Wo meine Wiege stand

Ich komme aus einem kleinen Nest im Emsland. Haren heißt der Ort. Ich habe mal ein paar interessante Artikel und Berichte über meine Heimat rausgesucht. Vielleicht erklärt das ja einiges.

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Als Haren Maczków hieß

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Haren für ein paar Monate polnisches. Es war eine lebhafte und kulturell interessante Zeit. Dennoch wird in den meisten Harener Familien bis heute darüber geschwiegen.

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Als das Emsland polnisch war

Kaum etwas in Haren erinnert mehr an die polnische Zeit. Im Harener Ratssaal sind ein paar Erinnerungsstücke an das Kriegsende ausgestellt. In einer Vitrine ist das weiße Betttuch zu sehen, mit dem Schwester Kunigunde vom Turm der Martinuskirche am 8. April 1945 den anrückenden alliierten Truppen signalisierte, dass Haren kapituliert. Sie handelte auf eigene Faust. Auch der alte Stadtplan mit den polnischen Straßennamen ist neben leicht vergilbten Fotos aus dem polnischen Maczkow dort zu sehen.

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Die haben uns erpresst

In meinem Heimatdorf kam es in meiner Kindheit zu einem schier unglaublichen Skandal des Schweigens und der Verdrängung. Als er öffentlich wurde, das Magazin Panorama berichtete damals darüber, waren die meist gesprochen Sätze im Dorf „Davon haben wie nichts gewusst“ und „Wir konnten nicht anders.“

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Steine gegen das Vergessen

In Haren erlosch das jüdisch Leben vor über 70 Jahren. Die Familie de Vries wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sally de Vries wurde im KZ Buchenwald ermordet und Bela und Minna de Vries in Auschwitz. Isaac Frank war Gemeindevorsteher in Haren. Während sein Sohn Alexander nach Schweden flüchtete, konnte Tochter Ruth mit ihrem Mann Phillip Sternberg in die USA fliehen. Levy Sternberg betrieb im Haus Lange Straße 21 eine Fleischerei und war Synagogenvorsteher. In der Reichspogromnacht 1938 wurde er krank aus dem Bett geholt, geschlagen und gedemütigt: Man zerriss ein Kopfkissen, schüttete ihm die Federn über den Körper und setzte ihm einen Kaktus als Krone auf den Kopf. Kurz vor seiner Ausweisung in das Judenhaus in Lingen verstarb seine Frau Selma. Ihr Grab befindet sich heute noch auf dem Friedhof an der Landegger Straße. Von Lingen aus wurde Levy Sternberg nach Theresienstadt deportiert.

20121222-003038.jpg (Der jüdische Friedhof in Haren)

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