Alles Scheiße, Deine Elli!

Eine Trauerrede für Johannes van Aaken gehalten am 21. März 2020:

Johannes van Aaken
15. Februar 1964 bis 2. März 2020

Zwei ältere Damen in einem Erholungsheim unterhalten sich und die eine sagt: »Grässlich dieses Essen hier!« – Darauf die andere: »Genau, und dann diese kleinen Portionen!« Tja, genau so kommt mir das Leben vor: voller Einsamkeit und Elend und Leid und Traurigkeit, und dann geht es so schnell vorbei.“

Mit diesen Worten beginnt der Film „Annie Hall“ von Woody Allen. Diese Worte fielen mir als erstes ein, als ich überlegte, wie ich die Trauerrede für Johannes beginnen soll. Natürlich mit einem Witz. Das passt zu Johannes.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Das hat Johannes gerne spaßeshalber gesagt, immer dann wenn Dinge nicht ganz so liefen, wie er sie geplant hatte. Er hatte diesen Satz sogar zu dem Palliativarzt gesagt, als er fragte, wie es ihm denn ginge. Na, wie sollte es ihm schon gehen?

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Es gibt da einen anderen Witz, der mir einfällt, wenn ich an Johannes denke. Er ist ganz kurz und doch so vielsagend: Wie bringt man Gott zum lachen? Mach einen Plan!

Es lief nicht alles nach Plan in Johannes Leben, aber darum geht es nicht. Es geht nicht immer darum, alles strikt nach Plan und Anweisung zu machen. Johannes wusste das auch. Von frühster Kindheit an war er ein Bastler. Wenn er sich was anschaffte, war es ein Auto oder eine Musikanlage, dann bastelte er daran herum.

Johannes schraubte auf, schaute nach, verbesserte hier und manchmal verschlimmbesserte er dort. Wenn etwas mal nicht so funktionierte, wie er sich das gedacht hatte, blieb immer noch sein Spruch:

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes hat nie aufgegeben, wenn etwas nicht nach Plan lief. Er hat weiter gebastelt. Er hat immer wieder neuen Mut gefasst.

Auch im Angesicht seiner Krankheit hatte Johannes nie aufgehört, Dinge auszuprobieren und an bestimmte Heilverfahren zu glauben. Manchmal hat er mit seiner festen Überzeugung an die Wirkmächtigkeit seiner Verfahren genervt, aber er hat sich damit stets selbst gestärkt.

Mir fällt daher noch ein weiterer Witz ein. Er ist ebenfalls sehr kurz. Karl Valentin hat einmal gesagt: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Kurz war auch Johannes Leben, viel zu kurz. Aber in diesem kurzen Leben hat Johannes gezeigt, wie tief der kurze Witz von Karl Valentin ist. Johannes hat diesen Witz gelebt: „Ich habe Hoffnung, wenn ich im Sterben liege, denn wenn ich keine Hoffnung habe, sterbe ich trotzdem.“

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes hat gekämpft, bis zum Schluss. Als er aber ging, da ging er leise. Mit einem letzten ruhigen Ausatmen ist er gegangen, in Anwesenheit seiner Frau.

Talishja, Du hast mir gesagt, wie unglaublich Du diesen Mann geliebt hast und wie sehr er Dich geliebt hat. Die Trauer, die Du gerade spürst, der Schmerz muss unendlich sein, aber er ist ein Beweis für die Wahrhaftigkeit Eurer Liebe. Von Viktoria Burkert kommt der Satz: „Wer lacht, hat meistens Wunden und wer fühlt, was wirklich ist, fühlt sofort, dass es weh tut, denn was schön ist und weh tut, ist wahr.“

Trauer ist Freude über das, was einmal war. Eine der besten Definitionen von Witzen lautet. Witz ist Schmerz plus Zeit.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Johannes wollte nicht, dass wir Trübsal blasen. In den letzten Wochen seines Lebens hatte er darum gebeten, zu einem Weinabend zu laden, sobald er gestorben sei, um in Anwesenheit seines Leichnams das Leben zu feiern. Dieser Plan sollte aufgehen.

Als Johannes gestorben war, kamen ein paar seiner Freundinnen und Freunden zusammen und wir tranken in seiner Erinnerung ein paar Gläser Wein. Ich erfuhr in der Zeit viel über Johannes.

Von Adrienne erfuhr ich, dass Johannes manchmal aufbrausend sein konnte, aber auch kein Problem damit hatte, um Verzeihung zu bitten, wenn er einen Schritt zu weit gegangen war. Sie sagt über ihn: „Johannes war ehrlich und gerade heraus. Und wenn er von etwas überzeugt war, hat er dafür gekämpft. So auch in der langen Phase seiner Erkrankung.“

Patricia und Markus haben mir gesagt: „Johannes war ein sehr warmherziger Mensch, der die Kunst liebte. Wir sind sehr dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihm. Wir haben ihn immer im Herzen.“

Mechthild wiederum hat mir die Geschichte erzählt, wie sie im Januar über Nacht bei Talishja blieb, um sie zu unterstützen. In der Nacht ging sie zu Johannes, weil er wach wurde und etwas zu trinken wollte. Sie erzählte mir, dass sein Getränkewunsch sehr spezifisch war. Er sagte: „Ich möchte eine Pina Colada!“

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Als Johannes starb, war neben seiner Frau auch sein Logopäde Winfried Emmbach anwesend. Auch gegenüber ihm hat Johannes immer wieder seine Witze rausgehauen. Einmal, als der Logopäde mit ihm Übungen machen wollte, sagte Johannes: „Quäl mich nicht oder ich rufe Amnesty International an!“

In Namen von Talishja möchte ich Ihnen, Herr Emmbach, einen tiefen Dank aussprechen für alles, was Sie für Johannes getan haben. Ich möchte auch noch einen anderen Mann erwähnen. Er war Johannes Seelenverwandter: Peter! Es tut mir so unendlich leid, dass Du Deinen Freund viel zu früh verloren hast.

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

Es war Johannes’ Wunsch, dass ich einen besonderen Dank sage an Thomas Ochsé vom Hospiz Verein. Vielen Dank für die wichtige Arbeit, die Sie für Johannes und für die vielen anderen Menschen vollführen.

Diese Trauerfeier ist nicht so, wie sie geplant war. Eigentlich hätten hier deutlich mehr Menschen sein sollen. Hinterher hätten wir gut gegessen und wir hätten uns gepflegt an Johannes erinnert. Danke Jan Bons für Deine Organisation.

Der Coronavirus hat uns jedoch einen Strich durch diesen Plan gemacht. Von Bertolt Brecht kommt der Satz: „Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Gehn tun sie beide nicht.“

Jetzt sind wir hier, gerade mal acht Personen, alle mit zwei Meter Abstand voneinander, weil die aktuellen Notstandsverfügungen im Umfeld des Coronavirus‘ dies von uns verlangen. Acht Menschen waren auch auf der Arche Noah. Es ist die ganze Menschheit.

Wenn es einen Himmel geben sollte, dann sitzt Johannes da nun bestimmt mit Gott und sie lachen und lachen und lachen über uns. Wie bringt man Gott zum lachen? Mach einen Plan!

In Johannes Leben ist nicht alles so gelaufen wie geplant. Er musste viel basteln, oft friemeln und einiges reparieren. Manchmal war sein Leben ein heißer Ritt in einem getunten Auto auf einem abgeernteten Acker. Dass er solche Fahrten als Teenager unternommen hatte, erzählte mir sein Bruder Benedikt auf dem Leichenumtrunk.

Ich habe an diesem Abend viel über Johannes erfahren. Ich weiß jetzt, warum er unbedingt wollte, dass dieser Umtrunk stattfindet.

Johannes Leben war eine wunderbare Improvisation. Wenn auch nicht jeder Plan aufging, manch ein Plan ging auf. Heute zum Beispiel wird Johannes‘ Plan aufgehen, dass sein letztes Lied vor seiner Beisetzung „Fly“ von Celine Dion ist, so Gott will. Die kanadische Lady hat zwar noch nicht gesungen, aber hey, was soll schon schief gehen. 😉

Catherine de la Roche wird heute für Johannes singen und lesen, wie geplant und Johannes wird seine letzte Ruhe an einem Baum finden, wie geplant. Talishja hat sich bereits einen Platz an seiner Seite reserviert, ebenfalls wie geplant.

Alles andere aber, was hier heute passiert, war deutlich anders geplant. Vielleicht aber ist das die Erkenntnis aus dieser Veranstaltung. Dass es nicht darum geht, immer alles zu planen, sondern dass man manchmal die Dinge nur so nehmen kann, wie sie sich gerade offenbaren.

Daher werde ich Johannes heute einen ganz besonderen letzten Respekt erweisen und ihn so verabschieden, wie es sich für Johannes gehört, wenn ein Plan nicht ganz so aufgegangen ist, wie er sich das gedacht hat. In tiefstem Respekt vor Johannes und in Anerkennung seiner Lebensleistung verneige ich mich vor seiner Urne und erkläre:

„Alles Scheiße, Deine Elli!“

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Eine Antwort zu Alles Scheiße, Deine Elli!

  1. caruso schreibt:

    Ich bin so ungebildet, daß ich keine Ahnung habe, wer Johannes van Aaken war. Aber die Trauerrede finde ich wunderbar, sehr poetisch, rührend. Und es brachte mir den Menschen Johannes sehr nah. Danke dafür, lieber Gerd! Ein unverhofftes Geschenk.
    lg
    caruso
    die urzeitliche Hexe

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