Legion heiße ich!

„Legion heiße ich; denn wir sind unser viele.“

So stellt sich der Teufel im fünften Kapitel des Buchs Markus im Evangelium vor. Das Böse hat die Form der Masse.

Das Böse ist dort, wo sich der Mensch einer kollektiven Ideologie unterwirft, wo das Individuum in einem Mob verschmilzt und sich in der Legion der Vielen auflöst.

Es ist unmöglich, mit einem Menschen zu reden, der von einer Ideologie besessen ist, möge die Ideologie nun gut oder böse sein. Die Dynamik des Mobs ist immer gefährlich, vor allem, wenn der Mob in der Gewissheit der moralischen Überlegenheit daherkommt. Dabei ist es irrelevant, was das Ziel des heiligen Zorns ist, denn nichts rechtfertigt eine Schreckensherrschaft, weder Tugend noch gute Absichten.

Wenn Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben, sich in der gemeinsamen Herabwürdigung von anderen Personen vereinen, wenn der Hass auf andere identitätsstiftend wird, dann ist es immer gefährlich. Dabei ist es irrelavant, wer oder was der Andere ist und ob er gut oder böse ist.

Ein Dagegen ist kein guter Treibstoff für die Masse. Daher gilt für mich: Ich bin nicht gegen eine Partei, sondern für eine Partei. Ich bin nicht gegen eine Religion, sondern für eine Gleichberechtigung aller Religionen und vor allem für das Recht, alle Religionen gleichermaßen verarschen zu dürfen. Ich muss nicht erklären, gegen irgendetwas zu sein, denn sobald ich mich nur klar und deutlich für etwas positioniere und erkläre, wofür ich bin, lebe, liebe und kämpfe, wird es schon genug Menschen geben, die von sich aus erklären werden, dass sie gegen mich sind. Sie werden ihrerseits Mauern hochziehen, um mich auszugrenzen. Warum soll ich ihnen dabei helfen?

Warum soll ich meine Kraft vergeuden und Mauern bauen, die eh gebaut werden?

Ich distanziere mich nicht! Ich nähere mich. Ich sage eher, was ich mag und nicht so sehr, was ich hasse. Ich bewege mich frei. Wer ein paar Schritte mit mir gehen möchte, ist herzlich eingeladen.

Ich muss nicht ausgrenzen, denn wenn ich sage, wofür ich bin, werde ich automatisch ausgrenzt. Es werden die übelsten Dinge über mich verbreitet, sobald ich erkläre, wofür ich bin, statt mich zu distanzieren. Wer den Hass der Legion nicht teilt, wird selbst zum Opfer des Hasses. Das Wort dafür ist Hexenjagd.

Eine Hexenjagd ist immer schlecht, egal ob die Gejagte eine Hexe ist oder nicht!

Ein Mob definiert sich mehr durch Ausgrenzung als durch Bekenntnisse und wenn der gemeinsame Nenner die Ausgrenzung ist, dann entsteht dort schnell eine Eigendynamik, in der Menschen mit anderen Meinungen zu „Abweichlern“ und „Verrätern“ erklärt werden. In einer solchen Gruppe wird nicht debattiert sondern diktiert und jeder Millimeter in die falsche Richtung unter tosendem Applaus sanktioniert.

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, ist die Rhetorik der Legion und die Aufforderung zur Distanzierung ihr Mittel der Unterdrückung.

„Wehret den Anfängen“ brüllen die gerechten Putztruppen und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer eigenen Angst hinter Mauern konstruieren. Aus dieser Angst nehmen sie andere Menschen als Geisel ihrer Befürchtung. Diese Angst ist die Wurzel des totalitären Denkens. Sie ermöglicht Gewalt über Gedanken als Präventivschlag.

Der Mob lässt andere Meinungen nicht zu und erklärt stattdessen, Worte seien Gewalt, nur um so dann selbst tatsächliche physische Gewalt gegen die Anderen rechtfertigen zu können. Der Mob erklärt jeden Abweichler und jeden Kritiker zu einer Gefahr, gegen die auch Gewalt angewendet werden darf. Es ist schließlich Notwehr.

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8 Antworten zu Legion heiße ich!

  1. davboe schreibt:

    Hat dies auf Im Erziehungswunderland. rebloggt und kommentierte:

    Traurig, aber so wahr …
    😦

  2. Asteriks schreibt:

    So ist das Muster, genau. Ganz toll geschrieben!

  3. Steffen Schuchardt schreibt:

    Eine Rede für die Vernunft und gegen Schwarmdenkerei. Vielen Dank, Herr Buurmann.

  4. Udo Schmidt schreibt:

    Alles richtig, was du schreibst bzgl. kollektiver Ideologie einer Masse, Ausgrenzung, Mob usw. Kann ich alles unterschreiben.
    Allerdings ist der Bezug zu Mk. 5, 1-20 nicht wirklich passend. In der Bibelstelle geht es um eine in sich zutiefst gespaltene Person, die dermaßen verwirrt ist, dass sie nicht einmal mehr gut von böse unterscheiden kann und von hundert widersprüchlichen inneren Stimmen („Legion“) getrieben wird. Einerseits „Jesus, du Sohn des höchsten Gottes!“, andererseits „Was habe ich mit dir zu schaffen. Quäle mich nicht!“.
    Bei einer kollektiv ideologisierten Masse ist eher das Gegenteil der Fall. Nämlich dass sie genau einer bestimmten Linie ohne irgendeinen Zweifel stramm hinterher läuft.
    Diese Bibelstelle gehört zu den psychologisch interessantesten überhaupt. Eugen Drewermann hat vor einigen Jahren mal eine großartige tiefenpsychologische Abhandlung darüber geschrieben, die mich tief beeindruckt hat. Finde aber gerade den Link nicht.

    • Richard Grünert schreibt:

      Auch empfehlenswert: Die Pathologie der Normalität von Erich Fromm und die Therapie dazu: Gehet nicht konform mit dieser Welt, sondern erneuert euren Sinn täglich, auf dass ihr prüfen könnt was gut ist. Könnte von Kant sein, ist aber von Paulus.

  5. Nestor Machno schreibt:

    Wieder ein ganz ausgezeichneter Artikel. Fehlt nur noch der Hinweis, welches aktuelle Ereignis diesmal den Anlass zu diesem Beitrag gab…..

    (Für die, die nicht von selbst drauf kommen: es handelt sich um die jüngsten gruselig vorgetragenen Einlassungen eines bekannten deutschen Knödelbarden aus Bochum vor euphorisiertem Publikum in, ich glaube, Wien.)

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