Tschetschenischer Sänger verschwunden – Wurde er Opfer staatlicher anti-schwuler Verfolgung?

In Tschetschenien soll ein Sänger gefoltert und getötet worden sein. Die tschetschenischen Behörden bestreiten dies jedoch und behaupten, der Sänger halte sich in Deutschland auf.

Zelim Bakaev ist ein Sänger, der in Russland und in Tschetschenien auftrat, bis ihm in Tschetschenien im Rahmen der anti-homosexuellen Gesetzgebung Auftrittsverbot erteilt wurde. Bakaev wurde in Grozny geboren und arbeitete dort unter anderem am Kulturamt des Bürgermeisters. Später wurde er Mitglied des Lied- und Tanzensembles „Stolitsa“ und konzertierte neben Tschetschenien noch in anderen nordkaukasischen Republiken. Im Jahr 2017 bewarb er sich für eine russische Castingshow, die im September 2017 in der russischen Fernsehkette Muz-TV beginnen soll.

Am 6. August 2017 reiste er nach Grozny, um an der Hochzeit seiner Schwester teilzunehmen. Er wollte einige Tage später wieder in Moskau sein, um sich am 10. August für die russische Castingshow zu bewerben. Dort kam er nie an. Am 8. August wurde sein Handy deaktiviert. Am 18. August reichte seine Mutter eine Beschwerde wegen des Verschwindens ihres Sohnes bei der Polizei in Grozny ein. Am 22. August beantragte sie beim Menschenrechtsrat, dass eine Erklärungen vom tschetschenischen Innenministerium über das Verschwinden ihres Sohnes verlangt werden solle. Am 14. September forderte die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights First das US-Außenministerium auf, mit den russischen Behörden über Zelim Bakaev zu reden. Am 16. September 2017 richtete die Mutter einen öffentlichen Appell an den tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow. Am 18. September weigerte sich das tschetschenische Innenministerium, eine kriminelle Ermittlungen gegen das Verschwinden von Bakaev einzuleiten. Die tschetschenische Polizei behauptete stattdessen, Bakaev habe am 11. August ein Ticket für einen Zug nach Moskau gekauft.

Als wäre das alles nicht schon merkwürdig genug, wurde am 24. September 2017 ein Video auf YouTube veröffentlicht, das angeblich in Deutschland nach dem Verschwinden Bakaevs aufgenommen worden sein soll, in dem Bakaev zu sehen sein soll, wie er behauptet, in Deutschland zu sein.

Ob diese Videos tatsächlich in Deutschland aufgezeichnet wurde und ob es sich um ein freiwillig aufgezeichnetes Video von Zelim Bakaev handelt, ist sehr umstritten. In dem Video sind nämlich Möbel, Geräte und Getränke zu sehen, die in Deutschland nicht vermarket werden. Zudem gibt es keine Bestätigungen, dass Bakaev im August 2017 oder später die Grenze eines der Schengen-Länder überschritten hat.

Das Verschwinden Bakaevs reiht sich ein in die brutale Verfolgungswelle, die seit einigen Monaten über Homosexuelle in Tschetschenien eingebrochen ist. Homosexuelle Männer werden in Lager verschleppt, wo sie geschunden und gefoltert werden. Es ist sogar von von „tschetschenischen Konzentrationslagern für Homosexuelle“ die Rede. In London haben bereits Tausende Menschen gegen diese Verfolgung demonstriert und der britische Staatsminister für auswärtige Angelegenheiten, Sir Alan Duncan, sagte im Parlament:

„Uns teilen Menschenrechtsgruppen mit, dass antischwule Kampagnen, sowie Tötungen vom Oberhaupt der tschetschenischen Republik, Ramzan Kadyrow, orchestriert werden.“

Tschetschenien ist ein überwiegend muslimisches Gebiet. Weit über neunzig Prozent aller Tschetschenen sind Muslime, so wie das Oberhaupt Tschetscheniens. Ja, ich habe „Oberhaupt“ geschrieben, denn „Oberhaupt“ ist die offizielle Bezeichnung von Ramzan Kadyrow. Am 2. September 2010 ließ er vom tschetschenischen Parlament seine Bezeichnung von „Präsident“ in „Oberhaupt“ ändern. Nach Aussage Kadyrows stehe nur einer Person in der Russischen Föderation die Bezeichnung „Präsident“ zu, nämlich dem Staatschef und das ist Wladimir Putin. Da Tschetschenien aber eine autonome Republik in Russland ist, brauchte es einen passenden Titel für den Chef dieser Republik. Diskutiert wurden Vorschläge wie „Imam“ oder „Vater des Volkes“, aber am Ende einigte man sich auf „Oberhaupt“.

Wladimir Putin hat nach einem Treffen mit Ramzan Kadyrow erklärt, den „provozierenden“ Artikeln über die Homosexuellenverfolgung keinen Glauben zu schenken und beschuldigte stattdessen die internationalen Medien, einen „massiven Informationskrieg mit unwürdigsten Methoden zu führen.“ Er fügte hinzu: „Die Realität wird verzerrt. Es werden Versuche unternommen, unsere Gesellschaft, unseren Lebensstil und unsere Traditionen und Bräuche schwarz zu malen.“

Ein Sprecher des tschetschenien Oberhaupts wiederum erklärte:

„Diese Publikation ist eine absolute Lüge. Man kann nicht jemanden festnehmen und unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt.“

Diese Antwort erinnert an den ehemaligen Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, der im Jahr 2007 an der Columbia-Universität in den Vereinigten Staaten von Amerika erklärte: „Im Iran gibt es keine Homosexuellen.“

Kadyrow selbst erklärt: „Homosexuelle sind schlimmer als Krieg.“ Er ist sich auch sicher, dass es keine Homosexuellen in Tschetschenien gibt und betont: „Auch wenn es solche Menschen in Tschetschenien gegeben hätte, hätten die Sicherheitsbehörden keine Probleme mit ihnen, denn ihre eigenen Verwandten hätten sie dorthin geschickt, woher niemand zurückkommt.“

Jetzt ist der Sänger Zelim Bakaev verschwunden.

Dieser Beitrag wurde unter Feminismus, Islam, Liberalismus, Nachrichten, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.