Natur ist, wo der Mensch Beute ist

Wenn der Mensch krank wird, verlässt er sich nicht auf die Natur, er ruft nach der Vernunft der Medizin. Wenn ihm Unrecht widerfährt, sehnt er nicht nach der Herrschaft der Natur, sondern er verlangt nach der Vernunft des Gesetzes. Wenn der Mensch jedoch einen anderen Menschen unterdrücken will, nimmt er schnell die Natur zur Hand.

Unter meinem Arikel „Cassy Carrington fragt“ schrieb ein gewisser Cricket diesen Kommentar. 

„Die Natur hat es bei allen Lebewesen eingerichtet, dass diese sich normalerweise fortpflanzen. Man kann auch sagen, aus biologischer Sicht ist der Sinn des Lebens, dass man Nachkommen bekommt. Homosexuelle Lebewesen pflanzen sich allerdings nicht fort, daher sind sie aus biologischer Sicht sinnlos und somit widernatürlich. Dass Homosexualität ca 5 -10 % der Menschen ausmacht, ist aus evolutionärer Sicht auch seltsam, da diese Zahl relativ hoch ist. Ein anderer Hinweis zeigt sich in der Geschichte. In der gesamten Geschichte der Menschheit, also die letzten 5000 Jahre, wurden Homosexuelle immer diskriminiert, verfolgt, bestraft und von der Gesellschaft mehrheitlich abgelehnt. Dies war zu allen Epochen und allen Regionen der Welt so. Selbst heute im modernen Europa mag die Mehrheit der Menschen immer noch keine Homosexuellen. Wenn Homosexualität normal wäre, dann müssten Homosexuelle somit schon immer von der Gesellschaft akzeptiert worden sein, was nie der Fall war.“

Immer wieder ist es die Natur, die zur Begründung einer Unterdrückung herangezogen wird. Mal ist es die „Natur des Schwarzen“, mal die „Natur des Weibes“ und mal die „Natur des Juden“. Immer aber geht es darum, einer Gruppe von Menschen mit Verweis auf ihre vermeintliche Natur, Rechte vorzuenthalten.

Dabei würden die meisten Menschen heute gar nicht mehr leben, ginge es nach der Natur – vermutlich auch Cricket nicht. Auch Sie gehören mit hoher Wahrscheinlichkeit zu dem Teil der Menschheit, der trotzt der Natur noch lebt. Hatten Sie schon mal eine Operation? Tragen Sie ein Brille? Haben Sie eine schwere Grippe überstanden? Nutzen Sie moderne Technik? Dann sind Sie wider der Natur noch hier!

Viele Menschen glauben, Natur sei das Naherholungsgebiet am Stadtrand. Die Wälder in Deutschland sind aber keine Natur. Sie sind Kultur, vom Forst- und Grünflächenamt gut verwaltet. Natur ist nicht nur Wald und Wiese. Natur ist, wo der Mensch Beute ist!

Die Natur hat keine Absicht! Es gibt zwar Menschen wie Cricket, die schreiben mit einer solchen Gewissheit über die Absichten der Natur, als wären sie jeden Sonntag bei Mutter Natur zum Tee eingeladen, aber sobald der Natur Absichten und Moral unterstellt wird, haben wir es mit einer Religion zu tun. Religion aber ist Kultur.

Gut und böse sind Kategorien der Vernunft. Die Vernunft versucht zwar, Natur wissenschaftlich zu verstehen, aber alles, was Vernunft hat, weiß oder mindestens ahnt, dass Moral in der Natur nicht zu finden ist.

Die Moral war lange Zeit ein Diktat der Götter. In der heutigen Zeit, da der Glaube an Gott vielerorts verschwunden ist, flüchten nicht wenige, die religiös heimatlos geworden sind, in den Schoß der Natur und ernennen die Natur zu ihrem Gott. So wie sich die Menschen einst Gott nach ihrem Bilde schufen, so legen sie heute der Natur ihre Ansichten in den Mund! Für die Einen regelt Gott, was gut und was böse ist, für die Anderen die Natur.

Ob man nun aber gottesfürchtig oder naturfürchtig ist, das Sagen haben jene, die glaubhaft machen können, Erleuchtete zu sein, die vorgeben, den direkten Draht nach oben zu haben. Sie wissen angeblich genau, was Gott oder die Natur will. Sie behaupten, es vernommen zu haben und erklären, den wahren Weg zu kennen. Sie sind die Propheten, die Guten! Und sie benehmen sich so!

Um gute Dinge zu vollführen, braucht es jedoch keinen Gott. Gott stört bei guten Taten nicht, hilft höchstens dabei. Böse Taten jedoch brauchen einen Gott, nämlich den festen Glauben daran, die abscheulichen Taten im Namen eines höheren Sinns und Zwecks zu begehen. Gotteskrieger kämpfen für den lieben Gott und Naturgläubige für die liebe Natur.

Die Natur ist aber nicht lieb. Sie ist auch nicht böse. Die Natur ist indifferent und kennt keine Moral. Sie ist!

Cricket aber nimmt die Natur, macht sie zu einem Gott mit Absicht und erklärt dann homosexuelle Menschen für sinnlos. Sinnlos! So widerwärtig muss man erst mal werden.

Hey Cricket,

hätte der Mensch alles Neue verdammt, weil es 5000 Jahre vorher anders gemacht wurde, säße der Mensch heute noch als ständige Beute in der Höhle und würde spätestens mit 29 Jahren verrecken. Wie alt sind Sie eigentlich Cricket? Kann es sein, dass Sie Ihrem Naturverständnis den Bezirk der Sinnlosigkeit längst betreten haben?

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