Siedlungen

Geben Sie auf Google mal „Siedlungen“ ein, schon der zweite Treffer beschäftigt sich mit „jüdischen Siedlungen“.

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Wenn Sie eine gesonderte Suche für Nachrichten machen, bekommen Sie sogar fast ausschließlich Ergebnisse mit „jüdischen Siedlungen“.

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Was ist los, gibt es etwa keine anderen Siedlungen mehr, über die es sich zu berichten lohnt? Ich habe da von einer autonomen Siedlung gehört, die sich in Dänemark befindet und sich als unabhängig versteht, was der Staat Dänemark komischerweise duldet. Wer hätte es gedacht. Siedlungen können geduldet werden. Die Siedlung heißt übrigens „Freistaat Christiania“ und hat sogar eine Flagge:

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Der Gründer dieser Siedlung schreibt: „Christiania ist das Land der Siedler. Es ist bis jetzt die größte Chance eine Gesellschaft von Null aufzubauen – und dabei nichtsdestotrotz die vorhandenen Konstrukte weiter zu nutzen. Ein eigenes Elektrizitätswerk, ein Badehaus, eine gigantische Sporthalle, wo all die Friedenssuchenden würdevoll meditieren können – und Yogazentrum. Hallen, in denen sich Theatergruppen zu Hause fühlen können. Gebäude für Kiffer, die zu paranoid und schwach sind um sich abzuhetzen…Ja, für jene, die fühlen, wie das Pionierherz schlägt, kann kein Zweifel an dem Zweck von Christiania aufkommen. Es ist der Teil der Stadt, der vor uns geheim gehalten wurde – allerdings nicht mehr.“

In dem Leitbild der Siedlung heißt es: „Das Ziel von Christiania ist das Erschaffen einer selbst-regierenden Gesellschaft wo alle und jede Person selbst für das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft verantwortlich ist. Unsere Gesellschaft soll ökonomisch selbsttragend sein und, als solche, ist es unser Bestreben unerschütterlich in unserer Weltanschauung zu sein, dass psychologische und physische Armut verhindert werden kann.“

Für mich klingt das doch sehr nach einem Kibbuz. Die Bewohner dieses Freistaats können vermutlich froh sein, keine Juden zu sein, denn dann wäre diese Siedlung mit Sicherheit schon längst geräumt worden und die Vereinten Nationen hätten sich auch schon eingeschaltet. Ein paar Auseinandersetzungen gab es schon:

Am 14. Mai 2007 drangen von der Polizei begleitete Arbeiter der Forst- und Naturbehörde in Christiania ein und rissen die Überreste eines kleinen, verlassenen Gebäude ab. Sie trafen auf wütende Christianiten. Straßensperren wurden gebaut und LKWs, die die Überreste der Gebäude abtransportierten, wurden sabotiert, damit sie sich nicht mehr fortbewegen können. Die Polizei drang mit einem Großaufgebot an Beamten in die Freistadt ein und traf auf massive Gegenwehr. Einwohner warfen Steine und schossen Feuerwerkskörper auf die Polizeifahrzeuge. Sie errichteten zudem Barrikaden außerhalb von Christiania. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Einwohner ein und zahlreiche Verhaftungen wurden durchgeführt. Ein Aktivist schlich sich hinter den Polizeibefehlshaber und goss einen Eimer Urin und Fäkalien über ihn. Da Jugendliche die Eingänge nach Christiania verbarrikadierten und die Polizei mit Steinen und Molotowcocktails bombardierten, zogen sich die Unruhen bis in die frühen Morgenstunden. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Barrikaden zu stürmen, zog sich die Polizei zurück und gab letztendlich auf.

Am 24. April 2005 wurde ein 26-jähriger Einwohner von Christiania bei einem gewalttätigen Übergriff einer Gang auf der Pusher Street getötet und drei weitere verletzt. Der Grund dafür war ein Kleinkrieg über den Cannabismarkt in Kopenhagen.

Am 29. Oktober 2008 fand eine Räumung des zweiten Stockes eines Hauses names Vadestedet statt, und führte zu einem eintägigen Aufstand, bei dem unter anderem für 25 Minuten eine Brücke blockiert wurde. Am nächsten Tag arbeiteten Christianiten daran, den zweiten Stock zu renovieren.

Am 24. April 2009 wurde einem 22-jährigen Mann von einer Granate, die in die Menschenmenge beim Cafe Nemoland geworfen wurde, der Kiefer abgerissen. Vier oder fünf weitere Personen hatten kleinere Verletzungen am Rücken und an den Beinen. Der Täter wurde nie gefunden.

Das sind Nachrichten zu einer Siedlung, die sich mitten in Europa befindet! Sogar Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad haben diese Siedlung einmal besucht. Ihr Bericht liest sich abenteuerlich:

„Christiania liegt zwar mitten in Kopenhagen, ist aber eine No-go-Area, in der die dänischen Gesetze nicht gelten. Und genau das ist es, was die Besucher anzieht, eine praktizierte Anarchie, in der jeder tun und lassen kann, was er für richtig hält und in der nur ganz wenige Verbote gelten, unter anderem das, Hunde an der Leine zu führen. (…) Die Verbotsschilder sind unübersehbar groß, eine Kamera auf weißem Grund im roten Kreis, wie ein Parkverbot. Es gibt freilich in Dänemark kein Gesetz, das einem das Fotografieren auf öffentlichen Plätzen verbietet. Also fotografiere ich als erstes die Fotoverbotszeichen. Danach das Rauchen-Verboten-Schild an der Tür zu einer Kneipe. (…) Plötzlich stehen ein paar muskulöse junge Männer vor uns. Zuerst denke ich, sie wollen uns etwas verkaufen, aber sie machen schnell klar, dass sie es sind, die etwas haben möchten: meine Kamera. Ich verweigere die Herausgabe. Die nachfolgende Unterhaltung ist kurz und endet damit, dass ich am Boden liege und sehe, wie meine Nikon in einer alten Öltonne landet, aus der Flammen schlagen, was ökologisch sicher nicht die beste Art ist, Hightech-Artikel zu entsorgen.

Uns bleibt nur der Rückzug. Wir halten ein Taxi an und lassen uns zum nächsten Polizeirevier fahren. Es liegt im Stadtteil Amagar, etwa zehn Autominuten von Christiania entfernt. In der unmittelbaren Nähe der Freistadt gibt es nicht einmal einen Notrufautomaten.Ich habe die naive Vorstellung, dass die beiden Polizisten, die wir antreffen, mit uns nach Christiania fahren sollten, damit ich die Täter identifizieren kann. Sören Nielsen und sein Kollege Henning Petersen schauen mich an, als hätte ich ihnen vorgeschlagen, sich nach Kabul versetzen zu lassen. „Wir gehen da nicht rein“, sagt der eine, „sogar in Zivil müssen wir fürchten, erkannt zu werden“, meint der andere. Und: „Wir müssten mindestens 50 Leute haben, sonst machen die uns alle.“

In Anbetracht der Tatsache, dass Dänemark Soldaten nach Afghanistan geschickt hat, um dort die Freiheit zu verteidigen, wirkt diese Kapitulation im eigenen Land doch sehr amüsant.

Ich persönlich würde ja lieber öfter Nachrichten aus dieser Siedlung hören, aber irgendwie schafft sie es nicht in die Hauptnachrichten. Das schaffen nur die „jüdischen Siedlungen“ und sie werden dabei immer und ständig kritisiert. Mittlerweile ist der Begriff „jüdische Siedlung“ zu einem Trumpf der Israelkritiker geworden. Kaum noch jemand wagt es, die Kritik an „jüdischen Siedlungen“ zu kritisieren. Ob Augstein oder Domian, ob Merkel oder Obama, alle kritisieren „jüdische Siedlungen“. Ist die Lage wirklich so eindeutig? Der Freistaat Christiania hat mich mutig gemacht. Ich wage einfach mal, die Kritik an „jüdischen Siedlungen“ zu kritisieren:

In Deutschland brüllen die Neonazis: “Deutschland den Deutschen. Ausländer raus!” Die Hamas brüllt: “Palästina den Palästinensern. Juden raus!” Sollten in Deutschland jemals wieder Neonazis an die Macht kommen, werde ich nicht Ausländer dafür kritisieren, in Deutschland Siedlungen zu bauen, selbst dann nicht, wenn sie diese Siedlungen zur Not mit Waffengewalt gegen die hasserfüllte Politik der Neonazis verteidigen. Ich werde in diesen Ausländern viel eher Alliierte sehen. Genauso sehe ich es im Nahen Osten. Solange es dort Regionen gibt, deren Regierungen rufen “Juden raus!”, werde ich nicht Juden dafür kritisieren, dort zu siedeln, um sich diesem Hass entgegenzustellen. Kein Land hat das Recht, Juden zu vertreiben. Es sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass ein Jude Bürger jedes Landes sein kann. So selbstverständlich ist es aber nicht.

Stellen wir uns mal vor, Deutschland hätte im Jahr 2001 alle Juden aus Algerien, Ägypten, Irak, Libanon, Libyen, Syrien, Jemen, Saudi-Arabien und Jordanien ein, wieviele Karten hätte die deutsche Regierung versenden müssen? 600! Mehr Juden gab es nämlich 2001 in diesen Ländern nicht. Hätte Deutschland auch noch die Juden aus Marocco und Tunesien eingeladen, so wäre die Weser-Ems-Halle mir ihren 8000 Plätzen ein ausreichender Ort gewesen, damit alle Gäste einen Platz gefunden hätten.

All die genannten Länder haben in den letzten Jahrzehnten fast alle Juden vertrieben. Lebten 1948 in den Regionen noch 850.000 Juden, so schrumpfte der Bevölkerungsanteil bis 2001 um 840.000 Juden. Sie wurden alle vertrieben! Die Länder Algerien, Saudi-Arabien, Jordanien und Libyen erklären sogar stolz, dass überhaupt keine Juden mehr in ihrem Land leben. Auch die Hamas und die Fatah betonen immer wieder ihre Absicht, keinen Juden in einem möglichen Palästina zu akzeptieren.

In Israel jedoch dürfen alle Bürger Häuser und Siedlungen bauen, ob sie nun Palästinenser, Juden, Christen, Moslems oder Athisten sind und sie tun es auch. 20,5 Prozent aller Israelis sind Araber. Das ist israelische Siedlungspolitik und sie ist mir deutlich sympathischer als die palästinensische.

So, nun habe ich es gewagt, „israelische Siedlungen“ zu verteidigen. Jetzt bin ich mal gespannt, welche Keulen auf mich eindreschen werden.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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