Dann entfreunde ich Dich!

Gestern fragte mich eine Freundin, wie sie damit umgehen solle, dass eine Freundin von ihr auf Facebook geschrieben hatte, man solle sie doch bitte entfreunden, wenn man einer gewissen politischen Partei nahe steht.

Würde eine Freundin von mir sowas posten, ich würde ihrer Bitte sofort nachkommen und mich entfreunden. Dabei ist es irrelevant, ob ich dieser Partei tatsächlich nahe stehe. Ich möchte schlicht nicht mit einer Person befreundet sein, für die es akzeptabel ist, mich moralisch zu erpressen.

Ich habe Freundinnen und Freunde verschiedenster politischer Gesinnungen. Ich bin mit Menschen befreundet, die links und rechts wählen. Sowohl Wähler der Partei Die Linke als auch Wählerinnen der AfD zähle ich zu meinen Freundinnen und Freunden. Keine der beiden Parteien habe ich jemals gewählt. Ich habe Freunde, die nenne ich aus Liebe und Respekte Freund*innen, andere wiederum verfassen Texte gegen das sogenannte „Gendergaga“.

Ich liebe meine Freunde. Wenn sie Parteien wählen, die ich verabscheue, mache ich mir immer wieder klar, dass ich diese Parteien aufgrund meiner eigenen Perspektive und meiner persönlichen Gewichtung von Themen verabscheue.

Wenn eine Freundin, die ich sehr schätze, eine mir völlig fremde Partei wählt, mache ich mir immer klar, dass sie eine Person ist, die ich liebe und achte. Offenkundig scheint sie in der Partei etwas Gutes zu erkennen, das ich nicht erkennen kann, weil ich zu sehr gegen diese Partei eingenommen bin. Irgendetwas Gutes aber muss an dieser Partei sein, denn meine Freundin wählt sie und meine Freundin ist gut. Sie ist nicht dumm, ignorant, verblendet oder böse; sie ist gut.

Ich kann meine Freundin somit offen fragen, warum sie die Partei wählt und ihr dann zuhören, ohne sie belehren zu wollen oder ich rede einfach über andere Dinge mit ihr. Wir sind schließlich befreundet und werden gewiss noch eine Menge anderer Themen haben als Politik.

Freunde sind dazu da, um mit ihnen ein Teil des Lebens zu teilen und dabei vielleicht sogar etwas zu lernen. Sie sind nicht dazu da, dass ich sie mir gleich und unterwürfig mache. Es ist großartig, wenn Freunde eine andere Meinung haben. So kann mit ich in Zuneigung erkennen, dass der Gegner kein Feind sein muss, sondern Freund sein kann.

Jetzt höre ich manch einen sagen: „Und was ist mit der NPD?“ Darauf kann ich nur sagen: Ich habe keine Freunde, die die NPD wählen. Ich habe auch keine Freunde die Nazis sind, keine Freundinnen die Stalinistinnen und keine Freund*innen die schwulenhängende Islamisten sind. Meine Freundinnen und Freunde sind anständige Menschen.

Menschen, die ihre Freundschaften davon abhängig machen, wie man zu den Coronamaßnahmen steht oder zu der aktuellen deutschen, amerikanischen, russischen, israelischen oder türkischen Regierung, sind keine Freunde. Sie können keine Freunde sein, da sie ihre Ideologien über ihre menschlichen Zuneigungen stellen.

Politik ist nicht das Leben. Politik ist nur ein winzig kleiner Teil des Lebens.

Wenn Dich Freunde nur kontaktieren, um wieder etwas zu Deiner politischen Ansicht loszuwerden, wenn sie stets und ständig versuchen, Dich zu bekehren und zu belehren, wenn sie Dich schon lange nicht mehr gefragt haben, wie es Dir geht, aber dafür umso öfter, was Du denn zu dieser und dieser Verfehlung „Deiner Partei“ sagst und wenn diese „Freunde“ dann auch noch öffentlich verkünden, was sie von Menschen wie Dir halten, dann glaube ihnen!

Wenn sie Dich bitten, Dich zu entfreunden, tue ihnen diesen letzten Gefallen und zwar als echten Freundschaftsbeweis.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“ unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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5 Antworten zu Dann entfreunde ich Dich!

  1. Dante schreibt:

    Grundsätzlich muss Freundschaft Dissens vertragen können, aber diesem Statement …

    Menschen, die ihre Freundschaften davon abhängig machen, wie man zu den Coronamaßnahmen steht oder zu der aktuellen deutschen, amerikanischen, russischen, israelischen oder türkischen Regierung, sind keine Freunde.
    Sie können keine Freunde sein, da sie ihre Ideologien über ihre menschlichen Zuneigungen stellen

    … kann ich in dieser kategorischen Form nicht zustimmen.
    Es geht manchmal um viel zu viel.
    Gerade wenn es zum Beispiel um die türkische Regierung geht, und zwar nicht pauschal, sondern konkret darum, dass sie Menschen ohne Prozess monatelang inhaftieren lässt.
    Wenn jemand die Betroffenen pauschal als „Teröristen“ bezeichnet und es gut heißt, sie gefangen zu halten und zu misshandeln, was sagt das über diesen „Freund“ und seine Haltung zu anderen Menschen aus? Das ist Achtung oder Nichtachtung der Würde anderer Menschen und nicht Ideologie.
    Erst recht, wenn man selbst unter den Inhaftierten vielleicht einen Bekannten, Freund oder Verwandten hat.

  2. A.mOr schreibt:

    Zum letzten Absatz.
    So mancher fragt nicht wie’s geht, dann entfällt umgekehrt die Frage wie’s geht. Und so geht’s, irgendwie. Oder auch nicht?

    Verständlich:
    „Ich möchte schlicht nicht mit einer Person befreundet sein, für die es akzeptabel ist, mich moralisch zu erpressen.“

    Womit Du Dich politisch in diesem Land weit ins Abseits gestellt hast?
    Andererseits, wer hat behauptet, daß es Freundschaft in der Politik gäbe?
    Vorsichtshalber sei‘s erwähnt: alles hier ist auch mit Zwinkern zu lesen.

  3. heplev schreibt:

    Warum soll ich mich bei solchen Leuten entfreunden? Wenn denen an mir was nicht passt, sollen sie sich gefälligst selbst die Arbeit machen das zu tun.
    Eventuell helfe ich ein bisschen nach, indem ich meine Meinung mal deutlich äußere.

  4. caruso schreibt:

    Hast ganz recht, lieber Gerd! Wenn dich einer darum mag, weil du politisch so denkst wie er / sie,
    dann hat das nicht viel wert, denk ich. Wenn einer mich mag, dann soll er es weil ich bin wie ich bin, und nicht wegen meiner politischen Ansichten. So wichtig sie auch sind, sind sie doch nur ein sehr kleiner Teil der Lebens.
    lg
    caruso
    die urzeitliche Hexe

  5. Hoppie schreibt:

    Wenn man sich nur mit Menschen umgeben wollte die exakt dasselbe denken wie man selbst, wäre man der einsamste Mensch der Welt. Und das Leben mit Anderen zu teilen ist zu schön um sich absichtlich einsam zu machen.

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