#aufschrei

„Ja, ich war ziemlich viel früher Objekt als ich es als Mann jemals gewesen bin. Das stimmt! Das Tolle ist, für mich war das ja immer auch ein Witz, ich konnte darüber lachen – jetzt stelle ich mir aber gerade vor, das passiert mir jeden Tag oder würde mir jeden Tag passieren, dass jeder Mann glaubt, mir einen Kommentar geben zu können, wie ich aussehe und wie attraktiv ich auf ihn wirke, ich glaube, spätestens nach der 48. Stunde in der Klamotterie hätte ich die Schnauze gestrichen voll und würde vermutlich ein wenig ungehalten werden.“

Das ist mein Fazit, als ich vor einigen Wochen, lange bevor es die aktuelle Sexismus-Debatte in Deutschland gab, in einem Selbstversuch für den WDR unter dem Titel „Rollentausch“ geschaut habe, was geschieht, wenn Mann als Frau durch die Welt geht. Gesendet wurde dieser Beitrag dann als die Debatte in vollen Zügen lag. Ich hätte nie gedacht, dass die Reduzierung auf das Äußere als Frau so schnell und so radikal vor sich geht. Sogar meine Rollentauschkollegin und ausgezeichnete Journalistin Carolin Courts, die zeitgleich als Mann unterwegs war, bemerkte ein wenig überrascht:

„Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen, nachdem sie bereits wussten, dass es sich bei Ihnen nicht um eine biologische Frau handelt, sich trotzdem eingeladen gefühlt haben, Ihnen mitzuteilen, wo Sie auf der Attraktivitäts-Skala liegen. Das hat mit mir niemand gemacht. Niemand hat zu mir gesagt: „Du bist aber kein besonders schöner Mann.“

Männern passiert sowas eben deutlich seltener als Frauen. Diese Erkenntnis hat die lieben Männin aber natürlich nicht davon abgehalten, mir auch mal kräftig an die Brüste zu langen.

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Was in dem Moment nur ein Spaß unter Freundinnen war, kann sehr schnell ernst werden. Ich muss gestehen, zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich bei dem Gedanken, in meinem weiblichen Äußern nachts durch einen dunklen Park zu gehen, Ängste, die ich vorher noch nie verspürt hatte. Auf einmal merkte ich, dass es für Frauen zu gewissen Zeiten und an nicht wenigen Stellen in diesem Land, regelrechte No-Go-Areas gibt.

Viele Männer machen sich diese Situation für Frauen nicht klar, wenn sie allzu schnell anzügliche Kommentare von Männern gegenüber Frauen als harmlose Sprechakte abtun. Ein Afrikaner ist sensibler, wenn es um Rassismus geht, ein Jude wenn es um Antisemitismus geht und eine Frau, wenn es um Sexismus geht, denn sie wissen, wie es sich anfühlt, das Ziel zu sein. Die Debatte über den alltäglichen Sexismus ist also nötig.

Es geht darum, dass viel zu viele Frauen sich von Männern Kommentare über ihr Äußeres anhören müssen, weil Männer glauben, in diesen Angelegenheiten Experten zu sein, deren Meinungen ungefragt und jederzeit gelten. Es gibt aber auch alleinerziehende Männer die sich ungewünschte Erziehungs-Ratschläge von Frauen anhören müssen, weil Frauen glauben, darin Expertinnen zu sein. Es geht eben um den alltäglichen Sexismus. Es sind Stiche, die einem zeigen wollen, wo man mit seinem Geschlecht angeblich hingehört und wie man sich mit seinem Geschlecht zu verhalten habe. Stiche, die dann an die Gewalt erinnern, die auch schon im Kampf der Geschlechter angewandt wird.

Erst jüngst wurde bei Anne Will eine Frau interviewt, die als Praktikantin Einblicke in den sexistischen Alltag des Bundestags gab. Während des Interviews trug sie eine blaue Kapuze über dem Kopf, weil sie nicht erkannt werden wollte. Sie schämte sich für den Sexismus, der ihr widerfahren ist. Eine solche Reaktion ist nicht untypisch. Viele Opfer reagieren so auf das Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Ich kenne dieses Gefühl selbst nur zu gut und weiß wie schwer es ist, aus dieser Lethargie der falsch empfunden Scham zu entfliehen. Aber es ist wichtig, diese Scham abzuschütteln, damit die Täter keine Macht mehr über die eigene Person haben. Schämen sollen sich die Täter!

Also, Mädels und Jungs, nehmt die blauen Kapuzen ab und Holla Back!

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