Weltoffenheit und Vielfalt an der Kölner Universität

Heute ging ich an einer Baustelle auf dem Campus der Universität zu Köln vorbei und entdeckte dort ein Plakat aus dem Jahr 2019, auf dem dazu eingeladen wurde, hundert Jahre Neue Universität zu Köln zu feiern.

Auf dem Plakat steht: „Feiern Sie mit uns 100 Jahre Wissenstradition, Vielfalt, Weltoffenheit und Denkergeist der ganzen Stadt.“

Die Neue Universität zu Köln feierte im Jahr 2019 hundert Jahre Wissenstradition, Vielfalt, Weltoffenheit und Denkergeist von 1919 bis 2019. In diese Zeit fallen auch die Jahre des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. In dieser Zeit wurden sämtliche jüdischen Professoren, Studentinnen und Studenten von der Universität vertrieben. Stattdessen wurde die Verwirklichung des Führerprinzips als Lernziel der Universität ausgerufen. Sieht so Kölner Vielfalt und Weltoffenheit aus?

Vom Plakat verwirrt ging ich sofort nach Hause und informierte mich ein wenig über die Kölner Universität.

Im Jahr 1388 wurde in Köln unter dem Namen Universitas Studii Coloniensis erstmals eine Universität in der Stadt gegründet. Sie zählte lange Zeit zu den ältesten Universitäten in Europa. Im Jahr 1798 wurde sie allerdings geschlossen, als Köln von den Franzosen besetzt wurde.

Im Jahr 1919 gründete sich dann die Neue Universität zu Köln. Ein Hauptgrund für die Neugründung einer Universität in Köln bestand darin, dass nach dem Ersten Weltkrieg die deutsche Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg geschlossen wurde und daher stattdessen eine neue Universität in Köln gegründet wurde, um so die „deutsche Position am Rhein stärken“.

Bei der Ansprache im Gürzenich am 12. Juni 1919 aus Anlass der Eröffnungsfeierlichkeiten der Universität sprach der damalige Oberbürgermeister der Stadt Köln, Konrad Adenauer, exakt 205 Tage nach der Kapitulation Deutschlands:

„Große Vergangenheit verpflichtet! Sie verpflichtet zum Streben nach gleich großer Zu­kunft! – Zukunft! Wie ein schwarzer Schatten fällt das Wort auf unsere Festesfreude. Haben wir noch eine Zukunft? Dunkel liegt sie vor unseren Blicken, Dunkel ist die Zukunft dieser Stadt, dunkel die Zukunft dieses Volkes: Die deutsche Macht ist gebro­chen; der Feind steht im Lande; ein Frieden soll uns aufgezwungen werden, der uns versklavt; im Innern des Landes wandert der Geist der Zwietracht und des Aufruhrs, der Geist des Spartakus und Bolschewismus umher. Dunkel und schwarz liegt die Zukunft vor uns. Trotzdem – wir brauchen nicht zu verzagen – wir haben eine Zukunft, wir glauben an das deutsche Volk: es wird genesen von dieser Krankheit, es wird geläutert hervorgehen aus diesem Fegefeuer; voll Kraft und Gesundheit wird es seinen Platz unter den Völkern des Erdballes wieder einnehmen. An dem Werke der Genesung unseres Volkes mitzuarbeiten, das ist die nächste hohe Aufgabe der Universität Köln. Das Werk der inneren Läuterung soll sie fördern, in Gemeinschaft mit ihren Schwestern, durch Pflege der wahren Wissenschaft und Weisheit, der wahren Freiheit und Gesittung.“

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg mit der Kapitulation Deutschlands. In vielen Länder ist der 11. November daher ein Gedenktag. Sowohl in Frankreich als auch im Vereinigten Königreich, in den USA, in Kanada, Belgien, Australien, Neuseeland und vielen weiteren Ländern wird am 11. November an den Krieg und die Opfer gedacht. In einigen Ländern werden in Erinnerung an den Waffenstillstand zwei Schweigeminuten gehalten.

In Teilen Deutschlands jedoch und in Köln besonders ist der 11.11. Karneval. Daher hat sich der 11. November in Deutschland als Gedenktag nicht durchgesetzt. Am 11.11. wird in Köln gelacht, getanzt, gefeiert und gesoffen.

Mit dem Feiern kennt sich Köln aus, darum wurde im Jahr 2019 auch mit diesen Worten zum Jubiläum geladen: „Feiern Sie mit uns 100 Jahre Wissenstradition, Vielfalt, Weltoffenheit und Denkergeist der ganzen Stadt.“

Dass am 11. November der Gedenktag für die Opfern des Ersten Weltkriegs zugunsten des Kölner Karnevals ignoriert wird, hat sich ja mittlerweile als Tradition durchgesetzt, dass die Neue Universität zu Köln jedoch im Jahr 2019 eine Kontinuität behauptete und aus purer Feierlaune heraus erklärte, an der Kölner Universität habe im Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 Weltoffenheit und Vielfalt geherrscht, dass macht mich dann doch sprachlos.

Im Jahr 1919 war Konrad Adenauer nicht sprachlos. Er erklärte:

„Aber darüber hinaus fällt der Universität Köln noch eine besondere Aufgabe zu. Wie auch der Friedensvertrag aussehen mag, hier am Rhein, an der alten Völkerstraße, werden während der nächsten Jahrzehnte die deutsche Kultur und die Kulturen der westlichen Demokratien zusammenstoßen. Wenn ihre Versöhnung nicht gelingt, wenn die europäischen Völker nicht lernen, über der berechtigten Wahrung ihrer Eigenart das aller europäischen Kultur Gemeinsame zu erkennen und zu pflegen, wenn es nicht gelingt, durch kulturelle Annäherung die Völker wieder zu einigen, wenn auf diesem Wege nicht einem neuen Kriege unter den europäischen Völkern vorgebeugt wird, dann ist Europas Vormacht in der Welt dauernd verloren. Das hohe Werk dauernder Völkerver­söhnung und Völkergemeinschaft zum Heile Europas zu fördern, sei die besondere Aufgabe der Universität Köln, der Universität in der westlichsten deutschen Großstadt, die mitten in den Aufeinanderprall der verschiedenen Kulturen hineingestellt ist. Deutsches Wesen soll die Universität Köln den deutschen Stämmen am Rhein erhalten; wahre deutsche Art soll sie auch dem Ausland zeigen und vermitteln und von diesem, in beide Teile förderndem Austausch, das Gute seiner Kultur empfangen und dem deutschen Volke zuführen. Vor allem aber soll sie das Wesensverwandte aller europäischen Kultur zeigen; sie soll zeigen, dass zwischen allen europäischen Völkern schließlich doch viel mehr des Gemeinsamen als des Trennenden ist. Dem wirklichen Völkerbunde, dem Fortschritte der Völker zu einer höheren Stufe der Entwicklung zu dienen, sei ihr heiliger Beruf!“

Mit diesen Worten betonte Konrad Adenauer im Jahre 1919 das, was hundert Jahre später als Wissenstradition und Denkergeist gefeiert werden sollte. Allerdings scheiterte die Kölner Universität in den Jahren des Nationalsozialismus an genau dieser von Adenauer erklärten Aufgabe.

Es gab im Rahmen des Jubiläums zwar durchaus ein paar Programme, die sich mit der Geschichte der Universität in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzten, da aber am Ende für das Jubiläum ein Karnevalsmotto als publikumswirksamer Werbespruch gewählt wurde, bei dem getrommelt wurde, dass auch von 1933 bis 1945 an der Neuen Universität zu Köln Wissenstradition, Vielfalt, Weltoffenheit und Denkergeist herrschten, dürfen diese Programme als akademische Pflichtübung ohne tatsächliche Auswirkungen angesehen werden.

Von 1933 bis 1945 war weder das deutsche Wesen noch die Neue Universität zu Köln geprägt von Weltoffenheit und Vielfalt. So sehr ich die Lust auf ausgelassene Feierlichkeiten im Rahmen von runden Jubiläen verstehen kann, aber dieses Plakat ist blanker Geschichtsrevisionismus.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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10 Antworten zu Weltoffenheit und Vielfalt an der Kölner Universität

  1. Frantisek schreibt:

    Sie ignorieren ganz schön was nicht in Ihr Weltbild passt. Sollten Sie nicht ein paar deutliche Worte für solche Kommentare von sich geben?

  2. philantrop schreibt:

    Ich finde: Sie haben vollkommen recht! Trotzdem eine ernstgemeinte Frage: Wie hätten Sie das Plakat gestaltet? (Gänzliche Unterlassung ist natürlich auch eine Option.)

  3. caruso schreibt:

    Du sollst es verstehen, lieber Gerd! Vielen anständigen Deutschen ist das 3.Reich so peinlich, daß sie es am liebsten vergessen würden. Und den weniger Anständigen ist es peinlich, weil sie den „Endsieg“ und alle damit verbundene Pläne vermasselt haben. Wer die Mehrheit bildet, weiß ich nicht. Ich wüßte es wahrscheinlich auch nicht, wenn ich in D leben würde. Ich kann nur sagen, daß ich keine großen Hoffnungen auf eine Änderung der Deutschen habe. Vor allem, solange sie sich einreden, sie hätten die Vergangenheit verarbeitet. Eine Verarbeitung die nicht schmerzt, ist keine.
    Letztens hat Samuel Salzborn ein Büchlein darüber geschrieben. Lesenswert.
    lg
    caruso
    die urzeitliche Hexe

    • lusrumichaela schreibt:

      Ach Caruso, was bist du nur für ein Totalitarist und Sippenhaftfanatiker. Möchte wissen, was du sagst dazu, wenn jemand feststellt, dass aus deiner Familie in der Vergangenheit ein Verbrechen begangen wurde – gehst du dann mit dir und deiner Sippe auch so primitiv und naiv um, wie du uns das hier mit „den Deutschen“ (was sollte denn das genau sein?) weiss machen möchtest?
      Demokratie, Frieden und Völkerverständigung geht nicht mit Sippenhaft, erst recht nicht im Geiste oberflächlich mitgedachter verhaltener Blutrache – das sind Rudimente der Denkweise, die (auch und nicht nur) „den Deutschen“ mit Brachialgewalt vor über 70 Jahren „abgewöhnt“ wurde, wieso pflegst du das weiter, gefällt dir das so sehr?

      Gerd Buurmann hat hier, wie übrigens (fast) immer, eine derart ausgewogene Darstellung abgeliefert, mit Paukenschlag in Kritik und hoher Trefferquote in Diversität und Sensibilität für Vergangenheit UND Zukunft, hast du das nit bemerkt?
      Da schwapst du einfach drüber mit den ollen Kamellen „die Deutschen“ usw., obwohl längst niemand mehr so genau weiss, wer denn das heute ist, sein soll oder nicht – es wird so zum BlaBla.
      Buurmann hat recht, weenn er sezierend das herausstellt, und genau benennt, was schief liegt und das dabei eben nicht sippenhaftig pauschal auf alles bezieht, Das ist der Weg, wie Veränderung und Verständigung und damit Frieden für alle gesichert werden kann und zugleich die (gelegentlich gefährliche) Gedankenlosigkeit und auch lapidare Oberflächlichkeit in der Erzählung über Geschichte gebührend scharf zu beantworten.

      • tapferimnirgendwo schreibt:

        Liebe Lusrumichaela,

        Da ich Caruso seit einiger Zeit schriftlich kenne, kann ich versichern, dass Sie keine Fanatikerin ist. Ihre harsche Kritik entsteht viel mehr aus einem schweren Unbehagen in der deutschen Kultur als einer totalitären Gesinnung. Ich bin mir sicher, wenn ihr Euch treffen würdet, würdet Ihr deutlich mehr Gemeinsamkeiten finden als Unterschiede.

        • lusrumichaela schreibt:

          Nun Gerd, das mit dem „wenn ihr euch treffen würdet…“ mal schon beim Schreiben meiner Anwort inbegriffen mit vorausgesetzt, sicherlich wäre das so.
          Da wir uns nicht treffen (können), bleibt DIESE schriftliche Bekannschaft, die nur meine Antwort zulässt, und das im Besonderen angesichts deiner Behauptung “ über schweren Unbehagen in der deutschen Kultur als einer totalitären Gesinnung“ – habe ich das etwa tatsächlich als deine Sicht auf deutsche Kultur gelesen – das glaube ich nicht!

          Z.B. in deiner Kultur, eine deutsche übrigens, und in / bei vielen anderen kann das keinesfalls so pauschalisiert werden, du würdest dich und alle deiner schätzenswerten kulturellen Sichtweise anheischigen Deutschen glatt auf den Müllhaufen werfen, nur weil einigen minderheitlichen Krakeelern und unnötigerweise weil unbedarft störenden Mitbürgern künstlich durch mediale Verstärkung mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als gerechtfertigt bzw. als gesellschaftlich sinnvoll.
          Wer halt seine Kenntnisse und Eindrücke über die deutsche Kultur nur aus den ebenfalls stets laut rufenden (Geld- und Quotenverdienend) zentralen Labermedien der regelmässig sich selbst zensierenden und übertölpenden rein meinungsmachenden statt „bildenden“ Medien des entertainenden mainstreams bezieht, kann in der Tat zu solchen verwirrenden groben Vereinzelungen an Ansichten kommen. Bekanntlich hast du ja einen vollen Sack an diesbezüglichen Erfahrungen dazu, wenn ich allein an Dich und den WDR denke …
          Was nicht ausschliesst, dass, wir in der persönlichen Begegnung eine kulturell völlig und weit weltoffene deutsche Kulturlage, wie sie von der übergrossen Masse der hier ansässigen einwohnenden Bürgern täglich ohne Geschrei gelebt und geschätzt wird, ebenfalls direkt erleben und pflegen würden.
          Nicht das laute Geschrei der Berufsrufer ist das Mass der Dinge, sondern das stille und geordnete Leben, Denken und Verhalten der vielen zig Millionen friedlichen deutschen Bürgern, über die nur sehr ungern berichtet wird – von „unseren“ Medien, es fehlt denen an Sensation, was Quoten und Einnahmen „verspricht“.

          Und so ist es halt wichtig. dass leise aber scharfe weil scharfsinnige und differenzierte Texte wie deiner hier mal wieder zum Mass der Dinge werden, gemacht werden müssen, auch für Caruso, die ich grüsse und auf z.B. deine deutsche Kultur hinweisen darf…

        • Frantisek schreibt:

          Caruso hat in der Vergangenheit Deutschen abgesprochen eine Seele zu haben und sogar Menschen zu sein – tolerieren Sie das auch wenn jemand das über Juden sagt?

          • tapferimnirgendwo schreibt:

            Kommt drauf an, ob sie Deutsche sind 😉

          • lusrumichaela schreibt:

            Gerd Buurmann antwortete darauf:
            „Kommt drauf an, ob sie Deutsche sind „,
            fordert die Frage heraus, wen der Gerd da mit „sie“ wohl meint?
            Diese seine (!) Logik fortsetzend, hiesse das ja wohl „deutsche Juden entsprächen den Vorstellungen von Caruso über Deutsche …..“ (s.o.)
            War da was?

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