„Deutschland ist meine Heimat“

Ein Kommentar von Özgür Cebe.

„Mittlerweile ist es schon salonfähig geworden, dass Deutsche mit Migrationshintergrund (wie ich) nicht sagen dürfen, dass es Dinge in diesem Land gibt, die verbesserungswürdig sind. Wenn ich auf einen Spiegel Online Artikel aufmerksam mache, in dem steht, dass ein Neonazi von einem Richter rehabilitiert wurde und seine Taten eine Bandbreite von gefährlicher Körperverlertzung bis hin zum Todschlag hat, dann darf ich auch mal Pfui sagen. Die NSU-Mordserie ist noch nicht einmal ermittlungstechnisch abgeschlossen und der Focus der Aufmerksamkeiten liegt bei den Islamisten. Und dass ich den Tag der Deutschen Einheit nicht kritiklos annehme, macht mich auch nicht zu einer Person, die Deutschland verlassen sollte. In letzter Zeit gehört es zum guten Ton zu sagen: „Wem es hier nicht gefällt, der soll wieder zurückgehen. Und zwar dorthin wo er herkommt!“

In meinem Fall wäre das Bielefeld. Für alle Bildzeitungsleser: das ist in Ostwestfalen und nicht Ostanatolien. Deutschland ist meine Heimat, mein Land. Einigen wird diese Aussage nicht gefallen, weil ich kein „echtes deutsches Blut“ habe, aber ob ihr es glaubt oder nicht, mein Blut ist genauso rot wie Eures. Und als Deutscher nehme ich mir das Recht, die Missstände in diesem Land anzuprangern; genauso nehme ich mir das Recht das Land zu loben.“

Wie konnte es bloß soweit kommen? Was ist bloß los, dass wir nicht mal mehr miteinander streiten können?

„Deutschland ist meine Heimat“, sagt Özgür Cebe und er hat Recht. Es ist nicht nur seine Heimat, er ist sogar ein Patriot, weil er das Beste für sein Land will und dazu gehört es, dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht in die Hände brauner Rattenfänger fällt. Kritik und ziviler Ungehorsam sind patriotische Akte, denn sie sorgen dafür, dass eine Gesellschaft offen und menschlich bleibt. Özgür Cebe zu sagen, er solle verschwinden, ist ebenso unanständig, wie einem Ralph Giordano Islamfeindlichkeit vorzuwerfen, wenn er den Islam kritisiert oder Heinz Buschkowsky Rassismus vorzuwerfen, weil er die Situation in Berlin-Neukölln kritisiert. Das Recht zu kritisieren, möge es nun ein Land, eine Religion oder eine Ideologie betreffen, ist genauso ein Bürgerrecht wie das Recht zu loben.

20121004-183718.jpg (Willibert Pauels und Özgür Cebe warten auf ihren Auftritt in der Moschee in Duisburg.)

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