Einreiseverbot für Gerd Buurmann

Ich habe soeben erfahren, dass es acht Länder gibt, die ein Einreiseverbot gegen mich ausgesprochen haben!

Oh wie schade! Ich kann nicht mehr das bunte Nachtleben Libyens erleben, die Schwulen- und Lesbenszene im Sudan muss auch ohne mich auskommen und ich kann nicht mehr mit Feministinnen im Auto um die Blocks von Saudi Arabien ziehen. Und das alles nur, weil ich in Israel war! Syrer können mich zu Hause besuchen, ich jedoch nicht mehr Syrer in ihrem Haus!

Warum? Weil ich in Israel war. Acht Länder lassen keine Menschen einreisen, die in Israel waren!

Im Jahr 2012 stand ich vor der Möglichkeit, im Iran aufzutreten. Ich arbeitete damals mit dem Regisseur Ali Jalaly zusammen. Er ist Leiter des Ali Jalaly Ensembles in Köln und wurde im Iran geboren. Bei unserer letzten Zusammenarbeit kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung, die beinahe unsere Freundschaft gefährdet hätte.

Ali Jalalys Inszenierung der Farce “Der Büchsenöffner” von Victor Lanoux, in dem ich die Hauptrolle spielte, wurde zu einem Festival in den Iran eingeladen. Nun musste ich meinem Regisseur erklären, dass ich auf keinen Fall mitkommen würde. Er möge mir nicht böse sein, sprach ich, aber unter keinen Umständen könne ich in ein Land reisen und Theater spielen, in dem Homosexuelle getötet, die Opposition verfolgt, der Islam als Staatsreligion gelebt und Israel als Feind angesehen wird. Auf Ali Jalalys Einwand, dass das Volk ja nichts für das Regime könne und ausländische Theatergruppen wie wir ein kleiner aber wichtiger Hauch der Freiheit seien, vermochte mich nicht zu überzeugen. Als ich auch noch erfuhr, dass wir einige Tage vor der Aufführung in den Iran reisen sollten, damit unsere Inszenierung von der Zensur begutachtet und abgesegnet werden kann, war für mich das Maß voll.

„Es tut mir leid um die Menschen im Iran, für die der Besuch zu unserem Stück ein Hauch der Freiheit wäre,“ sprach ich, nicht ganz unaufgeregt, „aber noch mehr leid tun mir die Menschen im Iran, die unser Stück nicht sehen können, weil sie im Knast sitzen oder an einem Kran baumeln.“ Ich fügte sogar ein Zitat der Geschwister Scholl von der Bewegung Die Weiße Rose hinzu:

“Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt.”

Ich war schockiert von der Gelassenheit, mit der mir gesagt wurde, dass wir vor der Zensur zu spielen hätten. Im Laufe der Diskussion wurde ich zum Ignoranten erklärt, nur weil ich mich weigerte, aus mir absolut logisch erscheinenden poltischen Gründen, in den Iran zu reisen. Ich weiß noch, wie überrascht ich bei gewissen Kolleginnen und Kollegen war, die wie selbstverständlich in den Iran reisen wollten, um dort Theater zu spielen. Eine von mir hoch geschätze Kollegin, die sich als klare Feministin versteht, war sogar bereit, ein Kopftuch zu tragen. Bin ich denn nur von Höfgens umgehen, dachte ich und erklärte: Ich halte es lieber mit Klaus Mann!

Seit diesem Jahr muss ich mir keine moralischen Gedanken mehr machen, ob ich in den Iran reisen möchte. Es ist mir verboten. Ich habe ein Einreiseverbot für den Iran.

Buurmann not welcome!

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39 Antworten zu Einreiseverbot für Gerd Buurmann

  1. Einer schreibt:

    Naja und inwiefern unterscheidet sich deine Haltung von den ganzen BDSlern? Eine Unterscheidung zwischen Land, Regierung, Politik und Bevölkerung scheinst Du ja auch nicht treffen zu können/ zu wollen. Anders gefragt: Was profitiert ein einziger unterdrückter Iraner davon, wenn wir ihn jetzt auch noch von aller nichtstaatlich indoktrinierter Kultur fernhalten.
    Sorry, aber von Kulturboykott halte ich wirklich gar nichts.

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Es ist Kulturboykott, wenn ich mich weigere, vor der Zensur zu spielen? Wow, spannende Definition!

      • tapferimnirgendwo schreibt:

        Zudem, ist es schon recht peinlich, den Unterschied nicht zu sehen. Ich weigerte mich zu spielen, BDS verbietet es Anderen zu spielen. Dieser Unterschied ist offenbar für jeden, der nicht blind ist.

        • Einer schreibt:

          Natürlich gibt es Unterschiede, alleine schon im Wen du „boykottierst“. Was ich aber als Gemeinsamkeit sehe und für fragwürdig halte, ist die Einstellung, dass es sinnvoll ist der Bevölkerung in einem Land Kultur vorzuenthalten weil man die Regierung ablehnt.
          Ich kenne das Stück ja nicht das ihr gespielt hättet, die Beschreibung klingt aber nicht als wäre das iranisch-staatstragende Propaganda gewesen. Ich sehe nicht wie deine Weigerung den Iran auch nur ein Stück menschlicher für Schwule, ein bisschen weniger aggressiv gegenüber Israel, oder sonst irgendwie zu einem besseren Platz macht.

          Die einzigen Iraner die ich kenne sind Exiliraner: sehr aufgeschlossene Menschen, die kein Problem mit Israel haben und eine sehr differenzierte bis skeptisch ablehnende Haltung gegenüber dem Islam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Menschen nicht auch im Iran weiterhin leben. Und solchen Menschen würde ich euer Theaterstück und deine Schauspielerei wünschen- das würde Ihnen sicher mehr helfen als eine Verweigerung im Iran zu spielen.

          • unbesorgt schreibt:

            Was für Kultur bekommt man den serviert, wenn man sie der Zensur unterwirft? Kultur findet in freien Köpfen statt – zuerst in denen der Künstler selbst!

  2. Paul schreibt:

    1992 war ich mit DDR-Pass in Israel. Bei der Einreisepasskontrolle drehte der Kontrolleur den Pass hin und her. Dann verließ er seinen Platz und ging zu anderen Kontrolleuren, denen er meinen Pass zeigte. Alle schauten sich sehr interessiert den Pass an und schauten zu mir rüber und machten erstaunte Gesichter. Ich war der Exot. Freundlich lächelnd gab er mir den Pass zurück und ich durfte einreisen.

    Bei der Ausreise war ich der Auserwählte aus einer Reisegruppe von 50 Personen, der 10 Minuten lang befragt wurde. Zufall? Aber es gab keine Nachteile. Wir durften alle ausreisen. 🙂

    • Dante schreibt:

      1992? Da hätte ich aber auch ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt, als Grenzbeamter.

      • Paul schreibt:

        Hallo Dante!
        Ich habe es genossen, ein Exot zu sein. In der Reisegruppe war ich der Einzige Ostler. Nachdem sie mir geglaubt hatten (na, die meisten), dass ich Regierungsfern gewesen war, war ich jeden Abend Gesprächsmittelpunkt. Die Reisegruppe bestand hauptsächlich aus Süddeutschen. Sogar ein hochrangiger Politiker war dabei. Es hat mir Spaß gemacht „Missionar“ für die gute Sache zu sein. Erstaunt war ich schon über die Unwissenheit und die Fehlinformationen über die DDR. Ich hoffe, ich habe einige doch überzeugen können, dass die DDR ein Scheißstaat war. Manche mögen mich auch für Baron Münchhausen gehalten haben.
        Das größte Kompliment, dass mir gemacht wurde: Ich sei wohl doch kein richtiger DDR-Bürger. Jedenfalls hätten sie meistens ganz andere kennen gelernt. Das ging mit „runter wie Öl“.

        Herzlich, Paul
        Herzlich, Paul

      • O.Paul schreibt:

        Gab´s etwa noch ne DDR? Also die DDR, die ich erlebte, endete 1990 und da gabs für alle neue Pässe. Wer 1992 noch mit dem DDR- Pass herumgereist ist, war wirklich ein Exot.

        • Paul schreibt:

          Hallo O.Paul,
          es gab keine neuen Pässe. Man musste sie beantragen und bekam dann neue. Der Andrang war riesengroß und man musste sich anstellen und lange Wartezeiten in kauf nehmen. Danach war mir nicht.
          Mein Pass war erst am 17.1.1990 ausgestellt worden und noch gültig. Warum schon wieder Geld ausgeben? Da bin ich ein Geizhals.

          Noch was erheiterndes: Bin am 12.4 1991(!) in Israel eingereist. Es war eine 10-Tage-Reise. Israel verlassen habe ich lt. Stempel am 21.4.1992(!). Es hat mir ein Schmunzeln entlockt, dass Israel doch nicht so perfekt ist. Ich bin natürlich erst 1992 in Israel gewesen.

          Nichts ist vollkommen.

          Herzlich, Paul

  3. unbesorgt schreibt:

    Opportunist!
    😉

  4. Kwezi schreibt:

    Wenn Du in den Sudan willst, frag mal bei der IAF nach, ob ein Platz in einem Kampfjet frei ist. Die IAFler besuchen den Sudan nämlich regelmäßig, zB 2009,
    https://en.wikipedia.org/wiki/2009_Sudan_airstrikes
    2012
    http://www.theguardian.com/world/2012/oct/25/israel-accused-sudan-munitions-air-strike
    und im Mai 2015
    http://www.ibtimes.co.uk/breaking-news-loud-explosions-heard-sudanese-capital-khartoum-thought-be-israeli-air-raid-1499842
    Bin zu faul. weitere Besuche der IAF rauszusuchen, aber das waren lange nicht alle.

    Ich war 1998 zu Fuß im Sudan, mit einer Dragunov SWDS (Beutewaffe) auf dem Ast bei der Belagerung von Wau. Keine Sau hat mich nach einem Pass gefragt; die sudanesischen Offiziellen haben sich in ihren Bunkern und Schützengräben versteckt und die Birnen eingezogen.

    Sofern Dich die IAF mitnimmt, vergiss nicht, eine Spucktüte mitzunehmen.. Jetpiloten sind Strolche; sie lieben es, ihre Passagiere richtig durchzuschütteln.

  5. Eitan Einoch schreibt:

    Das ist kein Verlust. Eine einziges Mal in Israel gewesen zu sein ist viel mehr wert als alle Reisen in die acht oben genannten Länder zusammen.

    • unbesorgt schreibt:

      Dabei hätte zumindest der Iran (und früher Syrien) einiges zu bieten. Aber man kann nicht alles haben. Israel unterstützen UND Opportunist zu sein, geht eben nicht.

  6. Kanalratte schreibt:

    Das sind allesamt Staaten in die ich nur mit dem Panzer fahren würde

  7. Philipp schreibt:

    Willkommen im Club Gerd… 😉 😦

  8. Sempronius Densus Bielski schreibt:

    Darf man eigentlich in die USA einreisen, wenn man wie Mohammed Atta aus Hamburg kommt?

  9. Akrophobie schreibt:

    Darf man eigentlich nach Israel einreisen, wenn man vorher im Iran war?

  10. Sempronius Densus Bielski schreibt:

    Zum Glück gibt es ja im Moment keine Kontrollen bei der Einreise in die EU und noch weniger nach Deutschland. Gäbe es eine Kontrolle in Köln, würde Herr Buurmann sicher nicht nach Klön einreisen dürfen, da er ja im jüdischen Staat Israel war.

  11. caruso schreibt:

    Lieber Gerd!
    Du wirst es überleben, daß Du nicht in diese Länder reisen kannst. Und Deine Reaktion auf die Iran-Reise war, wie sie sein soll. Daß andere anderes sehen spricht nicht für sie. Aber Deine Antwort spricht für Dich. Und wie!!!
    lg
    caruso

  12. Dante schreibt:

    Interessant: Ägypten steht nicht auf der Liste. Und Jordanien auch nicht.

    • Philipp schreibt:

      Wegen der „Friedensverträge“. Ist zwar nur ein kalter „Friede“, aber besser als Kriegszustand allemal…

  13. Horst Nietowski schreibt:

    Ich habe bis 1989 oft in moskau gearbeitet. Die Russen haben auch keinen Stempel in den Pass gemacht. Visum lag lose dabei und wurde bei der Ausreise eingezogen.

  14. Henrik schreibt:

    Bei der Einreise nach Israel gibt es ja keinen Passstempel, um dem Touristen das Leben nicht schwer zu machen. Woher wollen die Regime also wissen, dass man in Israel war?
    Natürlich belasse ich mein Israelvisum prinzipiell im Pass, allerdings sind israelfeindliche Länder eh kein lohnendes Ziel.

  15. anti3anti schreibt:

    Lieber Gerd,
    Du hast kein Einreiseverbot, sondern ein Ausreiseverbot!

  16. ceterum censeo schreibt:

    „Syrer können mich zu Hause besuchen, ich jedoch nicht mehr Syrer in ihrem Haus!“

    Ach macht doch nichts! Wenn wir alles so viel hätten, wie Besuch aus Syrien und den anderen feinen Ländern auf der Liste. Daran mangelt es doch wahrlich nicht.
    Wobei die meisten wohl eher weniger zum Theaterbesuch anreisen. 😦

  17. Bruno Becker schreibt:

    Eine absolut richtige und integere Haltung. Chapeau!

  18. vilka schreibt:

    die überschrift ist irritierend

  19. unbesorgt schreibt:

    Willkommen im Club, Herr Buurmann! 😉
    Ich kann mich vor Traurigkeit über meine begrenzten Reisefreiheit auch kaum vom lachen abhalten.

  20. Hein schreibt:

    Nicht anders darf die Reaktion anständiger Menschen ausfallen..

  21. Dieter Müller schreibt:

    Dann bin ich ja nicht allein!

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