Wäre ich ein glühender Patriot

(von Hedwig Dohm).

20140319-123429.jpg

Wäre ich ein glühender Patriot – es zu sein heischt der Geist der Zeit –, in meiner Seele würden Psalter und Harfe erwachen, und ich sänge dem Heroentum des deutschen Volkes ein hohes Lied.

Wäre ich ein Held der Feder – ich sage nicht Zeitungsschreiber –, welchen Ranges und welcher Partei auch immer, von Heiligkeiten würden meine Kriegsbetrachtungen strahlend strotzen.

Heilig, heilig der Krieg! heilig die Schlacht! heilig die Seligkeit des Sterbens auf dem Feld der Ehre, heilig der Feindeshass!

Gottes Donner hörte ich aus den Kanonen brüllen, und anstatt der dunklen Taube, der bombenwerfenden, Menschenleiber zerreißenden, sähe ich nur die weiße Taube, das Symbol der Ausgießung eines heiligen Geistes.

Nach der Taube mit dem Ölzweig spähe ich vergebens aus.

Wäre ich ein Fatalist, ich spräche: es ist die Bestimmung der Völker, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig zu vernichten.

Wäre ich der Teufel, ich täte lachen, lachen, in wollüstiger Schadenfreude, jauchzend über den Sieg, den die Hölle errungen.

Wäre ich der liebe Gott, ich beauftragte Petrus, meinen Pförtner, allen Kriegsanstiftern, Kriegshetzern, Kriegsbrünstigen und Kriegsliebenden die Himmelspforte zu sperren, mit dem Donnerwort: Unbefugten ist der Eingang nicht gestattet.

Bin ich ein Mensch, – nichts als ein Mensch – ich müsste ob dieses Krieges weinen, weinen, bis meine Augen vor Tränen blind geworden.

Dieser Beitrag wurde unter Fremde Feder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.