tanzen. Davon geht die Welt nicht unter! Es darf sogar wieder über Ausländer gelacht werden, vorausgesetzt natürlich, der Ausländer ist Amerikaner.

Im Grunde ist Kabarett nichts für Demokraten. Kabarett funktioniert nämlich nur, wenn man glaubt, für die Politik, über die gelacht wird, nicht mitverantwortlich zu sein, wenn man glaubt, die Politiker seien einem nur vorgesetzt worden und die einzige noch mögliche Beziehung zur Herrschaft wäre die des hilflosen Spotts. Dieses Publikum will über sein Lachen vergessen, dass es selbst Souverän ist und somit für die Misere mit verantwortlich. In autoritären Systemen ist diese Form des Kabaretts nötig, damit man in Zeiten absoluter Hilflosigkeit nicht den Mut verliert und weiter das Lachen wagt, aber in Demokratien ist diese Form des Kabaretts bestenfalls peinlich und schlimmstenfalls selbstgerecht. In einer Demokratie ist die Politik nie lachhafter als das Publikum, das über die Politik lacht.

So.

Meine Gedanken zu dem Essay „Was darf Satire?“ gehören vermutlich auch zu meinen eher schlechten, ich bin mir sogar sicher, dass sie deutlich schwächer sind als der Ausgangstext von Kurt Tucholsky. Ich gestehe, ich weiß einfach nicht, was Satire ist und darf. Man möge daher meinen kläglichen Versuch vergessen, Satire zu definieren. Es muss aber auch nicht immer alles geklärt und katalogisiert werden, auch wenn Tucholsky es in seiner preußischen Liebe zur Ordnung versucht hat.

Es gibt jedoch keinen Grund dafür, sich mit etwas, das man nicht versteht, nicht zu konfrontieren. Statt also zu definieren, was Satire sein könnte und darf, werde ich nun einfach Beispiele dafür anbringen, was Satire alles in den letzten Jahren nicht durfte. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er oder sie wirklich meint: Nein! Satire darf alles.

***

Comedian Manes Meckenstock sagte in einem Düsseldorfer Lokalsender sagte er: „Wenn ich Gülcan sehe, dann bedaure ich, dass es die Nürnberger Rassegesetze nicht mehr gibt.“ Der WDR, für den Meckenstock damals ebenfalls arbeitete, verordnete ihm daraufhin eine Auszeit.

Im Bundesland NRW haben alle Satiriker an Karfreitag Berufsverbot. Das Theater an der Kö in Düsseldorf zum Beispiel wurde gezwungen, das Boulevardstück „Der lustige Witwer“ an Karfreitag aus dem Programm zu nehmen.

Das Satire-Magazin Titanic darf Papst Benedikt XVI. nicht als einen Mann darstellen, der sich eingenässt und eingekotet hat.

***

Tapfer im Nirgendwo bittet seine Leserinnen und Leser die Kommentarspalte zu nutzen und ebenfalls Beispiele zu nennen, wo Satire eben nicht Alles durfte.

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