Zwischen Militärputsch und Machtgier

Ein Bericht über die „Odyssee des Bösen“ von Dinçer Gücyeter.

Ein Tag nach meiner Ankunft in der Türkei, am 15. Juli 2016 um 22:30 Uhr, sprachen alle Sender von einem Militärputsch. Im 21. Jahrhundert ist eine Machtübernahme ​dieser Art abstrakt, unvorstellbar. Die Türkei musste in ihrer Geschichte oft unter Eingriffen des Militärs leiden. Dieser Putsch jedoch war schlecht organisiert, zum Scheitern verurteilt.

Zwei Stunden später animierte Erdogan über diverse Medien sein Volk, auf die Straßen zu rennen und das halbe Land ging mit Fahnen auf die Strasse. Wer sich versteckte, war Erdogan und seine Truppe!

Zur Morgenstunde hatte fast alles wieder seinen normalen Lauf. Die Bilanz: Hunderte von Menschen hatten ihr Leben verloren. Der Sündenbock war die Gülen-Truppe, bis 2014 der unverzichtbare Partner der AKP– Regierung.

Am 16. Juli zeigte diese Auferstehung sein wahres Gesicht. Überall, in jeder Ecke sah und hörte man eine gewaltige Erdogan-Propaganda. Die AKP-Politiker kamen aus ihren Löchern heraus. Die bekannte Demagogie-Maschinerie wurde gestartet. Erdogan und seine Partei schlüpften in ihre Opferrolle. Neue Feinde waren für ein Regime, das seine Macht auf subjektiven Wertvorstellungen aufbaut, ein unbezahlbares Futter. Es ist gelungen.

Das Volk stürmte auf die Strassen, die Lobeshymnen an Erdogan machten einen taub. Der Mann, der seit langer Zeit das Land ins Chaos trieb, wurde nun als Führer, Oberkommandant, Retter bejubelt! Die gesamte Presse hatte ein Sendeprogramm von oben bekommen und sprach (schweigte) aus einem Kanal.

Bis heute wurden Tausende von Menschen festgenommen. Die Hexenjagd geht weiter. Nicht nur die Putschteilnehmer, viele andere, die sich dem Erdogan-Wahnsinn verweigert haben, werden abgestempelt und kommen hinter Gittern. Eine goldwerte Möglichkeit, die ausgenutzt werden muss.

Mehrere haben ihre Arbeitsstellen verloren. Angeblich waren sie Mitglieder einer Gülen-Gewerkschaft oder ihre Kinder haben eine Gülen-Schule besucht. Das Ziel ist, diese Stellen nun mit Parteianhängern zu füllen. Erschreckend ist, dass die AKP bis vor kurzer Zeit sehr eng mit der Gülen-Gruppe und anderen islamischen Sekten zusammengearbeitet hat. Prüfungsfragen für den Einstieg in die Unis wurden ausgetauscht, Wahlpropaganda von AKP wurden von der Gülen-Gruppe stark unterstützt. Beide Seiten arbeiteten eng zusammen für einen neuen islamischen Staat. Diese korrupte Koalition wird nun unter den Teppich gekehrt. Wie immer schweigt der Fanatismus über die eigenen Sünden.

Die Todesstrafe war zwei Tage lang das Hauptthema. Die Diskussion geht weiter. Das Bündnis ist gebrochen, die Brüder und Schwestern der Gülen-Sekte sind nun Vaterlandsverräter und sollen auf dem Weg zum demokratischen Machtstaat vernichtet werden. Das alles könnte man teilweise verstehen, wenn die AKP nicht aus dem gleichen Topf fressen würde. Die Justiz wird entmündigt, Verfassungsrecht ist nur noch eine alte Notiz auf dem Papier.

Die Medien, 95% abhängig, fordern das Volk jeden Abend auf, die Strassen zu sperren, um die Demokratie zu überwachen. Vor allem die Beamten sind verpflichtet an Ort und Stelle zu sein. Täglich werden sie per SMS benachrichtigt, wie es weiter geht. Wer sich weigert kann mit einer Kündigung rechnen. Nicht nur die Arbeitsstelle geht verloren, auch die Diplome, Meisterbriefe, Zeugnisse werden ungültig gemacht.

Heute noch werden unter Gebetsrufen auf grossen Plätzen Hymnen gesungen, überall hängen Erdoganfahnen. Bühnen werden aufgebaut, die Hodschas beten für den grossen Führer, für den Retter der Demokratie. Sündenböcke werden zum Teufel gejagt.

Die Machtgier eines Mannes wird mit Unterstützung der Medien und des leichtsinnigen Volkes ununterbrochen gepflegt. Szenen, die Deutschland vor achtzig Jahren blind ertragen musste. Alles, auf dem Weg zum Ein-Mann-Regime ist Recht! Die Minderwertigkeitskomplexe eines Volkes werden mit proben Machtsprüchen übertuscht.

Ich und noch viele andere, die sich für dieses Land Demokratie, friedliches Zusammenleben, geistige/ethische Entwicklung gewünscht haben, müssen jeden Tag diesen Wahnsinn ertragen. Diese Enttäuschung ist unerträglich. Sehen zu müssen, dass ein Land mit vielen wunderbaren Kulturen vom barbarischen Wahnsinn verdorben wird, ist eine Art Gefangenschaft, die ich vorher nie erfahren habe und auch niemandem wünsche.

Viele Freunde fragen, wie es mir in der Türkei geht. Schwer, sehr schwer fällt es mir, darauf eine Antwort zu geben. In diesem Land sind meine Eltern auf die Welt gekommen, mit der Sprache dieses Landes wurde ich großgezogen. Die Sprache, die Menschen hier, die kulturelle Vielfalt habe ich all die Jahre sehr ins Herz geschlossen.

Heute versuche ich, mit einem gesunden Menschenverstand all das Passierte zu verstehen. Es will mir nicht gelingen.

***

Vor ein paar Tagen erst habe ich erfahren, dass in Köln am 31. Juli eine Versammlung von AKP Anhängern für die Demokratie in der Türkei organisiert wurde. Hunderte Erdogan-Fans kamen aus allen Bundesländern, um ihren „Führer“ zu unterstützen. In einer Stadt, wo die Demokratie ganz groß geschrieben wird, eine Stadt, die ein Beispiel für Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und die Würde des Menschen ist, wurde der Propagandaort einer verlogenen Masse!

Da fragt man sich, warum diese Fanatiker, die ihr Leben in Deutschland führen, sich nicht den Verstand nehmen und sich über diese Missetat Gedanken machen. Die Freiheit dazu haben sie ja. Die Erpressung in der Türkei brauchen sie nicht zu dulden.

Wenn man in all den Jahren keine Lehre aus der Geschichte gezogen und sich in keinster Weise angepasst hat, wenn die Bedingungen für ein besseres, freieres Leben schwer fallen, versteckt man sich sehr gerne in Demagogie. Es ist ein Trauerspiel, wenn Menschen in einem demokratischen Land von den schönen Seiten des Lebens profitieren und dann unüberlegt auf der Fläche des Fanatismus tanzen. Diese große Lücke, diese gescheiterte Aufmerksamkeit (Selbstfindung) führt leider dazu, die Scheinmacht der AKP als Wundpflaster zu tragen.

Schade, sehr schade, dass Köln, die Bühne für dieses Drama wurde. Die türkische Presse berichtet, dass die Oberbürgermeisterin die Liveübertragung einer Erdogan-Redeauf auf einem riesigen Bildschirm nicht genehmigt hat. Deutschland soll damit die Demokratie blockiert haben. Man lernt viel von dem AKP-Zirkus. Auch das hartnäckige Fremdschämen!

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Eine Antwort zu Zwischen Militärputsch und Machtgier

  1. besucher schreibt:

    Gottseidank plant der Trump keinen Deutschlandbesuch.
    Sturzbesoffene Querfrontler aller Couleur würden den Dauerbrüllmodus einlegen.

Seid gut zueinander!

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