Ein kleiner Mailverkehr

Über zwölf Jahre verfasste Henryk M. Broder jeden Freitag einen Kommentar für den RBB-Hörfunksender Radioeins. Als Aussagen von Jakob Augstein, der ebenfalls Kolumnist des Senders ist, vom Simon-Wiesenthal-Center auf die Liste der zehn antisemitischsten Verunglimpfungen des Jahres 2012 gewählt wurde und nicht wenige Medien dafür Henryk M. Broder zum Sündenbock erklärten, weil er Jakob Augstein einmal „meinen Lieblings-Antisemiten“ genannt hatte, setzte Radioeins den Kommentar von Broder für ein Woche ab und sendete stattdessen ein „Experten-Interview“ zum Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein.

Dieses Verhalten erklärte Broder in der Online-Ausgabe der Welt als illoyal und sachlich durch nichts zu rechtfertigen. In dem Artikel heißt es:

„Das sei keine gute Idee, sagte ich, wenn der Kommentar ausfällt, würden die Zuhörer das als eine Distanzierung des Senders von mir verstehen. Davon könne keine Rede sein, sagte der Redakteur, man könne nur „an so einem Tag nicht über ein x-beliebiges Thema“ mit mir reden, da würden sich die Zuhörer fragen, „warum sagt er nichts über Augstein?“ – „Weil ich mich in dem Freitagskommentar noch nie zu einer Sache geäußert habe, in die ich selber verwickelt war“, sagte ich. Der Redakteur machte wieder eine Pause. Das Argument schien ihm einzuleuchten. „Wir bereden das noch mal in der Redaktion, und ich melde mich wieder bei Ihnen.“

Eine Stunde später rief mich der Redaktionsleiter an, ein netter Mann mit schwäbischem Migrationshintergrund.

„Also, Herr Broder“, sagte er, „wir haben beschlossen, dass es dabei bleibt“. – „Wobei?“, fragte ich. „Wir lassen den Kommentar mit Ihnen ausfallen und reden stattdessen mit einem Antisemitismusexperten. Und nächste Woche unterhalten wir uns dann in aller Ruhe, wie es weitergeht.“ – „Wenn Sie das machen“, sagte ich, „gibt es nichts, worüber wir uns nächste Woche unterhalten könnten. Ihr Verhalten ist illoyal mir gegenüber und sachlich durch nichts zu rechtfertigen.“ – „Jetzt setzen Sie mich doch nicht so unter Druck“, sagte der Redaktionsleiter, „wir haben uns doch immer gut verstanden.“

So ging es noch eine Weile hin und her, bis wir beide beschlossen, dass es nichts mehr zu besprechen, gibt und einander einen schönen Abend wünschten.“

Auch David Serebrjanik hat diesen Artikel gelesen und schrieb daraufhin eine Mail an Radioeins. Tapfer im Nirgendwo präsentiert den Mailverkehr, der sich daraus entwickelt hat:

***

Geehrte Damen und Herren des RBB,

eine kurze und offene Frage: Sind Sie komplett meschugge geworden, einen Journalisten von solchem Format und Qualität aus Ihren Reihen zu verlieren?

Wenn es darum geht, einen verrückten Pseudojournalisten und Judenhasser Ken Jebsen zu feuern – DA lassen Sie sich viel Zeit. Einen ehrlichen, mutigen und Rückgrat besitzenden Journalisten zum Hinschmeißen zu bewegen – das geht viel schneller, nicht wahr?

Gratuliere dazu!

David Serebrjanik

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Sehr geehrter Herr Serebrjanik,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 16.01.2013

Gern möchte ich Ihnen einige erklärende Worte zu diesem Vorgang schreiben. Radioeins hat Henryk M. Broder seit 1999 als Kommentator beschäftigt. Er konnte dort immer frei seine Meinung äußern und hat häufig durchaus spannende Kontroversen ausgelöst. Am vergangenen Freitag wollte und musste sich radioeins auf Grund der aktuellen Situation mit dem Thema „Augstein und Simon Wiesenthal Zentrum“ beschäftigen. Da die Position von Herrn Broder zu Herrn Augstein schon lange bekannt war, suchte die Redaktion einen Experten zu dem Thema, dessen Meinung noch nicht gehört wurde. So interviewten die Kollegen der Morgensendung Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Medelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Henryk M. Broder fand dieses Verhalten von radioeins illoyal, weil er damit an diesem Freitag keinen Sendeplatz erhalten hatte. Diesen Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Seine Tätigkeiten als freier Kommentator hat Herr Broder auf eigenen Wunsch niedergelegt. Die Kolleginnen und Kollegen von radioeins bedauern den Verlust von Herrn Broder als Kommentator und haben sich bei Ihm für die jahrelange gute Zusammenarbeit bedankt.

Freundliche Grüße,

Robert Skuppin
Programmchef radioeins
Beste Grüße

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Geehrter Herr Skuppin,

danke ebenfalls für Ihre Antwort. Sie ist leider in keinem einzigen Punkt befriedigend (einschließlich des Datum-Irrtums: meine Mail an Sie war nicht vom 16-ten, sondern vom 9-ten Januar 2013). Sie schildern aufwendig das, was bestens aus der Presse bekannt ist. Der Hinweis darauf, seine Tätigkeiten als freier Kommentator habe Herr Broder auf eigenen Wunsch niedergelegt, ist überhaupt nicht hilfreich. Ich habe in meiner Anfrage mit keinem Wort behauptet, radioeins hätte Herrn Broder gefeuert.

Ich schließe mich der Bezeichnung „illoyal“ komplett an, was Ihre Entscheidung angeht. Sie ist obendrauf opportunistisch und völlig politisch korrekt. Ich bin in den letzten Lebensjahren der Sowjetunion in derselben geboren und habe noch einiges an ihrem „politischem Stil“ mitbekommen, auch hat mein Vater mir sehr viel darüber erzählt. Ihre Entscheidung und die nichtssagende Erklärung dieser Entscheidung erinnert mich sehr an die Erlebnisse und Erzählungen aus der SU. Vielleicht könnten Sie ja etwas darüber nachdenken.

Beste Grüße,

David Serebrjanik

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Sehr geehrter Serebrjanik!

Ich glaube darüber muß ich nicht nachdenken.
Die SU war ein totalitärer Staat, in der es keine Demokratie, keine Menschenrechte und auch keine Pressefreiheit gab.
Die souveräne Entscheidung einer Programmredaktion, mit dem Verhalten einer Diktatur zu vergleichen ist absurd.
Vielleicht hätte ihr Vater Ihnen mehr erzählen sollen!

Mit freundlichen Grüßen

***

Lieber Herr Skuppin,

jeder Vergleich hinkt. Aber in jeder politischen, oder politisch motivierten Handlung steckt auch ein Körnchen der Freiheit, oder des Totalitarismus.

Besten Gruß.

David Serebrjanik

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Sehr geehrter Herr Serebrjanik!

Entschuldigung ihr Vergleich hinkte nicht, – der hatte nicht mal Beine!
Und richtig: radioeins war frei in seiner Entscheidung, genau wie Herr Broder!
Ich bedauere seine allerdings, aber ich respektiere sie auch.
Und viele Kontroversen wären niveauvoller, wen sie mit Respekt vor dem anderen geführt würden und nicht mit:
„…sind sie komplett meschugge geworden..“!

Grüße
Robert Skuppin

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Lieber Herr Skuppin,

ich bewundere Ihre Geduld und die Tatsache, dass Sie erst bei der dritten Mail an mich auf meinen groben und niveaulosen Einstieg, der so allen Umgangsformen, die ein zivilisierter Mensch an den Tag legen sollte, widerspricht, Bezug nehmen. Aber dieser Einstieg hat gewirkt – Sie antworten mir schon wie gesagt zum dritten Male und versuchen mir so eindringlich klar zu machen, wie ich mich doch irre mit meinen Vergleichen und Vorwürfen. Gut. Mag sein, dass ich mich irre. Aber ich würde abschließend noch eine kurze Frage an Sie stellen wollen: haben Sie vielleicht nur einen kurzen Moment lang darüber gezweifelt, ob Ihre Entscheidung doch nicht ganz ok war? Und dass Herr Broder vollkommen recht hatte, als er bei radioeins abgedankt hat?

Das Programm von radioeins ist doch sicher nicht so unflexibel und starr, dass man den sicher großartigen Antisemitismus-Experten nicht an einem anderen Zeitpunkt des Tages hätte zu Wort bitten können? Deswegen verstehe ich Ihre erste Antwort schon so ganz und gar nicht.

Abschließend: Sie sind mir hoffentlich nicht bös, wenn ich unseren Dialog an den Blog tapferimnirgendwo.com zur Veröffentlichung weitergegeben habe?

Beste Grüße,

David Serebrjanik

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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