MiQua – Mitten im Quartier

Im Jahr 1933 kam in Deutschland eine faschistische, rassistische und judenfeindliche Partei an die Macht. Diese Partei war fest davon überzeugt, es gäbe eine „Herrenrasse“ und diese „Herrenrasse“ seien die Deutschen. In ihrer rassistischen Ideologie erklärte sie, Juden seien kulturlose Parasiten. So begann in Deutschland eine beispiellose staatliche Verfolgung von Juden, die in der industriellen Vernichtung von sechs Millionen Juden gipfelte.

Im Jahr 1939, viel zu spät, wurde dem Deutschen Reich der Krieg erklärt, kurz nachdem es Polen angegriffen hatte. Ein Jahr vorher waren im ganzen Deutschen Reich die Synagogen und jüdischen Geschäfte in der Reichspogromnacht von Mitgliedern der Partei und vielen deutschen Mitläufern attackiert und niedergebrannt worden. Bereits im Jahr 1935 waren Juden per Gesetz zu einer minderwertigen Rasse erklärt worden. Die Welt tat nichts.

Erst ab 1939 wurde die Welt langsam aktiv. Im Zuge des Kriegs wurden die Städte Deutschlands flächenbombardiert. Auch Köln wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Bomben, die über Köln abgeworfen wurden, legten allerdings offen, worauf die Domstadt gebaut war. Unter den Ruinen kam das alte Köln zum Vorschein, auf das das neue Köln gebaut worden war. Die Bomben legten das Erbe Kölns offen. Rund um das Rathaus rissen die Bomben die Böden auf und zum Vorschein kam das alte jüdische Viertel.

Nicht wenige Kölnerinnen und Kölner, vom Rassenwahn befallen, werden gestaunt haben, als sie erkennen mussten, dass das Herz Kölns einst jüdisch war. Das Judentum ist nicht nur ein Teil der Geschichte Kölns, sondern ein elementarer Pfeiler der Stadt. Jüdisches Leben fand in Köln Jahrhunderte lang mitten im Quartier statt. Köln zeigt, die Geschichte des Rheinlands hat jüdische Wurzeln.

Das Judentum ist die älteste noch immer praktizierte Kultur am Rhein. Viel zu lange wurde dieser Fakt nicht gewürdigt. Juden sind nicht nur ein Teil der heutigen Kölner Stadtgesellschaft, sondern der älteste Teil der Stadt. An dem Ort, an dem sich einst das Jüdische Viertel befand, wird nun ein Museum gebaut. Endlich.

Das Museum wird die zweitausend Jahre alte Geschichte der Stadt präsentieren. Wichtigster Teil des Museums wird die Ausgrabungen des Jüdischen Viertels sein, das bis zur Vertreibung der Juden im Jahr 1424 im Herzen Kölns stand. Das Museum wird MiQua heißen: Museum im Quartier.

Das Wort MiQua soll an das hebräische Wort מִקְוֶה (Mikwe) erinnern. In Köln nämlich wurde durch den Krieg die Kölner Mikwe offengelegt. Eine Mikwe ist ein rituelles Tauchbad und die Mikwe von Köln ist heute die älteste ihrer Art nördlich der Alpen. Die Mikwe wird ohne Zweifel eine der Hauptattraktionen des neuen Museums werden.

Das Wort MiQua bedeutet aber auch, dass sich jüdischen Leben in Köln von Beginn an Mitten im Quartier angespielt hat.

Es hat viel zu lange gedauert, bis der Bau endlich beginnen konnte. Ein sogenanntes „Bürgerbegehren zur Erhaltung des Rathausplatzes der Stadt Köln“von vollkommen geschichtsvergessenen Kölnerinnen und Kölner hatte zuvor Jahre lang gegen das Museum agitiert. Ihre Hauptforderung las sich wie folgt:

„Der Rat der Stadt Köln hat beschlossen, über den Ausgrabungen auf dem Rathausplatz einen musealen Großbau zu errichten. Dieser wird mindestens 2/3 der bestehenden Fläche verschließen. Durch die geplante Bauhöhe von 15 Metern entsteht ein massives Gebäude. Der ursprüngliche Charakter des Rathausplatzes geht dadurch unwiederbringlich verloren. Der geplante Gebäudekomplex rückt unmittelbar an die Renaissancelaube heran, sodass “Ecke Unter Goldschmied / Portalsgasse” stehend, die Sicht auf das gesamte historische Rathaus verdeckt wird.“

Das Bürgerbegehren war eine einzige Fehlaussage, ruhend auf der falschen Annahme, der Ort der Ausgrabung sei der Rathausplatz! Das war der Platz jedoch nicht. Der Rathausplatz in Köln befindet sich seit der Existenz des Rathauses, das übrigens ins damalige jüdische Viertel gebaut wurde, direkt vor der Rathauslaube und dem Bürgerturm.

Mittelalterliche Urkunden belegen, dass das „domus in quam cives conveniunt“, also das Haus, in dem die Bürger zusammen kommen, im „domus inter judeos sita“ gelegen ist, also im Judenviertel.

Der vermeintliche Rathausplatz war somit nie ein Platz, sondern einer der ersten Orte Kölns, die bebaut wurden. Erst der Krieg machte daraus einen Platz und legte das Jüdische Viertel frei aus dem die Juden im Jahr 1424 vertrieben worden waren. Es war der Stadtrat eben jener Kölner Christen, die ihr Rathaus ins jüdische Viertel gestellt hatten, der die Juden aus dem Herzen Kölns vertrieb. Wie im 20. Jahrhundert beteiligten sich auch im 15. Jahrhundert viele Kölner Bürgerinnen und Bürger an der Vertreibung.

Mit der Vertreibung wurde auch die jüdische Geschichte Kölns zerstört. Nur wenige Kölnerinnen und Kölner wissen heute noch, was Fakt ist: Das Judentum ist die älteste noch heute praktizierten Religion Kölns! Juden bevölkern Köln länger als Christen. Als Köln den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium erhielt, gab es das Christentum mit dem Evangelium schlicht noch nicht. Der Evangelist Lukas schrieb sein Evangelium, da war Colonia schon über 30 Jahre alt. Das erste Mal wird eine jüdische Gemeinde in Köln urkundlich im Jahr 321 in einem Dekret von Kaiser Konstantins erwähnt:

„Allen Stadträten gestatten Wir durch allgemeines Gesetz, Juden in die Kurie zu berufen.“

In einer weiteren Urkunde von 341 ist vermerkt, dass die Synagoge mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet wurde. Der Bau einer jüdischen Versammlungsstätte zeigt, dass zu dieser Zeit schon eine größere Gemeinde vorhanden war.

In den Jahren 1287 und 1288 kam es im Rheinland zu einer Verfolgungswelle gegen Juden. Im frühen 14. Jahrhundert wurde im Kölner Dom die sogenannte „Judensau“ auf einer der Stuhlwangen des Domchores angebracht. Sie befindet sich noch heute dort! Auch an der Außenfassade befinden sich antijüdische Abbildungen. Eine Statue zeigt einen Juden mit Gebetsschal, dessen hinterer Körper die Gestalt eines Tieres hat und eine andere Figur an der Außenfassade zeigt eine weitere „Judensau“.

Im Jahr 1424 wurden alle Juden aus Köln vertrieben. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Napoleon und dem Code Civil, in dem das aufklärerische Ideal der Religionsfreiheit festgehalten wurde, kehrten Juden nach Köln zurück. Ein Jahrhundert später sollten sie jedoch wieder vertrieben werden, diesmal von den Nazis.

„Warum ist es am Rhein so schön?“

Juden kennen die Antwort auf diese Frage länger als Christen. Sie tranken ihren Wein auf die Schönheit des Rheins bereits, bevor es Christen taten. Einige Juden halfen sogar mit, den Kölner Dom zu bauen. Niemand geringeres als Heinrich Heine war Vizepräsident des Kölner Dombauvereins und die Familie Oppenheim stifte sogar Fenster für den Kölner Dom. Auf den Fenstern unten rechts kann man vier Gebäude erkennen, den Kölner Dom, allerdings noch als Baustelle, rechts daneben das Oppenheimsche Kinderhospital, links daneben der Kölner Glaspalast und darunter die ehemalige Kölner Synagoge auf der Glockengasse, die in der Nacht zum 10. November 1938 niedergebrannt wurde.

Immer wieder wurden Juden in Köln verfolgt und ihr Wirken für die Stadt marginalisiert. Dennoch finden sich einige Statuen von Juden am Kölner Rathausturm, zum Beispiel der Kölner Komponist Jacques Offenbach und der Kölner Rechtsanwalt Max Isidor Bodenheimer.

Max Isidor Bodenheimer war ein Vorreiter der zionistischen Bewegung. Ende des 19. Jahrhundert, fast zwei Jahrtausende nachdem die ersten Juden nach Köln gezogen waren, entwickelte er in Köln eine tollkühne Idee, die Realität werden sollte. Bodenheimer schlug vor, da Juden viel zu oft in Europa verfolgt worden waren, das jüdische Land, das vor über eintausendneunhundert Jahren zerstört worden war, wieder am Originalort entstehen zu lassen. Über ein halbes Jahrhundert später wurde dieses moderne Israel Realität. Die Gründung Israels ist der einzige Moment in der ganzen Geschichte der Menschheit, da ein Volk, das in der Zerstreuung seine Sprache (Hebräisch), Tradition (Feiertage) und Verfassung (Tora) bewahrt hatte, seine Kultur wieder einer eigenen Nationalität zufügen konnte!

Nicht nur der moderne Staat Israel hat seine Wurzeln in Köln, auch die Fahne Israels wurde 1897 in Köln entworfen und zwar von den damals in der Domstadt lebenden Kaufmann David Wolffsohn. An dem Ort in Köln, wo der moderne Zionismus erfunden wurde, befindet sich heute ein großer Schild Davids.

Ein anderer berühmter Jude, der in Köln lebte war David Wolffsohn. Er war ein Zeitgenosse von Bodenheimer und arbeitete eng mit ihm zusammen. Er schuf die Fahne, die später die Flagge Israels werden sollte.

Die jüdische Geschichte Kölns hat die jüdische Geschichte weltweit maßgeblich beeinflusst. Endlich wird dieser Geschichte mit einem Museum ein Denkmal gesetzt und dieses Museum lässt keinen Zweifel mehr zu: Jüdisches Leben findet in Köln seit zwei Jahrtausenden Mitten im Quartier statt. MiQua!

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